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Interview

"Nackt-Shootings sind Vertrauenssache"

Im Bildband "Nudes" zeigt Richard Kranzin schöne junge Männer in ihrer reduziertesten Form. Wir sprachen mit dem Fotografen über Ideale und Illusionen, die Pornografisierung von Nacktheit und die Kritik, dass seine Körperbilder stereotyp seien.


Model aus "Nudes": schwarz-weiß, ohne aufwändige Settings, nackt (Bild: Richard Kranzin / Salzgeber Buchverlage)

Die Bilder in deinem Fotobuch "Nudes" sollen die Models von ihrer kommerzialisierten Selbstdarstellung in den sozialen Medien entkoppeln. Wie kamst du zu diesem Ansatz?

Mich nervt einfach ein bisschen, dass inzwischen das gesamte Leben fotografiert, festgehalten, gepostet und geteilt wird, und dass dabei immer alles möglichst schrill, aufregend und bunt aussehen muss. Die Bilder, die Leute von sich in den sozialen Netzwerken posten, sind ja meist sehr absichtsvoll. Da präsentieren sie sich von ihrer starken Seite. Verletzlichkeit sieht man selten. Nacktheit wird durch die Plattformen oder die Leute selbst sowieso zensiert. Meine Bilder sollen ein Gegengewicht sein. Für "Nudes" wollte ich Bilder machen, die die Leute, die ich fotografiere, einerseits nicht selbst posten würden, die sie andererseits wegen der Nacktheit auch gar nicht posten dürften. Ich finde das einen interessanten Kontrapunkt zur sonstigen Wahrnehmung der Selbstdarsteller-Generation der Anfang-20-Jährigen.

Obwohl es an Nacktbildern im Internet ja sonst nicht gerade mangelt, oder?

Stimmt, aber da geht es meist um Kommerz. Deshalb ist bei vielen Leuten inzwischen das erste, was sie mit Nacktfotos verbinden, Pornografie. Da bedeutet Nacktheit immer gleich was Sexuelles, was ja gar nicht sein muss und der langen Geschichte der Aktfotografie nicht gerecht wird. Ich habe für "Nudes" bewusst keine Leute fotografiert, die ihre Körper ohnehin bei Onlyfans oder in Pornos verkaufen. Ich hatte zwar auch Shootings mit solchen Leuten, aber das passte nicht zu dem Projekt, weil diese Models auf eine Weise mit ihrer Sexualität und ihrem Körper umgingen, der die Verletzlichkeit fehlte, die mir bei "Nudes" wichtig war. Wenn jemand erst anfängt sich stark zu fühlen, sobald er nackt ist, strahlt er auch keine Verletzlichkeit mehr aus.


Richard Kranzin im Selbstporträt (Bild: Richard Kranzin / Salzgeber Buchverlage)

Das heißt, die Männer in "Nudes" sind es nicht gewohnt, nackt zu posieren?

Genau, es sind zwar auch Profi-Models dabei, aber sie kommen aus dem Fashion-Bereich. Die Nacktheit war auf beiden Seiten immer eine Vertrauens- und Verhandlungssache. Anfangs hab ich nur rumprobiert, mit Bekannten und Freunden, die meinen Ansatz verstanden und dafür offen waren. Nachdem dabei schöne Bilder herauskamen, hab ich mich nach und nach getraut, auch Leute bei Instagram anzuschreiben, die ich interessant fand. Die Männer, die jetzt im Buch sind, sind eine Mischung aus beiden Bereichen. Für mich war es oft eine Überwindung, zu fragen, ob die Leute bereit waren, sich nackt fotografieren zu lassen, während die Models teilweise erst die fertigen Fotos sehen wollten, um der Veröffentlichung zuzustimmen. Wir mussten eine Vertrauensbasis aufbauen. Ein Teil davon war auch die Vereinbarung, dass ich keine frontalen Aktbilder im Internet hochlade, sondern die unzensierten Ansichten nur fürs Buch und für Artworks verwende. Das ist ein weiterer Kontrapunkt zur Social-Media-Welt, in der Bildmaterial großenteils nur produziert wird, um Internet-Reichweite zu erzeugen.

