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Interview

War Pauli zu queer für die Schwarze Bürgerrechtsbewegung?

In ihrer Doku "My Name Is Pauli Murray" erinnern die "RBG"-Regisseurinnen Betsy West und Julie Cohen an einen mutigen, aktivistischen und lange "vergessenen" Menschen, der seiner Zeit immer voraus war.


Pauli Murray (1910-1985) war Jurist*in, Aktivist*in, Autor*in und Pastor*in (Bild: Amazon Prime Video)
  • Von Patrick Heidmann
    4. Oktober 2021, 11:04h, noch kein Kommentar

Bei der Arbeit an ihrem Dokumentarfilm "RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit" stießen Betsy West und Julie Cohen auf den Namen Pauli Murray – und wussten nicht, wer sich dahinter verbarg. Murray – Schwarz und zeitlebens als (lesbische) Frau gelesen, ohne sich vermutlich selbst so zu identifizieren – war Jurist*in, Aktivist*in, Autor*in und schließlich auch Pastor*in. Bereits in den 1940er Jahren kämpfte Murray, geboren 1910 im Bundesstaat Marylad, gegen die Rassentrennung in den US-Südstaaten, war die einzige weiblich gelesene Frau im Jurastudium und später die erste PoC mit einem Doktortitel der Rechtswissenschaften an der Yale University. Murray war unter Kennedy Mitglied der Presidential Commission on the Status of Women, befreundet mit Eleanor Roosevelt und bekannt mit Ruth Bader Ginsberg und 1977 als erste weiblich gelesene PoC Priesterin in der Episkopalkirche. 1985 starb Murray an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Mit "My Name Is Pauli Murray" haben West und Cohen dieser außergewöhnlichen Pionier*in des 20. Jahrhunderts nun einen sehenswerten Dokumentarfilm gewidmet (zu sehen bei Prime Video), über den wir mit ihnen im Interview sprechen konnten.


Poster zum Film: "My Name Is Pauli Murray" läuft seit 1. Oktober 2021 bei Amazon Prime Video

Miss West, Miss Cohen, Ihr Film gibt verschiedene Antworten, aber was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund dafür, dass Pauli Murray historisch gesehen eine erstaunlich unbekannte Person ist?

Cohen: Pauli war in den unterschiedlichsten Sphären der Zeit einfach immer voraus. Nicht nur was Frauenrechte angeht, sondern auch mit Blick auf die Gleichbehandlung von Schwarzen und Weißen in den USA. Pauli argumentierte zum Beispiel früh, dass die lange geltende "separate but equal"-Doktrin, nach der die Rassentrennung rechtens war, so lange Afroamerikaner*innen gleichwertige Einrichtungen zur Verfügung standen, in Wirklichkeit unfair, ungerecht und unmoralisch war.

Pauli weigerte sich auch bereits 15 Jahre bevor es Rosa Parks tat, von den vorderen Plätzen eines Busses aufzustehen, und wurde dafür verhaftet. Und nahm 17 Jahre vor den so genannten Lunchcounter Sit Ins in einem Café für Weiße in Washington D.C Platz und stand nicht mehr auf. Pauli hatte immer wieder Ideen und Gedanken, für die die Zeit noch nicht reif war und über die die Menschen noch nicht bereit zu sprechen waren.

West: Außerdem war es interessanterweise so, dass Pauli immer dann, wenn die Leute endlich doch mal so weit waren, längst zum nächsten Thema weitergezogen war. Denn Pauli suchte immer neue Aufgaben und Herausforderungen, beim Schreiben, in der Poesie oder später in der Religion. Pauli war nicht aufzuhalten, wenn es darum ging, sich das nächste relevante Anliegen vorzunehmen.

Wie frustrierend war es für Pauli, zu Lebzeiten nicht die gebührende Anerkennung zu bekommen?

