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Interview

"Zum allerersten Mal wurde ein Täter wegen LGBT-feindlicher Gewalt verurteilt"

Im Mai kam es in Benin zu Angriffen auf drei trans Frauen, danach zu einer Welle der Gewalt. Seit der Haupttäter verurteilt wurde, haben Aktivist*innen neue Hoffnung. Wir haben erneut mit ihnen gesprochen.


In Dangbo in Benin fand vor zwei Wochen eine Hirondelle-Veranstaltung zu jugendlichem Engagement für die Rechte von LGBTI statt (Bild: Hirondelle Benin)

Im Mai berichtete queer.de über einen Hinterhalt, bei dem drei transgeschlechtliche Frauen im westafrikanischen Benin angegriffen worden waren (queer.de berichtete). Nach der Tat veröffentlichten die Täter Videos von den Frauen, die sie dazu gezwungen hatten, sich zu entkleiden. Die Opfer flohen in der Folge aus dem Land. In sozialen Medien verbreitete Clips der Tat führten in Benin zu einer Gewaltwelle gegen LGBTI.

Auch eine Unterkunft der LGBTI-Menschenrechtsorganisation Hirondelle Benin, in der die drei Frauen zuvor gelebt hatten, wurde mehrfach angegriffen. Darüber hatten wir Ende Mai mit dem Hirondelle-Präsidenten Luc Agblakou gesprochen (queer.de berichtete). Bei einer Spendenkampagne für die Organisation, die auch die drei betroffenen Frauen unterstützt, kamen über 1.000 Euro zusammen. Charlotte Meyn hat vor Ort noch ein mal mit zwei Aktivisten von Hirondelle gesprochen. (jk)

Kannst du zusammenfassen, was seit der Veröffentlichung des letzten Artikels auf queer.de passiert ist?

Luc Agblakou: Seit der letzte Artikel veröffentlich wurde, sind wir international sehr viel sichtbarer und bekannter geworden. Die Tatsache, dass der Fall der drei Frauen auch in internationalen Medien, wie auch queer.de, behandelt wurde, hat sicherlich zum Urteil beigetragen.

Wie sieht dieses Urteil genauer aus? Wie ist es abgelaufen?


Charlotte Meyn (l.) mit Luc Agblakou (r.) bei der Übergabe von Spenden, die auch durch einen Hinweis auf queer.de eingesammelt werden konnten (Bild: privat)

Conaïde Akouedenoudje, Jurist von Hirondelle: Wir sind gleich am nächsten Tag nach dem Angriff zum zentralen Komissariat in Abomey-Calavi gegangen und haben Anzeige erstattet. Wir dachten, dass es in den kommenden Tagen die Staatsanwaltschaft kontaktieren würde, die daraufhin tätig werden würde. Aber im Gespräch mit der Polizei wurde klar, dass diese nicht wirklich interessiert daran war, uns zu helfen. Also haben wir direkt Kontakt mit dem Staatsanwalt von Cotonou aufgenommen und wurden dann sehr schnell darüber informiert, dass ermittelt wird, und dass das Sittendezernat beauftragt wurde, sich darum zu kümmern.

Das Sittendezernat hat dann im Zuge der Ermittlungen einen Mann festgenommen, der den Angriff organisiert hat. Beim ersten Gerichtstermin hat der Staatsanwalt sich entschieden, den Fall zu verfolgen. Es wurde uns aber mitgeteilt, dass die drei Opfer beim Verfahren anwesend sein sollen, um weiter vorgehen zu können. Diese waren zuvor aus Sicherheitsgründen ins Ausland geflohen. Sie wurden also nach Benin für den zweiten Termin zurückgeholt. Der Termin ist dann sehr gut verlaufen. Die Richter*innen, die an diesem Tag gearbeitet haben, waren sehr inklusiv und haben sich dafür eingesetzt, dass die Persönlichkeit sexueller Minderheiten respektiert wird. Denn Menschenrechte gelten für alle und sind universell.

