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Interview

"Das zeigt die ganze Arroganz der Union"

Die Reform des Personenstandsrechts und die Einführung des Geschlechtseintrags "divers" verursachen seit 2018 großes Chaos. Aktivistin Julia Monro erzählt im Interview davon und gewährt haarsträubende Einblicke.


Aktivistin Julia Monro (Bild: privat)

Julia Monro ist Trans-Aktivistin, in der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität aktiv und war früher im Vorstand des Bundesverbandes Trans. Sie berät Betroffene des menschenrechtswidrigen Verfahrens zur Änderung des Namens- und Personenstands nach dem Transsexuellengesetz und hat die politische Schlacht um die Reform des Personenstandsgesetz und den Geschlechtseintrag "divers" aus nächster Nähe beobachtet.

Im Interview mit queer.de erzählt sie, wie dilettantisch das neue Gesetz Ende 2018 eingeführt worden ist, wie das Bundesinnenministerium den entstandenen Schaden stets anderen in die Schuhe geschoben hat und was das Ganze mit einer grundsätzlich arroganten Haltung der Unionsparteien gegenüber transgeschlechtlichen Menschen zu tun hat.

Julia Monro, 2017 trug das Bundesverfassungsgericht der Regierung auf, einen positiven dritten Geschlechtseintrag zu schaffen. In der Urteilsbegründung ging es viel um das Selbstempfinden von Personen, das nicht objektivierbar, beweisbar ist. Trotzdem kam dann ein Verfahren, für das man seine Intersexualität medizinisch beweisen muss. Wie kann das sein?

Zunächst ist das Verfahren zur Gesetzgebung aus Gründen der Zuständigkeit an das Haus des Bundesinnenministeriums gegangen. Da es sich um personenstandsrechtliche Angelegenheiten handelt, hatte also das Innenministerium die Federführung bei der Schaffung des Gesetzes. Es wurde darüber hinaus auch in parlamentarischen Ausschüssen beraten, auch unter Hinzuziehung von Expert*innen und Verbänden. Ständig wurde empfohlen, eine Ungleichbehandlung von Trans und Inter zu vermeiden. Auch im Bundesrat, dort zum Beispiel im Ausschuss für Familie, Jugend und Senioren. Dort wurde empfohlen, dass es, obwohl das ursprüngliche Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf die Beschwerde einer intergeschlechtlichen Person zurückgegangen war, eine einheitliche Regelung für die Belange von Trans und Inter geben sollte.

Der Empfehlung, die der Ausschuss beschlossen hat, ist man dann im unionsgeführten Ministerium allerdings nicht gefolgt. Es gab da auch Aussagen, man vertraue im Ministerium lieber auf die "eigene Expertise" statt auf die Ausschussarbeit. Es ist nichts darüber bekannt, wer dann diese Expertise hausintern vorgetragen hat. Jedenfalls hat man dann beschlossen, dass man beim Gesetzentwurf, der ja eine Reaktion auf das Verfassungsgerichtsurteil zu sein hatte, transgeschlechtliche Personen außen vor lassen wolle. Es sollte nur für intergeschlechtliche Personen gelten.

Eine Beschränkung nur auf Inter wäre allerdings verfassungswidrig. Deshalb ist denn intern eine Empfehlung ausgesprochen worden, in der begleitenden Begründung für das Gesetz eine Formulierung zu wählen, die auf die Konsensus-Konferenz von Chicago aus dem Jahr 2005 zurückgeht. Auf der ärztlichen Konferenz war damals der Begriff der "Varianten der Geschlechtsentwicklung" geprägt worden. Im späteren Rundschreiben des Hauses ist aus diesem Vorschlag irgendwann eine angeblichfestgeschriebene Definition geworden. Unserer Auffassung nach hat das Ministerium also massiv in die Auslegung des Gesetzes, das ja vom Bundestag beschlossen wird, eingegriffen. Wenn ein Bundesministerium seine Machtposition so perfide einsetzt, um den Interpretationsspielraum eines Gesetzes in eine gewünschte Richtung zu lenken, dann wundert es wenig, dass der Vorwurf der Rechtsbeugung erhoben wird.

Ist das, was die Konsens-Konferenz damals definiert hat, denn nicht deckungsgleich mit dem, was man unter Intergeschlechtlichkeit versteht?

