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Queere Mediengeschichte

Oscar Wildes "häßlichstes Verbrechen", Empathie für Lili Elbe und ein schwules "Attentat" im Hallenbad

Die "Kölnische Zeitung" war bis 1933 eine der führenden überregionalen Tageszeitungen. Jetzt ist sie im Volltext recherchierbar – mit mehr als 500 bisher unbekannten Fundstellen zu LGBTI.


Die "Kölnische Zeitung" – hier in einer Ausgabe von 1893 (Bild: Wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    18. September 2021, 11:36h, 4 Kommentare

Die nationalliberale "Kölnische Zeitung" (1803-1945) gehörte neben der "Frankfurter Zeitung", der "Allgemeinen Zeitung" und dem "Vorwärts" bis 1933 zu den führenden überregionalen deutschen Tageszeitungen. Auch in der Zeit von 1933 bis 1945 blieb sie in Familienbesitz. Heute ist sie weitgehend in Vergessenheit geraten.

Aus demselben Verlagshaus DuMont Schauberg kommt heute der "Kölner Stadt-Anzeiger", der ab 1876 zunächst nur als Beilage der großen "Kölnischen Zeitung" erschien. Als Hommage an die große publizistische Zeit führt der "Kölner Stadt-Anzeiger" bis heute den Untertitel "Kölnische Zeitung".

Die "Kölnische Zeitung" und die Homosexuellen

Als ich vor einigen Jahren im Rahmen meiner Buchrecherche für "Anders als die Andern" (hier im Volltext online) über Homosexualität im Kaiserreich wissen wollte, wie die "Kölnische Zeitung" über Schwule und Lesben berichtete, musste ich mir noch Mikrofilme ausleihen und fleißig darin herumsuchen. Nun ist alles anders: zeit.punkt NRW – ein Verbund von Uni-Bibliotheken in NRW – hat die Zeitung als eine der ersten nicht nur online gestellt, sondern bietet seit dem 29. Juli 2021 auch die Möglichkeit einer Volltextrecherche an.

Dies habe ich zum Anlass genommen, durch die Verbindung unterschiedlichster zeitgenössischer Suchbegriffe ("lesbisch", aber auch "Urning" und "Conträrsexualität") eine Bibliografie zu erstellen, die mit einem Klick zum Original-Text führt. Diese Bibliografie habe ich auf meiner Homepage kostenlos online gestellt, wo jetzt mehr als 500 Links direkt zu den jeweiligen Online-Ausgaben der "Kölnischen Zeitung" führen.

Im Folgenden versuche ich diese Artikel historisch einzuordnen und vor dem Hintergrund der Zeit zu bewerten. Man merkt schnell, dass die damalige Berichterstattung über Homosexualität vor allem von Skandalen geprägt war – vom schwulen Dichter Oscar Wilde bis zur lesbischen Mörderin Käthe Hagedorn. Die Artikel umfassen einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren und reichen von strafrechtlicher Verfolgung bis zur Pathologisierung.


Vor 100 Jahren war der "Stadt-Anzeiger" nur die Beilage zur großen "Kölnischen Zeitung"

Der rheinische Widerstand gegen die Kriminalisierung der Homosexualität

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt u.a. im linksrheinischen Köln der unter Napoleon eingeführte französische Code pénal auch unter preußischer Herrschaft weiter – und damit Straffreiheit für homosexuelle Handlungen. (Als "Rheinisches Recht" wird meistens das französische Zivilgesetzbuch "Code Napoléon" bzw. "Code civil" bezeichnet, der 1900 durch das BGB abgelöst wurde.) Spätestens ab 1843 wurde versucht, ein einheitliches und in Bezug auf Sexualdelikte weniger freiheitliches preußisches Strafrecht zu schaffen, das von den Kölner*innen jedoch abgelehnt wurde. Es ist sogar belegt, dass die "Kölnische Zeitung" aktiv versuchte, die mit dem geplanten neuen Strafrecht einhergehende Kriminalisierung homosexueller Männer zu verhindern, und so stellte sie mit Bezug auf homosexuelle Handlungen (hier "widernatürliche Unzucht") sogar die Frage, welches Interesse denn der Staat an einer Strafverfolgung habe, solange die Tat "gegen niemanden gerichtet" sei (17. Juni 1843).

