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NS-Propaganda

Hansjörg Maurer – Hitlers Helfer und sein Homo-Hass

Vor genau 100 Jahren – im September 1921 – erschien Hansjörg Maurers homophobe Hetzschrift "§ 175". Sie hat die erbarmungslose Homosexuellenverfolgung im NS-Staat teilweise vorweggenommen.


Maurer (zweiter von rechts) als Mitglied von Hitlers persönlicher Leibwache. Das Foto mit Autogrammen stammt aus dem Jahr 1925 oder 1926 (Bild: Erhard Heiden / wikipedia)

  • Von Erwin In het Panhuis
    12. September 2021, 14:45h, 5 Kommentare

Mit der Schrift von Hansjörg Maurer (1891-1959) "§ 175. Eine kritische Betrachtung des Problems der Homosexualität" (1921) habe ich mich schon mehrfach beschäftigt. Im Rahmen meiner Kölner Lokalstudie über Homosexualität im Kaiserreich bin ich auf den Brief eines Kölner Schwulen an Maurer eingegangen, aus dem Maurer (S. 42-43) ausführlich zitiert (s. a. mein online verfügbares Buch "Anders als die Andern", 2006, S. 54, 107-108, 173, 250). Als sich im Oktober 2020 der Überfall auf Magnus Hirschfeld zum 100. Male jährte, bin ich in einem queer.de-Bericht darauf eingegangen, wie dieser Überfall auch vom Nazi Maurer ausdrücklich begrüßt wurde.

Für diesen Artikel – bei dem nun erstmals Maurer als Person im Mittelpunkt steht – habe ich zusätzlich die Maurer-Biografie von Winfried Schmidt "… war gegen den Führer äußerst frech ..." (1999) berücksichtigt, die u.a. mit seinen Tagebuchaufzeichnungen einige bisher unbekannte Informationen bietet.

Hansjörg Maurer

Hansjörg Maurer gehörte in den Zwanzigerjahren zu den führenden Propagandisten des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes". Von 1919 bis 1920 war er Chefredakteur der in München erscheinenden Zeitung "Völkischer Beobachter", die im Dezember 1920 von der NSDAP aufgekauft und zu deren Parteiorgan wurde. Im April 1925 trat Maurer der NSDAP bei. Er wurde Mitglied der SS und gehörte von 1925 bis 1926 zu Hitlers persönlicher Leibwache, womit er – wenn auch nur kurzzeitig – eine wichtige Stütze der Nazi-Partei wurde.

Nach internen Differenzen trat Maurer im August 1926 aus der Partei aus. Im März 1933 stellte er – unter dem falschen Namen "Hans Georg Maurer" – einen erneuten Antrag auf Aufnahme in die NSDAP. Als entdeckt wurde, dass es sich dabei um Hansjörg Maurer handelte, wurde er 1934 aus der Partei ausgeschlossen.

Maurers Schrift "§ 175" – über Hirschfeld und die Homosexuellen


Hansjörg Maurers Buch "§ 175. Eine kritische Betrachtung des Problems der Homosexualität" erschien 1921

Schon im Vorwort (S. 3) seiner 63-seitigen Schrift über den § 175 macht Maurer deutlich, dass sich seine Schrift in erster Linie gegen die Galionsfigur Magnus Hirschfeld und dessen Vorträge richtet. Zum lebensgefährlichen Überfall auf Hirschfeld schreibt er: "Wenn sich das Volksbewußtsein etwas unsanft äußert, wie bei Magnus Hirschfelds Besuch in München, so ist das eher ein erfreuliches Zeichen dafür, daß das Gesunde sich selbsttätig sträubt gegen Ungesundes" (S. 13).

Zu den von Maurer kolportierten Klischees über die Schwulen gehört zum Beispiel das der stark vernetzten Schwulenszene (S. 61). Mit seinem Wunsch nach einer Straferweiterung des § 175 auf Frauen (S. 56) und der Forderung, dass "Homosexuelle unter strengste Aufsicht genommen werden müssen" (S. 59), ging er zum Teil über das hinaus, was die Nazis später umsetzten. Wenn er zu einer "Bekämpfung der homosexuellen, jüdisch geführten Schmutzflut" aufruft (S. 62), wird deutlich, wie nah Antisemitismus und Homophobie zusammengehören können. Für Maurer war "kein Galgen […] zu hoch", um die "Berliner Judenbuben" daran aufzuhängen (S. 54).

