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Queere Filmgeschichte

Ein einsamer Cowboy probiert das Schwulsein aus

Heute vor 50 Jahren – am 28. September 1971 – feierte der Zeichentrickfilm "Thank You Mask Man" Premiere. Seine "Schwuchtel"-Witze provozieren bis heute.


Szene aus "Thank You Mask Man": Mask Man ergreift die (phallische) Feder Tontos und richtet sie auf
  • Von Erwin In het Panhuis
    28. September 2021, 06:26h, 1 Kommentar

Die schwule Schlussszene in "Thank You Mask Man" (1971, hier online, 5:22-7:26 Min.) ist zwar von zentraler Bedeutung für den Film, dauert insgesamt aber weniger als zwei Minuten. Das ist vermutlich der Grund, warum er in keinem mir bekannten schwulen Filmlexikon auch nur erwähnt wird. Ein Blick auf diesen Film und seine Hintergründe – wie auf den verantwortlichen Autor Lenny Bruce – lohnen sich trotzdem. Einer dieser Hintergründe ist, dass der von Bruce erfundene Held "Mask Man" und der Native American Tonto Parodien auf den amerikanischen Volkshelden "Lone Ranger" und seinen indigenen Freund Tonto sind, die ihrerseits 1933 als fiktive Helden erschaffen wurden.

Die Handlung von "Thank You Mask Man"

Die Bewohner*innen einer Stadt möchten sich mit Geschenken bei "Mask Man" bedanken, der jedoch immer schnell wegreitet. Als sie ihm wieder mal ein Geschenk machen möchten, zeigt "Mask Man" auf Tonto und bittet darum, ihn und ein weiteres Pferd zu bekommen. Als er gefragt wird, warum er Tonto haben möchte, antwortet er, dass er mit ihm einen "unnatural act" (eine "unnatürliche Handlung") vollziehen möchte. Dabei geht er auf Tonto zu, ergreift die schlaff herunterhängende Feder von dessen Kopfschmuck und richtet sie nach oben auf (5:29 Min.).

Die Stadtbewohner*innen sind bestürzt und bezeichnen ihn mehrfach als "fag" ("Schwuchtel") und "queer". Der Cowboy widerspricht jedoch dieser Annahme: Er sei nicht homosexuell, habe aber davon gehört und wolle selbst ausprobieren, ob es wirklich so schlimm ("bad") sei. Dabei betont er: "I like what they do with fags" und verweist auf die Bestrafung von Homosexualität, weil die Straftäter ja mit vielen anderen Männern ins Gefängnis gesperrt würden, was er (ironisch) als "very clever" bezeichnet.

Die Stadtbewohner*innen reagieren angewidert bis aggressiv, während "Mask Man" und Tonto sich auf ihre Pferde setzen und gemeinsam selbstbewusst in den Sonnenuntergang reiten. (Einige der relevanten Filmzitate bietet die IMDB auch zum Nachlesen an.)

Hintergründe zum Autor Lenny Bruce


Lenny Bruce bei seiner Verhaftung im Jahre 1961

Um zu verstehen, wie die "fag"- bzw. "Schwuchtel"-Witze in diesem Film zu verstehen sind, lohnt sich ein Blick auf den Autor dieser Geschichte: den US-amerikanischen Stand-up-Comedian Lenny Bruce (1925-1966), der auch allen Rollen im Film seine Stimme lieh. Bruce war dafür bekannt, Themen wie Politik, Religion und Sexualität offen und provokativ zu behandeln.

Bevor er sich als Comedian einen Namen machte, war er in der US Navy, wo er im Mai 1945 seinen Marinearzt davon überzeugte, homosexuelle Gefühle zu verspüren. Weil ihm kein Verstoß gegen Marinevorschriften nachgewiesen werden konnte, wurde er im Juli 1945 "ehrenhaft" entlassen. Ihm wird schon zu dieser Zeit bewusst geworden sein, wie viel Provokationspotenzial das Thema Homosexualität besitzt, selbst wenn es gar nicht um sexuelle Handlungen geht.

Viele Jahre später – mittlerweile war Bruce ein bekannter Stand-up-Comedian – wurde er am 4. Oktober 1961 verhaftet, weil er in einer öffentlichen Veranstaltung in homosexuellem Zusammenhang das Wort "cocksucking" verwendet hatte. Er wurde zwar freigesprochen, seine öffentlichen Auftritte wurden danach jedoch genau überwacht. Es folgten weitere Verhaftungen und Verurteilungen unter dem Vorwurf der "Obszönität". Nachdem Bruce – vermutlich an Drogen – gestorben war, kommentierte der US-Schriftsteller Dick Schaap, dass es "obszön" sei, mit nur 40 Jahren zu sterben (Quelle: engl. Wikipedia). Der Film "Thank You Mask Man" basiert auf Audio-Aufnahmen von Bruce und wurde 1971 posthum veröffentlicht.

