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Tschetschenien
Kadyrow an Biden: Wir haben hier keine Schwulen
Der tschetschenische Machthaber stört sich mit einem homofeindlichen Ausbruch daran, dass der US-Präsident in einer Rede vor der UN die Situation queerer Menschen in der russischen Teilrepublik erwähnt hatte.

Der russische Präsident Wladimir Putin (l.) hatte seinen "Statthalter" in Grosny, Ramsan Kadyrow, im Sommer öffentlich zum Wiederantritt bei den Wahlen aufgerufen
- 23. September 2021, 12:57h 3 Min.
Der gerade für fünf weitere Jahre im Amt "bestätigte" tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow hat erneut unter einem schwulenfeindlichen Ausdruck die Kritik an der Verfolgung von LGBTI in seinem Land zurückgewiesen. Der amerikanische Präsident Joe Biden hatte am Dienstag bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung gesagt: "Wir alle müssen die Rechte von LGBTQI-Personen verteidigen, damit sie ohne Angst offen leben und lieben können, sei es in Tschetschenien oder Kamerun oder an jedem anderen Ort."
Kadyrow, der am letzten Wochenende bei der Präsidentschaftswahl in der teilautonomen russischen Republik für die Putin-Partei "Einiges Russland" 99,7 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 94,6 Prozent erzielt haben soll, antwortete drauf in sozialen Netzwerken: "Biden hat eine so absurde Aussage gemacht, auf die ich ihn nur in unsere Republik einladen kann, damit er mit eigenen Augen sehen kann, dass es in der tschetschenischen Republik keine 'Schwuchteln' gibt." Konkret benutzte er den Begriff "petuch" – Wörterbücher verzeichnen dazu, dass das russische Wort für "Hahn" als Gefängnis-Slang für einen gedemütigten männlichen Gefangenen, der sexuell missbraucht wird, gelte und auch durch die Nähe zum Begriff für "Päderast" zu einem allgemeineren abwertenden Begriff für Schwule geworden sei.
Zuvor hatte Dmitri Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, die Botschaft Bidens zurückgewiesen. Er begnügte sich dabei mit dem formalen Hinweis, dass man Kamerun, einen eigenständigen Staat, nicht mit Tschetschenien als Region innerhalb der Russischen Föderation vergleichen könne. "Eine solche Auflistung ist aus politgeographischer Sicht falsch", so der Kreml-Sprecher, der in der Vergangenheit mehrfach selbst die anti-queere Verfolgung in Grosny abgestritten und Forderungen nach einer Aufklärung durch Moskau abgelehnt hatte.
Kadyrow hatte die Verfolgung queerer Menschen in seiner Republik immer wieder zynisch-augenzwinkernd abgestritten und dabei oft zusätzliche ausgrenzende Aussagen getroffen. Das "Übel" der Homosexualität existiere nicht in Tschetschenien, das sei "Ehrenkodex des Volkes", sagte er 2019. Die "Saat der Sodomie wird hier nicht aufgehen", meinte sein Informationsminister wenige Monate zuvor. 2017 hatte Kadyrow gesagt, es gebe bei ihm keine Schwulen, ansonsten sollte sie Kanada aufnehmen: "Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie" (queer.de berichtete).
Unter anderem wegen der anti-queeren Verfolgung hatten die USA und die EU Kadyrow und einige Gefolgsleute mit Sanktionen wie Einreiseverboten belegt. Anfang 2017 wurden in Tschetschenien über hundert Männer wegen vermuteter Homosexualität verschleppt und in außergesetzlichen Lagern neben weiteren Gefangenen gefoltert, einige von ihnen starben dabei (queer.de berichtete). Nach internationaler Empörung wurde das mutmaßliche Hauptinhaftierungslager in Argun geräumt, später kam es aber immer wieder zu lokaler Verfolgung, die auch vermutete Lesben oder trans Menschen umfasste (queer.de berichtete).
Obwohl immer neue Details und Beweise für die Verfolgung veröffentlicht wurden, verschleppten die zuständigen russischen Behörden alle Ermittlungen. Europarat und OSZE hatten eigene Untersuchungen zu den Verfolgungen angestellt und in den letzten Jahren die dafür zuständigen russischen Behörden mehrfach aufgefordert, Hintergründe zu ermitteln, Verantwortliche zu bestrafen und das nicht nur gegenüber LGBTI herrschende "Klima der Rechtlosigkeit" in der Region zu beenden (queer.de berichtete). Im April stellten das russische LGBT Network und ein deutscher Verein Anzeige gegen mehrere mutmaßliche Verantwortliche der Taten bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe (queer.de berichtete). (nb)















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