Die Biografie von Winfried Schmidt

Der Biograf Winfried Schmidt geht mehrfach auf Maurers Broschüre zum § 175 ein – sie ist schließlich auch dessen einzige bekannte selbstständige Publikation. Nach Schmidt könne man die Hintergründe von Maurers "Aversion" gegen Homosexualität nur vermuten, denn – so Schmidt – "als nationalsozialistischer Programmpunkt war die Homosexualität unbedeutend" (S. 29-31). Mit "Programmpunkt" meint Schmidt wohl den Plan einer systematischen Homosexuellenverfolgung.

Das ist – bezogen auf den Zeitpunkt der Buchveröffentlichung von 1921 – sogar richtig. Den pathologischen Hass auf Schwule jedoch mit "Aversion" zu umschreiben – im Sinne von Ablehnung und Abneigung – ist jedoch massiv untertrieben, und es sind solche Äußerungen, die ohne einen Hinweis auf die späteren Ermordungen von Schwulen empathielos wirken. Zudem bezeichnet "Aversion" ein individuelles Gefühl, womit Schmidt Maurers Homo-Hass auf eine persönliche Einstellung verengt und damit entpolitisiert.

Später schreibt Schmidt, dass Maurer in seiner "Streitschrift zum § 175" ein "kreativer Umgang mit der Wahrheit nachzuweisen" sei (S. 64). Spätestens hier ist unklar, warum er Maurer mit Samthandschuhen anfasst, seine Lügen nicht benennt und den euphemistischen Begriff der "Streitschrift" benutzt, als wäre der Aufruf zur Gewalt ein konstruktiver Debattenbeitrag. Schmidt kennt diese Schrift genau, er bietet sogar vier Seiten als Reprint (S. 29). Er setzt sich jedoch nicht mit Maurers Positionen zur Homosexualität auseinander, sondern zeigt sich nur über die auch antisemitischen Textpassagen entrüstet (S. 177). Selbst bei einer Broschüre, die nur von homosexuellen Männern handelt, sind diese für Schmidt offenbar im toten Winkel.

Über Maurers Berührungen mit dem Thema Homosexualität


Winfried Schmidts Maurer-Biografie " ... war gegen den Führer äußerst frech ..." erschien 1999

Schmidt spekuliert darüber, in welchen Zusammenhängen Maurer wohl mit Homosexualität konfrontiert wurde. So soll Maurer seine Festungshaft in Landsberg nach dem Hitler-Putsch von 1923 über mehrere Monate nicht nur mit Adolf Hitler, sondern auch mit dem homosexuellen SA-Aktivisten Edmund Heines verbracht haben, der später im Zusammenhang mit dem sogenannten "Röhm-Putsch" ermordet wurde.

Über Röhms Homosexualität war Maurer sicherlich informiert nicht nur durch die Presse, sondern weil er zeitweise zum innersten Zirkel der NSDAP gehörte. Ab dem 20. Juni 1934 war Maurer Hauptschriftleiter des "Fränkischen Volksblatts" und trug dementsprechend auch die Verantwortung für die hier erschienenen Artikel zum sogenannten "Röhm-Putsch", die jedoch nur aus der Wiedergabe von Agenturmeldungen bestanden haben sollen (S. 73).

Sein Biograf Schmidt geht davon aus, dass Maurer die homophoben Artikel von Ludwig Thoma im "Miesbacher Anzeiger" kannte (S. 30; zu Ludwig Thoma s. a. queer.de). Aber auch dies wäre nicht besonders aussagekräftig, weil Homophobie in der völkischen Szene üblich war, ungewöhnlich ist allenfalls, dass Maurer dem Thema eine eigene Broschüre widmete.

Maurers Tagebucheinträge zum Thema Homosexualität

Aus den Jahren 1936 und 1937 liegen Maurers Tagebuchaufzeichnungen vor, die auch einzelne Textpassagen über Homosexualität beinhalten. Im Juli 1936 gehörten für ihn zur "Skala" des NS-Regimes auch Vergewaltigung, "widernatürliche Unzucht" und Mord (S. 194). Im Dezember 1936 kritisierte er nicht, dass der "Jude(n)" Leopold Obermayer wegen Homosexualität zu zehn Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde, sondern nur, dass ihm ein Gerichtsbeamter während des Prozesses die Hand gab (S. 237-238).

Im Februar 1937 zitierte er den bayerischen Kultusminister Adolf Wagner mit den Worten: "Ich halte von einem Mannsbild nichts, das an einer schönen Frau vorbeigehen kann. Das ist kein Mannsbild, sondern ein Schlappschwanz!" Maurer kritisierte hier zwar Wagner, aber erkennbar nur dessen "Hemmungslosigkeit" und die ihm nachgesagten außerehelichen Beziehungen (S. 259-260) – nicht jedoch seine indirekte Homophobie und seine heterosexuellen Macho-Allüren. Im Juli 1937 – als die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Geistliche auf ihrem Höhepunkt waren – machte er sich über einen geistig behinderten Jungen in der erkennbaren Absicht lustig, ihn als Zeugen bzw. als Opfer sexuellen Missbrauchs vor Gericht zu diskreditieren (S. 336-337).

