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Ab Donnerstag im Kino

Der lange Weg zum Ich

Wie keine Doku zuvor, liefert "Trans – I Got Life" Einblicke in die vielfältige Gefühlswelt, die eine Transition mit sich bringt. Mit seinem Feingefühl hat der Kinofilm das Potenzial, Brücken zu bauen, ohne seine Protagonist*innen zum Kuriosum zu degradieren.


Elisabeth Sophia Landsteiner ist eine von sieben Protagonist*innen des Films, der am 23. September im Kino startet. Die Hobbyfliegerin ist die erste und bislang einzige Frau im Rang eines "Oberst" im deutschen Heer (Bild: mindjazz pictures)
  • Von Arabella Wintermayr
    22. September 2021, 17:43h, 2 Kommentare

Noch bevor man das Meer sieht, hört man es rauschen. Bilder der Brandung vermischen sich mit denen einer Brust eines trans Mannes. Zwei Personen spazieren am Strand, sie philosophieren über zukünftige Möglichkeiten geschlechtsangleichender Operationen – und buchstäblich über Gott und die Welt. Eine davon ist Dr. Marci Bowers, eine US-amerikanische Koryphäe der Trans-Chirurgie, sie sagt: "Deconstructing gender is part of evolution."

Es ist eine stimmige Eröffnung für einen Dokumentarfilm, der sich dem Thema "Trans-Sein" auf durchaus poetische, niemals pathologisierende Art und Weise annähert. Für "Trans – I Got Life" haben die Filmemacherinnen Imogen Kimmel und Doris Metz mehrere trans Personen über einen längeren Zeitraum begleitet. Die daraus resultierenden Gespräche sind überaus persönlich, teils emotional und immer aufschlussreich. Die Fragenden treten dabei gegenüber den Erzählenden angenehm in den Hintergrund, lassen ihren Gesprächspartner*innen Raum, um ihre individuelle Geschichte nachzuzeichnen.

Auch die Auswahl der Protagonist*innen ist gelungen: Die trans Männer und Frauen vermitteln einen nachhaltigen Eindruck von der Vielseitigkeit der ganz verschiedenen Wege zum eigenen Ich, mit welchen Schwierigkeiten, Hoffnungen und Freuden sie verbunden sind.

Verena reist in ihr Heimatdorf

Besonders beeindruckend ist Verenas Biografie. Der Film begleitet sie bei einem Besuch in die oberpfälzische Heimat, auf dem Dorf hat sie sich niemals weiblich präsentiert. Hier kennt man sie noch als LKW-Fahrer, engagiert im Schützenverein und bei der Feuerwehr. Entsprechend groß ist die Furcht davor, auf dem örtlichen Friedhof erkannt zu werden. Lange hadert sie mit sich, an das Grab ihrer Großmutter zu gehen, wo Umstehende sich zusammenreimen könnten, wer sie ist.



Die endgültige Entscheidung, die Transition zu durchlaufen, fällte sie zu ihrem 40. Geburtstag. Der Kampf mit der eigenen Identität war damals schon so weit fortgeschritten, dass für sie klar war: Entweder das, oder "ich lege mich zwei Meter tiefer". Ihre Wahrheit konsequent zu leben, war für sie die richtige Entscheidung – aber durchaus auch eine, die viel Einsamkeit mit sich brachte.

Gefühlswelt und Körperlichkeit

Im starken Kontrast zur Ur-Bayerin Verena steht etwa Janas Geschichte. Dass sie ein Mädchen ist, war Jana bereits im Alter von drei Jahren klar. Seither unterstützt ihre Familie sie auf ihrem Weg, ihr erster Freund reagierte überaus positiv auf ihr Coming-out. Mittlerweile fühlt sie sich sehr wohl in ihrer Haut, präsentiert sich stolz auf Instagram.

