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Vorwurf

Versteckt Berlin Rahmenplan zu Sexualpädagogik?

In Berlin sieht ein neuer Handlungsrahmen die Erziehung zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt vor. Die GEW sagt, er werde nicht an Lehrkräfte verteilt – und vermutet Wahlkampftaktik dahinter.


Kriegen Schulen wie das Berliner Melanchton-Gymnasium einen Rahmenplan nicht zugesandt, um AfD und CDU keine Angriffsfläche zu bieten? (Bild: Johannes Nieke / wikipedia)

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Berlin wirft der Senatsverwaltung für Bildung vor, einen "Mantel des Schweigens" über den neuen Orientierungs- und Handlungsrahmen für Sexualerziehung und Bildung für sexuelle Selbstbestimmung in Berliner Schulen zu werfen. Die Neuveröffentlichung des Rahmens sei ohne Information der Schulen und der Öffentlichkeit erfolgt, das Dokument nicht ein mal an die Lehrkräfte verteilt worden.

Die GEW vermutet wahlkampftaktische Erwägungen hinter der laut GEW unüblichen Geheimhaltung des Rahmenplans. Immerhin werden, wenn die Vorwürfe stimmen, nicht ein mal mehr die Schulen, die den Rahmen eigentlich in ihre Lehrtätigkeit umsetzen sollen, über ihre eigenen Vorgaben informiert.

Bekenntnis zu sexueller Vielfalt auch in Wahlkampfzeiten

Man erhoffe sich von der Senatsverwaltung für Bildung den Mut, sich trotz des Wahlkampfes zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt zu bekennen und sich nicht aus falscher Vorsicht vor Anfeindungen zu verstecken, wie Tom Erdmann, GEW-Vorsitzender in Berlin, sagte. Den Inhalt des Plans begrüßt die Gewerkschaft, in der viele Lehrkräfte organisiert sind: "Die Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern in der Schule", die das Dokument vorsehe, sei "längst überfällig" gewesen.

"Dieser Orientierungsrahmen ist inklusiv, diskriminierungskritisch, kompetenzorientiert, wissenschaftlich fundiert und zugleich lebensweltnah", führte Erdmann weiter aus. Das sollte "auch von der Bildungsverwaltung gebührend anerkannt werden".

Auf eine Anfrage von queer.de zu den GEW-Vorwürfen bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie reagierte der Pressesprecher Martin Klesmann, der für den Bildungsbereich im Haus zuständig ist, irritiert. Man könne den Vorwurf der GEW nicht nachvollziehen. Der Rahmen sei bereits Anfang August "im Bildungsserver Berlin-Brandenburg eingestellt worden". Auf die Vorwürfe, der Plan sei nicht an die Schulen verschickt oder an die Lehrkräfte verteilt worden, ging der Pressesprecher nicht ein.

Tatsächlich vermeldete nur das herausgebende Landesinstitut für Schulen und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) das Erscheinen des neuen Rahmens, und zwar bereits am 11. August. Weder erwähnte die zuständige Senatsverwaltung noch sonst eine Stelle des Landes Berlin den neuen Plan via Pressemitteilung, noch erfolgte eine Medienberichterstattung. Immerhin enthält der Text mit der Erwähnung und Anerkennung von trans- und intergeschlechtlichen Schüler*innen eine relevante Neuerung im Feld. Bei der Senatsverwaltung selber ist das Dokument innerhalb der Auflistung der verschiedenen Rahmenlehrpläne erhältlich.

Das LISUM ist ein 2007 auf Grundlage eines Staatsvertrags gegründetes, gemeinsames Institut der Länder Berlin und Brandenburg. Unter anderem werden hier Handreichungen und Konzepte für Schulen entwickelt, außerdem ist es Ansprechpartner bei der Unterrichts-, Schul- und Personalentwicklung.

Neuen Rahmen an Personal vermitteln

Doch mit der bloßen Verteilung an die Lehrkräfte hätte sich das Thema, nach Ansicht der GEW, noch nicht erledigt. Zur Umsetzung seien zudem auch Fortbildungen durch Bildungsträger wie die Fachstelle Queere Bildung, die Kompetenzstelle intersektionale Pädagogik oder die Berliner Aids-Hilfe angemessen.