Du hast früher selbst als Model gearbeitet. Hilft diese Erfahrung, um Vertrauen aufzubauen?

Ich glaube schon, dass es bei der Kommunikation hilft, dass ich selber zwei Jahre gemodelt habe. Es gibt den Leuten das Gefühl, dass ich ihre Position verstehe und weiß, was ich tue. Ich selbst hab allerdings nie Nackt-Shootings gemacht. Da ich nie einen besonders durchtrainierten Körper hatte, hatte ich für sowas zu viele Body-Issues.


Der Fotoband "Nudes" ist im Juli 2021 bei Salzgeber erschienen

Apropos Body-Issues: Es gab auch bei queer.de Kommentare zu "Nudes", die kritisierten, dass dein Kontrapunkt zu den Social-Media-Bilderwelten nicht weit genug ginge, und die Körperbilder in "Nudes" zu stereotyp seien. Was entgegnest du dieser Kritik?

Ich kann das auf einer Seite nachvollziehen, muss aber auch sagen, dass mein Fokus nicht auf dem Diversitätsaspekt lag. Es ging mir nicht darum, normale Männer von nebenan abzubilden, sondern bewusst darum, Leute aus der Generation der Anfang-20-Jährigen, die es gewohnt sind, sich in den sozialen Medien selbst zu präsentieren, von ihrer digitalen Identität abzulösen und in einer Weise zu zeigen, die einem klassischen Schönheitskanon entspricht, der sich mehr oder weniger seit der Antike gehalten hat. Wenn man so will, sind meine Bilder eine menschliche Entsprechung der idealisierten Statuen, die man im Museum sieht, oder eine Neuinterpretation klassischer männlicher Schönheitsideale, wie sie unter anderem Herbert List betrieben hat. Ich bin kein Dokumentarfotograf, dagegen sträube ich mich sogar ein bisschen. Es geht mir schon auch darum, eine Illusion zu schaffen.

Fotografierst du deshalb analog?

Die Imperfektion, die das analoge Bild mit sich bringt, ist auf jeden Fall ein weiteres Gegengewicht zur Glätte der digitalen Bilderwelten von heute. Im "Nudes"-Buch gehen zum Beispiel manchmal so komische Lichtstreifen quer durchs Bild, die nicht geplant waren. Das sind Bildfehler, die im Digitalen gar nicht entstanden wären, manchmal aber durch Instagram-Filter absichtlich herbeigeführt werden. Ich bin 1990 geboren und noch mit Pocketkameras und Filmen, die man erst entwickeln musste, aufgewachsen. So hat das mit dem Fotografieren bei mir sozusagen angefangen. Die Leute, die ich für "Nudes" fotografiert habe, waren teilweise zehn Jahre jünger als ich. Manchen musste ich tatsächlich erst erklären, wie analoge Fotografie funktioniert – dass man das Ergebnis nicht sofort sehen kann und man erst im Labor weiß, ob das Foto überhaupt was geworden ist.

Das Vorgängerprojekt zu "Nudes" war "Boys in Nature", wo du nackte junge Männer in der freien Natur fotografiert hast. Bleibst du der Aktfotografie auch in Zukunft treu?

Ja, meinen Stil und die Art von Jungs, die ich fotografiere, hab ich seit "Boys in Nature" beibehalten und werde von dieser Richtung wohl auch in näherer Zukunft nicht abweichen. Momentan versuche ich, wieder von der weißen Wand wegzukommen, die bei "Nudes" stilprägend war. Da hab ich immer alles aus dem Weg geräumt, was von der fotografierten Person ablenken konnte. Jetzt entferne ich mich wieder ein bisschen vom Sterilen und versuche, neben den Models auch ihre heimische Situation mit abzubilden – den Leuten quasi voyeuristisch über die Schulter zu gucken. Außerdem plane ich einen Film, der die Natur-Settings aus "Boys in Nature" mit Innenszenen im Stil von "Nudes" und einer Geschichte verbindet. Also: Ja, ich bleibe meinem Konzept treu.

