Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?40097

NS-Justiz

"Ein völlig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher"

Franz Doms wurde 1944 in Wien im Alter von 21 Jahren wegen seiner Homosexualität zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ein neues Buch setzt sich mit seinem Leidensweg auseinander.


Fotos von Franz Doms aus den Ermittlungs- und Gerichtsakten (Bild: WSTLA, Landesgericht für Strafsachen, A11: 2398/1943)

Franz Doms ist eines der vergessenen Opfer der NS-Justiz. Wie tausende andere schwule Männer wurde er verfolgt, diskriminiert, inhaftiert und schließlich zum Tode verurteilt. "Er ist ein völlig haltloser, seinen widernatürlichen Trieben gegenüber machtloser Verbrecher, bei dem von Freiheitsstrafen kein erzieherischer oder abschreckender Erfolg mehr zu erwarten ist", heißt es in der Anklageschrift gegen Doms.


"Franz. Schwul unterm Hakenkreuz" ist im September 2021 im Wiener Verlag Kremayr & Scheriau erschienen

Am 7. Februar 1944 starb er im Alter von 21 Jahren im Hinrichtungsraum des Landesgerichts Wien. Um 18 Uhr 41 Minuten wird Franz Doms vorgeführt. Um 18 Uhr 41 Minuten 8 Sekunden wird er dem Scharfrichter übergeben. Um 18 Uhr 41 Minuten 18 Sekunden meldet dieser den Vollzug des Todesurteils. Bis zu seinem Tod blieb der junge schwule Mann loyal und denunzierte nie andere, um sich selbst zu retten.

Jürgen Pettinger hat sich intensiv mit Franz Doms Leidensweg auseinandergesetzt, erzählt in dem neuen Buch "Franz. Schwul unterm Hakenkreuz" bildhaft, was über sein Leben bekannt ist, zitiert aus überlieferten Ermittlungs- und Gerichtsakten und bildet Dialoge anhand von Gesprächsprotokollen nach.

Doch Pettingers Zugang ist mehr als eine bloße Rekonstruktion der Fakten. Er taucht tief in die Welt Franz Doms' ein und zeichnet dessen letzte Lebensjahre auf intime und packende Weise nach, wodurch sein tragisches Schicksal, das exemplarisch für die systematische Verfolgung Homosexueller während des NS-Regimes steht, nah und spürbar wird. (cw/pm)

Infos zum Buch

Jürgen Pettinger: Franz. Schwul unterm Hakenkreuz. 192 Seiten. Kremayr & Scheriau. Wien 2021. Gebundene Ausgabe: 22,00 € (SBN: 978-3-218-01286-7). E-Book: 16,99 €


#1 daVinci6667
  • 28.09.2021, 14:46h
  • Beim Lesen dieses Artikels habe ich sofort den Impuls das Buch zu kaufen. Doch ich zögere trotzdem.

    Ich frage mich, wie geht ihr mit solch schwerer Kost um?

    Auf der einen Seite interessiert mich seine Lebensgeschichte, ich möchte mehr über ihn erfahren, stellvertretend auch für Tausende andere schwule Männer jener Zeit.

    Auf der anderen Seite weiss ich, das Buch wird nur ungelesen im Regal rumstehen, weil beim Griff danach man sich immer wieder denkt, Oh Nein jetzt nicht, ich will mich nicht damit psychisch zu stark runterziehen lassen.

    Solche wahren Geschichten berühren mich jeweils ungemein und ich hab kaum Distanz zum Gelesenen. Ich bin mir zu sehr bewusst, das könnte ich selbst oder Du sein, oder einer meiner schwulen Freunde, wenn wir bloss einige Jahrzehnte früher geboren worden wären.

    Also, Wie geht das ihr damit um?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 RuntAnonym
  • 28.09.2021, 15:58h
  • Antwort auf #1 von daVinci6667
  • Ich finde es sehr wichtig, dass Du dieses Thema ansprichst.

    Man sollte den latenten Stress, den sowas auslöst, nicht unterschätzen und der Autor scheint das erkannt zu haben, wenn er im Buch seine Identifikation im Dialog mit einem Psychoanalytiker "verarbeitet".