Filme mit und über Lenny Bruce

Auch die Bühnenauftritte von Bruce helfen, die Hintergründe zu den "fag"-Witzen im Film besser einzuordnen. Der vermutlich vorletzte Bühnenauftritt von Lenny Bruce, der 1965 in San Francisco stattfand, wurde zwei Jahre später unter dem Titel "Lenny Bruce in Lenny Bruce" (1967) veröffentlicht. Er zeigt gut auf, wie Bruce Schwule (53:25-54:25 Min.) ähnlich wie Juden und Schwarze in einer Weise thematisierte, die zu dieser Zeit als provokant wahrgenommen wurde. Für seine Kommentare über Juden ist es nicht unerheblich, dass er selbst Jude war.

In der Dokumentation "Looking for Lenny" (2011) sind weniger die kurzen Erwähnungen von Homosexualität durch Lenny Bruce (17:30 Min.) und zwei Zeitzeugen (13:20; 20:35 Min.) von Interesse, sondern wichtig ist eher die Äußerung des Komikers Bobby Slayton, der auf Schwule und Schwarze im San Francisco der Sechzigerjahre eingeht (50:20-51:35 Min.).

Der Schauspieler Dustin Hoffman verkörperte im Spielfilm "Lenny" (1974, 7. Teil und 8. Teil) die Rolle von Lenny Bruce. In den beiden online verfügbaren Spielfilmsegmenten des 7. und 8. Teils redet er am 4. Oktober 1961 in San Francisco öffentlich von Homosexualität, sexuellen Abweichlern ("sexual deviants") und "cocksucking" und wird deswegen – wie der "echte" Lenny Bruce – verhaftet.


Dustin Hoffman als Lenny Bruce bei seiner Verhaftung 1961 in "Lenny" (1974)

Rezeption von "Thank You Mask Man"

Es gibt nur wenig Sekundärliteratur, die sich so ausführlich mit diesem Kurzfilm auseinandersetzt wie Karl F. Cohen in seinem Buch "Forbidden Animation: Censored Cartoons and Blacklisted Animators in America" (1997, S. 78-80). Der Autor verweist auf John Magnuson, der als enger Freund von Lenny Bruce den Film fertiggestellt hat. Nach Magnuson wollte Bruce, dass die Leute über Homophobie und andere Probleme nachdenken, und er habe versucht, auf diese Weise Barrieren abzubauen. Die Schwulenszene habe den Film anfangs gehasst, weil sie ihn für homophob gehalten habe. Mittlerweile sei er jedoch auch auf mehreren schwulen Filmfestivals gelaufen. Nach Auffassung des US-Filmemachers Larry Jordan – so Cohen weiter – sei der Film geeignet, eine Diskussion über Homosexualität anzuregen, wobei er auf das Filmzitat "I bet you got mascary under that mask" verweist.

Vergleiche mit alten Western und "Gay West"

"Mask Man" war weder der erste noch der letzte Film im Westerngenre und seinen Parodien, der Homosexualität thematisierte. Man kann den Film in Bezug setzen zu frühen Filmen aus dem Wilden Westen wie "Algie, the miner" (1912, 10 Min.) und "The Soilers" (1923, 24 Min.), wo der Humor nur darin bestand, dass feminine Homosexuelle als unterhaltsamer Kontrast zur "Männlichkeit" der bewaffneten Westernhelden inszeniert wurden (s. Filmszenen in "The Celluloid Closet", 1995, 5:30-5:55 Min.). Tunten als Lachnummern.


Die Schlussszene von "Gay West" (1974) mit zwei schwulen Cowboys

Die meisten Parallelen sehe ich zu dem Trash-Film "Gay West" (1974) des offen schwulen Regisseurs Walter Bockmayer. Er entstand nur drei Jahre später und behandelt die Liebe zwischen zwei Cowboys, die in der Schlussszene Hand in Hand der untergehenden Sonne entgegengehen – ähnlich wie die beiden Männer am Ende von "Thank You Mask Man" der untergehenden Sonne entgegenreiten.