Bei der Konferenz waren verschiedene Wissenschaftler*innen, die da referiert haben, und am Ende hat man mit einem Paper vorgeschlagen, die "Varianten der Geschlechtsentwicklung" zu definieren. In den darauffolgenden Jahren gingen die Gespräche jedoch weiter, so wurden die Überzeugungen von 2005 teilweise revidiert und weiterentwickelt. Wissenschaft ist ja ein Entwicklungsprozess, in dem kleine Entwicklungsschritte gemacht werden. Arztpraxen nun dazu zu verpflichten, sich an einer 15 Jahre alten Definition zu orientieren, ist deshalb schon aus medizinisch-ethischen Gründen problematisch. Medizinische Leistungen haben gemäß §2 SGB V den "allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse zu entsprechen und den medizinischen Fortschritt zu berücksichtigen".

Wo wurde der Vorwurf der Rechtsbeugung gegen das Ministerium erhoben?

Es gab ja deutschlandweit ganz viele Verfahren zu dem neuen Personenstandsparagraphen. Ich habe selber über hundert Verfahren begleitet. Zwei davon , haben den Bundesgerichtshof erreicht. In der Rechtsbeschwerde gegenüber dem Gerichtshof wurde der Vorwurf erhoben, das Bundesinnenministerium habe mit seinem Rundschreiben versucht "die Deutungshoheit über den Inhalt der gesetzlichen Regelung zu bekommen", während der Gesetzgeber in seiner Gesetzesbegründung die Worte "intersexuell" oder "intersexuelle Menschen" selber gar nicht benutzt habe. Im Gesetzesmaterial tauchen diese Begriffe schlicht nicht auf.
Zusätzlich kam ein vom Bundesfamilienministerium beauftragtes Rechtsgutachten zu dem Ergebnis, das Rundschreiben sei eine versuchte "Einschüchterung".

Schließlich hat der Bundesgerichtshof nichtbinäre Geschlechtsidentitätals "empfundene Intersexualität" betitelt.Das ist eine Wortneuschöpfung und wurde von Interessenvertretungen umgehend kritisiert, weil dem Gericht offensichtlich die Sachkunde zum Thema fehlte.

Zudem: Das Innenministerium hat ja eine bestimmte Machtposition in dieser Angelegenheit inne. Die geben zum Beispiel die Empfehlungen an Standesämter heraus, wie die Gesetze zu interpretieren haben. Und damit hat das Ministerium massiv in die Auslegung des Gesetzes eingegriffen. Wenn dort schon mit ganz feinen Nuancen die Begrifflichkeiten verändert werden, gibt das ein ganz anderes Bild ab, als wie es im Gesetz selber festgeschrieben worden ist. Das Ministerium hat sich dazu erhoben, ein Gesetz zu eigenen Gunsten auszulegen, die Deutungshoheit über die Regelung zu bekommen.

In den ersten Monaten nach Inkrafttreten des neuen Personenstandsgesetzes nutzten seit Januar 2019 viele transgeschlechtliche Menschen den Weg über dieses Gesetz der sogenannten "dritten Option", um sich als "männlich" oder "weiblich" eintragen zu lassen, obwohl sie selber gar nicht intergeschlechtlich waren. Wie funktioniert das?

Das war eine logische Konsequenz, dass das so kommt. Wenn zwei Möglichkeiten für eine Änderung des Personenstands existieren, suchen sich die Leute natürlich den leichteren Weg. Bereits im Gesetzgebungsverfahren wurde vor einer Ungleichbehandlung im Ausschuss gewarnt. Einige Personen haben dann entdeckt, dass sie nur zur Hausarztpraxis gehen brauchten, sich von denen ein Attest über das Vorliegen einer "Variante der Geschlechtsentwicklung" holen mussten und dann konnten sie damit zum Standesamt. Dort haben sie ihren Namen und ihren Personenstand ändern lassen und fertig. Das kostete zum Beispiel 20 Euro und war mit einem Zeitaufwand von einer halben Stunde verbunden. Das Verfahren nach dem Transsexuellengesetz ist ja ungleich aufwändiger, teurer, dauert viel länger und ist völlig übergriffig.