    Ich habe schon durch das Lesen von queer.de-Schlagzeilen festgestellt, dass es extrem wichtig ist, sich Schlagzeilen und Nachrichten über Homosexuellenverfolgung, Gewalt, Verbrechen und Diskriminierung nur dann zuzumuten, wenn man eine innere Distanz dazu aufbauen und psychisch stabil ist. (Egal, ob es sich um Berichte aus der Gegenwart oder Vergangenheit handelt).

    Um es mal brutal ehrlich zu sagen: Je stärker die Identifikation, desto weniger regen mich solche Berichte zum selbstbewussten Handeln an, sondern ich versuche eher beim Lesen herauszufinden, wie jemand diesem Schicksal hätte entgehen können - das ist also leider genau der gegenteilige Effekt von Emanzipation. Im Zweifel verzichte ich dann längere Zeit auf Berichte und rezipiere Dinge, die das Selbstbewusstsein und das Zutrauen in die Menschheit stärken.

    Sehr problematisch ist es daher für mich auch immer, wenn, wie hier in dem Artikel, die übelsten Bezeichnungen gegenüber Homosexuellen in der Überschrift zitiert werden - während das Buch, wie ich verstanden habe, doch gerade versucht, dem Opfer seine Würde wieder zu geben.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 AtreusProfil
  • 28.09.2021, 16:12hSÜW
  • Erstmal danke für den "tollen" Tipp. Das Buch wäre mir durchgerutscht.

    @daVinci: Ich glaube, man sollte überhaupt nur noch solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. - Franz Kafka

    D.h. mir wird das Buch sehr weh tun, mich weit über die Lektüre hinaus beschäftigen, ähnlich wie es Gad Beck und Hegers Die Männer mit dem rosa Winkel taten, aber dann wird mir wieder gewahr, wie glücklich ich mit meinem kleinen schwulen Leben bin und wie wichtig es ist, Flamme zu sein und Flagge zu zeigen.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 LotiAnonym
  • 28.09.2021, 17:32h
  • Antwort auf #3 von Atreus
  • Danke für diesen guten Kommentar. Bin sehr emotional beim lesen. Beim letzten mal wo ich ein Buch öfter beiseite legte, weil ich echt heulen mußte, war der Roman von Camila Sosa Villada. Ob ich dieses aufrührende Buch lesen werde, weiß ich momentan noch nicht.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 dellbronx51069Anonym
  • 28.09.2021, 17:58h
  • Danke für den interessanten Tipp . Das letzte Mal habe ich zum Thema Schwule im Dritten Reich , das Buch " Ich , Pierre Seel . Deportiert und Vergessen " gelesen. Seel ein Elsässer gerät mit 17 in die Mühlen des Naziterrors , durch eine Unachtsamkeit. Deshalb heißt es im Vorwort des Buches auch : Tausend Qualen für ein Augenblick der Lust. Er überlebt das 3. Reich , sein Freund nicht. Der Horror geht im Nachkriegsfrankreich weiter. Er ist vor einigen Jahren erst im hohen Alter verstorben. Kurz vor seinem Tod war er noch zur Einweihung des Denkmals für die verfolgten Schwulen in Köln anwesend .
    Das Buch ist mit seinen geschilderten Greulen nur schwer zu ertragen . Es hat mich tief bewegt.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 SakanaAnonym
  • 28.09.2021, 18:05h
  • Antwort auf #2 von Runt
  • Ich finde deine Betrachtung sehr wertvoll, weil es mir als schwulem Mann ähnlich geht mit solchen Beschreibungen und Lebensgeschichten schwuler Männer aus dem Dritten Reich.

    Man bekommt als Leser, der sich ja mit dem Schicksal aufgrund seiner Sexualität identifizieren kann, immer das Gefühl, dem Protagonisten zurufen zu wollen, dass er dieses und jenes nicht machen solle, um nicht zu sterben, aber die Geschichte hat schon ihr Ende gefunden und er wird tot sein. Es gibt für mich auch die Geschichte des ersten Freundes von Pierre Seel im KZ Strutthof, der auch auf grausame Art und Weise getötet wurde durch die KZ-Wachen.

