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Interview

"Nicht nur weiße Strukturen im Mittelpunkt"

Chris und Newsha veranstalten am Wochenende ein Camp für queere Schwarze, Indigene und People of Color in Marburg. Was sie sich von dem Treffen erhoffen, erzählen die beiden Aktivist*innen im Interview.


Chris (l.) und Newsha mit der durch einen schwarzen und einen braunen Streifen ergänzten Regenbogenfahne (Bild: privat)

Im hessischen Marburg findet am Wochenende vom 17. bis 19. September das erste bundesweite "Queer BI PoC Camp" statt . Was sich die Organisator*innen von dem Treffen erhoffen, welche Veranstaltungen es geben wird und was im Spektrum der queeren Schwarzen, Indigenen und People of Color in Deutschland gerade so passiert, darüber hat queer.de mit Chris und Newsha gesprochen.

Ab Freitagmittag geht euer bundesweit erstes queeres Camp für Black, Indigenous und People of Color (BIPoC) in Marburg los. Was erhofft ihr euch von der Wochenendveranstaltung?

Chris: Das Ziel ist, natürlich neben dem Spaßhaben, das Empowerment und der Vernetzungsaspekt untereinander. Dazu werden wir schauen: Was wollen die Menschen vor Ort, die am Camp teilnehmen? Soll es einen regelmäßigen Rahmen mit Veranstaltungen geben, die wir gemeinsam organisieren? Soll es noch einmal so ein Camp geben? Wollen wir uns weiter vernetzen, auch über das Camp hinaus?

Newsha: Uns gehts es auch darum, dass wir den Menschen einen Raum geben, wo sie so sein können, wie sie sind, und dass sie nicht diskriminiert werden. Wir werden einen Raum erschaffen, den es bisher für queere BIPoC so nicht gibt.


Plakat für das Camp am Wochenende (Bild: queerbipoccamp.de)

Mit welchen Workshop- und Vortragsformaten wollt ihr das erreichen?

Newsha: Wir wollen unser Teilnehmer*innen auf verschiedenen Ebenen erreichen, zum Beispiel auch in rechtliche Aspekte einführen. Was sind unsere Rechte zu Adoption, wie steht es um Transrechte? Darüber hinaus stehen Sensibilisierung und Empowerment im Vordergrund.

Chris: Genau, zum einen wird das durch Empowerment-Workshops, auch durch künstlerische Workshops, passieren. Zum Beispiel wird es darum gehen, die eigenen Deutungen darüber zu erzählen, wer man ist und warum man so ist, und darüber ins Gespräch zu kommen. Und darüber heraus: Wie können wir vielleicht auch trotz unserer Unterschiede gemeinsam sichtbar sein und gemeinsam kämpfen?

Wie lassen sich denn gemeinsame Geschichten von Kämpfen erzählen? Chris, du hattest die Differenzen genannt. Welche davon sind denn schwierig, welche vielleicht auch fruchtbar?

Chris: Ich würde sagen, dass es immer Differenzen gibt oder wenigstens meistens, weil natürlich Menschen unterschiedlich sind und unterschiedliche Diskriminierungsformen erfahren. Es werden zum Beispiel Menschen mit sehr verschiedenen Migrationshintergründen da sein, also sehr verschiedene PoC. Und je nach dem, wie du gelesen wirst, erfährst du ja auch andere Formen von Rassismus. Es gibt also Rassismen. Und wie gehen wir jetzt mit diesem Rassismen um, und zwar gemeinsam? Wie sensibilisieren wir uns untereinander dafür, damit wir auch gemeinsam kämpfen können?

Eine andere Differenz, auf die wir versuchen, zu achten, ist die Differenz von Klasse oder sozialem Hintergrund. Am Camp werden auch queere Geflüchtete teilnehmen, und da geht es auch darum, dass man zum Beispiel nicht versuchen sollte, alles mit hochgestochen akademischer Sprache zu formulieren. Wie schaffen wir es also, andere queere BIPoC-Personen abseits des akademischen Spektrums anzusprechen?

Newsha: Ich würde dazu gerne den Begriff der Intersektionalität in den Raum werfen und zusammenfassen: Es gibt verschiedene Arten von Diskriminierung, wie etwa Geschlecht, Klasse, Nationalität, Sexualität. Uns geht es darum, das nicht nur differenziert zu betrachten, sondern die verschiedenen Aspekte auch einheitlich zu sehen oder sehen zu können und damit zu arbeiten. Ich bin eine Frau, die einen Migrationshintergrund hat, die lesbisch ist und eine Person of Color. Jeder Mensch hat verschiedene Punkte, an denen Diskriminierungen ansetzen, erlebt also verschiedene Arten von Diskriminierungen. Das ist, was uns individuell voneinander trennt, aber auch verbindet.

Welche Reibungspunkte gibt es unter queeren BIPoC in Deutschland, und welche Ansätze gibt es, damit konstruktiv umzugehen? Gibt es politischen Streit, der gerade lähmend ist?

Chris: Ich habe das Gefühl, im bundesweiten queeren BIPoC-Kontext baut sich gerade etwas auf. Das ist noch sehr am Anfang, ja. Wo ich mir vorstellen kann, dass es dabei zu Reibungspunkten kommt, ist bei der Frage, was das Ziel des Ganzen ist. Geht es vorwiegend darum, Strukturen anzubieten, die Empowerment ermöglichen und den Focus auf sichere Räume legen, oder geht es darum, stärker in die Gesellschaft als Ganze hinein zu wirken, gegen gesellschaftlich verwurzelte Diskriminierungen und Strukturen anzukämpfen? Das ist ja, was alle soziale Bewegungen ein Stück weit haben. Ich glaube aber nicht, dass das ein "Oder" sein muss.