Im Jahr 2018 haben viele Menschen koordiniert Anträge auf einen dritten Personenstand gestellt und so den politischen Druck erhöht (Bild: AktionStandesamt2018 / twitter)

Der Weg, den diese Leute gefunden hatten, hat dann die Runde gemacht und das ist dann aufgefallen, unter anderem beim Qualitätszirkel Transsexualität München, einem Zusammenschluss von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen. Da zählt auch der berüchtigte Dr. Alexander Korte dazu, der gegenwärtig als Kronzeuge für allerlei transfeindliche Veröffentlichungen dient. Die haben in der Folge tatsächlich eine Beschwerde an das Innenministerium gerichtet und am 29.03.2019 ein Antwortschreiben erhalten, wonach es nicht in Ordnung sei, dass Leute am Transsexuellengesetz vorbei Namen und Personenstand ändern lassen. Der QZ hat sozusagen gepetzt.

Der Qualitätszirkel hatte darüber auch auf seiner Webseite berichtet, das Schreiben selber aber nicht online gestellt. Dazu muss man wissen, dass zum Beispiel Therapeut*innen ja auch ein finanzielles Interesse an der Aufrechterhaltung der bisherigen Zwänge haben, weil sie die Leute dann jahrelang in Therapie haben und auch auf Grundlage des Transsexuellengesetzes begutachten. Etwa zwei Wochen später hat dann das Bundesinnenministerium in einem Rundschreiben an alle Standesämter des Landes eine Warnung ausgesprochen.

Aber wie war es denn ursprünglich in den Standesämtern vor Ort dazu gekommen, dass Menschen über den neuen Personenstandsparagraphen Namen und Eintrag ändern konnten? Wie ging das, etwa mit den Mitarbeiter*innen der Ämter vor Ort?

Das hat deshalb geklappt, weil es ursprünglich gar keine Anweisung durch das Innenministerium gegeben hatte. Es gab also das neue Gesetz, dann gab es gleich Probleme mit der Software, die die Ämter nutzten, die hatte kein Update erhalten. Die Mitarbeiter*innen haben in ihren Systemen die neuen Paragraphen überhaupt nicht gefunden. Formulare waren nicht vorhanden. Manchmal wurde dann vor Ort alternativ Paragraph 46 der Personenstandverordnung angewandt. Es gab einfach sehr viel Unwissen und Unsicherheit in der Anwendung. Einige Mitarbeiter*innen sagten: "Das existiert gar nicht", andere sagten, das gelte nur für den Geschlechtseintrag "divers". Sie haben einfach nicht gewusst, wie sie mit dem Gesetz umgehen müssen.

Das Ministerium hat dieses Gesetz mit geschaffen, aber nicht bedacht, was das heißt, wenn es vor Ort angewandt werden muss. Das hat ja Folgewirkungen für verschiedenste Lebensbereiche, etwa bei der Polizei, bei Körperdurchsuchungen, in der Software, in Behörden. Das ist alles nie bedacht worden und so waren die Standesämter vor den Kopf gestoßen. Die haben dann im Einzelfall einfach nur gesehen: Mit dem Attest "Variante der Geschlechtsentwicklung" sind die Voraussetzungen erfüllt, also mache ich das und fertig.

Wie haben die Mitarbeiter*innen und die Ämter auf das Rundschreiben des Ministeriums reagiert?

Einige haben dann begonnen, Personen, die das Gesetz anwenden wollten, von vornherein zu mustern und sie pauschal nach deren Aussehen bewertet. Da wurde dann gesagt: "Du bist gar nicht inter, du bist trans". Es wurde nach optischen Maßstäben geurteilt, Atteste wurden infrage gestellt oder behauptet, ein Attest von Psychotherapeut*innen zähle aber nicht, man akzeptiere nur Atteste von Urolog*innen beispielsweise. Die Standesämter haben also selbständig eigene Regeln, und zwar völlig unterschiedliche, für sich gefunden.

Was ich höchst problematisch fand, war beispielsweise der Umgang in Sachsen-Anhalt. Da wurden alle Verfahren nach dem Paragraphen 45b zentral an das Landesverwaltungsamt in Magdeburg gesandt und dort entschieden. Das widerspricht aber eigentlich der Unabhängigkeit der Standesbeamten, die sind nach Paragraph 2 des Personenstandsgesetzes sozusagen wie "Richter*innen" in dieser Sache, sie dürfen selbständig entscheiden und sind nicht weisungsgebunden. Das Landesverwaltungsamt in Magdeburg hat denen dann aber kurzerhand die Befugnis entzogen und es denen verboten, Namen- und Personenstandsänderungen nach dem neuen Paragraphen auszustellen. Da sieht man: An mehreren Stellen ist es da einfach zu Rechtsbrüchen gekommen.

