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"Sketch for a Fountain"

Der queere Brunnen kehrt nach Münster zurück

Vor vier Jahren war das Kunstwerk "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenman Ziel queerfeindlicher Attacken. Als Mahnmal holt es ein privater Verein nun nach Münster zurück. Am 2. Oktober ist Einweihung.


Ein idyllisches, friedliches Miteinander von queeren Figuren: Brunnen "Sketch for a Fountain" der US-Künstlerin Nicole Eisenman 2017 in Münster (Bild: Dein Brunnen für Münster)

An diesem Brunnen gab es schon Liebeserklärungen und Hochzeitsfeiern. Er war im Jahr 2017 ein großer Anziehungspunkt bei den Skulptur Projekten. Täglich kamen bis zu 2.500 Menschen zu dem Kunstwerk. Am Tag nach der Bundestagswahl aber sorgten queerfeindliche und antisemitische Schmierereien für Entsetzen. Zuvor waren den fünf Figuren von "Sketch for a Fountain" der New Yorker Künstlerin Nicole Eisenman im Sommer die Köpfe abgeschlagen worden.

Das Kunstwerk mit überlebensgroßen, geschlechtslosen Figuren steht für das Thema Diversität und Toleranz und war nach den dreimonatigen Skulptur Projekten 2017 abgebaut worden. Die internationale Kunstausstellung gibt es seit 1977 alle zehn Jahre im öffentlichen Raum Münsters. Der Brunnen war einer der Publikumsmagnete. Bei der wichtigsten Freiluftgroßausstellung weltweit waren 2017 rund 600.000 Besucher*innen in die Stadt gekommen. Die Installation stand am nördlichen Rand der Innenstadt an der Promenade, die Münster als Radweg umschließt.

Kunst im ehemaligen Cruisinggebiet

Nach dem Einzug der AfD in den Bundestag stand für eine Gruppe aus Münster fest: Dieser Brunnen an der Kreuzschanze soll als Mahnmal zurück in die Stadt – und das dauerhaft. Der Standort vor dem sogenannten "Liebeshügel" war damals bewusst gewählt worden. Die Erhöhung im Promenadengebiet ist mit Baumbewuchs versehen und diente insbesondere in den Sechziger- und Siebzigerjahren als heimlicher Cruising-Treffpunkt schwuler und bisexueller Männer.

Am 2. Oktober wird das zurückkehrte Kunstwerk eingeweiht. Auf die Beine gestellt hat das Projekt eine private Initiative. "Für uns war der Tag nach der Bundestagswahl eine Initialzündung", erinnert sich Kunsthistorikerin und Gründungsmitglied Maria Galen. Der Verein "Dein Brunnen für Münster" mit Galen, Manfred Petermann, Uta Ramme, Sandra Silbernagel und Soetkin Stiegemeier-Oehlen musste anfangs viele Widerstände überwinden.

In der Bevölkerung gab es nicht nur Fürsprecher*innen. In den Leserbriefspalten der Zeitungen lieferten sich Gegner*innen und Brunnenfans erbitterte Auseinandersetzungen. Die einen verwiesen auf die Promenade als Bodendenkmal, einem schönen Ort, der nicht verändert werden sollte. Die anderen sahen zu viel Kunst im öffentlichen Raum, auch der Denkmalschutz wurde als Argument genannt. "Einige Kritiker haben ihre Meinung im Laufe der Zeit geändert. Andere aber haben das Angebot zum Gespräch nicht einmal angenommen", sagt Stiegemeier-Oehlen.

Nicole Eisenman war anfangs auch skeptisch. Sie glaubte nicht an den Weg, den queeren Brunnen über viele kleine Spenden zu finanzieren. Aus den USA ist sie Großspenden gewohnt. Der Verein aber wollte genau das nicht. Jede*r sollte nicht mehr zahlen als möglich.

10.000 Spender*innen ermöglichten Rückkehr

Jetzt, über vier Jahre nach den Skulptur Projekten, steht der neue Brunnen auf einer breiten Finanzbasis. "Beteiligt haben sich rund 10.000 Spenderinnen und Spender aus der Bürgerschaft, die Stadt Münster, das Land NRW, das Bistum Münster sowie mehrere Stiftungen und um die 100 Firmen, die finanziell oder durch pro bono Leistungen die Umsetzung des Projektes ermöglicht haben, sowie unerwartete Mehrkosten abfedern", sagt Stiegemeier-Oehlen aus dem Gründungsteam des gemeinnützigen Vereins.