Eigentlich ist das gar keine Frage, sondern ein klares Statement, das man in dieser Deutlichkeit in den nächsten 100 Jahren in dieser Zeitung nicht mehr finden wird. Zwei Wochen später betonte die Zeitung noch einmal, dass homosexuelle Handlungen – von Ausnahmen wie Missbrauch, Gewalt und öffentlicher Skandal abgesehen – weiterhin legal bleiben sollten.

Untypisch für diese Zeit erscheinen zunächst die geschlechtsneutralen Formulierungen, die beim Sex die "Personen des einen oder andern Geschlechts" einschließen (30. Juni 1843). In der Frühen Neuzeit war es dies in Deutschland jedoch üblich und auch Sex zwischen Frauen war strafbar gewesen. Fünf Jahre später war die Kritik am preußischen Strafrechtsentwurf noch nicht verstummt und man zeigte sich froh, dass die "widernatürliche Unzucht" im Rheinland straffrei war. Sie sei etwas, das man am Rhein "kaum dem Namen nach kennt" (8. Februar 1848). Doch auch dieser Protest konnte nicht verhindern, dass 1851 das "Strafgesetzbuch für die Preußischen Staaten" eingeführt wurde, das mit dem § 143 homosexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte. (Sexuelle Handlungen unter Frauen blieben in Deutschland seit diesem Gesetz von 1851 straffrei). Später wurde aus dem § 143 der § 175, den die deutschen Nachfolgestaaten übernahmen, bis er schließlich 1994 endgültig gestrichen wurde.

Die schwule Zeitschrift von Karl Heinrich Ulrichs (1869)

Von dem Homosexuellenaktivisten Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) geht bis heute eine große Faszination aus, weil er die erste Person des öffentlichen Lebens war, die sich öffentlich und selbstbewusst zu ihrer Homosexualität bekannte. Er publizierte sogar eine zwölfteilige Schriftenreihe "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe". Im Dezember 1869 erschien in der "Kölnischen Zeitung" dreimal eine Werbeanzeige für seine geplante Zeitschrift "Uranus" (u.a. 18. Dezember 1869).


Werbung für den "Uranus" – die erste Homosexuellenzeitschrift der Welt

Es handelte sich dabei um die erste Homosexuellenzeitschrift der Welt – die allerdings nur ein einziges Mal erschien. Das erste und letzte Heft der Zeitschrift "Uranus" erschien auch unter dem Titel "Prometheus" als zehnter Band von Ulrichs' Schriftenreihe, die heute als Reprint leicht verfügbar ist. Vermutlich wusste niemand in der Anzeigenredaktion der "Kölnischen Zeitung", dass es sich beim "Uranus" um eine Homosexuellenzeitschrift handelte.

Oscar Wildes "häßlichstes Verbrechen" (1895)

Als der irische Dichter Oscar Wilde (1854-1900) 1895 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs stand, wurde ihm vorgeworfen, mit Lord Alfred Douglas ein sexuelles Verhältnis zu haben, was einen weitreichenden Skandal auslöste. Die "Kölnische Zeitung" bezeichnete den Vorwurf der Homosexualität zunächst als eine "schmähliche Kränkung" (12. März 1895). Als deutlich wurde, dass an der Vermutung wohl etwas dran war, schrieb die Zeitung tabuisierend von einem "Sittlichkeitsverbrechen"" (7. April 1895), einer "anstößigen Wendung" (5. April 1895) und von dem "häßlichsten Verbrechen" (10. April 1895). Über Wildes Verurteilung im Mai 1895 wegen homosexueller Handlungen zu zwei Jahren Zuchthaus berichtete sie nicht (s.a. Wikipedia-Artikel; zur Kölner Rezeption des Skandals s.a. mein Buch, S. 20).

Die Rede von August Bebel im Reichstag (1898)

August Bebel (1840-1913) war einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie und unterstützte die Petition zur Abschaffung des § 175. Weil die Reichstagsprotokolle vom 13. Januar 1898 online sind, kann man einfach nachlesen, dass August Bebel nicht nur auf die nicht verfolgten Verstöße gegen das Strafrecht, sondern auch auf die von ihm unterstützte Petition einging. Vermutlich gehörte die Berichterstattung über diese Rede zu den ersten Beiträgen in der "Kölnischen Zeitung", in denen Homosexualität ausdrücklich benannt wurde.

Die Autoren wollten Bebel aber wohl falsch verstehen und wiesen nur auf die nicht verfolgten Verstöße gegen den § 175 hin (14. Januar 1898), ohne die Petition zu erwähnen. Dadurch entstand – auch bei anderen Zeitungen – der Eindruck, als habe Bebel eine härtere Bestrafung gefordert (zu August Bebels Rede s.a. mein Aufsatz auf queer.de und mein Buch, S. 16).

