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Interview
"Nackt-Shootings sind Vertrauenssache"
Im Bildband "Nudes" zeigt Richard Kranzin schöne junge Männer in ihrer reduziertesten Form. Wir sprachen mit dem Fotografen über Ideale und Illusionen, die Pornografisierung von Nacktheit und die Kritik, dass seine Körperbilder stereotyp seien.

Model aus "Nudes": schwarz-weiß, ohne aufwändige Settings, nackt (Bild: Richard Kranzin / Salzgeber Buchverlage)
- 5. September 2021, 03:54h 5 Min.
Die Bilder in deinem Fotobuch "Nudes" sollen die Models von ihrer kommerzialisierten Selbstdarstellung in den sozialen Medien entkoppeln. Wie kamst du zu diesem Ansatz?
Mich nervt einfach ein bisschen, dass inzwischen das gesamte Leben fotografiert, festgehalten, gepostet und geteilt wird, und dass dabei immer alles möglichst schrill, aufregend und bunt aussehen muss. Die Bilder, die Leute von sich in den sozialen Netzwerken posten, sind ja meist sehr absichtsvoll. Da präsentieren sie sich von ihrer starken Seite. Verletzlichkeit sieht man selten. Nacktheit wird durch die Plattformen oder die Leute selbst sowieso zensiert. Meine Bilder sollen ein Gegengewicht sein. Für "Nudes" wollte ich Bilder machen, die die Leute, die ich fotografiere, einerseits nicht selbst posten würden, die sie andererseits wegen der Nacktheit auch gar nicht posten dürften. Ich finde das einen interessanten Kontrapunkt zur sonstigen Wahrnehmung der Selbstdarsteller-Generation der Anfang-20-Jährigen.
Obwohl es an Nacktbildern im Internet ja sonst nicht gerade mangelt, oder?
Stimmt, aber da geht es meist um Kommerz. Deshalb ist bei vielen Leuten inzwischen das erste, was sie mit Nacktfotos verbinden, Pornografie. Da bedeutet Nacktheit immer gleich was Sexuelles, was ja gar nicht sein muss und der langen Geschichte der Aktfotografie nicht gerecht wird. Ich habe für "Nudes" bewusst keine Leute fotografiert, die ihre Körper ohnehin bei Onlyfans oder in Pornos verkaufen. Ich hatte zwar auch Shootings mit solchen Leuten, aber das passte nicht zu dem Projekt, weil diese Models auf eine Weise mit ihrer Sexualität und ihrem Körper umgingen, der die Verletzlichkeit fehlte, die mir bei "Nudes" wichtig war. Wenn jemand erst anfängt sich stark zu fühlen, sobald er nackt ist, strahlt er auch keine Verletzlichkeit mehr aus.

Richard Kranzin im Selbstporträt (Bild: Richard Kranzin / Salzgeber Buchverlage)
Das heißt, die Männer in "Nudes" sind es nicht gewohnt, nackt zu posieren?
Genau, es sind zwar auch Profi-Models dabei, aber sie kommen aus dem Fashion-Bereich. Die Nacktheit war auf beiden Seiten immer eine Vertrauens- und Verhandlungssache. Anfangs hab ich nur rumprobiert, mit Bekannten und Freunden, die meinen Ansatz verstanden und dafür offen waren. Nachdem dabei schöne Bilder herauskamen, hab ich mich nach und nach getraut, auch Leute bei Instagram anzuschreiben, die ich interessant fand. Die Männer, die jetzt im Buch sind, sind eine Mischung aus beiden Bereichen. Für mich war es oft eine Überwindung, zu fragen, ob die Leute bereit waren, sich nackt fotografieren zu lassen, während die Models teilweise erst die fertigen Fotos sehen wollten, um der Veröffentlichung zuzustimmen. Wir mussten eine Vertrauensbasis aufbauen. Ein Teil davon war auch die Vereinbarung, dass ich keine frontalen Aktbilder im Internet hochlade, sondern die unzensierten Ansichten nur fürs Buch und für Artworks verwende. Das ist ein weiterer Kontrapunkt zur Social-Media-Welt, in der Bildmaterial großenteils nur produziert wird, um Internet-Reichweite zu erzeugen.
Du hast früher selbst als Model gearbeitet. Hilft diese Erfahrung, um Vertrauen aufzubauen?
Ich glaube schon, dass es bei der Kommunikation hilft, dass ich selber zwei Jahre gemodelt habe. Es gibt den Leuten das Gefühl, dass ich ihre Position verstehe und weiß, was ich tue. Ich selbst hab allerdings nie Nackt-Shootings gemacht. Da ich nie einen besonders durchtrainierten Körper hatte, hatte ich für sowas zu viele Body-Issues.

