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Bremen

Latzel-Prozess: Gericht bestellt "Homo-Heiler" als Gutachter

Für die Berufungsverhandlung gegen den wegen Volksverhetzung verurteilten evangelischen Pastor Olaf Latzel hat das Landgericht Bremen ein theologisches Gutachten bei einem Professor in Auftrag gegeben, der Homosexualität für veränderbar hält.


Olaf Latzel bei einer Predigt: Für den Pastor der Bremer St. Martinikirche ist Homosexualität eine der "Degenerationsformen der Gesellschaft"

Zu Update springen: Kirchenrechtler findet Gutachten "befremdlich"

Absurde Wende im Strafprozess gegen den evangelischen Pastor Olaf Latzel aus Bremen: Für die Berufungsverhandlung hat das Landgericht ein theologisches Gutachten in Auftrag gegeben, das klären soll, inwieweit die diffamierenden Äußerungen des in erster Instanz wegen Volksverhetzung verurteilten Pastors zu Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit biblisch gedeckt seien. Bestellt wurde mit Christoph Raedel ein Theologieprofessor, der Homosexualität für "unvereinbar mit der christlichen Lehre" hält und sich für Menschen einsetzt, "die eine Veränderung ihrer Orientierung ersehnen".

Raedel glaubt an "Veränderbarkeit sexueller Präferenzen"


Christoph Raedel (Bild: FTH)

Raedel ist Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT) und Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen. Seine queerfeindlichen Ansichten sind kein Geheimnis. In einem von der FTH auf der Homepage veröffentlichten Papier (PDF) begründet der Professor in sieben Punkten, warum die evangelische Kirche "praktizierte Homosexualität nicht gutheißen" dürfe. Es gehe u.a. um die "Integrität des Evangeliums in Lehre, Verkündigung und Leben" sowie die "Anerkennung der Autorität der Bibel".

In der Stellungnahme aus dem Jahr 2019 warnt Raedel seine Kirche auch davor, sich das "erst wenige Jahrzehnte alte Konzept der 'sexuellen Identität' unkritisch zu Eigen" zu machen. Der Theologe geht von einer "Veränderbarkeit sexueller Präferenzen" aus und fordert Unterstützung für Menschen, "die sich von Ihrer Kirche Weisung und Begleitung in einem Leben sexueller Enthaltsamkeit wünschen, die eine Veränderung ihrer Orientierung ersehnen".

Auch für das Anfang des Jahres erschienene Buch "Identität: Christ. Orientierung: schwul. Lebensstil: enthaltsam" von Wesley Hill fand der Theologieprofessor lobende Worte. Der Band sei ein "starkes Zeugnis für Gottes erneuernde Kraft im Leben von Christen, die nicht zulassen, dass ihre Sexualität definiert, wer sie sind", wird Raedel vom Verlag zitiert (Amazon-Affiliate-Link ).

Staatsanwaltschaft hatte keine Einwände gegen Raedel

Christoph Raedel wurde nach Angaben der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) von Olaf Latzels Verteidigung vorgeschlagen. Die Staatsanwaltschaft stimmte der Bestellung als Gutachter zu. Dem Theologieprofessor sei ein abgestimmter Fragenkatalog vorgelegt worden.

Bei der juristischen Beurteilung, ob Latzels Äußerungen den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllten, müsse das Grundrecht der Religionsfreiheit beachtet werden, erklärte ein Sprecher des Landgerichts gegenüber der evangelikalen Nachrichtenagentur IDEA. Deshalb spiele es für das Verfahren eine zentrale Rolle, ob die Aussagen "noch von der Bibel gedeckt sein können".

Das schriftliche Gutachten soll nach Angaben des Sprechers bis Ende Oktober vorliegen. Die Berufungsverhandlung gegen Olaf Latzel wird allerdings voraussichtlich erst Anfang kommenden Jahres beginnen, da die zuständige Kammer bis Dezember ausgebucht sei.

Latzel bezeichnete Homosexualität als "todeswürdig"

Latzel war letzten November vom Amtsgericht wegen Aufstachelung zum Hass gegen Homosexuelle zu einer Geldstrafe von 8.100 Euro (90 Tagessätze) verurteilt worden (queer.de berichtete). Anlass für den Prozess gegen den Pastor der St.-Martini-Gemeinde waren auf Youtube veröffentlichte Äußerungen Latzels in einem "Eheseminar". Darin bezeichnete er gelebte Homosexualität pauschal als "Degenerationsform von Gesellschaft" und als "todeswürdig". Die LGBTI-Community beschimpfte er als "Gender-Dreck". Außerdem warf er CSD-Besucher*innen vor, "Verbrecher" zu sein (queer.de berichtete).

Nachdem Latzels Gemeinde mehrfach mit dem Austritt aus der Bremischen Evangelischen Kirche gedroht hatte, erlaubte diese ihm trotz der Verurteilung seit April, bis zum Abschluss des Strafverfahrens erneut zu predigen (queer.de berichtete). Er sollte sich nur für eine LGBTI-feindlichen Äußerungen entschuldigen.

