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Interview
Sind Sie "wie gemacht für fragile Männerrollen", Thomas Prenn?
In "Hochwald" spielt Nachwuchsstar Thomas Prenn einen Außenseiter in einem Bergdorf, in "Große Freiheit" sitzt er als "175er" im Knast. Wir sprachen mit ihm über jungen Ruhm, queere Rollen und #ActOut.

In "Hochwald" spielt Thomas Prenn den jungen Dorfbewohner Mario, der von einer Tanzkarriere träumt. In Rom wird er Opfer eines Terroranschlags auf eine schwule Bar und verliert dabei seinen Freund Lenz (Bild: Salzgeber)
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4. Oktober 2021, 04:56h - 6 Min.
Oscar-Gewinner Volker Schlöndorff engagierte ihn noch während des Studiums für "Der namenlose Tag", für die Regie-Ikone Terrence Malick stand er für "A Hidden Life" vor der Kamera. Thomas Prenn, 27, stammt aus einem Dorf aus Südtirol und verwirklichte an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" seinen Traum, Schauspieler zu werden. Preise pflastern seinen Weg!
Für seine Titelrolle im Tatort "Damian" wurde der Schauspieler mit dem Studio Hamburg Nachwuchspreis prämiert. Für seine Hauptrolle im queeren Heimatdrama "Hochwald" bekam er den Österreichischen Filmpreis. Mit der erfolgreichen Netflix-Produktion "Biohackers" wurde Thomas Prenn einem globalen Publikum bekannt. Mit dem queeren Knast-Drama "Große Freiheit", einer bewegenden Anklage gegen den Paragraf 175, sorgte der Südtiroler in Cannes für viel Furore.
Anlässlich des Kinostarts von "Hochwald" am 7. Oktober 2021 haben wir uns mit dem Schauspieler unterhalten.

