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Interview

"Immer mehr Menschen realisieren, dass es Genderfluidität gibt"

Wir sprachen mit dem französischen Model Alexandre Wetter über seine Hauptrolle im Film "Miss Beautiful", den Verzicht auf Labels und wieviel Geduld man mit darüber verwirrten Menschen haben muss.


Alexandre Wetter in "Miss Beautiful" (Bild: SquareOne Entertainment)
  • Von Patrick Heidmann
    4. September 2021, 06:03h, noch kein Kommentar

Nicht nur das englischsprachige, auch das französische Kino tut sich mit queeren Geschichten leichter als das deutsche. Auch im Mainstream gibt's dort Platz für LGBTI – und das nicht nur dank François Ozon. In der Tragikomödie "Miss Beautiful" (bei uns gerade als DVD, Blu-ray und Video on Demand erschienen) etwa erzählt der Regisseur Ruben Alves von einem jungen Mann, der davon träumt, zur Miss France gewählt zu werden (Filmkritik von Fabian Schäfer).

Für die Hauptrolle stieß Alves im Internet auf eine tolle Neuentdeckung: den genderfluiden Schauspieler Alexandre Wetter, der für seine Rolle für den französischen Filmpreis César nominiert wurde und seither auch bereits in einer Folge der Serie "Emily in Paris" zu sehen war. Wir sprachen mit dem 25-Jährigen über seine ersten Schauspielerfahrungen, seinen Verzicht auf Labels und die Reaktionen anderer Menschen.


"Miss Beautiful" ist Ende August 202 in deutscher Sychronfassung als DVD, Blu-ray und Video on Demand erschienen

Alexandre, der Regisseur Ruben Alves hat Sie auf Instagram entdeckt. Aber seine Anfragen in Ihren DMs haben Sie erst einmal gepflegt ignoriert, richtig?

Das stimmt, er schrieb mir auf allen Kanälen, auch auf Twitter und Facebook. Anfangs habe ich das einfach nicht beachtet, aber weil er so hartnäckig war, habe ich doch irgendwann mal nachgeguckt, wer dieser Typ eigentlich ist. Und als mir dann klar wurde, dass er nicht nur ein schräger Vogel, sondern wirklich ein Filmemacher ist, habe ich natürlich doch mal geantwortet und ein Treffen mit ihm vereinbart. Dass ich seinen ersten Film "Portugal, mon amour" nicht kannte, war eigentlich mein Glück, denn anderenfalls wäre ich wahrscheinlich super nervös gewesen. Aber so war ich ziemlich entspannt – und die Chemie stimmte sofort zwischen uns.

Sie hatten zuvor zwar als Model, aber nie als Schauspieler gearbeitet. Musste er Ihr Interesse dafür erst wecken?

Lust darauf hatte ich auch vorher schon. Der erste große Traum in meinem Leben war immer, einmal für Jean-Paul Gaultier zu arbeiten – und den hatte ich mir tatsächlich erfüllen können. Und zwar als Frau, in High Heels und Korsett. Danach wollte ich mir wieder ein vermeintlich unerreichbares Ziel als Herausforderung setzen, so dass in mir der Wunsch entstand, mal in einem Kinofilm mitzuspielen.

Und war die Umsetzung dieses Traums dann so, wie Sie es sich vorstellt hatten?

Noch viel besser. In meiner Vorstellung war die Arbeit als Schauspieler ein bisschen oberflächlicher und definitiv weniger anstrengend. Aber eben auch nicht annähernd so bereichernd, wie ich es dann erlebt habe.

In "Miss Beautiful" geht es nun darum, herauszufinden, wer man ist, und dafür zu kämpfen. Wie sah dieser Weg für Sie selbst aus?

Meine persönlichen Erfahrungen sind denen der Figur im Film nicht unähnlich, wenn auch zu anderen Bedingungen. Genau wie er habe ich nie aufgegeben, meine Träume erfüllen zu wollen und Mut an den Tag zu legen. Selbst wenn es immer wieder Situationen gab, wo es aussah, als könnte der Preis, den ich dafür zahlen muss, zu hoch sein. Ich hatte aber immer auch das Glück, irgendwie in mir zu ruhen und nie den Kontakt zu mir selbst verloren zu haben. Das hilft natürlich.

Der Film verzichtet auf Labels, der Protagonist ist weder trans noch eine Dragqueen. Ist unsere Gesellschaft Ihrer persönlichen Erfahrung nach dafür heute offener? Oder werden auch Sie immer noch ständig gefragt, was Sie eigentlich sind?

Klar finden es viele Leute, die mit diesen Themen und Lebensrealitäten keinerlei Berührungspunkte haben, oft noch verwirrend, wenn sie etwas nicht in klar verständliche Schubladen stecken können. Deswegen erlebe ich natürlich immer wieder auch Fragen und manchmal Unverständnis. Aber mindestens genauso oft begegnen mir Wohlwollen und Akzeptanz.

Wir sind definitiv mittendrin in einer Zeit der Veränderung, und immer mehr Menschen realisieren, dass es Genderfluidität gibt und nicht mehr ausschließlich klare Angrenzungen und Kategorien. Man muss aber auch Verständnis dafür haben, dass ein so großer gesellschaftskultureller Wandel Zeit braucht. Und gemessen daran hat sich ja in den letzten 30 Jahren wirklich wahnsinnig viel getan.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zu "Miss Beautiful"
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Infos zum Film

Miss Beautiful. Dramödie. Frankreich 2020. Regie: Ruben Alves. Darsteller*innen: Alexandre Wetter, Pascale Arbillot, Isabelle Nanty, Thibault de Montalembert, Stefi Celma. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, französische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. SquareOne Entertainment. Seit 27. August 2021 auf DVD und Blu-ray sowie als Video on Demand