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Berlin

Hugo Marcus: Schwul, jüdisch, von Muslimen aus dem KZ befreit

Ein Weggefährte von Magnus Hirschfeld konvertierte 1925 zum Islam und wurde Geschäftsführer der heute ältesten bestehenden Moschee Deutschlands. An diesem Wochenende kann sie besichtigt werden.


Hugo Hamid Marcus (1880-1966) war von 1923 bis 1938 Geschäftsführer der Wilmersdorfer Moschee in Berlin, damals die einzige Moschee in Deutschland. Das Foto stammt aus dem Jahr 1901 (Bild: A. Alberino / Staatsbibliothek Berlin / bpk)

Er war Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin, kämpfte an der Seite seines Freundes Magnus Hirschfeld für die Entkriminalisierung von Homosexualität und zeigte sich zudem vom Islam so begeistert, dass er als einer der ersten damit begann, den Koran zu übersetzen.

Hugo Marcus hatte eine Identität, die so unterschiedliche und scheinbar widersprüchliche Facetten kombinierte, dass sich seine Zeitgenoss*innen verwundert die Augen rieben. In den Salons der Weimarer Republik war er eine schillernde, aber auch respektierte Figur. Er stammte aus einer jüdischen Industriellenfamilie in Posen. Nach Berlin kam er, um Philosophie zu studieren, hier fand er in Georg Simmel seinen Mentor.

Marcus' Freundschaft mit dem Studenten Sadr-ud-Din

Während seines Studiums lernte er den muslimischen Studenten Sadr-ud-Din kennen, zu dem sich eine enge Freundschaft entwickelte. Marcus entdeckte dabei auch seine Leidenschaft für den Islam. Gemeinsam arbeiteten sie an der ersten deutschen Übersetzung des Korans. Sadr-ud-Din, der im Auftrag der Ahmadiyya-Bewegung in Lahore nach Deutschland eingereist war, gründete die erste muslimische Gemeinde Berlins und trieb den Bau der ältesten bis heute erhaltenen Moschee Deutschlands auf einem Grundstück in der Brienner Straße in Wilmersdorf voran.

Noch während des Baubeginns im Jahr 1924 setzte er seinen Freund Hugo Marcus als Geschäftsführer ein, der trotz seiner Konversion zum Islam Mitglied der Jüdischen Gemeinde blieb und die Verbindung zu Hirschfelds Wissenschaftlich-humanitärem Komitee nicht aufgab. Für Marcus waren all diese Zugehörigkeiten keine unvereinbaren Gegensätze – offenbar jedoch genauso wenig für die Angehörigen der Ahmadiyya-Bewegung, die ihn zunehmend für sein Engagement schätzten.

Marcus sah den Islam als Religion der Toleranz

Hugo Hamid Marcus, wie er sich inzwischen nannte, sah im Islam eine Religion der Toleranz. In einem Artikel der von Sadr-ud-Din gegründeten "Moslemischen Revue" schrieb er 1924: "Unbefangen und tolerant schätzt der Islam alles Gute, wo immer es auch passiert und wo immer er darauf stößt […] … die Gesetze des Islam sind keine Pflichtregeln, welche die persönliche Freiheit beschränken, sondern Richtungen und Weisungen, welche eine wirkliche Freiheit ermöglichen". Indem er u.a. auf Goethes "West-östlichen Divan" und die "Mahomet"-Gedichte verwies, sah er selbst seine Identität als Deutscher und Europäer in Einklang mit der neuen Religion. Durch sein Engagement, die abendländische Philosophie mit dem Koran zu vermählen, machte sich Marcus in ganz Deutschland einen Namen. Seine Vorlesungen in der Wilmersdorfer Moschee zogen ein breitgefächertes Publikum an, unter ihnen auch Prominente wie Thomas Mann und Hermann Hesse.


Die Wilmersdorfer Moschee in der Brienner Straße in Berlin ist zum Wochenende des offenen Denkmals am 11. und 12. September 2021 jeweils von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen (Bild: Axel Krämer)

Dabei handelte es sich bei Marcus nicht um einen Sonderling, der den Islam aus einer spezifisch deutschen oder homoerotisch gefärbten Sicht verklärte, wie ein unlängst in der "Neuen Zürcher Zeitung" erschienenes Porträt über ihn nahelegt. So war etwa auch die Deutsch-Muslimische Gesellschaft- gegründet von dem 1922 nach Berlin eingewanderten syrischen Studenten Mohammed Nafi Tschelebi – von einer kosmopolitischen und toleranten Weltsicht geprägt, die sich als Gegenpol zu reaktionären islamischen Gruppen verstand und den Koran mit der europäischen Kultur zur gegenseitigen Bereicherung fusionieren wollte.

1938 verhaftet und ins KZ verschleppt

Den Nationalsozialisten war dies freilich ein Dorn im Auge. Sie mischten sich in die Auseinandersetzung der unterschiedlichen Gruppierungen ein und förderten die antisemitischen und autokratischen Strömungen innerhalb der muslimischen Bewegung. Besonders das Engagement von Marcus fiel ihnen unangenehm auf. Nach den Pogromen am 9. November 1938 wurde er offiziell als Jude verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er mit anderen homosexuellen Juden in eine Baracke gepfercht und nach eigenen Angaben mehrere Male brutal misshandelt wurde. Fast alle seine schwulen Leidensgenossen kamen dort ums Leben.

