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Ausstellung

Schwuler König, coole Kroymann und das Geheimnis vom 17. Mai

Die ambitionierte und für andere Städte wegweisende Ausstellung "Queer durch Tübingen" im Stadtmuseum sowie ein aufwändiger Katalog legen erstmals den Fokus auf die LGBTI-Geschichte der Unistadt.


Karikatur aus der Ausstellung: Bundesjustizminister Gustav Heinemann und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger liberalisieren den § 175 – sind aber nicht einer Meinung (Bild: Fritz Meinhard / Stadtmuseum Tübingen)
  • Von Dieter Oßwald
    25. September 2021, 07:12h, noch kein Kommentar

"Der Blick auf Homos, einst und jetzt", so überschreibt Kulturwissenschaft-Ikone Hermann Bausinger, einer der cleversten Köpfe der Tübinger Universität, sein Kapitel im Begleitkatalog zur Ausstellung "Queer durch Tübingen". In bewährter Lässigkeit berichtet der 95-jährige Volkskundler von einer Jugenderinnerung an den populären Tennisspieler Gottfried von Cramm, der ganz plötzlich von der Bildfläche verschwunden war. Als die Mutter nach dem Grund des Verschwindens fragte, antwortete der Vater geheimnisvoll "17. Mai".

Der 17.5. war der gebräuchliche Deckname für den § 175, mit dem schwule Männer verfolgt wurden. "Die Diskriminierung von Homosexualität war traditionell gefestigt, staatlich verordnet, rechtlich beglaubigt in verschiedenen Bestimmungen, fest verankert in kirchlichen Geboten und allgemeinen moralischen Grundsätzen", bilanziert der Kulturwissenschaftler die Lage im Nachkriegsdeutschland.

Queere Fundstücke aus dem 16. Jahrhundert

Noch viel weiter zurück, bis in das 16. Jahrhundert, geht die Bestandsaufnahme des Tübinger Stadtmuseums in Kooperation mit dem Stadtarchiv. Auslöser für das Forschungsprojekt war eine Stadtführung im Jahr 2017, die sich auf Spurensuche nach queerem Leben begab. Die Resonanz geriet derart groß, dass Stadtarchivar Udo Rauch sowie der Berliner Historiker Karl-Heinz Steinle sich intensiver mit dem Thema befassten. "Queering the Archives" nennt sich jener neue Ansatz, bei dem Aktenbestände gezielt nach Inhalten mit LGBTI-Bezügen durchforstet werden.


Blick in die Ausstellung (Bild: Dieter Oßwald)

Zudem geraten Fotos, Briefe oder andere Erinnerungsstücke von Zeitzeug*innen samt Interviews zu wichtigen Quellen, was Dank der Unterstützung durch die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld möglich wurde. Mit Ausstellungsmacherin Evamarie Blattner vom Tübinger Stadtmuseum fand sich eine erfahrende Wissenschaftlerin für die publikumswirksame Umsetzung der Forschungsergebnisse – inklusive Bühnen-Outfit von Fräulein Wommy Wonder, einst Theologie-Student in Tübingen.

24 Lebensgeschichten aus Tübingen und der Region

"Im Zentrum der Ausstellung stehen 24 Lebensgeschichten aus Tübingen und der Region. Sie verkörpern einzelne Schicksale, heben gleichzeitig aber auch Meilensteine queerer Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte hervor, heißt es zur Begrüßung auf einer Texttafel. "Sie zeigen Aspekte queeren Lebens unter Verfolgung, Repression, medizinischen Möglichkeiten, juristischen Lockerungen und Emanzipation. Eingebettet sind diese Tübinger Biografien in den größeren historischen Zusammenhang."

Danach werden die Texte bewusst weniger. Groß aufgezogene Fotos auf rund 20 Stelen bestimmen den Raum. Man schaut sie an auf Augenhöhe – und blickt bisweilen auf jene Person gegenüber, die sich gerade die Rückseite ansieht. Da wäre zum Auftakt Kronprinz Karl von Württemberg, Gründer der Universität und Verfasser leidenschaftlicher Liebesbriefe, etwa an seinen 22-jährigen Schwarm Adolf: "Wenn Sie mich lieben, so geben Sie mir morgen den wahren Beweis damit, dass Sie mich nicht als Prinz behandeln. Das können Sie und dürfen Sie mit einem Menschen, der Sie liebt, wie ich Sie liebe."


Parallel zur Ausstellung werden unter dem Titel "Mein queeres Auge" Bilder aus der Sammlung von Konkursbuch-Verlegerin Claudia Gehrke gezeigt (Bild: Sammlung Claudia Gehrke / Stadtmuseum Tübingen)

Ähnlich intensiv die Beziehung von Jósef und Erich: Der eine ein polnischer Zwangsarbeiter, der andere ein Tübinger Kaufmann. Das Foto des schlafenden Liebhabers wurde zum Beweisstück im Prozess, der mit langen Gefängnisstrafen endete. Im Tübinger Stadtmuseum gerät das Bild des träumenden Jósef zum stillen Denkmal.

Gleich daneben Hans Scholl, der mit seiner Schwester Sophie die "Weiße Rose" gründete. Er entdeckte in Tübingen seine Liebe zu Männern, was lange Zeit verborgen blieb. "Futterknecht ist nachts neben mir im Stroh gelegen. Meistens war es so, dass wir gegenseitig uns mit den Armen umschlungen hielten", schreibt der junge Scholl einmal. "Die Familie Scholl hat die Homosexualität von Hans bewusst verschwiegen und die einschlägigen Quellen der Forschung vorenthalten", bilanziert der Katalog. "Ein schwuler oder bisexueller Held wäre in der Nachkriegszeit nicht vermittelbar gewesen. Licht ins Dunkel brachten erst Veröffentlichungen ab 2006."

OB Hans Gmelin denunzierte einen Lehrling


Coming-out als trans in der Schule: Valentin Floß (Bild: Markus Maurer / Stadtmuseum Tübingen)

Insgesamt 24 Biografien blättert die Ausstellung auf, Prominente wie Hans Mayer, Fritz Bauer oder Maren Kroymann. Und eben auch ganz gewöhnliche Menschen wie Valentin Floß, der sich in der Schule als transgeschlechtlich outet. Oder der Poldi, der als Lehrling beim Stadtplanungsamt vom OB Hans Gmelin höchstpersönlich denunziert wurde. Jahrzehnte später wurde Poldi rehabilitiert, die Tochter des OB, Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, entschuldigte sich im Namen der Familie bei ihm. Mehr noch, wie der Katalog weiß: "Eine Abordnung der Tübinger Polizei besuchte ihn in seiner Weinstube, entschuldigte sich für das Verhalten der Polizeibeamten bei der Verhaftung und dem Verhör und schenkten ihm einen Polizei-Teddybär."

Bewegende Schicksale. Souverän in historische Zusammenhänge gestellt. Eindrucksvoll präsentiert, das gilt für Ausstellung und Katalog gleichermaßen. Durchaus eine Pionierleistung, die Nachahmung in anderen Städten verdient hätte.

360 Seiten umfasst der Katalog zur Ausstellung, die vom 25. September 2021 bis 13. März 2022 im Tübinger Stadtmuseum zu sehen ist. Er kann in Kürze online im Museumsshop bestellt werden. Beim Preis hält man sich mit stolzem Trotz an den 17. Mai, also: 17,50 Euro.