Am Ende waren wir sehr glücklich, weil wir einen Sieg errungen haben. Der Täter wurde zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt, wovon sechs zur Bewährung ausgesetzt wurden. Außerdem musste er 50.000 Franc Schadensersatz zahlen [Anmerkung der Redaktion: Das entspricht etwa 75 Euro. Der offizielle Mindestlohn in Benin liegt bei ca. 60 Euro im Monat, das Einkommen vieler Menschen liegt aber noch darunter].

Wir hoffen sehr, dass dieses Urteil auch in der Rechtswissenschaft an den Universitäten behandelt werden wird, und dass es auch im Parlament diskutiert wird und vielleicht Anlass für neue Gesetze gibt. Denn wir brauchen in Benin Gesetze, die die Rechte von LGBT anerkennen.

Twitter / HirondelleBenin | Die Bilder stammen ebenfalls vom Jugend-Workshop von Hirondelle Benin in Dangbo
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Wie geht es den drei Opfern?

Agblakou: Sie sind wieder im Ausland. Aber sie fühlen sich dort fremd, wie entwurzelte Bäume. Wir hoffen, dass sich die Situation in Benin so weit verbessert, dass sie irgendwann wieder nach Benin zurück kommen und sich dort wohl fühlen können. Daran arbeiten wir. Wir möchten, dass sie selbst entscheiden können, ob sie in Benin wohnen oder lieber in ein anderes Land auswandern möchten. Sie sollen die freie Wahl haben und nicht ins Exil gezwungen werden.

Das letzte Mal sagtest du noch, sie seien personae non gratae im Land. Hat sich denn die Situation in einer so kurzen Zeit wirklich so enorm verbessert?

Agblakou: Bisher noch nicht. Aber unser Erfolg vor Gericht gibt uns Hoffnung für die Zukunft. Zum allerersten Mal wurde ein Täter vor einem beninischen Gericht wegen LGBT-feindlicher Gewalt verurteilt. Zum allerersten Mal äußert sich die beninische Justiz zum Thema sexuelle Minderheiten. Wir werden diese Entscheidung auch in unseren Aufklärungskampagnen in beninischen Sprachen für die Bevölkerung verwenden, Pressekonferenzen dazu abhalten. Ich hoffe, das trägt zum Abbau der Queerfeindlichkeit im Land bei.

Ich merke schon, dass sich etwas verändert hat, aber leider gibt es immer noch viele Vorurteile. Wir werden daran arbeiten, mit dem Gerichtsurteil in der Hand. Wir werden der Bevölkerung klarmachen: Wenn man eine Person wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angreift, kann man vom Gericht verurteilt werden. Davor dachten viele Leute, dass sexuelle und geschlechtliche Minderheiten keine Rechte haben. Das Urteil hat bei so einigen Beniner*innen Erstaunen ausgelöst.

Was gibt es Neues zu dem Sitz der Unterkunft?

Agblakou: Für die Unterkunft haben wir einen anderen Ort gefunden und dort Sicherheitsmaßnahmen getroffen, überall Videokameras zur Überwachung eingebaut. Das hält Angreifer*innen fern. Wir haben aber in den ehemaligen Räumen der Unterkunft unseren Hauptsitz, unsere Büroräume eingerichtet – als Zeichen des Widerstands. Der Vermieter weiß mittlerweile, dass wir ein Verein für LGBT sind. Aber er hat kein Problem damit. Er ist nicht homophob und unterstützt uns. Er ruft uns regelmäßig an und fragt, ob alles in Ordnung ist und ob es noch neue Angriffe gab.

Und gab es denn noch neue Angriffe?

Agblakou: Nein, bisher noch nicht. Aber wir sind immer auf der Hut. Wir kommen morgens immer zu zweit in den Hauptsitz, niemals alleine. Wenn wir abends nach Hause gehen, dann immer in der Gruppe, damit niemand von uns auf der Straße angegriffen wird. Das sind unsere Sicherheitsmaßnahmen.

Twitter / HirondelleBenin | Besuch eines Mitarbeiters der US-Botschaft im Clubhaus von Hirondelle Benin
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Wieso verwendet ihr den ehemaligen Sitz der Unterkunft jetzt als Büro? Wäre es nicht praktischer gewesen, komplett umzuziehen?