Die Gerüchte über den Kanonenkönig Krupp (1902)


Homosexualitäts-Gerüchte um Friedrich Alfred Krupp

Friedrich Alfred Krupp (1854-1902) war einer der reichsten Industriellen Deutschlands und Mitglied des Reichstages. In einem Artikel vom 15. November 1902 beschrieb ihn die sozialdemokratische Zeitung "Vorwärts" als homosexuell und löste damit einen weitreichenden Skandal aus. Eine Woche später, am 22. November, war Krupp tot und es wurde ein Gehirnschlag als Todesursache angegeben. Einige Zeitungen vermuteten jedoch einen Suizid (s. Wikipedia).

Von der "Kölnischen Zeitung" wurde Krupp in mehreren Artikeln in Schutz genommen und die Gerüchte wurden als sozialdemokratische Verleumdungen bezeichnet. Ähnlich wie bei Oscar Wilde schrieb die Zeitung dabei nie offen von Homosexualität. Nur der erste Artikel zu Krupps Tod wich etwas von dieser Linie ab und es wurde die Frage gestellt, ob sich Krupp "selbst im Bewußtsein einer Schuld gerichtet" habe (23. November 1902). Nicht nur dem Wissenschaftlich-humanitären Komitee (WhK), sondern auch Zeitungen fiel auf, dass sich selbst ein Krupp so nahestehendes Organ wie die "Kölnische Zeitung" offenbar eine "Schuld" vorstellen konnte (zu Friedrich Alfred Krupp s.a. mein Buch, S. 20-22).

Das "Ärgernis" WhK und die erreichte Gegendarstellung (1904)

Am 5. Oktober 1904 erschien in der "Kölnischen Zeitung" unter dem Titel "Ein öffentliches Aergernis" ein Artikel, in dem der Vorwurf erhoben wurde, dass das versteckte Ziel der Veranstaltungen des WhK nicht objektive Forschung, sondern nur die Befriedigung sinnlicher Triebe sei. Das WhK protestierte gegen diese Darstellung und erreichte, dass seine Gegendarstellung am 22. Oktober 1904 abgedruckt wurde. Darin betonte das WhK, dass sie die "ungeheuerliche Behauptung und Beschuldigung auf das Energischste" zurückweisen.

Die "Kölnische Zeitung" konkretisierte anschließend ihre Bedenken gegen die "subjektiv interessierten Homosexuellen". Der Artikel endet mit der Erklärung der Redaktion, sie sei nur bei einer maßvollen Propaganda für eine Abschaffung des § 175. Solange jedoch das "Gebahren" einiger Homosexueller so "ausgeartet" sei, plädiere sie weiterhin für eine Beibehaltung des Paragrafen. Das lässt sich im Kontext des Artikels leicht als eine verlogene pseudo-liberale Rhetorik interpretieren.

Ein filmreifer Kuss in einem Kölner Hallenbad (1908)

Die Geschichte des Günther Graf von der Schulenburg (1865-1939), Mitglied einer altmärkischen Adelsfamilie, ist absolut filmreif: Im Kölner Hohenstaufenbad bat er 1898 einen jungen Mann um einen Kuss, der dies jedoch ablehnte. Schulenburg wurde trotzdem verhaftet, dachte in der Haft über das Geschehene nach und wurde sich so seiner Homosexualität bewusst. Danach engagierte er sich in der frühen Homosexuellenbewegung und leitete später die erste homosexuelle Interessenvereinigung des Rheinlandes.

Anlässlich eines zehn Jahre späteren Gerichtsprozesses berichtete die "Kölnische Zeitung" wohl erstmals über das frühere "Attentat" im Kölner Hallenbad (17. März 1908), wies darauf hin, dass Schulenburg versucht habe, einen Klub der adeligen Homosexuellen zu gründen, und warf die Frage auf, ob er sich wohl auch homosexuell betätigt habe (18. März 1908).