Der Fotoband "Nudes" ist im Juli 2021 bei Salzgeber erschienen
Apropos Body-Issues: Es gab auch bei queer.de Kommentare zu "Nudes", die kritisierten, dass dein Kontrapunkt zu den Social-Media-Bilderwelten nicht weit genug ginge, und die Körperbilder in "Nudes" zu stereotyp seien. Was entgegnest du dieser Kritik?
Ich kann das auf einer Seite nachvollziehen, muss aber auch sagen, dass mein Fokus nicht auf dem Diversitätsaspekt lag. Es ging mir nicht darum, normale Männer von nebenan abzubilden, sondern bewusst darum, Leute aus der Generation der Anfang-20-Jährigen, die es gewohnt sind, sich in den sozialen Medien selbst zu präsentieren, von ihrer digitalen Identität abzulösen und in einer Weise zu zeigen, die einem klassischen Schönheitskanon entspricht, der sich mehr oder weniger seit der Antike gehalten hat. Wenn man so will, sind meine Bilder eine menschliche Entsprechung der idealisierten Statuen, die man im Museum sieht, oder eine Neuinterpretation klassischer männlicher Schönheitsideale, wie sie unter anderem Herbert List betrieben hat. Ich bin kein Dokumentarfotograf, dagegen sträube ich mich sogar ein bisschen. Es geht mir schon auch darum, eine Illusion zu schaffen.
Fotografierst du deshalb analog?
Die Imperfektion, die das analoge Bild mit sich bringt, ist auf jeden Fall ein weiteres Gegengewicht zur Glätte der digitalen Bilderwelten von heute. Im "Nudes"-Buch gehen zum Beispiel manchmal so komische Lichtstreifen quer durchs Bild, die nicht geplant waren. Das sind Bildfehler, die im Digitalen gar nicht entstanden wären, manchmal aber durch Instagram-Filter absichtlich herbeigeführt werden. Ich bin 1990 geboren und noch mit Pocketkameras und Filmen, die man erst entwickeln musste, aufgewachsen. So hat das mit dem Fotografieren bei mir sozusagen angefangen. Die Leute, die ich für "Nudes" fotografiert habe, waren teilweise zehn Jahre jünger als ich. Manchen musste ich tatsächlich erst erklären, wie analoge Fotografie funktioniert – dass man das Ergebnis nicht sofort sehen kann und man erst im Labor weiß, ob das Foto überhaupt was geworden ist.
Das Vorgängerprojekt zu "Nudes" war "Boys in Nature", wo du nackte junge Männer in der freien Natur fotografiert hast. Bleibst du der Aktfotografie auch in Zukunft treu?
Ja, meinen Stil und die Art von Jungs, die ich fotografiere, hab ich seit "Boys in Nature" beibehalten und werde von dieser Richtung wohl auch in näherer Zukunft nicht abweichen. Momentan versuche ich, wieder von der weißen Wand wegzukommen, die bei "Nudes" stilprägend war. Da hab ich immer alles aus dem Weg geräumt, was von der fotografierten Person ablenken konnte. Jetzt entferne ich mich wieder ein bisschen vom Sterilen und versuche, neben den Models auch ihre heimische Situation mit abzubilden – den Leuten quasi voyeuristisch über die Schulter zu gucken. Außerdem plane ich einen Film, der die Natur-Settings aus "Boys in Nature" mit Innenszenen im Stil von "Nudes" und einer Geschichte verbindet. Also: Ja, ich bleibe meinem Konzept treu.
Richard Kranzin: Nudes. Bildband. 176 Seiten. Format: 240 x 320 mm. 100 Abbildungen in Duoton. Salzgeber Buchverlage. Berlin 2021. 59 €. ISBN 978-3-95985-622-5
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Bildband und Bestellmöglichkeit im Salzgeber-Shop
» Richard Kranzin auf Instagram
Mehr zum Thema:
» Ausführliche Besprechung des Bildbands "Nudes": Sündenfreie Männlichkeit (07.07.2021)















Man muss nicht auf jedem Akt einen Penis sehen. Aber es ist peinlich, wenn man zwanghaft Körperstellungen wählt, wo er irgendwie versteckt ist.
Da lobe ich mir die Statuen der Antike, das Werk von Spencer Tunick, etc.
Und um das nochmal deutlich zu sagen:
ein nackter Penis ist keine Pornographie und auch nicht illegal. Ein Akt, wo der Penis sichtbar ist, fällt auch unter die Kunstfreiheit.
Auch wenn es konservative Kreise gibt, die das gerne ändern würde, sollten wir nicht in vorauseilendem Gehorsam dieser Penis-Zensur folgen, nur um denen zu gefallen.