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Queer History

Schwarzer queerer Widerstand im 19. Jahrhundert

William Dorsey Swann war Amerikas erste selbsternannte Dragqueen. Der ehemalige Sklave veranstaltete legendäre Drag-Bälle in Washington D.C., wurde deshalb festgenommen und zu Gefängnis verurteilt. Einschüchtern ließ er sich nicht.


Symbolbild: Das amerikanische Duo Gregory und Brown trat Anfang des 20. Jahrhunderts in Drag auf. Von William Dorsey Swann wurden bislang keine Fotos gefunden (Bild: James Gardiner Collection)

Als die Polizei in dieser Nacht durch die Tür stürmt, bereitet sie einer ausgelassenen Party ein jähes Ende. Gerade eben knallten noch Champagnerkorken, ein Piano klimperte und Stimmen improvisierten Chorgesang. Männer, die nach der neusten Mode in feinste Seide und Satin gehüllt waren, stolzierten übers Parkett und machten sich gegenseitig Komplimente. Es wurde kokettiert, getanzt, gespeist.

Nach kurzer Schockstarre, die sich bei den Gästen im Anblick der eindringenden Beamten einstellte, reißen sich nun einige von ihnen Kleider, Perücken und Stöckelschuhe vom Leib, flüchten zur Hintertür oder springen in Panik aus dem Fenster des zweiten Stocks, um über die Dächer der benachbarten Gebäude zu entkommen.

Nur einer von ihnen prescht auf die Polizisten zu und stellt sich ihnen mutig entgegen – ein "großer Mann", gehüllt in ein "wunderschönes, cremefarbenes Abendkleid", wie eine Washingtoner Zeitung in ihrem Bericht über den Abend des 12. Aprils 1888 zu berichten weiß. Er hieß William Dorsey Swann, kam dreißig Jahre zuvor in Maryland als Sklave zur Welt und war nun der erste in der Geschichte der Vereinigten Staaten, von dem überliefert ist, sich selbstbewusst als "Queen of Drag" zu bezeichnen.

Amerikas queere Geschichte muss neu geschrieben werden


Zeitungsbericht über die Razzia

Der New Yorker LGBTI-Historiker Channing Joseph stieß vor Jahren auf diesen Zeitungsbericht. Seither wühlt er sich durch unzählige Archive auf der Suche nach Details aus Swanns Leben. Allmählich verdichten sich die Einzelteile zu einem Bild, das dazu imstande ist, die queere US-Geschichtsschreibung zu erschüttern. Fast ein Jahrhundert vor dem Stonewall-Aufruhr in der Christopher Street gab es bereits bemerkenswerte Formen des Widerstands gegen einen zwangsheterosexuellen Lebensstil.

"Swann sah sich als Anführer einer Gemeinschaft in der Hauptstadt, die fast ausschließlich aus afroamerikanischen Männern bestand; fast alle von ihnen waren ehemalige Sklaven", erklärt Joseph, der zurzeit an der renommierten American Academy am Berliner Wannsee ein Stipendium absolviert. "Viele von ihnen tauchten schon früher in den Polizeiakten auf, weil sie gleichgeschlechtlichen Sex hatten. Swann war jemand, der ihnen mit seinen Partys einen Raum zu Verfügung stellte, um sich willkommen zu fühlen und einen Moment der Freiheit zu erleben, um sich gegenseitig kennenzulernen, wertzuschätzen und zu unterstützen – und vor allem, um miteinander Spaß zu haben."

Vorläufer der Ballroom-Szene

Zudem experimentierten die Männer mit einem neuen, queeren Lebensstil, für den noch keine Begriffe existierten. Als Butler, Koch oder Gärtner reichte für die meisten auch nach dem offiziellen Ende der Sklaverei der Verdienst nur für eine bescheidene Lebensführung. Doch auf Swanns glamourösen Partys ließ man es krachen.