Das Kölner Hohenstaufenbad als Ausgangsort eines Skandals

Eigentlich ging es bei dem Gerichtsprozess von 1908 darum, dass Schulenburg einen homosexuellen Wandervogelführer geoutet hatte, der nach Angabe der "Kölnischen Zeitung" (18. März 1908) auch als "Tante Frieda" bekannt war. Heute kennen wir die Hintergründe zu dem Prozess von 1908 und wissen, dass es sich bei "Tante Frieda" um den Wandervogelführer Wilhelm Jansen handelte, der nach diesem Outing alle Ämter abgeben musste. Jansens Name wurde von der "Kölnischen Zeitung" weder jetzt noch später genannt. Das lag vermutlich daran, dass Wilhelm Jansen der Sohn von Maria Johanna DuMont war, einer Tochter von Karl Joseph Daniel DuMont – einem der Gründer des DuMont Schauberg-Verlages, in dem die "Kölnische Zeitung" erschien. In diesen verwandtschaftlichen Beziehungen wurde zeitgenössisch der Hauptgrund für die Jansen gegenüber "geübte Nachsicht" in der Berichterstattung der "Kölnischen Zeitung" gesehen (s a. den Abschnitt in meinem Buch, S. 99-106).

Die zurückhaltenden Artikel zu den Harden-Prozessen (1907-1909)

Der Journalist Maximilian Harden (1861-1927) warnte in mehreren Artikeln seiner Zeitschrift "Die Zukunft" indirekt vor einer homosexuellen Hofkamarilla (Nebenregierung) um den Fürsten Philipp zu Eulenburg. Diese Artikel lösten eine Flut von Straf- und Zivilprozessen aus, in denen es um strafbare Handlungen und Verleumdungen ging, bei denen sexuelle Details breit erörtert wurden. Die Affäre wurde zu einem der größten Skandale des deutschen Kaiserreiches und erregte weltweites Aufsehen.

In der "Kölnischen Zeitung" erschienen in der Zeit vom 24. Oktober 1907 bis zum 8. Juli 1909 mehr als 60 Artikel zur Eulenburg-Affäre. Aus diesen Artikeln lässt sich gut ableiten, wie antihomosexuelle Vorurteile als Mittel für politische Ziele genutzt werden. Die breite Diskussion führte einerseits zu einer Enttabuisierung von Homosexualität, andererseits verstärkte sie die schwulenfeindliche Stimmung im Kaiserreich. Dabei übte sich die regierungstreue "Kölnische Zeitung" bei den angegriffenen Personen aus dem Umfeld des Kaisers stets in auffallend großer Zurückhaltung, was in Köln u.a. von der katholischen, der Zentrumspartei nahestehenden "Kölnischen Volkszeitung" thematisiert wurde.


Im Rahmen des Skandals geht es hier um den Unterschied zwischen homosexueller "Veranlagung" und "Betätigung" ("Kölnische Zeitung", 21. April 1909)

Der Leitartikel über Homosexualität und Biologie (1908)

Am 28. Juni 1908 erschien in der "Kölnischen Zeitung" unter der Überschrift "Die Tatsache der Homosexualität im Lichte der Biologie" ein deutlicher und ausführlicher Leitartikel über Homosexualität. Man kann davon ausgehen, dass sich dieser Artikel mit der Verlagsmeinung deckte. Der Autor Otto Zacharias betont, dass er in jeder homosexuellen Person "ein Mitglied der menschlichen Gemeinschaft erblicke, das in erster Linie zwar aufrichtig zu bedauern, in zweiter aber als seelisch-krank und in mancher Hinsicht als gemeingefährlich anzusehen ist. Natürlich wird niemand in den geschlechtlich pervers Veranlagten Verbrechernaturen wittern wollen."

Der Artikel enthält – wie die Überschrift schon andeutet – eine Betrachtung der Homosexualität aus medizinischer Sicht. Homosexuelle wurden vom Autor nicht mehr als Kriminelle, sondern als Kranke angesehen, die keine Bestrafung verdienten, sondern Mitleid bzw. "Heilung". Für viele bedeutete eine solche Sichtweise damals eine Öffnung des Blickwinkels und einen gewissen Fortschritt – für andere war dies nur eine Transformation von Vorurteilen.

Der (zunächst) nicht verhinderte Film "Anders als die Andern" (1919)

Der Film "Anders als die Andern" (1919) war weltweit der erste Film über Homosexualität, der als schwulenpolitischer emanzipatorischer Film ein halbes Jahrhundert ohne jede Konkurrenz blieb. Die "Kölnische Zeitung" wies zunächst auf eine Vorstellung im Kölner Apollotheater hin (13. Juni 1919) und bedauerte einige Tage später, dass man diesen Film leider nicht habe verhindern können (19. September 1919). Das hört sich so an, als wenn die Zeitung ihn gerne verhindert gesehen hätte.