Einige haben sogar eigene Formulare erstellt und den Personen vorgegeben, was sie beim Standesamt zu erklären haben. Die Selbsterklärung zählte nicht mehr. Esgibt heute noch Formulare, in denen die Person beim Standesamt erklären soll, sie falle unter den Anwendungsbereich gemäß dieser Konferenz von 2005. Solche Erklärungen vorzuformulieren beziehungsweise Vorgaben zu machen, ist völlig absurd.Es zeigt, wie Voraussetzungen aus der Gesetzesbegründung willkürlich manipuliert werden.

Wie steht es um die gegenwärtigen Möglichkeiten, Einträge mit dem neuen Paragraphen zu ändern?

Das ist definitiv noch möglich. Es ist aber immer vom jeweiligen Standesamt abhängig, vom Wohlwollen der Person, die da gerade arbeitet, also von deren persönlicher Einstellung zum Thema. Da ist jedes Amt individuell, das kann in Berlin funktionieren und dann in Wiesbaden nicht oder anders herum. In Wiesbaden ging es letztens noch, da weiß ich, da wurde das im Vorfeld via E-Mail abgeklärt. Die betreffende Person ist dann da einfach hingefahren und alles ist gut gelaufen. Anderswo klappt es dann aber wieder nicht. Das ist quasi wie Lotto.


Wollen nicht-intergeschlechtliche trans Menschen die "Gesetzeslücke" benutzen, sind sie auf Glück angewiesen (Bild: Zackary Drucker / The Gender Spectrum Collection)


Ich sage den Leuten immer: Wenn ihr das probieren wollt, macht es. Es passiert nichts, wenn es abgelehnt wird, denn dann könnt ihr immer noch über das TSG gehen. Man muss sich aber bewusst sein, dass es zu einer Ablehnung kommen kann und so ein Rückschlag kann zu depressiven Verstimmungen führen. Mir ist es wichtig, die Leute da vorzubereiten. Ich gebe auch den Hinweis, dass über den neuen Weg kein Offenbarungsverbot existiert, wie das im TSG der Fall ist. Das ist für einige nach wie vor sehr wichtig.

Das Bundesinnenministerium hatte in dem besagten Rundschreiben ja auch Ärzt*innen gedroht...

Im Rundschreiben stand drin, dass Ärzt*innen sich eventuell strafbar machten, wenn sie "falsche" Atteste über Varianten der Geschlechtsentwicklung ausstellen. Es gab allerdings vom Familienministerium ein Rechtsgutachten hierzu und dieses Gutachten kam zum Schluss, dass das Rundschreiben des Innenministeriums einen einschüchternden Charakter gehabt habe. In der Rechtswissenschaft gibt es dafür den Fachbegriff "chilling effect". Es ist sehr bedrohlich formuliert, jedoch nicht als "Auftrag" deklariert, sondern als "Anwendungshinweise" getarnt. Rechtliche Konsequenzen hat das BMI hier nicht zu befürchten, denn es sind ja "nur Hinweise".

Da wird wieder deutlich, wie das Innenministerium mit seiner Wortwahl versucht hat, das Ganze in eine für es angenehme Richtung zu drängen und zu vertuschen, dass man im Gesetzgebungsverfahren nicht auf die Expertise in den Ausschüssen hatte hören wollen. Die Schuld wurde auf alle anderen geschoben, bloß nicht auf sich selbst.

Es hat einen üblen Beigeschmack, wenn etwa der parlamentarische Staatssekretär Günter Krings (CDU) aus dem Innennministerium in einem FAZ-Interview behauptet, Ärzt*innen machten sich strafbar und transgeschlechtliche Menschen nutzten die schwierige Situation von Intergeschlechtlichen aus. Niemand hat sich je beschwert, wenn intergeschlechtliche Personen das TSG benutzt haben, aber jetzt wird eine Gruppe zu Täter*innen gemacht, obwohl die Verantwortung beim Ministeriumliegt. Man hat schlicht selber ignoriert, was die parlamentarischen Ausschüsse dazu empfohlen hatten. Lieber stellte man trans Personen und Ärzt*innen als Straftäter*innen dar, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken.

Gab es denn Anzeigen?

