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17. Verhandlungstag

Missbrauchsprozess: Zeug*innen widersprechen sich

Im Strafprozess gegen den Berliner #ArztOhneNamen wegen sexuellen Missbrauchs von Patienten sagten erstmals Mitarbeitende der Szenepraxis aus – und machten gegensätzliche Angaben. Der Richter drohte einem Zeugen mit Ordnungsgeld.


Statue im Kriminalgericht Moabit: Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft einem in der schwulen Szene bekannten HIV-Spezialisten vor, fünf Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht zu haben. Mittlerweile sind 29 Verhandlungstage angesetzt (Bild: Peter Fuchs)

Der 17. Verhandlungstag im Strafprozess gegen den Berliner #ArztOhneNamen vor dem Amtsgericht Tiergarten begann am Montag um 15.30 Uhr ungewöhnlich spät. Dem 63-jährigen Mediziner wird sexueller Missbrauch von Patienten bei Analuntersuchungen in fünf Fällen vorgeworfen. Der Arzt bestreitet alle Vorwürfe.

Zum ersten Mal seit Prozessbeginn im April sagten Mitarbeitende der Praxis als Zeug*innen aus: eine 60-jährige Arzthelferin, die seit 20 Jahren für den Angeklagten arbeitet, sowie ein 53-jähriger Krankenpfleger, der seit 25 Jahren in der Praxis tätig ist und den Titel "Leiter des nichtärztlichen Personals" führt.

Konnte der Arzt den Patienten zwischen die Beine greifen?

Beide waren geladen worden, um über die Untersuchungsliege auszusagen, auf der die mutmaßlichen Übergriffe stattgefunden haben sollen. Unstrittig ist: Der #ArztOhneNamen führte die Analuntersuchungen nicht wie der als Sachverständige geladene Hautarzt vom 14. Verhandlungstag mit bekleideten Patienten in Seitenlage durch. Beim Angeklagten lagen die gänzlich unbekleideten Patienten vom Arzt abgewandt mit dem Bauch auf der Liege, die Knie in besonderen Vorrichtungen zum Abstützen.

Einige der mutmaßlichen Opfer hatten ausgesagt, der Arzt habe ihnen von hinten zwischen die Beine gegriffen, um während der Analuntersuchung ihre Hoden und den Penis zu berühren und zu stimulieren. Die Verteidigung des Angeklagten hatte widersprochen, weil dies aufgrund der Konstruktion der Liege gar nicht möglich sei. Es sei nicht genügend Raum für die Hand des Arztes zwischen Körper und Liege vorhanden.

Die Antworten der Mitarbeitenden unterschieden sich in dieser wesentlichen Frage. Die Arzthelferin sagte aus, dass es unter Umständen möglich sei. Der Krankenpfleger erklärte hingegen, dass es nicht ginge.

Als der Krankenpfleger als Zeuge bereits entlassen war, wollte er "noch etwas sagen". Nachdem der Vorsitzende Richter Rüdiger Kleingünther ihn darüber aufgeklärt hatte, dass es in einem Strafprozess nicht die Aufgabe von Zeugen sei, Statements abzugeben, verließ der Krankenpfleger laut meckernd den Saal. Daraufhin stellte Kleingünther die Sanktionsmöglichkeit eines Ordnungsgelds in den Raum, bevor der Krankenpfleger endgültig draußen war. Eine skurrile Randnotiz in einem Strafprozesse, der nicht gerade arm an skurrilen Verhaltensweisen ist.

Weiter Streit um die sexuelle Orientierung des Angeklagten

Danach wollte die Verteidigung eine Stellungnahme zum Beweisantrag der Staatsanwaltschaft abgeben, mit dem die sexuelle Orientierung des Angeklagten geklärt werden solle (queer.de berichtete). Anwältin Gilda Schönberg beantragte, dafür die Öffentlichkeit auszuschließen, um die Privatsphäre ihres Mandanten zu schützen.

In der folgenden Diskussion, ob die Privatsphäre bereits bei einer Stellungnahme verletzt werden würde, gab Verteidiger Johannes Eisenberg bereits einen Vorgeschmack auf seine Argumentation, indem er dramatisch mit einem Stapel Papiere wedelte und beklagte, dass die Staatsanwältin "schriftlich lügt" und dass sie "einen Hinterhalt gegen den Angeklagten geplant hat", denn sie habe "einen fadenscheinigen Anlass genommen, um einen LKA-Beamten ermitteln zu lassen, ob der Angeklagte Teil dieser merkwürdigen Szene sei".

Bei den wie häufig übertrieben laut vorgetragenen Anschuldigungen Eisenbergs blieb unklar, welche "merkwürdige Szene" er gemeint haben könnte. Eine Szene, die auf eine ausgefallene Art von Sex steht? Oder die schwule Szene? Befremdlich war die Aussage auf jeden Fall, weil sie im Kontext nur die Interpretation von Kinkshaming oder Homofeindlichkeit zuließ.

Mehr erfuhr die Öffentlichkeit an diesem Tag jedoch nicht, weil sie nach einer Beratung des erweiterten Schöffengerichts von der Hauptverhandlung ausgeschlossen wurde. Der Prozess wird am Donnerstag mit dem Gutachten des medizinischen Sachverständigen fortgesetzt.



#1 mind_the_gap
  • 14.09.2021, 05:38h
  • Soso. "Merkwürdige Szene". Weshalb fallen mir da nur auch gleich Wagenknechts "skurrile Minderheiten" ein?

    Und dann wird uns erzählt, wir seien "längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen", und wir werden ernsthaft gefragt, was wir denn nun NOCH wollten?

    Abgesehen davon, dass ich gar nicht in die Mitte DIESER Gesellschaft will, fordere ich dennoch ein, dass wir mit Respekt behandelt und weder als "merkwürdig" noch als "skurril" noch sonstwas Vergleichbares bezeichnet werden. Solange solche Äußerungen auch nur hingenommen werden, haben wir nach wie vor dasselbe riesige Problem: wir sind Außenseiter_innen, die gedemütigt, verbal herabgesetzt und auf ihren Platz ganz unten in der Gesellschaft verwiesen werden können.

    Das muss ein Ende haben. Wir müssen gegen JEDE solche Äußerung rebellieren. Wir dürfen uns sowas nicht mehr gefallen lassen. Nirgendwo, aber mit Sicherheit erst recht nicht im Umfeld der angeblich "blinden" Justitia.
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#2 marcocharlottenburgAnonym
  • 14.09.2021, 16:16h
  • Antwort auf #1 von mind_the_gap
  • Bevor hier auf Justitia eingeschlagen wird, in diesem Prozess ist offensichtlich die Verteidigung das Problem. Man muss als Mandant schon sehr verzweifelt sein, wenn man sich eines so auftretenden Rechtsanwalts bedienen muss.
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#3 mind_the_gap
  • 14.09.2021, 17:16h
  • Antwort auf #2 von marcocharlottenburg
  • Ich habe nicht "auf Justitia eingeschlagen". Genauer gesagt, habe ich geschrieben: "Wir dürfen uns sowas nicht mehr gefallen lassen. Nirgendwo, aber mit Sicherheit erst recht nicht im Umfeld der angeblich "blinden" Justitia."

    IM UMFELD. Dazu gehört ja wohl auch die Verteidigung.
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