Eine Filmszene aus dem Film "Anders als die Andern" (1919)

Als filmhistorischer Meilenstein wurde der Film vor einigen Jahren restauriert und ist heute auch als DVD erhältlich (s.a. meinen Artikel auf queer.de und den Beitrag in meinem Buch, S. 174-175).

Die Sexualmorde Fritz Haarmanns (1924)

Der schwule Serienmörder Fritz Haarmann (1879-1925) ermordete im Hannover der Zwanzigerjahre mindestens 24 Jungen und junge Männer im Alter von zehn bis 22 Jahren und wurde deshalb im Dezember 1924 zum Tode verurteilt. Ich kenne neun Artikel aus der "Kölnischen Zeitung", von denen die ersten beiden eine eigene Linie der Zeitung verdeutlichen können.

In dem ersten Artikel merkt die Zeitung kritisch an: "Der großstädtische Mob hat wieder einmal eine gründliche Sensation." Weil sich auch die "Kölnische Zeitung" auf diesen Sensationsprozess stürzte, ist die Äußerung leicht als Doppelmoral erkennbar. Außerdem versuchte die Zeitung die Polizei in Schutz zu nehmen, deren Spitzel Haarmann gewesen sein soll (18. Juli 1924).

Der zweite Artikel geht mit beiden Themen in gleicher Weise um: Auch hier werden sowohl die "Sensationsgier des Publikums" als auch die Vorwürfe gegenüber der Polizei kritisiert (2. August 1924). Das Leben von Fritz Haarmann wurde mehrfach verfilmt, u.a. als "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973). In dem Film "Der Totmacher" (1995) übernahm Götz George die Rolle Fritz Haarmanns (s.a. Wikipedia-Artikel zu Fritz Haarmann).

Der empathische Blick auf Lili Elbe (1931)

Lili Elbe (1882-1931) war 1930/31 einer der ersten trans Menschen, die sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen. Nach den Berichten in der "Kölnischen Zeitung" (4. März 1931; 6. März 1931) wurde Lili Elbe durch die Operation von der "seelischen Bedrückung" erlöst und es bestünden keine Zweifel, dass diese "erste Geschlechtsumbildung eines Zwitters in vollem Maß geglückt ist".


Eddie Redmayne als Lili Elbe im Film "The Danish Girl"

Die beiden empathischen Artikel heben sich stark von den Artikeln über Schwule und Lesben ab, wofür es folgende mögliche Erklärung gibt: Früher gab es keine gemeinsame Betrachtungsweise von sexueller Orientierung und sexueller Identität. Während mit Schwulen und Lesben immer Vorstellungen von ausgelebter Sexualität verbunden wurden, waren diese bei trans und inter Menschen zumindest nicht bestimmend. Neben der Vorstellung, einem Menschen durch eine Operation zu helfen, ging es offenbar auch um die Faszination durch Menschen, die nicht in die dualistischen Kategorien von "Mann" und "Frau" passen. Die heutige Vorstellung von Lili Elbe ist vor allem durch den bewegenden Film "The Danish Girl" (2015) bestimmt.

Der "Röhm-Putsch", der keiner war (1934)

Seit April 1931 hatten verschiedene Zeitungen über die Homosexualität des SA-Chefs Ernst Röhm (1887-1934) berichtet (s. meinen Artikel auf queer.de) – wie auch die mittlerweile sehr NS-freundliche "Kölnische Zeitung" (ab 25. Juni 1931). Im Juni/Juli 1934 kam es dann zum sogenannten "Röhm-Putsch": Adolf Hitler ließ die Führungskräfte der SA einschließlich des Stabschefs Ernst Röhm ermorden, was von der NS-Propaganda als präventive Maßnahme gegen einen angeblich bevorstehenden Putsch der SA unter Röhm zu legitimieren versucht wurde. Der Aufmacher der "Kölnischen Zeitung" vom 1. Juli 1934 bringt die Morde nicht nur mit dem (fiktiven) Putsch, sondern auch mit dem § 175 – und damit mit Homosexualität – in Verbindung.