    Solche Berichte verfolgen einen zT bis in den Schlaf, weil man dabei als schwuler Mann immer das Gefühl hat, dass, sollte sich der politische Wind wieder drehen, man selbst in einer solchen SItuation landen könnte. Deshalb sind die aktuellen Berichte aus Afghanistan oder dem Iran nur sehr schwer erträglich oder fiktionale Länder wie Gilead aus dem "Report der Magd".

    Trotzdem halte ich es für sinn- und wertvoll, solche Lebensgeschichten für die Nachwelt aufzuschreiben und so zu bewahren....so bleiben er und sein Schicksal nicht vergessen.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 N8EngelProfil
  • 28.09.2021, 22:44hWenden
  • Antwort auf #6 von Sakana
  • Warum wird immer das Ausland als so schlimm bezeichnet? Ich hatte ein Verfahren in dem es darum ging, das eine Sachbearbeiterin des Jobcenters mich diskriminierend beleidigte. Da nur ein Vorwurf durch Zeugen belegt werden konnte blieb es bei einer Ermahnung des Gerichtes.
    In einem aktuellen Verfahren geht es um einen Datenschutzverstoß, heraus kam bisher, das die selbe Mitarbeiterin inzwischen zur Teamleiterin aufgestiegen ist und den Verstoß gegen das Datenschutzgesetz persönlich und vorsätzlich begangen hat. Ich bin mal gespannt wie das ausgeht.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 daVinci6667
  • 28.09.2021, 23:23h
  • Antwort auf #2 von Runt
  • Ich danke dir Runt und allen andern für eure wertvollen Antworten und Feedbacks.

    Ich werde mir das Buch kaufen. Weil es wichtig ist, das solche Dinge recherchiert und veröffentlicht werden. Ich möchte das mit meinem Kauf unterstützen.

    Doch nur weil man es gekauft hat, muss man es nicht lesen, wenns zu viel wird. Es darf auch nur rumstehen. Ich werde mich deswegen nicht ärgern.

    Wer Franz Doms und allen anderen Schwulen die extrem grässliche und grausame Verbrechen erleiden mussten, in Gedanken Licht und Liebe übermitteln möchte, dem kann es vielleicht helfen eine Kerze anzünden oder Blumen an Denkmälern, Stolpersteinen usw. hinzulegen. Natürlich tut man dies dann für sich selbst.

    Wichtig ist vorsichtig zu bleiben und wenn man als Schwuler irgendwo nicht mehr frei leben und lieben kann, der soll, falls möglich, früh genug fliehen. Womit wir beim Asylrecht wären das für LGBTIQ unbedingt verbessert werden muss.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 SakanaAnonym
  • 29.09.2021, 01:41h
  • Antwort auf #8 von daVinci6667
  • Ich finde deine Zusammenfassung und die Kommentare der anderen ebenfalls sehr wertvoll und bewegend.

    Vielleicht kann das Buch selbst auch in deinem Bücherregal als eine Art Mahnmal gegen das Vergessen des Leidens und Todes schwuler Männer in den KZs und im Dritten Reich dienen. Es vermittelt dann auch ein Gefühl des Gesehen- und Wahrgenommen-Werdens.

    Nur dier, dersen man sich nicht mehr erinnern kann, sind wirklich für alle Zeiten verschwunden.
  • Antworten » | Direktlink »
#10 FrageAnonym
  • 29.09.2021, 07:11h
  • Ist es, nach all den Kommentaren hier, überhaupt noch legitim, zu sagen, dass man sowas persönlich nicht ertragen kann? Oder wird also jetzt erwartet, dass sich das jeder zumindest "als Mahnmal" kauft? Was ist, wenn ich mir darüber hinaus als Grundsicherungs-Empfänger ein Buch für 22 Euro überhaupt nicht leisten kann? Im Regelsatz sind pro Monat 1,61 Euro für "Bildungswesen" vorgesehen. Also mal eben 14 Monate auf ein Buch sparen, das dann nur im Regal steht?

    Ich will hier absolut nichts gegen das Buch sagen. Mir geht es nur darum, zu erfahren, ob jetzt hier quasi erwartet wird, dass jeder es kauft.
  • Antworten » | Direktlink »