Maurers Verhältnis zum Nationalsozialismus

Maurer selbst begründete sein Zerwürfnis mit und seinen Austritt aus der Partei im Jahre 1926 damit, dass Hitler aus Gründen der Parteidisziplin einen Meineid erwartet habe. Angesichts von Maurers Vorstrafenregister zweifelt auch sein Biograf an diesem Hintergrund (S. 61-63). Aus welchen Delikten sein Vorstrafenregister gehört, schreibt Schmidt leider nicht.

Dass Hansjörg Maurer unter falschem Namen 1933 wieder in die NSDAP eintrat, lässt sich leicht damit begründen, dass er als politischer Journalist weiterhin arbeiten wollte, wozu er ansonsten kaum eine Möglichkeit gehabt hätte. In der "Bayerischen Staatszeitung" schrieb er zwischen 1933 und 1934 Hitler-freundliche Artikel, beispielsweise zu dessen 45. Geburtstag. Davon abweichend gab er 1947 – wie nicht anders zu erwarten war – zu Protokoll: "Die Tätigkeit bei dieser Zeitung festigte meine politische und weltanschauliche Abneigung und Abkehr vom Nazitum nur noch mehr" (S. 66-71).

Ende 1934 flog auf, dass er sich die Mitgliedschaft mit falschem Namen ermogelt hatte, und es zum Rauswurf aus der Partei. Mitte der Dreißigerjahre lässt sich der Bruch mit der NSDAP auch anhand seiner Tagebucheinträge dokumentieren, wie etwa in dem, worin er das NS-Regime als kriminell ansah und mit Mord und "widernatürliche(r) Unzucht" gleichsetzte (S. 194). Den Ausspruch "Wenn Hitler nicht gekommen wäre, wäre es für ihn und das Ansehen der Partei besser gewesen" (S. 330) machte er sich, nach seinem Tagebuch von 1937 zu schließen, offenbar zu eigen. Das ist eine Kritik an Hitler, allerdings nicht an der politischen Linie der NSDAP.

Maurer nach 1945

Wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP galt Maurer als "belastet" und ein Spruchkammerverfahren sollte 1948 entscheiden, ob er entlastet werden könne. Die Spruchkammer kam zu dem Schluss: "Er leistete Widerstand mit äußerster Kraftanstrengung und erlitt nicht nur seelische, qualvolle, sondern auch äußerlich erkennbare Nachteile". Dabei waren zwei Zeugenaussagen, u.a. von einem jüdischen Rechtsanwalt, wohl die "überzeugendsten Entlastungsbeweise" (S. 157-171).

Auch sein Biograf Schmidt möchte Maurer politisch entlasten und schreibt, er sei Mitte der Dreißigerjahre zum "überzeugten Nazigegner" geworden (S. 178) und ein reuiger Sünder gewesen (S. 180). Schon allein der Titel der Biografie "… war gegen den Führer äußerst frech ..." deutet eine angebliche regimekritische Haltung Maurers an. Dieses positive Bild wird durch die abgedruckten Fotos von Maurer unterstützt, die ihn als fürsorglichen Familienmenschen zeigen, und durch einen eigenen Beitrag von Maurers Enkelin Eva Maria, die ihren "Onkel Maurer" als "liebenswertes Original" bezeichnet (S. 174-176).


Brutaler Nazi, liebenswerter Onkel oder beides? Hansjörg Maurer mit Enkelin in den Fünfzigerjahren

Eine Bewertung von Schmidts Maurer-Biografie

Von Schmidts Maurer-Biografie als Quellensammlung halte ich viel, von seinen Bewertungen nur sehr wenig. Es ist grundsätzlich fair, auf Quellen zu verweisen, die belegen sollen, dass sich ein Anhänger des Nationalsozialismus zu einem seiner Gegner entwickelt habe. Schmidt übernimmt jedoch die Entlastung im Entnazifizierungsverfahren von 1948, ohne diese ausreichend kritisch zu hinterfragen, und so wird Maurer auch von Schmidt von jeder Schuld freigesprochen.