Marcus hatte Glück. Just in einer Phase, in der mehr und mehr rechtsextreme und judenfeindliche Ideologen muslimische Organisationen unterwanderten, ließ sich der Imam der Wilmersdorfer Moschee von Gemeindemitgliedern davon überzeugen, in aller Eile einen Befreiungsplan zu schmieden und ein offizielles Gesuch einzureichen. Mit der Unterstützung von Sheik Mohammed Abdullah erhielt Marcus ein Visum nach British-Indien, das er zur Emigration in die Schweiz nutzte. Dort verbrachte er den Rest seines Lebens bis zu seinem Tod im Jahr 1966. Er verfasste noch zahlreiche Texte für die dreisprachige, international beachtete Homosexuellenzeitschrift "Der Kreis" unter dem Pseudonym Hans Alienus.

Blinde Flecke und Widersprüchlichkeiten

Es ist erstaunlich, dass Hugo Marcus beinahe in Vergessenheit geraten ist, zumal seine Biografie gängige Erwartungshaltungen von Toleranz und Identität unterlaufen. Längst sind nicht alle Brüche, blinden Flecke und Widersprüchlichkeiten in seinem Werk und Leben aufgeklärt. Die niederländische Historikerin Gerdien Jonker etwa hat in einer 2020 veröffentlichten Publikation über jüdisch-muslimisches Leben in Berlin aufgezeigt, dass Marcus zumindest in der Weimarer Zeit ein Problem mit Frauen hatte.

In einem Artikel verbreitete Marcus etwa die Ansicht, dass diese in der Gesellschaft eine unterwürfige Rolle einzunehmen hätten. Wie das mit seinem Verständnis von Toleranz und persönlicher Freiheit vereinbaren konnte, bleibt unklar. Allerdings ließ er in der "Moslemischen Revue", deren Chefredakteur er war, auch feministische Positionen zu. Latifa A. Roessler etwa beklagte sich in einem Artikel über "die ungesunde Verschleierung" und andere zur Unterdrückung der Frau etablierten Sitten im Islam, die sich in "einer Kulturperiode lange nach dem Tod Mohammeds" durchgesetzt hätten.

Der britische Historiker Marc David Baer konnte für die jahrelange Recherche an seiner 2020 auf Englisch erschienenen Monografie ("German, Jew, Muslim, Gay. The Life and Times of Hugo Marcus", 2020) immerhin einen Teil von dessen umfangreichem Nachlass auswerten, der in der Zürcher Nationalbibliothek lagert.

Zum Wochenende des offenen Denkmals am 11. und 12. September 2021 ist die Wilmersdorfer Moschee jeweils von 11 bis 17 Uhr zu besichtigen. Sie wurde im indischen Mogulstil nach dem Vorbild des Taj Mahals erbaut. Hugo Marcus war von Anfang an Teil ihrer Geschichte.



#1 Udo WolfAnonym
#2 AtreusProfil
  • 11.09.2021, 17:13hSÜW
  • Ich wollte erst gewohnsheitsmäßig Erwin danken, bis mir aufgefallen ist, dass ein Axel Krämer der Verfasser ist. Das spricht für den Inhalt. Danke für den Ausflug in die Geschichte.
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 12.09.2021, 11:03h
  • Vielen Dank für den tollen und gut recherierten Artikel!

    Der Dialog der Religionen war schon mal weiter.

    Bliebe zu ergänzen, dass die Ahmadiyya-Bewegung von weiten Teilen auch des liberalen Islams leider nicht anerkannt wird.

    Das hängt mit ihrem Begründer Mirza Ghulam Ahmad zusammen, der sich nach indischer Tradition auch als Wiederkunft Buddhas und Krishnas verstand.

    Das ist auch für Mainstream-Muslim*innen, die etwa das Christen- und das Judentum als Geschwisterreligionen des Islams achten, ein No-Go.

    Was den islamischen Feminismus betrifft, so bedurfte es dazu nicht deutscher Konvertitinnen:

    de.wikipedia.org/wiki/Halide_Edib_Ad%C4%B1var

    www.youtube.com/watch?v=Sj2Y0sIxYRI
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#4 56James35Anonym
  • 12.09.2021, 12:06h
  • Vielen Dank für diesen hochinteressanten Artikel über einen Menschen, der viel getan hat für die Toleranz und den leider nur die wenigsten kennen. Hoffentlich wird Baers Buch ins Deutsche und in andere Sprachen übersetzt !
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#5 Girlygirl
#6 goddamn liberalAnonym
  • 12.09.2021, 17:46h
  • Antwort auf #5 von Girlygirl
  • Ja, die Ursachen der Ablehnung liegen eben in der teilweisen Abkehr vom strengen Monotheismus. Gerade für kemalistische Sunnit*innen und Alevit*innen geht das nun gar nicht. Das gilt nicht nur als Relativierung des Korans, sondern auch der strengen Wissenschaft.

    Khola Maryam Hübsch, eine der Vertreterinnen der Ahmadiyya, lebt in einer arrangierten Ehe und ist für die Verschärfung des Gotteslästerungs-Paragrafen.

    Das Konvertiten-Milieu deutsch-innerlicher Sinnsucher aus dem sie stammt, ist weniger modern als Großteile des türkischen, iranischen, aber auch z. B. tunesischen Bürgertums.
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#7 Friedrich RückertAnonym
  • 13.09.2021, 16:50h
  • Es gab allerdings schon vor dem 20. Jahrhundert deutschsprachige Koran-Übersetzungen, u. a. von Friedrich Rückert, laut Navid Kermani bis heute die beste.
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