Anzeigen sind mir nicht bekannt. Man müsste einer Arztpraxis dann ja eine vorsätzlich falsche Attestierung beweisen. Wenn eine Arztpraxis bei Patient*innen zu der Auffassung gekommen ist, dass eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" vorliegt und dafür Quellen nach dem aktuellsten Stand der medizinischen Erkenntnisse herangezogen werden, die man auch guten Gewissens vertreten kann, dann ist das gutes Recht. Eine Arztpraxis darf sich schließlich an allen zur Verfügung stehenden Quellen orientieren und, wie eingangs erwähnt, ist medizinische Kenntnis ein sich ständig entwickelnder Prozess. "Variante der Geschlechtsentwicklung" ist kein juristisch definierter Rechtsbegriff, sondern ein medizinischer Terminus, der sich entwickelt. Ich glaube, es ist kaum möglich, jemanden dafür anzuzeigen.

In einem Schreiben der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz hatte man sich ebenfalls beschwert und betont, dass die Ärzt*innen bereits, durch die Bundesärztekammer vertreten, im Gesetzgebungsverfahren Stellung zum Thema bezogen hatten. Die wollten das TSG abgeschafft wissen und haben empfohlen, eine Ungleichbehandlung von Trans und Inter zu vermeiden.

Aber das ist ja bekanntlich vom Ministerium ignoriert worden und so waren Ärzt*innen dann doch involviert, nämlich dadurch, dass sie jetzt die Atteste gefälligst ausstellen sollten. Laut Schreiben der Kammer hat man "die Verantwortung auf die Ärzteschaft abgewälzt" und nun drohte man ihnen auch noch öffentlich mit Strafanzeige, obwohl man ihnen eine Verantwortung aufgezwungen hatte, die die gar nicht haben wollten. Sie werden hier in ein Dilemma getrieben.Da heißt es zum Beispiel wörtlich: "Es kann aus unserer Sicht allerdings auch nicht Aufgabe eines Arztes sein, sich im Rahmen seiner Diagnose mit entsprechenden verfassungsrechtlichen Fragen zu beschäftigen, nur, weil der Gesetzgeber bisher keine entsprechende Regelung getroffen hat."

Und was ist deine politische Bewertung dieser ganzen Geschichte?

Das Innenministerium ist unionsgeführt. Man sieht die Haltung auch der Partei gegenüber LGBTI, zu geschlechtlicher Vielfalt und sexueller Orientierung, zum Beispiel daran, wenn man den Vergleich zu anderen Ministerien zieht. Sowohl Familienministerium als auch das Justizministerium sind SPD-geführte Ministerien, die mit uns stets sehr wohlwollend im Gespräch waren und die uns unterstützt haben. Doch jedes mal, wenn wir versucht haben, vom Innenministerium Antworten zu bekommen oder wenn wir um Gespräche gebeten haben, wurde das oft gar nicht erst beantwortet oder es wurde lustlos abgebügelt. Da wurden Standard-Textbausteine verwandt, an denen hat man gesehen, dass die gar kein Interesse daran haben, mit uns zu sprechen. Das war für die einfach total lästig.

Ich habe mich auch mal mit dem Berichterstatter der Unionsfraktion im Innenausschuss, Marc Henrichmann, getroffen. Gleich zu Beginn des Gesprächs hat der gesagt: Es ist völlig egal, was andere Parteien für Entwürfe vorlegen, so lange der nicht von uns kommt, lehnen wir alles ab. Das zeigt doch die ganze Arroganz der Union, wie herablassend mit diesen Themen umgegangen wird.

Oder: Anfang des Jahres gab es ja einen neuen Gesetzentwurf aus dem Innenministerium, der plötzlich in rechten Kreisen, bei der Demo für Alle, aufgetaucht ist. Und da fragt man sich: Wie kann das sein, dass ein Regierungspapier in solche rechtsradikalen Kreise gelangt? Das hat jemand aus dem Ministerium durchgestochen. Er lag schließlich dem "Focus"- vor. Birgit Kelle – selbst CDU-Mitglied – schrieb in dem Magazin darüber.

Auch "FAZ" Und weitere konservative Medien berichteten plötzlich. Wir als Community sind aber noch nicht ein mal befragt worden. Wir wussten gar nicht, was Sache ist, da haben Rechtsradikale und Evangelikale bereits mit diesem Entwurf Stimmung gemacht, etwa mit einer Petition unter dem Slogan "Kinderfalle Trans-Gesetz". Da sieht man, mit was für heimtückischen, perfiden Methoden da gearbeitet wird. Für mich grenzt das an Korruption, und wenn ich mir vorstelle, dass die Union in anderen Themenfeldern genau so agiert, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Deshalb wünsche ich mir dringend einen Neustart der Bundesregierung.