Die Dauerinstallation entspricht nicht eins zu eins dem Werk aus dem Jahr 2017. So werden drei Gipsfiguren durch weiß-patiniertes Aluminium ersetzt. Gegossen wurden die Figuren in einer Werkstatt in Düsseldorf. Der Brunnen selbst ist nicht wie 2017 aus Plastik, sondern aus Stein.


Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchten 2017 den queeren Brunnen (Bild: Presseamt Münster)

Immer wieder Zeitverzug gab es durch die Corona-Krise. Als der Rat der Stadt Münster am 24. Juni 2020 in der Nachtsitzung der Rückkehr zustimmte, war das Projekt aber endgültig durch.

Zuvor jedoch mussten sich die Vereinsmitglieder durch ein Förderdickicht kämpfen. "Anfangs haben wir ein Jahr lang Guerilla-Marketing betrieben. Dann haben wir uns um Anträge gekümmert. Aber wir passten nicht ins Raster für öffentliche Förderungen", sagt Stiegemeir-Oehlen. Es sei schwierig, kompliziert und sehr zeitaufwändig gewesen. Die Gruppe tingelte 2018 über Viertel- und Straßenfeste, präsentierte sich bei Kunstausstellungen, der langen Nacht der Museen und sammelte Spenden per Lotterie ein. Sie verkaufte Brunnenbier, Brunnenbrötchen und Brunnenpesto.

Verein rechnet mit erneuten Beschädigungen

Der exakte Wert des Brunnens ist schwer zu beziffern. Hier spielt auch der Kunstmarkt eine Rolle. Der Verein schätzt die Summe auf 2 bis 3 Millionen Dollar. Weitere Ausführungen mit diesem Wert stehen in Boston und Dallas. Der Brunnen für Münster ist in seiner Umsetzung ein Unikat. Die Galerie der Künstlerin verzichtet auf ihre Marge, die Künstlerin auf einen Teil ihrer Gage. Für den Aufbau in Münster rechnet der Verein mit Produktionskosten von rund 600.000 Euro. Weitere 100.000 Euro sollen in eine Stiftung fließen, um den Unterhalt in den kommenden zehn Jahren zu sichern.

Zum Kernteam des Vereins zählen neben Galen und Stiegemeier-Oehlen noch Manfred Petermann, Uta Ramme und Sandra Silbernagel. Rechnen sie mit erneuten Beschädigungen? "Ja, das wird passieren. Die Aaseekugeln werden auch ständig beschmiert", sagen die Vereinsmitglieder. Seit 1977 steht das Kunstwerk "Giant Pool Balls" von Claes Oldenburg am Aasee. Das Werk des Schweden zählt seit Jahrzehnten zum Stadtbild.

Der Verein hat von der Stadt die Auflage bekommen, das Werk umgehend zu reinigen, wenn es passiert. Dafür stehen 10.000 Euro pro Jahr bereit. "Das ist das Risiko, dass Blödmänner sich austoben. Das ist aber Teil der Auseinandersetzung mit dem Werk."

Nach Angaben des Vereins wünscht sich die Künstlerin den Brunnen als lebendigen Ort mit spielenden Kindern. Eisenmans jüdische Vorfahren waren aus Deutschland und Österreich geflohen. "Sie stellt sich vor, wie die Figuren sich am Brunnen auf der Flucht ausruhen und abhängen", sagt Stiegemeir-Oehlen.



#1 BaerchenProfil
  • 25.09.2021, 02:36hzuhause
  • Einerseits schön daß dieser Brunnen zurückkehrt, ich befürchte jedoch es geht wieder von vorne los, das Kunstwerk wird beschmiert und besudelt, im schlimmsten Fall vielleicht sogar zerstört, zur Zeit ist doch mittlerweile alles möglich, Hass nimmt doch überhand. Ich bekomme langsam etwas Angst, jeden Tag liest man doch inzwischen von Angriffen auf Schwule, lesbische oder Trans-Menschen, wann wird denn endlich etwas dagegen unternommen, Hass hat keinen Platz in der Menschheit!
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#2 queergayProfil
  • 25.09.2021, 03:34hNürnberg
  • Selbstverständlich soll und muß Kunstfreiheit herrschen. Bei diesem Brunnen-Kunstwerk habe ich aber auch Verständnis, wenn es nicht allen Betrachtern gefällt oder zusagt.
    Einen mich mehr überzeugenden queeren Brunnen kann ich mir echt vorstellen.
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