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Ursachen unklar
Studie: Sterberisiko bei trans Menschen doppelt so hoch wie bei cis Menschen
Insbesondere bei trans Frauen ist das Sterberisiko nach einer neuen niederländischen Studie erhöht.

Als einen Grund für die Unterschiede nennen Forscher*innen Diskriminierungserfahrungen (Bild: Colombia University)
- 14. September 2021, 13:41h 3 Min.
Laut einer niederländischen Studie haben trans Menschen ein doppelt so hohes Risiko zu sterben als cissexuelle Männer und Frauen. Es bestehe "dringender Handlungsbedarf", um diese ungleichen Verhältnisse zu beseitigen, heißt es in der am 3. September im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichten Untersuchung. Sterberisiko (Mortalität) definiert sich als jener Anteil von Menschen, der in einer bestimmten Population und in einem bestimmten Zeitraum ihr Leben verlieren.
Die Forscher*innen hatten dazu die Daten von mehr als 4.500 trans Menschen in den Niederlanden zwischen 1972 und 2018 ausgewertet und mit Sterbe-Daten der nationalen Statistikbehörde CBS verglichen. In diesem Zeitraum, so ein weiteres Ergebnis, sei das erhöhte Sterberisiko von nicht-cissexuellen Personen konstant geblieben, habe sich also nicht verringert.
Die Daten zeigten, dass das Sterberisiko bei trans Frauen fast doppelt so hoch liege wie bei cis Männern und drei Mal so hoch wie bei cis Frauen. Gerade die Gefahr, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen, Lungenkrebs und unnatürlichen Todesursachen (Unfälle, Tötungsdelikte, Suizid) zu sterben, sei bei trans Frauen extrem erhöht. Der größte Unterschied sei HIV gewesen – hier sei das Sterberisiko bei trans Frauen 15 Mal höher als bei cis Männern und sogar 50 Mal höher als bei cis Frauen.
Bei trans Männern waren die Unterschiede kleiner. So sei ihr Sterberisiko ähnlich hoch wie bei cis Männern, aber fast doppelt so hoch wie bei cis Frauen.
Die Autor*innen der Studie merkten jedoch an, dass das erhöhte Sterberisiko für trans Frauen bei HIV und durch Selbstmord insbesondere in den ersten Jahrzehnten des Untersuchungszeitraums festgestellt wurde, zuletzt aber abgenommen habe. Das sei durch eine höhere Akzeptanz in der Gesellschaft und ein besseres Gesundheitssystem zu erklären.
Spekulationen über Gründe für Unterschiede
Die Unterschiede zwischen trans Frauen und Männern ließen sich nach Ansicht des nicht an der Studie beteiligten Endokrinologen Vin Tangpricha von der amerikanischen Emory University dadurch erklären, dass trans Männer im Vergleich zu trans Frauen keine signifikant erhöhten Begleiterkrankungen nach geschlechtsangleichenden Therapien aufweisen würden. Die erhöhten Zahlen bei Frauen könnten auf "Unterschiede in der Körperzusammensetzung oder auf gesellschaftliche Faktoren" zurückzuführen sein. Dies müsse aber noch weiter untersucht werden. Er betonte, dass Geschlechtsanpassungen für viele trans Menschen aus psychologischen Gründen ein "Lebensretter" sei.
Studien-Mitautorin Christel de Block von der medizinischen Hochschule Amsterdam UMC erklärte, sie sei überrascht gewesen über das erhöhte Sterberisiko bei trans Frauen in den letzten beiden Jahrzehnten. Sie führte das darauf zurück, dass heutzutage in den Niederlanden weniger Hormonbehandlungen bei Begleiterscheinung wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bei starkem Tabakkonsum abgelehnt würden.
Hintergrund ist, dass Studien in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu dem Ergebnis gekommen sind, dass queere Menschen eher rauchten oder Alkohol konsumierten, was stets auf erhöhte Diskriminierungerfahrungen zurückgeführt wird. Bei trans Personen wurde oft ein noch extremerer Konsum festgestellt als bei Lesben und Schwulen. Die von den niederländischen Forscher*innen untersuchten Daten machten allerdings zum unterschiedlichen Konsumverhalten keine Angaben.
"Die geschlechtsangleichende Hormonbehandlung gilt als sicher, und die meisten Todesursachen in der Kohorte standen nicht damit in Zusammenhang", so de Block. Um wirklich zu wissen, warum das Sterberisiko unter trans Frauen so hoch sei, sei mehr Forschung notwendig. (dk)