Die Titelseite der "Kölnischen Zeitung" zum "Röhm-Putsch" (1. Juli 1934)

Die inszenierten Klosterprozesse (1936-1937)

Ab Mitte der Dreißigerjahre versuchten die Nationalsozialisten, die katholische Kirche durch die Inszenierung von Prozessen zu homosexuellen Handlungen unter Männern und sexuellem Missbrauch an Kindern zu verunglimpfen. Diese Prozesse von 1936 bis 1937 werden heute auch als "Klosterprozesse" oder "Sittlichkeits-Prozesse" bezeichnet. In der "Kölnischen Zeitung" sind vom 26. Mai 1936 bis zum 27. Juli 1937 mehr als 70 Artikel dazu erschienen, die keinen Grund dafür bieten, zwischen der "Kölnischen Zeitung" und NSDAP-Zeitungen inhaltlich zu unterscheiden.

Schon die erste Überschrift "Prozeß mit 276 Angeklagten" gibt eine Vorstellung von der Größenordnung, während der Untertitel einen Bezug zum "§ 175" und damit zur Homosexualität herstellt (26. Mai 1936). Die ersten Urteile lauteten auf mehrmonatige Haftstrafen (27. Mai 1936), manchmal aber auch auf mehrere Jahre Zuchthaus (30. Mai 1936). In dem Buch "'Verführte Männer'. Das Leben der Kölner Homosexuellen im Dritten Reich" (1994, S. 76-81) wird eindrucksvoll verdeutlicht, mit welchen Methoden die Nazis bei diesen Prozessen vorgingen, indem sie zum Beispiel Geständnisse erpressten. Auf diese Weise wurde die Auseinandersetzung zwischen der katholischen Kirche und den Nationalsozialisten auf dem Rücken homosexueller Männer ausgetragen.

Berichte über Lesben – von Ignorieren bis Banalisieren


Nach ihrem Coming-out erklärte Anna Rüling (Theodora Anna Sprüngli) gegenüber der "Kölnischen Zeitung", dass sie sich "nicht mit Stolz eine Homosexuelle genannt" habe

Frauen spielten im öffentlichen Leben und in der Politik kaum eine Rolle und wie Frauen im Allgemeinen wurden auch Lesben aus der Berichterstattung weitgehend ausgeblendet.

Umso spannender ist die Reaktion der "Kölnischen Zeitung" auf das Outing der WhK-Aktivistin Anna Rüling (Pseudonym von Theodora Anna Sprüngli; 1880-1953), die sich auf einem WhK-Verbandstag outete (s. Artikel vom 1. November 1904 in Verbindung mit 5. Oktober und 22. Oktober 1904). Die "Kölnische Zeitung" schloss daraus, dass das WhK weniger an Forschung interessiert sei, sondern eher an der Organisation von Homosexuellentreffen.

Hinsichtlich der medialen und recht reißerischen Berichterstattung sind in der "Kölnischen Zeitung" einzelne Artikel zur lesbischen Mörderin Käthe Hagedorn (ab 11. Juni 1927) aufschlussreich, die übrigens einige Parallelen zu dem Mordfall von Marion Ihns und ihrer Geliebten Judy Andersen von 1972 erkennen lassen.


Die Homosexualität der Mörderin Käthe Hagedorn wurde auch in der "Kölnischen Zeitung" breit erörtert

Einige Jahre nach Hagedorn wurde auch einige Male über Maria Einsmann berichtet, die viele Jahre als Mann lebte (drei Artikel ab 28. April 1932), um ihre Freundin und deren Kinder zu ernähren (zur neuen Doku darüber s. Artikel auf queer.de).

Vereinzelt wurde auf lesbische Kultur aufmerksam gemacht und man kann nur hoffen, dass – trotz der meist negativen Berichterstattung der "Kölnischen Zeitung" – Lesben auf sie aufmerksam wurden und sie es schafften, sich in positiver Weise mit diesen Werken zu identifizieren. Aus dem literarischen Bereich gehörte dazu Radclyffe Halls Roman "Quell der Einsamkeit" (u.a. 14. Juli 1929), bei dem für die Zeitung wegen der lesbischen Liebe "Bedenken" bestehen, die sie nicht ohne weitere "beiseite schieben kann".

Im Theater gehörten dazu zwei Stücke von Edouard Bourdet: In seinem Stück "Die Gefangene" (17. Februar 1927) ist eine Frau "im Bann der gleichgeschlechtlichen Liebe gefangen" und in "La fleur des pois" (19. Oktober 1932) behandelt er den "peinlichen Gegenstand der gleichgeschlechtlichen Liebe mit Geschick und Takt". Die lesbische Gräfin Geschwitz aus Frank Wedekinds Drama "Die Büchse der Pandora" wird im Kontext der "Psychopathia sexualis" behandelt (u.a. 17. Oktober 1921).