Poster zu "Hochwald": Der FIlm von Evi Romen startet am 7. Oktober 2021 im Kino
Herr Prenn, "Hochwald" gewann beim Filmfest Zürich und wurde neunfach für den Österreichischen Filmpreis nominiert, wofür Sie als bester Darsteller prämiert wurden. Wie sehr hat Sie dieser Preisregen für ein Debüt-Werk überrascht?
Ich hatte mit Preisen nicht gerechnet, insbesondere die Auszeichnung beim Filmfest Zürich hat mich sehr gefreut, da der Film dort seine Weltpremiere gefeiert hat. Und ja, natürlich freue ich mich noch immer sehr über den österreichischen Filmpreis.
Ist "Hochwald" für Sie ein Heimatfilm 2.0?
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob "Hochwald" ein Heimatfilm ist, und finde es auch nicht so einfach und wichtig, den Film so zu kategorisieren. Im Mittelpunkt steht Mario, dieser Junge vom Land, der eine Heimat für sich sucht. Der irgendwo ankommen möchte und verstanden werden will. Diese Sehnsucht scheitert jedoch ständig an der Wirklichkeit, er hat häufig das Gefühl, am falschen Platz zu sein.
Sie stammen selbst aus einem kleinen Dorf, wie weit sind Ihnen solche Gefühle vertraut?
Mario hat sehr viel Pech, ich hatte sehr viel Glück. Aber ich kenne dieses Gefühl, dass man das, was man zeigen möchte, lieber woanders zeigt. Weil man glaubt, anderswo ganz anders verstanden zu werden und sich mehr inspiriert fühlt.
"Wie gemacht für fragile Männerrollen", schreibt eine Zeitung über Sie. Einverstanden mit diesem Etikett?
Im Fall von Mario aus "Hochwald" hat mich tatsächlich interessiert, weshalb diese Figur so fragil und verloren ist. Andererseits wollte ich herauszufinden, woher er diese große Energie schöpft. Sich dem zu öffnen, empfinde ich als eine sehr schöne Aufgabe. Wobei gerade all die Widersprüche der Figur besonders reizvoll für mich waren.
Würden Sie mit einem wie Mario gerne ein Bier trinken gehen?
Ich würde sehr gerne mit ihm ein Bier trinken. Man kennt diese Typen doch, die bereits in der Grundschule auffallen. Die Grashalme pflücken, um sie als erste Zigaretten zu rauchen, die Feuerzeuge in ihren Hosentaschen haben, gerne Sachen tauschen, verkaufen oder klauen und Konsequenzen der Erwachsenen gerne in Kauf nehmen. Mit solchen Jungs und Mädchen war ich damals auch unterwegs – vielleicht war ich manchmal selbst ein bisschen so. (lacht)
Benötigen Sie Schnittmengen mit den Figuren, die Sie spielen?
Schnittmengen brauche ich nicht unbedingt, aber die Figur sollte mich irgendwo interessieren oder neugierig machen. Es gibt Welten, die mir fremd sind und die ich dennoch faszinierend finde. Weil ich mir vorstellen kann, dass mir das alles ähnlich hätte passieren können. Im Grunde sind die meisten Sachen nur Entscheidungen, die wir treffen, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Und sich in solche Situationen hineinzuträumen, bereitet mir großen Spaß.
Für das Hineinträumen in die Tanzszenen sollen Sie sich mit John-Travolta-Filmen vorbereitet haben…
Stimmt, ich habe versucht, einige Tanzsequenzen von Travolta nachzutanzen, und habe mich dabei auch gefilmt – das war ein ziemlich lustiger Kreis des Scheiterns und Versuchen. Da wurde mir recht früh klar, dass ich es alleine nicht so schnell hinbekommen würde, so zu tanzen wie John Travolta, was ich so aber auch nicht musste.
Bei der #ActOut-Kampagne sind Sie nicht dabei. Was halten Sie von der Forderung, nur queere Menschen sollen queere Figuren spielen?
Mir wurde das bislang nicht zum Vorwurf gemacht, ich weiß auch gar nicht, ob Mario überhaupt schwul ist, wie es die Presse gerne deutet. Für die Regisseurin Evi Romen und für mich ging es in der Vorbereitung nicht so sehr darum, die sexuelle Orientierung der Figur klar zu verorten, es war vielmehr jener fließende Übergang und die Unsicherheit nicht zu wissen, wohin man gehört, der uns für die Figur interessiert hat.
Wie sehen Sie prinzipiell diese Diskussion?
Es ist gut und richtig, dass darüber gesprochen und diskutiert wird. Es würde sich für mich aber nicht richtig anfühlen, würden Schauspieler*innen, bevor sie besetzt werden, nach ihrer sexuellen Ausrichtung gefragt werden. Ich kann aber das Gefühl verstehen, dass bestimmte Stoffe und Inhalte von Menschen erzählt werden sollen, die unmittelbar damit zu tun haben bzw. mittendrin sind und nicht nur von außen draufschauen. Für mich gehört es zu den spannenden Dingen in diesem Beruf, sich von sich zu entfernen und sich Dinge vorzustellen, sie auch zu erfinden. Das geschieht dann auch in "Große Freiheit", wo ich einen schwulen Jungen namens Oscar spiele, der seine erste große Liebe mit Hans erlebt und dafür im Gefängnis sitzt. Eine Tatsache, die die Figur zerstört.

Thomas Prenn (links) und Franz Rogowski im Paragraf-175-Drama "Große Freiheit" (Bild: FreibeuterFilm)
Läuft – könnte man Ihre Karriere beschreiben. Macht zu viel Ruhm bisweilen übermütig?
Das hoffe ich nicht. Das Gefühl habe ich aber auch nicht. Ich denke auch gar nicht so viel daran.
Was ist für Sie die wichtigste Qualität in diesem Beruf?
Vielleicht das Wechselspiel von Spannung und Entspannung. Dass man dran und da ist, zugleich aber die Fähigkeit besitzt, Ruhe und Gelassenheit mitzubringen.
War Schauspieler immer der Berufswunsch? In einem kleinen Dorf in Südtirol wäre Bergsteiger vermutlich die häufigere Option?
Es gibt nicht sehr viele, die Bergsteiger von Beruf sind, ehrlich gesagt. Den Traum vom Schauspieler habe ich für mich bereits früh formuliert, ohne genau zu wissen, was das eigentlich und letztendlich als Beruf bedeutet. Und als ich dann in dem Alter war, wo man sich mehr oder weniger für etwas konkret interessieren und entscheiden muss, haben meine Eltern meine Idee ernst genommen und sagten: Gut, dann probier's!
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Hochwald. Drama. Österreich, Belgien 2020. Regie: Evi Romen. Darsteller*innen: Thomas Prenn, Noah Saavedra, Josef Mohamed. Laufzeit: 107 Minuten. Sprache: deutsch-italienische Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 7. Oktober 2021
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine zu "Hochwald" auf der Salzgeber-Homepage
Mehr zum Thema:
» Queeres Alpen-Drama gewinnt Zurich Film Festival (05.10.2020)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
00:05h, Arte:
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