Infos zum Buch

Richard Kranzin: Nudes. Bildband. 176 Seiten. Format: 240 x 320 mm. 100 Abbildungen in Duoton. Salzgeber Buchverlage. Berlin 2021. 59 €. ISBN 978-3-95985-622-5
Galerie:
Richard Kranzin: Nudes II
6 Bilder


#1 Carsten ACAnonym
  • 05.09.2021, 10:17h
  • Wenn die Fotos der Galerie prototypisch für den ganzen Bildband sind, ist auch das leider nur ein weiterer Bildband, der die Schönheit des nackten Körpers schamhaft versteckt, indem zwanghaft Penisse hinter Armen, Beinen, etc. versteckt werden.

    Man muss nicht auf jedem Akt einen Penis sehen. Aber es ist peinlich, wenn man zwanghaft Körperstellungen wählt, wo er irgendwie versteckt ist.

    Da lobe ich mir die Statuen der Antike, das Werk von Spencer Tunick, etc.

    Und um das nochmal deutlich zu sagen:
    ein nackter Penis ist keine Pornographie und auch nicht illegal. Ein Akt, wo der Penis sichtbar ist, fällt auch unter die Kunstfreiheit.

    Auch wenn es konservative Kreise gibt, die das gerne ändern würde, sollten wir nicht in vorauseilendem Gehorsam dieser Penis-Zensur folgen, nur um denen zu gefallen.
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 05.09.2021, 12:59h
  • Wow ... wieder einer, der sich mit Analogfotografie arbeitet. Das Arbeiten damit ist ja viel herausfordender als die heute allgemein angewandte Digitialfotografie. Ferner ist der Markt für dieses Filmformat geschrumpft mit der damit verbundenen Kostensteigerung. Das nächste die Entwicklerstudios und Arbeiten zur Print-Ausgabe. In einer ultrascharfen Gegenwart mit aktuell bis 8k-Auflösungen wirken dann solche sw-Aufnahmen wie "vorzeitliche Gemälde". Für mich haben dann diese alten sw-Aufnahmen von älteren Menschen und die Falten im Gesicht eine enorme Ausstrahlungskraft. Mal gucken .. bei mir liegen auch noch zwei analoge Kameras rum ...
    Alle Achtung ...
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#3 Ith_Anonym
  • 05.09.2021, 14:15h
  • Hat ja schon so eine gewisse dominant-sadistische Ader, ausschließlich Leute vor der Kamera haben zu wollen, die sich in dem Moment möglichst machtlos fühlen. Es gibt eben Menschen, die mögen Augenhöhe, und es gibt andere Menschen, die bevorzugen Opfer. Als BDSM-Komponente find ich das ja noch okay, so als bewusstes Spiel mit Grenzen im persönlich-intimen Rahmen. Aber mit dem Ziel einer Veröffentlichung, bei der es eben sehr wohl um Image und Geld geht (aber eben nicht das der Models)?

    Und mal ganz ehrlich, was soll dieses Gerede von "keine Vollbild-Preview online".
    Dann geht halt "irgendjemand" hin und scannt es ein oder fotografiert es ab, und am Ende steht es trotzdem im Netz. Was für eine "Vertrauens"-Basis soll das bitte sein? Mit so einer schwachen Argumentation durchzukommen, ist einfach nur ein Beweis an sich selbst, das Charisma zu besitzen, Leuten alles Mögliche verkaufen zu können. Mit irgendwelchem tatsächlichem Schutz hat es nichts zu tun, und vorzugeben, dem sei anders, ist einfach nur heuchlerisch, verlogen und kurzsichtig.

    Aber jut, dafür nimmt man wohl die Altersgruppe "zu jung und naiv, um die Sache 5 Jahre in die Zukunft zu denken".
    Man kann ihnen bloß wünschen, dass sie so verletzlich und verletzbar dann doch nicht sind. Andererseits: Bei denjenigen, bei denen die Folgen voll reinknallen sollten, gibt's dann entweder das persönliche Zerbrechen oder das Abstumpfen. Bis sie in ein paar Jahren dann hoffentlich zu der Kategorie gehören, die sich beim Nacktsein stark fühlt. Denn die Alternative will man den Menschen nun nicht wirklich wünschen.