Vieles, was Hermann J. Huber in seinem Buch "Gewalt und Leidenschaft. Das Lexikon Homosexualität in Film und Video" (1989, S. 73) über "Gay West" schreibt, lässt sich auf "Thank You Mask Man" übertragen: Mit "erfrischender Respektlosigkeit" werde hier eine "Parodie der Mythen des guten alten amerikanischen Western" geboten. Der Filmemacher wage "sich in einem verwegen-komischen Rundumschlag" an dieses Genre heran. Herausgekommen sei eine "aus allen Hosennähten platzende Freundschaft der Idole dieser männlichsten aller Filmgattungen". Es sei ein Film zwischen "Gun-Man" und "Fun-Man", wo Cowboys "zum Schießen" komisch seien.

Vergleiche: Ralf Königs "Lucky Luke" und "Der Schuh des Manitu"

Bei einem Vergleich von "Mask Man" mit Ralf Königs "Lucky Luke"-Comic und der Westernkomödie "Der Schuh des Manitu" (2001) sind zunächst Parallelen erkennbar: "Mask Man" parodiert den "Lone Ranger"; Ralf König den "Lucky Luke" und "Der Schuh des Manitu" (2001) die Karl-May-Verfilmungen. Es sind unterhaltsame Parodien auf kommerziell erfolgreiche und fiktive Hetero-Helden.


Bully Herbig als Winnetouch in "Der Schuh des Manitu" (Bild: Constantin Film)

In wichtigen Detailfragen, wie der erkennbaren unterschiedlichen homo- und heterosexuellen Perspektive, erkennt man auch die Unterschiede: Der "Mask Man"-Film verspottet Homophobie und es werden, ähnlich wie bei Ralf König, Männlichkeits-Klischees geschickt hinterfragt. "Der Schuh des Manitu" bedient sich der Klischees, will weder provozieren, noch politisch sein und war wohl auch deshalb so erfolgreich. Sind schwule Cowboys überhaupt noch provokativ? Auch Ralf Königs "Lucky Luke" war heterosexuell, was vielleicht nur daran lag, dass auch die Kontinuität einer Figur wichtig ist, um Leser neu zu gewinnen bzw. nicht zu verlieren.

Fazit

Für mich ist der "Mask Man" zwar nicht politisch korrekt, aber er ist – was viel wichtiger ist – politisch sensibel. Der Protagonist und Held des Films ist ein selbstbewusster Charakter. Nicht über ihn und seine Ankündigung, die Homosexualität einmal auszuprobieren, macht sich dieser Film lustig, sondern über die homophoben Stadtbewohner*innen und sogar konkret über religiöse Würdenträger. Der Film sollte provozieren und wird das auch nach wie vor erreichen, denn insbesondere der wie ein Sklave behandelte Native American lässt auch eine Interpretation als rassistisch zu. Wahrscheinlicher ist jedoch die Interpretation, dass hier der Rassismus des Western-Genres karikiert wird.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie umstritten der Film mit seinen "fag"-Witzen war, auch wenn ich dazu keine Quellen gefunden habe. In der Brisanz von provokanten Wörtern, die für und gegen Minderheiten eingesetzt werden, sehe ich auch einen aktuellen Bezug, denn schließlich wird auch heute sehr emotional um eine sensible Sprache gestritten. Dabei geht es um das von Lenny Bruce bei seinen Auftritten gerne mal verwendete N-Wort, das heute in ausgeschriebener Form auch als Zitat nicht mehr abdruckbar erscheint. Die Bezeichnung "Indianer" wird heute als koloniale Fremdbezeichnung überwiegend gemieden oder sogar abgelehnt.

Die im Film verwendete Sprache von Lenny Bruce ist für viele bis heute nicht (oder auch nicht mehr) zitierfähig. Ein Beispiel dafür sind die von Youtube zuschaltbaren Untertitel, in denen das mehrfach verwendete Wort "fag" nicht zu lesen ist. Einmal wird aus dem gesprochenen "Fag Man" im Untertitel sogar ein "Bad Man". Auch das im Film mehrfach zu hörende "queer" ist für Youtube offenbar etwas Unanständiges und wird im Untertitel nicht wiedergegeben. Das ist kein Beispiel von sensibler Sprache, sondern von Sprachzensur, und es ist mir bei dieser Kritik auch vollkommen egal, ob Youtube damit Schwule vor Beleidigungen oder Heteros vor obszönen Begriffen zu schützen glaubt.

Ein anderer aktueller Bezug besteht darin, dass es Corona-Masken zu kaufen gibt, auf denen die Filmfigur und der Filmtitel "Thank You Mask Man" aufgedruckt sind. In einer nun vollkommen neuen Bedeutung des Filmtitels kann man sich durch das Tragen dieser Maske in der Öffentlichkeit – ganz ohne Worte – bei allen (Männern) bedanken, die ebenfalls eine Corona-Maske tragen.


Der "Mask Man" als Motiv auf einer Corona-Maske

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