Die angebliche Entschuldigung fiel allerdings windelweich aus – und erweckte gar den Eindruck, viele Schwule und Lesben seien "militante Aggressoren". Konkret sagte Latzel Ende April nach einem Gottesdienst: "In dem Eheseminar sprach ich an einer Stelle von Verbrechern. Dieses bezog sich nicht auf homosexuell lebende Menschen, sondern auf militante Aggressoren, die uns als Gemeinde in den letzten Jahren immer wieder angegriffen und gotteslästerlich diffamiert haben", so Latzel. "Wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich generell alle Homosexuellen für Verbrecher hielte, will ich mich dafür entschuldigen." Der Evangelischen Kirche in Bremen reichte diese "Entschuldigung" aus.

Latzel ist Chef einer von 61 Kirchengemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche. Er war bereits wiederholt wegen Ausbrüchen gegen queere Menschen oder Angehörige anderer Religionen aufgefallen. Die "Frankfurter Rundschau" bezeichnete ihn deshalb bereits vor seinen Äußerungen im Ehe-Seminar als "Hetzprediger von der Weser".

 Update  11.25 Uhr: Kirchenrechtler findet Gutachten "befremdlich"

Der Kirchenrechtler Hans Michael Heinig hat die Beauftragung eines theologischen Gutachtens durch das Landgericht Bremen als "befremdlich" kritisiert. In einem säkularen Rechtsstaat könne es für die Frage, ob der Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt sei, auf die theologische Bewertung von Homosexualität nicht ankommen, sagte der Professor für Öffentliches und Staatskirchenrecht in Göttingen dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Was die Bibel ,wirklich' sagt, ist im säkularen Rechtsstaat nun wirklich keine sinnvolle Frage für ein Gerichtsgutachten."

Religiöse Motive und Volksverhetzung schlössen sich nicht aus, so Heinig. Zwar könne jede Person praktizierte Homosexualität für Sünde halten. "Man darf dieser Überzeugung nur nicht in einer Weise ausdrücken, dass strafrechtliche Grenzen überschritten werden."

Die Auswahl des Gutachters Christoph Raedel nannte der Kirchenrechtler "bemerkenswert". Heinig wies darauf hin, dass Raedels Hochschule eine evangelikale Prägung habe. "Dass es da im evangelikalen Bereich Kontroversen gibt, lässt sich auch ohne Gutachten durch eine kurze Internetrecherche feststellen."

Kritik vom Bund der Konfessionslosen und Atheisten

Kritik kam auch vom Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten. "Allein die Vorstellung, aus einem 1.800 Jahre alten Buch, der Bibel, Ableitungen für das heutige Rechtsverständnis herzuleiten ist schon absurd", erklärte der Bremer Landesverband in einer Pressemitteilung. "Dann noch einen 'Gesinnungsgenossen' des evangelikalen Predigers Latzel mit einem Gutachten zu beauftragen, zeugt von einem ziemlich ahnungslosen Herangehen der Richter*innen am Landgericht und ist ein gezielter Versuch, Olaf Latzel durch eine evangelikale Bibelauslegung zum Freispruch zu verhelfen. Mit der Bibel, 5. Buch, Mose 7, Tötung der Kanaaniter, ließe sich auch ein Völkermord an Ungläubigen rechtfertigen."

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#1 tobiasProfil
  • 01.09.2021, 07:21hbremerhaven
  • ...warum wundert mich das nicht? das ist so typisch für das ach so soziale land bremen.
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#2 NahaemahAnonym
  • 01.09.2021, 07:39h
  • Ich könnte kotzen.

    Der Wunsch nach diesem Gutachten beinhaltet die Ansicht, wenn es in der Bibel steht sei es von der Religionsfreiheit gedeckt. Demnach würde nur für Christen (oder Religiöse mit heiligen Büchern) die Religionsfreiheit gelten, und nicht für Nicht-Religiöse. Aber auch wir hab die Freiheit frei von deren Religion zu leben und der von dieser Religion ausgehenden Diskriminierung. Das haben queere Menschen und auch ich als atheistischer Humanist. Und in beiden Fällen funktioniert es noch immer nicht. Selbst in Deutschland.

    Man kann nur hoffen, dass das Gericht das noch erkennt. Das wäre ein kleiner (später und für heutige Zeiten erbärmlicher) Fortschritt.
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#3 zundermxeAnonym
  • 01.09.2021, 07:43h
  • Fast schon überflüssig diesen sehr bösartigen Witz von Verfahren zu kommentieren, wenn ein Hetzer als Gutachter vom Gericht bestellt wird.
    Jede Objektiv scheint verloren, wenn Gerichte davon ausgehen, dass wer aufgrund seines Glaubens hetzen und diffamieren darf.
    Wir leben scheinbar in einem Kirchenstaat, in dem alle sich damit abfinden sollen, dass Religiöse im Zweifel Sonderrechte genießen und somit vor dem Gesetz eben nicht gleich sind. Milde im Strafmaß oder Freispruch sind die Folge.

