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queerfilmnacht

Aufflammende lesbische Gefühle an der kühlen Südküste Englands

"Ammonite" von Francis Lee ist mit Kate Winslet als schroffe Fossiliensammlerin und Saoirse Ronan als kränkelnde Geologen-Gattin hochkarätig und hervorragend besetzt. Jetzt gibt es bundesweit Previews!


Eine lesbische Liebe im 19. Jahrhundert: Charlotte (Saoirse Ronan, l.) und Mary (Kate Winslet) entdecken ihre Gefühle füreinander (Bild: Tobis)

Wer ist rauer: Die hart arbeitende, aber nie wissenschaftlich anerkannte Fossiliensammlerin Mary Anning oder die Südwestküste Englands, quasi dauerhaft im Nebel versunken, an der Mary nach den Versteinerungen sucht? Zumindest am Anfang von "Ammonite" lässt sich das noch nicht klar sagen. Mary sammelt Ammoniten, muss dafür oft früh an die kalte See, um von der Ebbe zu profitieren. Sie hat ein Gespür für die oft schlammigen Steine, reinigt und bestimmt sie sorgfältig. Sie verkauft sie an Tourist*innen, ernährt so ihre kranke Mutter. Von den zehn Kindern überlebten nur acht das Kindesalter.

Eines Tages kommt der Geologe Roderick Murchison in ihren kleinen Laden. Er habe überall von ihr gehört, ihre Fähigkeiten gelten in Fachkreisen als legendär. Ins British Museum hat es Marys Name dennoch nicht geschafft – dort steht als Finder des Ichthyosaurus ein Mann. Im viktorianischen Zeitalter zählt das Geschlecht eben mehr als die Qualifikation. Als selbstständige Frau ist Mary ohnehin eine Ausnahme. Murchison also möchte von Mary lernen, ihr über die Schulter schauen. Die lässt sich nur darauf ein, weil der Schotte ihr gutes Geld dafür verspricht.

So wie Charlotte stöhnt, war das ihr erster richtiger Sex


Poster zum Film: "Ammonite" startet am 5. November 2021 im Kino. Im September sind Previews in der queerfilmnacht zu sehen

Seine Frau Charlotte fällt ihr zunächst gar nicht erst auf. "Nicht rumfingern!", giftet Mary sie an, als die im Laden stöbert. Als der Geologe weiter muss, möchte er Mary gerne seine kreidebleiche Frau überlassen. Die sei so melancholisch, ein bisschen Gesellschaft und Seeluft würden ihr guttun. Widerwillig stimmt sie zu, ihre Motivation einmal mehr das Geld, das er bietet.

Dann entwickelt sich, was sich entwickeln muss: Die zwei Frauen fremdeln anfangs noch miteinander. Sie haben ja auch nichts gemein: Charlotte die junge Frau, wohl situiert verheiratet, die in ihrer Freizeit stickt und nicht weiß, wie man Karotten schält. Mary die einsame Singlefrau, die für ihre Ammoniten lebt.

Doch ihre Beziehung taut auf, sie entwickelt sich langsam, aber stetig. So gut bekommt Charlotte das raue Klima doch nicht, sie erkrankt, Mary kümmert sich immer zärtlicher und liebevoller um sie. Es dauert lange, bis Mary zum ersten Mal lacht, es gelingt ihr erst mit ihrer jungen Freundin. Sie kommen sich näher, küssen sich, haben Sex – Charlottes fast überraschtem Stöhnen zufolge wohl ihren ersten richtigen.

Zu viel wird ausgesprochen

"Ammonite" ist mit Kate Winslet als Mary und Saoirse Ronan als Charlotte nicht nur hochkarätig, sondern hervorragend besetzt. Parallelen zum "Vorleser" drängen sich auf, wie der junge Michael Berg schleppt auch Charlotte Kohle in die Wohnung, Winslet als Hanna/Mary die trotz aller Leidenschaft unerreichbare Liebhaberin.

Mary ist wie die ganze Szenerie unterkühlt, düster und schroff. Echte, leuchtende Farben tauchen erst reichlich spät und punktuell auf – genau wie die Musik von Dustin O'Halloran und Volker Bertelmann nur vereinzelt Akzente setzt. Es ist das 19. Jahrhundert. Dass Frauen eine eigene Sexualität haben, ist noch nicht überall angekommen, und dass sie sie miteinander leben können, erst recht nicht.

Nach dem gefeierten "God's Own Country" bleibt sich Regisseur Francis Lee auch bei "Ammonite" der Einsamkeit, der Weite und der Stille treu. Dem Historiendrama hätte an einigen Stellen durchaus mehr Dialog gutgetan, an anderen dafür weniger: Zu viel wird direkt ausgesprochen, jede Andeutung kurze Zeit später in Worte gefasst, von jeder Ambiguität befreit.

Und so berührend die Emotionen zwischen Mary und Charlotte und bemerkenswert die Veränderungen, die sie auslösen, auch sind: "Ammonite" ist ein eher konventioneller Film, in der Stringenz der Erzählung unoriginell und bekannten Mustern folgend. Mit ein paar mehr Ecken und Kanten, einer überraschenden oder mehrdeutigen Nebenhandlung, wäre da noch mehr drin gewesen. Das Drama ist sehenswert, keine Frage, aber kein Meisterwerk.

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Infos zum Film

Ammonite. Historiendrama. Großbritannien 2020. Regie: Francis Lee. Darsteller*innen: Kate Winslet, Saoirse Ronan, Gemma Jones, James McArdle. Laufzeit: 118 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Tobis. Kinostart: 4. November 2021. Im September 2021 bereits in der queerfilmnacht.
Galerie:
Ammonite
20 Bilder