#1 mind_the_gap
  • 24.09.2021, 11:42h
  • Nichtbinäre Personen, die weder trans noch inter sind, schauen hier nach wie vor komplett in die Röhre.

    Generelle Frage: Eine "Variante der Geschlechtsentwicklung" - ist das nicht auch "männlich" und "weiblich"? Also für mich sind das zwei von vielen möglichen Varianten.
    Weshalb wird dann eigentlich de facto anders definiert, nämlich einerseits: "männlich und weiblich ist normal" und andererseits: "eine "Variante" (also de facto andere Varianten) ist nicht normal"?

    Wir brauchen ein SELBSTbestimmungsgesetz für WIRKLICH ALLE. Weg mit der staatlichen Kontrolle über die geschlechtliche Identität! Der Staat hat nicht mehr zu bestimmen, wer sich persönlich wie definieren darf. Eine solche Denke hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren!
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#2 tchantchesProfil
  • 24.09.2021, 13:05hSonstwo
  • "Das Innenministerium ist unionsgeführt. ... jedes mal, wenn wir versucht haben, vom Innenministerium Antworten zu bekommen oder wenn wir um Gespräche gebeten haben, wurde das oft gar nicht erst beantwortet oder es wurde lustlos abgebügelt."

    Das sollte sich jeder vor Augen halten, der die Grünen wählt. Die sind es, die mit einer grün/schwarzen Koalition im Zweifelsfall Laschet und seinem Adlatus Liminski wieder den Weg ins Kanzleramt ebnen.
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#3 FelixAnonym
  • 24.09.2021, 13:09h
  • Antwort auf #1 von mind_the_gap
  • Wenn Nichtbinär im allgemeinen (von der Definition her) unter den Begriff trans fällt wie kann es dan Nichtbinäre Menschen geben die nicht Trans sind?

    Meines wissens nach ist mit trans* von transmännern (so wie ich) über transfrauen bis hin zu nichtbinär alles mit drinnen.
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#4 mind_the_gap
#5 mind_the_gap
  • 24.09.2021, 14:02h
  • Nochmal kurz zu den Definitionen. Ich habe noch einmal bei Wikipedia nachgesehen. Da heißt es u.a.:

    "Transgender ist ein Oberbegriff (umbrella term) und umfasst neben binären Transpersonen (Frau-zu-Mann, Mann-zu-Frau) auch Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität; nichtbinäre Personen können sich als transgender verstehen, wenn sie das wollen, oder als zwischengeschlechtlich. Die Varianten trans* und inter* schließen durch das Gendersternchen nichtbinäre Geschlechtsidentitäten ausdrücklich ein."

    Und weiter:

    "Von transgender unterscheidet sich transsexuell als veraltete Bezeichnung für transidente Personen, die binär von Frau zu Mann oder von Mann zu Frau wechseln."

    de.wikipedia.org/wiki/Nichtbin%C3%A4re_Geschlechtsidentit%C3
    %A4t


    Das deutsche Transsexuellengesetz folgt also der zuletzt genannten Definition, sprich: einem "Wechsel" "von Frau zu Mann" oder "von Mann zu Frau". Demnach bin ich schon mal nicht transsexuell, denn ich möchte nicht "von Mann zu Frau" "wechseln".
    Ich könnte "trans*" sein, "wenn ich das wollte", wie der erste Abschnitt darlegt. Ich will das aber nicht. Ich will nicht "von einem Geschlecht zum anderen transitieren, wechseln" oder wasauchimmer. Ich fühle mich beiden traditionell binären Geschlechtern nicht zugehörig, obwohl ich männlich gelesen werde.

    Wollte ich nun meinen Personenstand zu "divers" ändern, müsste ich inter sein und das biologisch nachweisen. Wenn ich die TSG-Prozedur durchlaufen würde mit dem Ziel, nicht etwa "weiblich" statt bisher "männlich" sondern "divers" eintragen zu lassen, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich bei den "begutachtenden" Psycholog_innen verkehrt bin, weil die ja Fragen stellen, die herausfinden sollen, ob jemand "wirklich" zum "anderen" (binären) Geschlecht "wechseln" will.