Die Biografie wirkt so, als könnte sich Schmidt mit Maurer identifizieren, was vielleicht auch daran liegt, dass beide als Tierärzte tätig waren. Wegen der Art, wie Schmidt bei seiner Buchrecherche von Maurers Familie unterstützt wurde, zweifle ich an der Ergebnisoffenheit seines Herangehens, wie sie Schmidt ausdrücklich für sich in Anspruch nimmt (S. 9). Maurers Antisemitismus wird von Schmidt benannt, seine Haltung zur Homosexualität aber nicht einmal ansatzweise kritisch hinterfragt. Die Biografie erschien übrigens im Selbstverlag.

Weitere Sekundärliteratur

An dieser Stelle möchte ich auf drei weitere Bücher verweisen, in denen Maurer und seine Broschüre erwähnt werden. In ihrem Buch "Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität" (1997, S. 84) verweist die Historikerin Claudia Schoppmann auf die Textstellen, in denen Maurer forderte, die Beschränkung des § 175 auf beischlafähnliche Handlungen aufzuheben und die Strafbarkeit auf Frauen auszudehnen. Mit seinen Vorschlägen wie "Einziehung des Vermögens, Zwangsarbeit und Sicherungsverwahrung" habe Maurer – so Schoppmann – "Modelle" für die spätere NS-Zeit geliefert. Für sie gibt es bei Maurer erkennbare Parallelen zwischen Homophobie und Antisemitismus.

Auch für Manfred Herzer in seinem Buch "Magnus Hirschfeld und seine Zeit" (2017) verband Maurer "Juden- und Homosexuellenhass auf eine neue Weise, die für die nationalsozialistische Anti-Hirschfeld-Propaganda vorbildlich wirken sollte".

Stephan Heiss geht in seinem Buchaufsatz "München. Polizei und schwule Subkulturen 1919-1944" (in: "Polizei und schwule Subkulturen". Hrsg. von Stephan Heiss und Wolfgang Schmale, 1999, S. 61-79, insb. S. 71-72,) davon aus, dass Maurers Broschüre "wohl die Einstellung der Bevölkerungsmehrheit in diesen Jahren" wiedergegeben habe. Diesen Buchaufsatz von Heiss möchte ich auch all denen empfehlen, die die Broschüre im Kontext der frühen Homosexuellenbewegung der Stadt München verstehen wollen. Ich konnte übrigens keine Veröffentlichung zur Homosexualitätsgeschichte finden, die im Zusammenhang mit Maurers Broschüre auch seine Biografie mitberücksichtigt. Das ist bemerkenswert, weil das Buch von Winfried Schmidt leicht recherchierbar ist, aber auch unproblematisch, weil diese Biografie nicht zu einer Neubewertung führt.

Bewertung

Als Hansjörg Maurers Buch vor 100 Jahren erschien, war er ein typischer Vorreiter nationalsozialistischer Propaganda. Seine Vorstellung von Homosexualität als Ursache eines Zerfalls der "Rasse" und als Degenerationserscheinung, die ähnlich wie das Judentum ausgemerzt werden müsse, stand der späteren NS-Politik in nichts nach und ging zuweilen auch darüber hinaus. Auch Schmidt führt keine Quellen dafür an, dass sich Maurers Position zur Homosexualität in der Zeit nach 1921 verändert hat.

Maurers Schrift gibt NS-Gedankengut wieder und ist eine NS-Schrift. Als sie erschien, gab es aber noch keine gleichgeschaltete Presse, und es war möglich, ihm und anderen Nationalsozialisten eigene Vorstellungen entgegenzusetzen. Ein Jahr zuvor war die zweite Auflage von Magnus Hirschfelds "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1920) erschienen, ein Jahr später erschien Kurt Hillers wichtige Emanzipationsschrift "§ 175. Die Schmach des Jahrhunderts!" (1922). Es war die Zeit des Beginns der Weimarer Republik, in der sich viele Homosexuellenvereine gründeten und man gerechtfertigte Hoffnung auf Streichung des § 175 haben konnte. Gleichzeitig war es auch eine Zeit größter politischer Instabilität und politischer Gewalt, in der die Existenz der Republik durch die völkische Hetz-Publizistik ständig auf der Kippe stand.

Maurers politische Gesinnung seit Mitte der Dreißigerjahre lässt sich vermutlich nicht mehr klar bestimmen, aber es ist wahrscheinlicher, dass Maurer weiterhin ein Nazi war, weil er schließlich in der gleichgeschalteten Presse eine leitende Stelle bekam. Ich finde es dennoch richtig, dass der Wikipedia-Beitrag zu Maurer erkennbar eine Positionierung und Einschätzung vermeidet und ich kritisiere die Biografie, die die angebliche politische Wandlung vom Saulus zum Paulus nicht quellenbasiert belegt.