Der bis heute bekannteste lesbische Film aus dieser Zeit ist "Mädchen in Uniform" (1931), wobei die lesbischen Gefühle mit "Verwirrung" (15. Januar 1932) und geschlechtliche "Irrungen" (31. Dezember 1935) nur angedeutet und abgewertet wurden. Die Strafverfolgung von homosexuellen Handlungen bezog sich in dieser Zeit nur auf Männer. Dies war kein Zeichen von besonderer Liberalität, sondern Ausdruck davon, dass Frauen mit eigenen sexuellen Wünschen nicht ernst genommen wurden. Eine Strafausweitung auf Lesben wurde selbst während der NS-Zeit nicht realisiert und nur sehr bedingt diskutiert (6. Juli 1935).

Berichte über Magnus Hirschfeld – von Skepsis bis Hass

Magnus Hirschfeld prägte wie kein anderer die Emanzipationsbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhundert. In der "Kölnischen Zeitung" gibt es viele kleine Mosaiksteinchen, die den skeptischen bis hasserfüllten Blick auf Hirschfeld verdeutlichen. Schon früh zweifelte die Zeitung an dem wissenschaftlichen Interesse Hirschfelds und des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), dessen Treffen als bloßes "Stelldichein der Homosexuellen" diskreditiert wurden (22. Oktober 1904). Allenfalls der Petition zur Änderung des § 175 stand die Zeitung einige Jahre lang aufgeschlossen gegenüber (1. April 1905).

In mehreren Artikeln beschäftigte sich die "Kölnische Zeitung" mit dem Überfall auf Hirschfeld 1920. Sie hielt zwar ein antisemitisches Motiv für möglich, in erster Linie jedoch ging sie jedoch in klassisch erscheinender Täter-Opfer-Umkehr davon aus, dass der Überfall von Hirschfeld selber provoziert worden sei, weil er schließlich "die heikelsten Dinge in aufreizender Deutlichkeit behandelte" (ab 7. Oktober 1920).


Magnus Hirschfeld war der wichtigste Repräsentant der frühen Homosexuellenbewegung

Viele Artikel von 1909 bis 1932 beschäftigen sich mit Hirschfelds Gutachtertätigkeiten, sagen jedoch wenig über Magnus Hirschfeld selbst aus. Anfang der Dreißigerjahre heißt es noch zurückhaltend, dass die von Hirschfeld aufgeworfenen Fragen nur für "gereifte Menschen" geeignet seien (2. März 1930). Nach Hitlers Machtantritt waren keine positiven Artikel mehr zu erwarten. Mit der Überschrift "Studenten säubern das Hirschfeld-Institut" (7. Mai 1933) war sein "Institut für Sexualwissenschaft" gemeint. Mit den Büchern aus diesem Institut wurde kurz danach eine Bücherverbrennung durchgeführt (11. Mai 1933). Hirschfeld wurde nun als "Verkünder sexualer Irrlehren" bezeichnet (16. März 1935).

Der letzte Artikel über Hirschfeld ist eine Kurzmeldung zu seinem Tod in Nizza (17. Mai 1935), wobei unerwähnt bleibt, dass er von seiner Weltreise wegen gerechtfertigter Angst um sein Leben nicht mehr hatte nach Deutschland zurückkehren können. Als schwuler, jüdischer Sozialist gehörte er gleich in mehrfacher Hinsicht zum Feindbild der Nationalsozialisten.

Fazit

Die hier zusammengetragenen Artikel sind allein schon deshalb nicht repräsentativ für das Leben von LGBTI, weil sie nur eine Außensicht darstellen. (Erst nach der Legalisierung konnten LGBTI dieses Bild selbst mit beeinflussen). In vielen Fällen wurden die betreffenden Menschen gegen ihren Willen in den Blickpunkt der Medien gezerrt. Wegen der gesellschaftlichen Tabuisierung ist die Quellenlage für Schwule schlecht. Für Lesben ist sie noch erheblich schlechter, auch wenn hier andere Gründe ausschlaggebend sind. Man ließ Frauen per se nur sehr bedingt am öffentlichen Leben teilnehmen, man nahm sie mit ihren eigenen sexuellen Wünschen nicht ernst, und es fehlte ihnen meistens die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes sexuelles Leben zu führen.