Historiker Channing Joseph (Bild: Annette Hornischer)

Die zumeist extravaganten Kostüme konnten regulär nur unter höchster Erklärungsnot erworben werden. Joseph lacht laut auf, als er sich ausmalt, wie damals ein junger Afroamerikaner ein Geschäft betreten haben mag und ein Abendkleid kaufen wollte, das angeblich für die Gattin bestimmt war: "Ganz zufällig hatte diese ungefähr dieselben Maße wie der Gatte und konnte nicht selbst erscheinen."

Spott für die weiße Oberschicht

Teilweise wurden die Kleider von den Männern selbst geschneidert, mitunter wurden sie auch gestohlen. Nicht alle waren als Frauen verkleidet; manche trugen auch einen Anzug. "Es war sozusagen der Versuch, die damalige High Society Washingtons mit ihren manierierten Gepflogenheiten nachzustellen", so Joseph – also die Welt einer Elite, bei der viele der Männer als Dienstpersonal arbeiteten. Auf den Partys waren sie gleichrangig.

Auch Spott und Parodie kamen dabei zum Zuge, kultiviert etwa in der Tradition des Cake Walks (der so genannt wurde, weil es als Belohnung für den Sieger einen Kuchen gab). Die Teilnehmer traten in einen tänzerischen Wettbewerb, bei dem die Attitüden und Posen der weißen Oberschicht aufs Korn genommen wurden. Performances wie diese waren die Vorläufer der Ballroom-Szene im Harlem der 1970er- und 1980er-Jahre oder heutiger Shows wie "Ru Paul's Drag Race".

Der Preis, den Swann und seine Mitstreiter zahlten, war hoch. Nach dem Tumult, den die berüchtigte Party im April 1888 verursacht hatte, wurden er und weitere zwölf Männer festgenommen und angeklagt. Zwar gab es keine Gesetze, die Cross-Dressing explizit untersagten. "Der wahre Grund, in dem man eine Gefahr für die öffentliche Ordnung sah, war ihre Homosexualität", ist Joseph überzeugt. Doch das wurde verschleiert. So warf man Swann unter anderem vor, ein Bordell zu betreiben.

Swann bat Präsident um Begnadigung

Was den Historiker am meisten an Swann fasziniert, ist dessen Beharrlichkeit. Die Party vom April 1888 war nicht die erste, die dieser veranstaltete – und auch nicht die letzte. Und wenn sie auch alle im Geheimen organisiert wurden, genossen sie einen legendären Ruf. Keine Razzia konnte Swann abschrecken. Als dieser 1896 zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt wurde, beantragte er eine Begnadigung durch den Präsidenten. "Das war ein großes Ding damals, auch wenn Swann letztlich mit seinem Anliegen scheiterte – ein Afroamerikaner, der den US-Präsidenten zwang, sich mit seinem Lebensstil als selbsternannte Dragqueen auseinanderzusetzen!" Für Joseph ist William Dorsey Swann somit der erste politische Aktivist der US-Geschichte, der sich für queere Belange einsetzte.

Voraussichtlich Anfang nächsten Jahres wird Josephs Buch "The House of Swann: Where Slaves Become Queens" erscheinen – zunächst allerdings nur auf Englisch. Auch Hollywood hat bereits angemeldet, Swanns Lebensgeschichte zu verfilmen. Zumindest was die Partyszenen betrifft, darf man auf eine gewisse Opulenz in der Ausstattung hoffen.



#1 goddamn liberalAnonym
#2 RäbchenAnonym
  • 03.10.2021, 02:12h
  • Antwort auf #1 von goddamn liberal
  • 100 Jahre später.

    Das sollte doch kein Ziel sein.
    In anderen Dingen haben wir 300 Jahre Forschung; 200 Jahre Entwicklung. Fuck; wir haben in 300 Jahren eine Entwicklung bis zum Raketenalter absolviert, Und hier stockt es?

    Jesses! Werdet erwachsen und; ehrlich, vögelt was ihr wollt und macht was ihr wollt.
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