Schon 2019 habe die GEW gefordert, Richtlinien für die Inklusion von transgeschlechtlichen, insbesondere auch nichtbinären, sowie intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen sowie solchen mit den Geschlechtseinträgen "divers" und einem offenen Geschlechtseintrag zu entwickeln. Der neue Orientierungs- und Handlungsrahmen sei auch ein Zugeständnis an die Forderungen, den bisherigen, 20 Jahre alten Plan auch hinsichtlich sexueller und geschlechtlicher Vielfalt anzupassen.

Auch Heinz-Jürgen Voß, Professor*in für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg, hat Lob für den Plan. Abseits der Frage nach geschlechtlicher und sexueller Vielfalt fordert Voß eine fächerübergreifende Verankerung in der Ausbildung und der Praxis der Lehrkräfte, um eine besseree Prävention sexualisierter Gewalt zu erreichen. Alle Lehrkräfte müssten hier "fit werden", um "bei Übergriffen bewusst und angemessen zu regieren und das Themenfeld Sexualität und geschlechtliche, sexuelle Selbstbestimmung zu thematisieren", so Voß.

Die AfD hat zum Thema eine klare Haltung und möchte Sexualpädagog*innen der Vielfalt am liebsten hinter Gittern sehen. Im Juli brachte die Partei einen Gesetzesentwurf in den Bundestag ein, der jede Sexualpädagogik unter Strafe gestellt hätte, die sich nicht auf "abstrakt-biologische Aufklärung" zur "Fortpflanzung" begrenze. Jede Form der sogenannten "Frühsexualisierung" sei "in Krippen, Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen als Kindesmissbrauch zu werten und unter Strafe zu stellen", hieß es in einem Unterpunkt des Antrags, der frecherweise mit "Kinder gegen sexuelle Gewalt wirksam schützen" überschrieben war (queer.de berichtete).



#1 Sukram712Anonym
  • 10.09.2021, 19:00h
  • Vielleicht ist es dennoch weise, dem Gegner so kurz vor der Wahl keine unnötige Steilvorlage zu liefern.

    Sonst läuft es so, wie bei den Grünen, mit dem Vorschlag Steurbetrug nun nicht nur per Post und Telefon, sondern auch digital melden zu können.

    Rechten Hassprediger und Union starten eine Schmutzkampangne, die bei einem Teil der unentschlossenen Wähler vielleicht verfängt. Das muss nicht sein.
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#2 UrberlinerAnonym
  • 10.09.2021, 19:44h
  • Antwort auf #1 von Sukram712
  • Da stimme ich dir zu, eine Veröffentlichung jetzt würde ich für schlechtes Timing halten. Andererseits glaube ich nicht, dass Rot-Maueropferblutrot-Grün so klug ist. Insofern ist es wohl eher ein Versehen. Die SPD-Schulsenatorin Scheeres hat ihr Ressort schon mehrfach aufgrund kompletter Unfähigkeit gegen die Wand gefahren und Desaster um Desaster produziert.
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#3 Sukram712Anonym
  • 10.09.2021, 20:16h
  • Antwort auf #2 von Urberliner
  • Ein Grund mehr die bis zur Wahl aus dem Verkehr zu ziehen.

    Vielleicht kann man die für die kommenden zwei Wochen bis zur Wahl ohne Handy auf Urlaub in die Karibik schicken oder zur Not ins künstliche Koma legen. :D

    Aber ausgerechnet jetzt ein ganz besonders aufgeschlossener berliner Leitfaden für die progressive Sexualerzieung von kleinen Kindern, ist vermutlich das, wovon Unions-Wahlkampfstrategen jede Nacht feucht träumen... :D
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#4 AlexAnonym
  • 11.09.2021, 02:58h
  • Ich sehs auch so. Man muss nicht so kurz vor der Wahl noch ein Fass aufmachen. Und dabei ist es unerheblich, dass das Thema eigentlich so selbstverständlich sein sollte, dass es keine Pressemeldung mehr wert ist. Ebenso, dass Bildungspolitik Landessache ist und mit der Wahl tatsächlich Null zu tun. Sobald Rechtsaußen davon erfährt und wieder Schnappatmung kriegt, haben wir die nächste bundesweite Kindererziehungsdiskussion am Hals und die nimmt den Raum für andere, möglicherweise sogar doch ein bisschen wichtigere Themen weg bis wieder alle Vorgestrigen ihre kommunikative Notdurft in den Kommentarspalten der Republik abgelassen haben.
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