    Welche Möglichkeit bleibt mir also als nichtbinärer Person, mich als "divers" eintragen zu lassen, wenn ich weder inter noch trans nach dem TSG bin?
    Nach meinem Verständnis - genau: KEINE.

    Wenn ich da etwas grundsätzlich falsch verstanden haben sollte, lasse ich mich gerne anhand nachvollziehbarer und nachweisbarer Fakten weiterbilden. Nach meinem bisherigen Verständnis würde mir jedoch nur ein echtes Selbstbestimmungsgesetz ohne bürokratische und pathologisierende Hürden weiterhelfen.

    Die Kraft, mich irgendwelchen mühsamen und teuren, noch dazu demütigenden staatlichen Prozeduren zu unterziehen, habe ich jedenfalls nicht. Deshalb hoffe ich, dass wir bald ein echtes Selbstbestimmungsgesetz bekommen, das all diese Hürden aufhebt.
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#6 Petra WeitzelAnonym
#7 Anonyma
  • 24.09.2021, 15:03h
  • Die wichtigste Information des Interviews nochmal kurz zusammengefasst:

    "Der Weg, den diese Leute gefunden hatten, hat dann die Runde gemacht und das ist dann aufgefallen, unter anderem beim Qualitätszirkel Transsexualität München, einem Zusammenschluss von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen. [...] Die haben in der Folge tatsächlich eine Beschwerde an das Innenministerium gerichtet und am 29.03.2019 ein Antwortschreiben erhalten, wonach es nicht in Ordnung sei, dass Leute am Transsexuellengesetz vorbei Namen und Personenstand ändern lassen. Der QZ hat sozusagen gepetzt. [...] Dazu muss man wissen, dass zum Beispiel Therapeut*innen ja auch ein finanzielles Interesse an der Aufrechterhaltung der bisherigen Zwänge haben, weil sie die Leute dann jahrelang in Therapie haben und auch auf Grundlage des Transsexuellengesetzes begutachten."

    DAS ist der Kern dessen, was einige hier in diesem Forum immer wieder als das "deutsche System Trans" bezeichnen: Die sogenannte "Sexualmedizin" - also jene Psychiater:innen, Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen, die trans Menschen "behandeln" und sich z.B. in diesem "Qualitätszirkel Transsexualität München" zusammengeschlossen haben - erhält als Handlangerin des Staates aktiv(!) jene Verhältnisse aufrecht, die die psychosozialen Probleme, die sie dann im Rahmen der verpflichtenden "Begleittherapie" zu "behandeln" vorgibt, überhaupt erst erzeugen. DAS ist der eigentliche Skandal in diesem Land, für den sich aber auch hier im Forum (mal wieder...) offenbar NIEMAND interessiert.

    Nochmal ganz kompakt: Die sogenannte "Sexualmedizin" erzeugt und chronifiziert hier in Deutschland aktiv(!) jene "Krankheit", mit deren (Zwangs-)"Behandlung" sie sich dann ein goldenes Näschen verdient. Und die deutsche "Community" schweigt noch immer und wartet lieber weiter auf Godot...
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#8 Claudine RougeAnonym
#9 Ach neAnonym
  • 24.09.2021, 16:02h
  • Antwort auf #8 von Claudine Rouge
  • Ich denke nicht dass es mit Laschet einen grünen Innenminister geben wird.
    Laschet Kanzler --> DER bestimmt die Richtlinien
    Grüne Aussen
    FDP Finanzen
    CDU/CSU Innen

    Ich hoffe die Grünen träumen diesen Jamaika Traum nicht all zulange.

    Aber vielleicht lassen sie sich ja mit Claudia Roth als Bundespräsidentin von der Union ködern...
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#10 SakanaAnonym
  • 24.09.2021, 16:04h
  • Antwort auf #8 von Claudine Rouge
  • "Sowohl Familienministerium als auch das Justizministerium sind SPD-geführte Ministerien, die mit uns stets sehr wohlwollend im Gespräch waren und die uns unterstützt haben."

    Verstehe jetzt nicht so ganz, was der Wahlaufruf für die GRÜNEN an der Stelle soll, wenn Frau Monro durch die SPD-geführten Ministerien positiv in ihrem Anliegen unterstützt wurden. Sie übt ja eine sehr prononcierte und fundierte Kritik am CSU-geführten Innenministerium, was sich wirklich sehr schäbig und abweisend verhalten hat. Bin immer noch geschockt von soviel Unmenschlichkeit in einem so wichtigen Ministerium.
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