Kein Artikel aus der "Kölnischen Zeitung" kann nur für sich allein betrachtet, sondern alle müssen zumindest im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden. Es kann sich auch hier nur um einen Versuch handeln, einige Hintergründe von Artikeln zu vermitteln, die im Laufe von rund 100 Jahren erschienen sind. Manchmal lässt sich recht gut bestimmen, welche Meldungen stark übertrieben, politisch motiviert oder auch vollkommen inszeniert sind, in welchen Artikeln blanker Hass oder echte Empathie zum Ausdruck kommt. Die Strafrechtsdiskussionen in den Jahren 1843 bis 1848 waren dabei auch für mich erfrischend neu.


Witze, die indirekt zum Ausdruck bringen sollen, dass über Homosexuelle doch eigentlich schon viel zu viel geredet werde ("Kölnische Zeitung", 20. Februar 1921)

In Verbindung mit meinem Buch "Anders als die Andern" (2006) hatte ich die sozialdemokratische "Rheinische Zeitung" ausgewertet. Durch einen Vergleich mit der "Rheinischen Zeitung" merkt man schnell, was in der "Kölnischen Zeitung" fehlt: In ihr ging es nur ganz selten darum, den § 175 zu streichen, oder um Ansätze, Schwule nicht nur als "Täter", sondern auch als Opfer wahrzunehmen. Nur in der "Rheinischen Zeitung" wurden auch Vorträge über Homosexualität angekündigt. Die Offenheit der Mehrheitsgesellschaft, sich mit Homosexualität auseinanderzusetzen, war in den Jahren 1902 bis 1907 wohl am deutlichsten ausgeprägt.

Man merkt, dass auch in der "Kölnischen Zeitung" Homosexualität langsam enttabuisiert wurde und sie über Skandale, Erpressungen und Verurteilungen nach § 175 berichtete. Die partielle Öffnung der "Kölnischen Zeitung" hin zu einer gewissen Akzeptanz ist daran zu erkennen, dass die Zeitung nicht mehr von kriminellen, sondern von kranken Homosexuellen schrieb – also von Personen, die grundsätzlich für ihr Verhalten weniger oder gar nicht verantwortlich seien. Die Beurteilung von Homosexualität war auch von der beruflichen oder gesellschaftlichen Stellung des Betroffenen abhängig und so wurden die Freunde des Kaisers (Krupp) und Personen in wichtiger politischer und gesellschaftlicher Funktion (Harden-Prozesse) von der nationalliberalen "Kölnischen Zeitung" erkennbar geschont.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel und den auf meiner Homepage verlinkten 500 Artikeln Impulse für weitere Forschung setzen konnte. Schon jetzt sind über das Online-Portal zeit.punkt NRW mehrere Zeitungen aus NRW mit Texterkennung durchsuchbar, in den nächsten Jahren werden noch viele Zeitungen folgen. Mit ihren neu zu entdeckenden Artikeln werden diese Zeitungen hoffentlich weitere wertvolle Hinweise liefern, um die Geschichte von LGBTI in NRW zu rekonstruieren und zu verstehen.



#1 AtreusProfil
  • 18.09.2021, 15:48hSÜW
  • Ach Erwin, ich bin dir ja so dankbar. Danke für den Ausflug in die Geschichte.
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#2 Jannis1Anonym
#3 Ith_Anonym
  • 19.09.2021, 15:01h
  • "den bewegenden Film "The Danish Girl" (2015)"

    Übersetzung "bewegender Film" bei Beurteilung durch Cis-Person: Trans als Freakshow für Gaffer*innen; Cis-made trans for Oscar; Trans-trauma-Porn, der von der Community, die er betrifft, massiv kritisiert wurde und wird.
    Dringende Warnung an Trans-Personen vor Ansehen ohne entsprechende Vorabinformation, da hochgradig ermutigend zu körperlicher Selbstschädigung bis hin zum Suizid.

    tldr: Das Übliche.
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#4 goddamn liberalAnonym
  • 19.09.2021, 19:02h
  • Vielen Dank für den sehr informativen Artikel!

    Interessant ist die Rückentwicklung eines bürgerlichen Blattes im Laufe des 19. Jahrhunderts.

    Solange man sich an Paris bzw. am Jakobinismus orientierte, stellten die Journalisten homophobe Gesetze in Frage.

    Als man sich dann mentalitätsmäßig immer mehr der heutigen selbsternannten LGTBI-Freiheitszone annäherte, war es mit der Freiheit (nicht nur für uns) schnell vorbei.

    Zufall?

    Wohl kaum.
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