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"Zeit"-Interview
Schäuble belehrt Merz über Homosexualität
Der Bundestagspräsident versteht offenbar nicht, warum sein Parteifreund Homosexualität mit sexuellen Missbrauch von Kindern in Verbindung gebracht hat.

Wolfgang Schäuble zeigt Friedrich Merz, wie man eine Frage zu einem schwulen Kanzler vorurteilsfrei beantworten kann (Bild: Deutscher Bundestag / Jens Jeske)
- 15. September 2021, 12:46h 3 Min.
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat in einem Interview mit der "Zeit" (Bezahlartikel) erklärt, dass er beim Thema Homosexualität umgedacht habe. Dabei kritisierte der CDU-Politiker auch indirekt eine Aussage seines Parteifreundes Friedrich Merz aus dem letzten Jahr.
"Ich lerne, dass viele Auffassungen, die wir hatten, so nicht mehr stimmen. Die Rollenbilder von Männern und Frauen. Oder der Umgang mit dem Thema Homosexualität. Darüber dachte meine Generation in der Regel noch sehr anders", erklärte der 78-Jährige wörtlich. Auf die Frage, ob ihm das Umdenken schwergefallen sei, sagte Schäuble: "Nicht so sehr, nein. Ich habe viele homosexuelle Menschen gekannt und auch erlebt, wie schwer sie es oft hatten, wie lange viele gehadert haben, sich zu outen." Was für eine befreiende und gute Wirkung ein Coming-out habe, könne man an CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn sehen, so Schäuble weiter.
Danach ging der dienstälteste Bundestagsabgeordnete auf Merz ein: "Zu meinem Freund Friedrich Merz habe ich jedenfalls gesagt, wenn dich noch mal einer fragt, ob ein Homosexueller Kanzler werden kann, gibt's nur eine Antwort: Ich verstehe die Frage nicht."
Hintergrund ist eine fragwürdige Antwort von Merz im letzten September auf die Frage "Hätten Sie Vorbehalte, wenn heute ein Schwuler Bundeskanzler würde?" Damals sagte Merz in "Bild-TV": "Die Frage der sexuellen Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft – an der Stelle ist für mich allerdings eine absolute Grenze erreicht -, ist das kein Thema für die öffentliche Diskussion" (queer.de berichtete).
Scharfe Kritik an Merz-Äußerung
Die Antwort hatte zu scharfer Kritik von LGBTI-Aktivist*innen und sogar innerhalb seiner eigenen Partei geführt. Journalist Julius Betscka vom "Tagesspiegel" kommentierte: "Wenn du bei der Frage, ob ein schwuler Kanzler für dich okay wäre, nach deinem antrainierten 'Geht niemanden was an' sofort an Pädophilie denken musst, denkst du leider komplett homophob."

Friedrich Merz redete sich im letzten Jahr um Kopf und Kragen (Bild: Screenshot bild.de)
Der damalige Kandidat für den CDU-Bundesvorsitz hatte auf Kritik an seiner Aussage allerdings dünnhäutig reagiert: Zunächst behauptete Merz schlicht, er habe diese Äußerung nicht getätigt (queer.de berichtete). Ein paar Tage später erklärte er immerhin: "Wenn sich irgendjemand davon persönlich getroffen gefühlt hat, bedauere ich das wirklich sehr" (queer.de berichtete). Trotzdem hielt er an der Erzählung fest, dass "Akteure", die ihm feindlich gesinnt seien, den Zusammenhang zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch von Kindern konstruiert hätten, wie er vier Wochen nach der Aussage in der ZDF-Sendung "Markus Lanz" erklärte (queer.de berichtete).
Schäuble stimmte gegen Ehe für alle
Im "Zeit"-Interview begründete Schäuble auch, warum er 2017 die Ehe für alle abgelehnt habe: "Weil ich große Sympathien für Institutionen habe und glaubte, die Ehe sei gerade in Bezug auf den Familienverbund ausschließlich eine Institution für Mann und Frau."
Schäuble ist seit 1972 Mitglied des Deutschen Bundestages. Zur Wahl am 26. September tritt er erneut an. Auch Friedrich Merz will in den Bundestag zurück: Nach zwölf Jahren Abstinenz bewirbt sich der 65-Jährige in seinem alten Wahlkreis Hochsauerlandkreis um ein Direktmandat. Sein Einzug gilt als sicher; diesen Wahlkreis hatte die CDU vor vier Jahren mit über 20 Prozentpunkten Vorsprung vor der SPD gewonnen. (dk)