Agblakou: Weil wir Widerstand leisten wollen. Das Thema des letzten IDAHOBIT war ja auch Widerstand. Wenn wir jetzt umziehen und einen anderen Ort suchen, kann es gut sein, dass wir dort die selben Diskriminierungen erleiden. In unserem Viertel kennen uns mittlerweile alle. Wir wollen nicht fliehen, wir wollen nicht umziehen, wir wollen Widerstand leisten. Die Leute sollen sehen, dass unsere Arbeit Relevanz hat. Zu viele Menschen denken, dass wir wertlos sind, dass wir in diesem Land keine Rechte haben. Wir wollen zeigen, dass auch LGBT Rechte haben. Dass wir das Recht haben, Vereine zu gründen und Häuser anzumieten und zu arbeiten wie alle anderen auch.

Was hat sich in den Strukturen von Hirondelle verändert?

Agblakou: Wir haben mehr Leute, die mit uns zusammenarbeiten wollen, weil sie sehen, dass unsere Arbeit etwas bringt, dass wir vor Gericht gewonnen haben. Auch auf internationaler Ebene kooperieren wir mehr. Die LGBT in Togo zum Beispiel, sie wollen auch Gerechtigkeit. Als sie gesehen haben, was wir in Benin erreicht haben, und dass wir auch in den internationalen Medien sichtbar waren, haben sie uns kontaktiert. Wir arbeiten mittlerweile auch mit LGBT in Togo, in Burkina Faso, mit afrikanischstämmigen Kanadier*innen. Hirondelle-Mitglieder, die momentan in Frankreich sind, haben sich entschieden, dort einen Ableger von Hirondelle zu gründen, um uns zu unterstützen. Bisher haben sich leider keine deutschen Organisationen bei uns gemeldet, aber wir hätten weiterhin Lust auf eine Zusammenarbeit.

Was gibt es sonst noch Neues?

Agblakou: Wir haben unser Logo verändert. Im alten Logo war die Regenbogenflagge sehr prominent. Da wir jetzt auf internationaler Ebene arbeiten, auch in Ländern, die noch homophober als Benin sind, mussten wir die Regenbogenflagge etwas verstecken, aus strategischen Gründen, um dort agieren zu können. In Togo zum Beispiel ist Homosexualität strafbar.

Habt ihr Hirondelle Togo gegründet oder arbeitet ihr mit bereits bestehenden Strukturen dort zusammen?

Agblakou: Es gibt junge LGBT dort, die Hirondelle Togo gegründet haben. Zudem arbeiten wir auch mit bereits vorhandenen LGBT-Organisationen zusammen, teilen unsere Erfahrungen. Das Urteil hat uns in Benin ermutigt. Jetzt möchten wir auch Leute in anderen Ländern ermutigen und mit ihnen unsere Strategien teilen, mit denen wir unser Ziel erreicht haben. Für die LGBT in den Nachbarländern ist Benin ein Vorbild geworden, weil es hier juristische Fortschritte bezüglich der Rechte von LGBT gibt. Es gibt noch viel zu tun für uns. Aber dank unseres Kampfs haben wir schon viel erreicht – und jetzt helfen wir den LGBT in den Nachbarländern, dasselbe zu erreichen.

Charlotte Meyn lebt in Benin, hat zwischen queer.de und Hirondelle Benin vermittelt und die Spendenkampagne für den LGBTIQ-Verein organisiert. Das Interview fand in Cotonou statt.



#1 MagsAnonym
  • 01.09.2021, 15:45h
  • Man/Frau mag sich nicht vorstellen wie es ist als queere Person in einem dieser Länder leben zu müssen. Wir haben in Deutschland noch einen weiten Weg zu gehen bis zur vollständigen Gleichstellung aller Menschen, aber was in diesen Ländern wie Benin oder Togo noch zu gehen ist, ist unglaublich. Meinen tiefen Respekt für alle Menschen die sich dort engagieren. Auch Menschen wie der Vermieter, der in meinen Augen auch ein grossartiges Zeichen setzt.

    Wäre an der Zeit dass auch deutsche Verbände mit dortigen Aktivisten zusammenarbeiten. Wir haben doch massenhaft davon. Schwer zu glauben dass sich niemand findet.
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