Neben emotionalen Herausforderungen und sozialen Aspekten, wie der Angst vor Ausgrenzung, geht es in "Trans – I Got Life" jedoch auch um die zahlreichen medizinischen Wirrungen, die eine Transition mit sich bringt: Jana geht noch zur Schule, als sie mit ihrer Mutter einen Chirurgen aufsucht und plötzlich die Frage im Raum steht, ob es nicht sinnvoll wäre, vor der Operation Samenzellen zu entnehmen – im Falle eines späteren Kinderwunschs.

Komplikationen bei den OPs

Dass es durchaus auch anders laufen kann, unterstreichen wiederum die Gespräche mit Conny und ihrer Lebensgefährtin. Die Operationen waren mit schweren Komplikationen verbunden, eine befriedigende Sexualität lange nicht möglich.

Statt einer nüchtern-sachlichen Einordnung medizinisch-technischer Fakten aus dem Off, die im atmosphärischen Dokumentarfilm wie ein Fremdkörper wirken würde, begleitet der Film immer wieder Dr. Jürgen Schaff, der bereits über 9.000 Operationen in der Trans-Chirurgie durchgeführt hat. Er ist im OP-Saal zu sehen, im Gespräch mit Patient*innen – und schließlich auch auf einer Russland-Reise, wo er sein Wissen mit einer interessierten Ärztin teilt.

Feinfühlig, versöhnlich, bestimmt

Mit Elisabeth Sophia Landsteiner, der ersten und bislang einzigen Frau im Rang eines "Oberst" im deutschen Heer, taucht "Trans – I Got Life" auch hierzulande in Teile der Gesellschaft ein, die traditionell als queerfeindlich gelten. Als Gleichstellungsbeauftragte des Ausbildungskommandos ist sie im Umgang mit dem militärischen Nachwuchs zu sehen. Der Ton ist rau, ihr Auftreten bestimmt, man zollt ihr merklich Respekt.

Dass nicht nur ihre Arbeit, sondern bereits ihre Existenz in der Bundeswehr wertvoll ist, versteht sich allein durch die Bilder des Films. Worte braucht er dafür nicht, er ist nuanciert genug. Ausgewogenheit und Feingefühl gehören ohnehin zu den Stärken von "Trans – I Got Life", der so versöhnlich und zuversichtlich wie wohl kein Dokumentarfilm zuvor in das weite Feld des "Trans-Sein" eintaucht, ohne dabei negative Aspekte, Diskriminierungen und rechtliche Schikanen ausblenden zu müssen.

Vielleicht ist er am Ende sogar ein Film, der das Potenzial hat, aufzuklären, Brücken zu bauen und Akzeptanz zu erhöhen – anders als oft in der Vergangenheit der Fall war, ohne seine Protagonist*innen zum Kuriosum zu degradieren. Zumindest beim Filmfest München scheint das bereits gelungen zu sein: Dort wurde die Doku mit großer Begeisterung aufgenommen und mit dem Publikumspreis ausgezeichnet (queer.de berichtete).

Infos zum Film

Trans – I Got Life. Dokumentarfilm. Deutschland, Russland, USA 2021. Regie: Imogen Kimmel, Doris Metz. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: deutsch-englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: mindjazz pictures. Kinostart: 23. September 2021


#1 Meleg29Profil
  • 23.09.2021, 22:54hCelle
  • Absolut sehenswert!
    Lief Montag in Hamburg mit Nachgespräch mit Regisseurinnen und Protagonist*innen.
    Gänsehaut!
    Tiefgang!
    Großartige Nähe und dabei wertschätzend!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 LotiAnonym
  • 24.09.2021, 12:45h
  • Antwort auf #1 von Meleg29
  • Mit Sicherheit sehr,sehr sehenswert. Vor ein paar Tagen sah ich auf Arte die Dokumentation über Transfrauen in Neapel Italien und bin zutiefst gerührt und zugleich sehr traurig über die dortigen Zustände. Dort werden Transfrauen immernoch wie Dreck behandelt und sogar ermordet.
  • Antworten » | Direktlink »