    Dies ist dann auch der Grund, warum die spd für mich als Queer in 2021 nicht wählbar ist.
    Analog zur Logik dieses Prozesses ist die spd mit Thierses Tiraden umgegangen und hat letztlich seine Queer-feindlichen Thesen übernommen. Diese spd kann maximal abnicken. Doch aus sich selbst heraus keine fortschrittliche Politik gestalten.
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#4 DegenerateThingProfil
  • 01.09.2021, 08:02hDachau
  • Entschuldigen Sie Herr Latzel, ich habe da etwas noch nicht ganz verstanden: Sind die wichtigsten Gebote nicht "Liebe deinen nächsten wie dich selbst", "Liebe deine Feinde" und "wenn dir jemand ins Gesicht schlägt, halte die andere Wange hin"?
    Nein?
    Man soll alle hassen, die nicht Ihren persönlichen Vorstellungen entsprechen und sie mit psychischer (eventuell auch physischer) Gewalt zwingen sich Ihren persönlichen Wünschen anzupassen?
    Klar, hätte Jesus bestimmt auch so gewollt...

    TW: Sarkasmus
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#5 DegenerateThingProfil
  • 01.09.2021, 08:08hDachau
  • Antwort auf #3 von zundermxe
  • Gericht:
    Traurige Welt...
    Du hast alles wunderbar gesagt, hab nichts mehr hinzuzufügen.

    SPD:
    Stimme voll zu! Das ist eine einzige Heuchlerbande. Erst mit dem angeblich queersten Wahlprogramm angeben und sich in größter Fake-Wokeness sulen, aber im selben Atemzug gegen ein Selbstbestimmungsgesetz stimmen.
    SPD, wen wollt ihr hier verarschen?
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#6 DQ24Anonym
  • 01.09.2021, 08:45h
  • Mit so einem "Gutachter" (Richter folgen gewöhnlich Gutachtern), ist der Ausgang des Prozesses vorhersehbar!
    Wie kommen die bloß auf so eine hirnverbrannte Idee, so einen "Gutachter" zu bestellen?
    Es gibt genug Theologen und Bibelwissenschaftler, die weitaus besser dafür geeignet wären, als dieser Hansel!
    Warum nicht den leitenden evangelischen Theologen aus Bremen, Bernd Kuschnerus? Der hat in einem Artikel deutlich gemacht, was er von Latzel und seinen "biblischen" Aussagen hält:

    www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/leitender-theologe-kritis
    iert-latzel-13748114.html


    Ich zitiere aus dem Artikel:

    Eine solche Vorgehensweise sei aber gerade nicht bibeltreu, kritisierte Kuschnerus: Man kann die Bibel nicht so benutzen, und ich sage ausdrücklich benutzen, dass man sich bestimmte Stellen herauszwackt und sie gegen Menschen in Anschlag bringt. Latzel lege willkürlich Vorurteile in die Bibel und gebe das dann als Wort Gottes aus.

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
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#7 mind_the_gapEhemaliges Profil
  • 01.09.2021, 09:10h
  • Antwort auf #6 von DQ24
  • "Es gibt genug Theologen und Bibelwissenschaftler, die weitaus besser dafür geeignet wären"

    Das sehe ich anders. Ein "theologisches Gutachten" ist kein echtes Gutachten, da Theologie keine echte Wissenschaft ist. Da könnte man genauso gut alchemistische, astrologische oder schamanische Gutachten anfordern.

    Aber wen wundert's in einem "christlich" regierten Land? Da hat das "christliche Menschenbild" immer Vorrang. Ich bin jedoch der Ansicht, ein echter Rechtsstaat hat sich an Recht und Gesetz zu halten, die ebenso religionsneutral zu sein haben wie die Justiz. Religionsfreiheit darf nicht über universellen Menschenrechten stehen. Niemals.
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#8 DankeAnonym
#9 DQ24Anonym
#10 SakanaAnonym
  • 01.09.2021, 10:14h
  • Interpretiere ich das richtig, dass die SPD zusammen mit den GRÜNEN und den LINKEN in der Bremer Regierungskoalition aktiv in ein laufendes Gerichtsverfahren eingreifen soll und die Staatsanwaltschaft bei der Auswahl der Gutachter:innen beeinflussen soll? Das wäre juristisch schon ein sehr starkes Stück und würde die Rechtsstaatlichkeit Bremens ziemlich auf den Kopf stellen.

    Mal abgesehen davon verstehe ich nicht, warum die Staatsanwaltschaft diesen Gutachter mit diesen homofeindlichen Positionen überhaupt will. Dessen Positionen sind schon a priori bekannt und deshalb das Gutachten wohl kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben wird. Das verzerrt wieder den kompletten Prozess.
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