Newsha: Eine Herausforderung ist immer, wenn Diskriminierungsformen alleine für sich stehen bleiben und gegen andere gesellschaftliche Machtverhältnisse ausgespielt werden.

Was sind da die Schlagworte des theoretischen Rahmens, mit dem ihr arbeitet?

Newsha: Der Begriff der Intersektionalität würde das Ganze gut zusammenfassen. Aber auch "marginalisierte Gruppen".

Was ist mit "Intersektionalität" gemeint?

Newsha: Damit ist ein Zugang zum Thema Diskriminierung gemeint, der die Effekte von sich überschneidenden Mehrfachdiskriminierungen in den Blick nimmt. Das wurde so das erste Mal 1851 von der Frauenrechtlerin und Sklavin Sojourner Truth thematisiert. Grundlegend ist dabei, dass Schwarze Frauen wie sie nicht nur wegen ihres Geschlechts unterdrückt werden, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe und wegen ihrer Klassenzugehörigkeit. Das Wort selber stammt aber von der Juristin Kimberlé Crenshaw, die es 1989 geprägt hat.

Chris: Ich würde auch noch sagen, dass der Begriff der Solidarität ein wichtiges Schlagwort ist, Solidarität auch über Differenzen hinweg, also, zu gucken, dass man solidarisch und miteinander versucht, sich zu empowern und zu vernetzen. Dieses Schaffen von Räumen ist unglaublich wichtig. Aus diesen Räumlichkeiten heraus können dann ja Dinge geschehen, aber das erste ist es, diese Räume zu haben. Das versuchen wir mit dem Camp.

Was ist euch sonst noch wichtig, los zu werden?

Newsha: Ich beobachte, dass seit dem Mord an George Floyd vermehrt eben solche Räume geschaffen wurden und werden. Da geht es ja auch um finanzielle Hürden. Zum Beispiel können wir das Camp auch nur gestalten, weil wir die Mittel dazu bereitgestellt bekommen haben, weil Menschen erkannt haben, dass das Thema wichtig ist. Wir als Teil der Aids Hilfe Kassel, Marburg und der Netzwerkstelle LSBT*IQ Hessen sind also auch gerade dabei, die Initiative zu ergreifen. Leider bringt auch hier die Pandemie zusätzliche Hürden mit sich.

Für marginalisierte Gruppen sind Schutzräume oft überlebenswichtig, die sind jetzt lange weggefallen und viele trauen sich verständlicherweise immer noch nicht raus. Die Pandemie ist ja auch nicht vorbei. Auch wir mussten zahlreiche Hygieneregeln und Beschränkungen der Teilnehmer*innenzahlen für unsere Veranstaltung beachten. Umso mehr ist es uns eine Herzenangelegenheit, dass das Camp am Wochenende los geht! Wir freuen uns sehr darauf.

Chris: Ich finde es schön, dass queere BIPoCs in den letzten Jahren eigene Gruppen gegründet und Demonstrationen stattgefunden haben. Es ist großartig, dass das passiert, dass man versucht, sich untereinander zu organisieren und dass daraus Strukturen entstehen, die dann weiter arbeiten und versuchen, gegen Diskriminierungsformen zu kämpfen, die uns betreffen. An diese Leute hier auch ein kleines Dankeschön!

Newsha: Unser Wunsch ist einfach, dass jeder so sein kann, wie er ist. Dass nicht nur weiße Strukturen im Mittelpunkt stehen, sondern dass es bunter wird. Dass, egal, welche Nationalität oder Sexualität Menschen zum Beispiel haben, sie gesehen und gehört werden und die Möglichkeit bekommen, so zu sein, wie sie sind. Und auch, sich zu organisieren. Dafür braucht es auch, dass die Mehrheitsgesellschaft erst sensibilisiert wird, und das ist einfach noch nicht der Fall. Wir stehen am Anfang einer langen Reise. Wir werden weiter darauf hin arbeiten.

Infos zum Camp

Das Camp findet vom 17.09. bis zum 19.09 im Freizeitgelände Stadtwald Marburg statt. Beginn ist am Freitag ab 13, das Camp endet Sonntag um 18 Uhr. Kommen dürfen queere BIPoC. Eine Teilnahme kostet regulär 30 Euro. Wer das Geld nicht hat, kommt aber kostenlos rein.

Das Camp wird von den Netzwerkstellen LSBT*IQ Nordhessen und Mittelhessen organisiert sowie von den Netzwerkstellen LSBT*IQ Rhein-Main und Südhessen unterstützt. Das Projekt wird durch die Antidiskriminierungsstelle des hessischen Ministeriums für Soziales und Integration gefördert.

Mehr Infos gibt es unter queerbipoccamp.de


#1 LambdaAnonym
#2 OutAndProud
#3 EulenspiegelAnonym
  • 17.09.2021, 10:08h
  • Den Begriff "Indigene" hierzulande zu verwenden ist etwas ungenau bis total falsch.

    Damit würde die einheimische Landbevölkerung gemeint sein, die seit Jahrhunderten in denselben Dörfern wohnt und die gerade nicht!! gemeint ist.

    "Nordamerikanische Indigene" sind vermutlich gemeint - Indigene ist ja ein Begriff für das "Eingeborene" des 19. Jahrhunders.

    Probleme für Indigene gibt es leider nicht nur in den USA - Australien ist auch ein sehr unrühmliches Beispiel, sowie Südafrika wo die Buschleute (ich kenne hier gerade keinen besseren Begriff) als Urbevölkerung sowohl von Schwarzen als auch von Weißen verfolgt und enteignet wurden.
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