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Erschreckende Ergebnisse einer Studie
95 Prozent der HIV-Positiven berichten von diskriminierender Erfahrung in letzten zwölf Monaten
HIV ist zwar inzwischen medizinisch gut behandelbar. Laut einer deutschen Umfrage hinkt der gesellschaftliche Umgang mit Positiven aber hinterher – besonders im deutschen Gesundheitswesen, in dem man es eigentlich besser wissen sollte.

Die Ergebnisse zeigen, dass noch immer viel Aufklärungsarbeit in der Gesellschaft nötig ist (Bild: shvetsa / pexels)
- 13. September 2021, 09:53h 3 Min.
"Die Lebensqualität von Menschen mit HIV wird heute vor allem durch Vorurteile und Diskriminierung eingeschränkt, nicht durch die HIV-Infektion selbst." Das ist laut der Deutschen Aidshilfe die zentrale Erkenntnis der Studie "positive stimmen 2.0", die am Montag veröffentlicht wurde. Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) erstellt. Rund 1.000 positive Menschen beantworteten dafür einen Online-Fragebogen, zudem gaben 500 Menschen mit HIV in Interviews nach einem standardisierten internationalen Leitfaden Auskunft zu ihrem Leben mit HIV.
Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Menschen in Deutschland heutzutage gut mit ihrer HIV-Infektion leben – in der Stichprobe der Online-Befragung bejahten 90 Prozent diese Aussage. Dank der guten Therapiemöglichkeiten fühlen sich drei Viertel der Befragten gesundheitlich nicht oder nur wenig eingeschränkt. 95 Prozent berichteten jedoch von mindestens einer diskriminierenden Erfahrung in den letzten zwölf Monaten aufgrund von HIV. 52 Prozent gaben an, durch Vorurteile bezüglich der HIV-Infektion in ihrem Leben beeinträchtigt zu sein.
Mehr als die Hälfte erlebte Diskriminierung im Gesundheitswesen
Besonders häufig komme Diskriminierung demnach wie vor im Gesundheitswesen vor. 56 Prozent der online Befragten machten in den letzten 12 Monaten mindestens eine negative Erfahrung. 16 Prozent berichteten, dass ihnen mindestens einmal eine zahnärztliche Versorgung verweigert wurde. Acht Prozent passierte dies bei allgemeinen Gesundheitsleistungen. Eine Konsequenz dieser Diskriminierung: Ein Viertel der Befragten legt seinen HIV-Status nicht mehr immer offen.
"Menschen mit HIV anders zu behandeln als andere ist völlig unnötig – und ganz klar diskriminierend", erklärte Projektmanager Matthias Kuske. "Die üblichen Hygienemaßnahmen reichen völlig aus. Unter Therapie ist HIV ohnehin nicht mehr übertragbar."
Auch Erfahrungen mit Rassismus und Homophobie
Eine weitere zentrale Erkenntnis aus dem Projekt ist, dass Menschen mit HIV oft zugleich aufgrund anderer Identitätsmerkmale Diskriminierung erfahren. So berichtete jeder zweite schwule oder bisexuelle Mann in der Studie von Erfahrungen mit Homophobie und 62 Prozent der befragten Schwarzen Menschen und anderer ethnischer Minderheiten ("People of Color") von Rassismus.

Diskriminierung und Stigmatisierung haben gravierende Folgen für das Wohlbefinden und den Alltag von Menschen mit HIV: 70 Prozent der Teilnehmenden der persönlichen Befragung erklärten, sie empfänden es als schwierig, anderen von ihrer HIV-Infektion zu erzählen. Drei Viertel verheimlichen sie "in vielen Lebensbereichen". So sprechen beispielsweise im Arbeitsleben 44 Prozent der Befragten nie offen über HIV.
Viele Positive verinnerlichen Stigmatisierung
Rund ein Viertel der Befragten habe gar die Stigmatisierung von außen verinnerlicht: Den Aussagen "Ich schäme mich, dass ich HIV-positiv bin" und "Ich fühle mich schuldig, dass ich HIV-positiv bin" stimmen jeweils rund 25 Prozent der Befragten zu. Rund ein Drittel der Befragten hat Angst, jemanden beim Sex anzustecken – obwohl eine Übertragung unter Therapie überhaupt nicht mehr möglich ist und trotz eines erklärtermaßen hohen Vertrauens in diese Schutzwirkung.
Die Studien-Autor*innen forderten angesichts der Ergebnisse, dass die seit rund vier Jahrzehnten betriebene HIV-Aufklärungsarbeit weiterhin notwendig sei: "Unsere Untersuchung zeigt klar, dass HIV in unserer Gesellschaft weiterhin mit einem Stigma verbunden ist. Wir brauchen weiterhin Aufklärung der Bevölkerung zu den positiven Folgen der HIV-Therapie sowie eine mediale Verbreitung vorurteilsfreier Erzählungen vom Leben mit HIV", betonte etwa Dr. Janine Dieckmann, die wissenschaftliche Projektleiterin beim IDZ.
Es gibt aber auch positive Zeichen der Studie: Für 46 Prozent der Befragten ist es etwa mit der Zeit einfacher geworden, ihren HIV-Status offenzulegen. Helfen könne dabei der Kontakt zu anderen Menschen mit HIV.
Mit "positive stimmen 2.0" knüpft die Deutsche Aidshilfe an eine erste Befragung aus dem Jahr 2011 an. Schon damals gab eine große Mehrheit der Befragten an, Diskriminierungen zu erfahren (queer.de berichtete). (pm/cw)