    Ist mit dem Vertrauen halt immer so eine Sache. In der toxisch-maskulinen Rape-Culture, in der wir nunmal leben, ist es für gewöhnlich eine Illusion und selten mehr als Mittel zum Zweck.
    Als Konsens-SMler les ich hier im Wesentlichen eine Anhäufung von Red Flags. Im Sinne der Models kann man bloß hoffen, dass ihnen das Ganze nicht so sehr auf die Füße fällt, wie es bei den erzählten Auswahlkriterien leider zu befürchten ist.
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#4 Ith_Anonym
  • 05.09.2021, 14:27h
  • Ich mein bloß, anzustreben: "Ich möchte gern Leute mit Selbstdarstellungstrieb so in die Öffentlichkeit zerren, wie sie selbst öffentlich nicht sichtbar werden wollen", aka "ich bringe Menschen dazu, ihre Grenzen für mein Vorhaben zu ignorieren", zielt ja schon sehr deutlich darauf ab, einen Teil Würde und Stolz in denjenigen zu (zer-)brechen, an denen man sich bei ihnen und anderen offenkundig stört.

    Verletz-lichkeit braucht nunmal nur, wer verletzen möchte.
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#5 MesonightAnonym
  • 05.09.2021, 14:37h
  • ...ich kann es nicht mehr sehen ! Immer die gleichen Fotos von jungen gedeckten Typen ohne Ecken und Kanten, absolut unrealistisch und soo langweilig
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#6 AndreasAnonym
  • 05.09.2021, 16:21h
  • Die Aufnahmen sind sehr schön. Es freut mich zudem, dass noch einmal ein Interview mit dem Fotografen gemacht wurde und dabei auch Kommentare aus einem früheren Beitrag mit eingeflossen sind.

    Kritiker gibt es immer, ich finde Aktfotografie im analogen Stil aber sehr schön.
    Auch verstehe ich, was der Fotograf mit Verletzlichkeit meint, die meine Vorkommentatoren anscheinend etwas missverstehen. Man sieht den Unterschied zwischen Profis und Laien vor der Linse und je nach dem was man will, muss man sich auf die Suche nach dem schmalen Grad der Kameraerfahrenen, aber eben noch nicht so sehr offen gezeigten Nacktheit und dem Profi, der jeden Tag nackt vor der Kamera steht, begeben.

    Auf den Bildern kommt diese Besonderheit sehr schön zur Geltung!
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#7 LiberalerAnonym
  • 05.09.2021, 22:07h
  • Antwort auf #1 von Carsten AC
  • Also im Buch ist "natürlich" alles zu sehen, wie man etwas in diversen zensierten Vorschauen auf Instagram sehen kann:
    www.instagram.com/p/CRbURPyh3wO/

    Nur darf / will man das dann wohl wieder nicht in Deutschland zeigen? Wäre super, wenn es da eine unzensierte Version von queer.de (etwa in USA gehostet etc.) geben würde...

    Im Interview ist aber in diesem Fall ja auch erwähnt, dass die "richtigen" Aktphotos absichtlich nicht digitalisiert sind....
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#8 AnselmAnonym
  • 06.09.2021, 08:46h
  • Antwort auf #7 von Liberaler
  • @Carsten AC und Liberaler:

    Ich zitiere aus dem Interview:
    "Wir mussten eine Vertrauensbasis aufbauen. Ein Teil davon war auch die Vereinbarung, dass ich keine frontalen Aktbilder im Internet hochlade, sondern die unzensierten Ansichten nur fürs Buch und für Artworks verwende."

    Also, dass es keine unzensierten Penise im Netz gibt, ist Bestandteil des Model-Vertrags. Das hat also nichts mit USA/D oder Zensur der Plattformen zu tun.
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#9 AmazingSpiderManAnonym
  • 06.09.2021, 09:42h
  • Typisch klischeehafte 0815 Models, wie man sie schon 1000 mal gesehen hat. Also auch einer von 1000 Bildbänden wie man ihm schon 1000 mal gesehen hat. Da ist ist ja jeder Aldi-Prospekt spannender und kreativer!
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#10 MucciProfil
  • 06.09.2021, 09:53hMünchen
  • gääääääähn. Langweilige Instagram Models. Wer kauft so ein Buch? Richtig. Niemand.
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