Ich finde es richtig, dass man auch bei Menschen, die dem Nationalsozialismus nahestanden, auf deren mögliche Einstellungsänderungen, Brüche und Verdienste in anderen Bereichen hinweist. In meinen Artikeln auf queer.de über den Literaturwissenschaftler Ernst Bertram und den Sexualwissenschaftler Hans Giese habe ich auch dies zu berücksichtigen versucht. Bei Hansjörg Maurer gibt es für eine ähnliche Relativierung seiner homophoben Aussagen und Einstellungen jedoch keinerlei Veranlassung.

In ähnlicher Form wie Hitlers "Mein Kampf" die spätere Judenverfolgung vorwegnahm, hat Maurers "§ 175"-Schrift die spätere Homosexuellenverfolgung vorweggenommen. Während Hitlers "Mein Kampf" jedoch tatsächlich handlungsleitend für die NS-Politik wurde, drückt Maurers Broschüre zwar aus, was radikale Völkische dachten und zum Teil umgesetzt wurde, hatte selbst aber keinen direkten Einfluss. Dafür war Mauerer in der NS-Zeit dann doch politisch zu bedeutungslos.

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#1 VerantwortungAnonym
  • 12.09.2021, 22:29h
  • Viel zu viele Täter sind nach dem zweiten Weltkrieg straffrei ausgegangen und konnten ihr Leben in Ruhe zu Ende leben, statt sich ihrer Verantwortung zu stellen.

    Das war nach den Taten der Nazis das nächste große Verbrechen Deutschlands. Nur dass diesmal nicht die Nazis dafür verantwortlich waren, sondern Parteien, die noch heute im Bundestag sitzen.

    Vor allem die CDU, wo z.B. jemand wie Filbinger sogar Ministerpräsident werden konnte.
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#2 LotiAnonym
  • 13.09.2021, 08:57h
  • Antwort auf #1 von Verantwortung
  • Dir ist aber sicherlich auch klar, das es gerade die Amerikaner waren, die ein schnelles Einleiten zurück zur Demokratie gefordert hatten. Was selbstredend dazu geführt hatte, das nicht alle Nazis an den Pranger gestellt wurden. Einige wurden sogar hoffiert doch bitte für die USA zu arbeiten. Steht alles festgeschrieben. Theoretisch hätte man ja zwei drittel der Deutschen Bevölkerung erst einmal einsperren müssen. Auch ich erinnere mich noch gut, wenn vereinzelte betrunkene Alt Nazis in den 60er Jahren lauthals früh morgens durch die Münsteraner Altstadt zogen und sogar Heil Hitler riefen.
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 13.09.2021, 09:15h
  • Antwort auf #2 von Loti
  • Und Münster war nicht einmal eine Nazi-Hochburg.

    Wichtig ist auch, dass selbst Leute wie FDP-Chef Dehler, dessen Frau ein Opfer des Faschismus war, auch nach 1945 massiv für eine Beibehaltung oder gar Verschärfung des Par. 175 eintraten.

    Bei den englischsprachigen Siegermächten stand 1945 Homosexualität überall unter Strafe. In Australien offiziell sogar unter Todesstrafe.

    In den meisten unmittelbaren Nachbarländern sah es dagegen schon damals besser aus.
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#4 Alexander_FAnonym
  • 13.09.2021, 14:38h
  • Nochmal für alle zum Mitschreiben: Homophobie galt bei den Siegermächten nicht als typisch Nazi, sondern als Zeichen von echt christlichen Werten bzw. proletarischen Bewusstseins, deren Fehlen zum Nationalsozialismus geführt habe. Nicht zuletzt deshalb hat sie das Ende des WKII unbeschadet überstanden und ist auch heute immer noch salonfähiger als Antisemitismus.

    Die Alliierten waren das kleinere Übel, aber keinesfalls makellos. Spätestens heute, wo sich zeigt, was aus einigen von ihnen geworden ist (ich denke da vor allem an das Land, wo der Sieg über Hitler am meisten gefeiert wird: Russland), sollte das klar sein.

    Zu Hansjörg Maurer kann man nur sagen, dass er ein Zeugnis dafür ist, dass rechtsextreme Bewegungen in Bezug auf unsereinem schon immer verlogen waren: ebenso wie damals die Braunen einerseits Röhm tolerierten, um ihn im Geiste Maurers bei erster Gelegenheit abzuschlachten, tolerieren die Blauen heute Alice Weidel, würden sie aber im Sinne Christina Baums bei nächstbester Gelegenheit fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Traurig nur, dass sich dieses lächerliche Schauspiel offenbar wiederholt.

    Danke auf jeden Fall für diesen informativen Text.
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