Cohen: Ich denke, mitunter war Pauli sehr frustriert, wenn auch vielleicht weniger, was die Anerkennung als Person angeht, sondern viel mehr die Missachtung dieser wirklich wichtigen Ideen. In den 1950er Jahren zum Beispiel schrieb Pauli ein ausgesprochen innovatives Buch über die Geschichte der Murray-Familie im Bürgerkrieg und der Reconstruction-Zeit, eine Mischung aus Familienerinnerung und historischem Sachbuch. Die Kritiken waren gut, aber der Verlag weigerte sich, das Ganze auch als Taschenbuch herauszubringen.

Als mehr als 20 Jahre später die Serie "Roots" ein riesiger Erfolg wurde, sah sich Pauli bestätigt, dass der Ansatz der richtige gewesen war. Bei allem Frust schien Pauli jedenfalls immer auch zu wissen, dass Amerika eines Tages bereit sein würde für all diese Dinge. Deswegen auch dieses umfangreiche Archiv im Nachlass, mit all den Schriften und Briefen, hunderten von Fotos und auch Audio- und sogar Videoaufnahmen. Pauli hat all das nicht nur aufgehoben, sondern auch dafür gesorgt, dass Paulis Nichte dieses Archiv an die Harvard University vermittelt.

Sie verwenden immer Paulis Namen, um Pronomen möglichst zu umgehen. Würden Sie denken, dass Pauli sich heutzutage als nichtbinär oder womöglich als trans Mann identifizieren würde?

West: Das war für Pauli absolute Privatangelegenheit, in den veröffentlichten Schriften kommt dieses Thema nie vor. Aber im Archiv lassen sich – sicherlich nicht ohne Grund – Briefe an Ärzte finden, in den Pauli schreibt: "Ich glaube, ich bin ein Mann." Mal geht es um Testosteron-Behandlungen, von denen Pauli gehört hatte, mal um die Bitte, bei einer Blinddarmoperation nachzusehen, ob sich nicht doch vielleicht nicht deszendierte Hoden entdecken lassen. Es muss viel Mut gekosten haben, sich in der damaligen Zeit mit diesen Fragen ans medizinische Establishment zu wenden – und immer wieder abgewiesen zu werden.

Ich denke, Pauli würde sich freuen, dass über diese Themen heutzutage offener gesprochen wird. Aber ich habe keine Ahnung, welche Pronomen Pauli für sich selbst wählen würde. Mir erscheint es anmaßend, diese Entscheidung nun jemandem abzunehmen, der selbst so meinungsstark war. Einfach immer Pauli zu sagen, ist ein Ratschlag von Chase Strangio gewesen, einem Anwalt und trans Mann, mit dem wir für unseren Film gesprochen haben.


Führten Regie: Betsy West (l.) und Julie Cohen

Sehen Sie Paulis Queerness auch als den Grund dafür, dass zum Beispiel auch die Bürgerrechtsbewegung oder die Frauenbewegung Pauli nie wirklich vereinnahmt und in ihre Reihen aufgenommen haben?

Cohen: Das ist natürlich Spekulation, aber sicherlich ist das denkbar. Als sich zum Beispiel die NAACP [National Association for the Advancement of Colored People, eine der ältesten und einflussreichsten Schwarzen Bürgerrechtsorganisationen der USA; d. Red] in den 1940er Jahren dagegen entschied, Paulis Verhaftung in der Bus-Sache vor Gericht zu vertreten und zu einem Musterfall zu machen, mutmaßte Pauli selbst, dass die Verantwortlichen für solche Fälle makellose Vorzeige-Personen suchten – und Pauli das eben nicht war. Und es ist ja kein Geheimnis, dass weder die Bürgerrechts- noch die Frauenbewegung von Anfang an ihre queeren Brüder und Schwestern mit offenen Armen empfingen. Aber genau festmachen lässt sich das natürlich nur schwer.

Welche Entdeckung unter all den Materialien in Paulis Archiv hat Sie eigentlich am meisten beeindruckt?

Cohen: Tatsächlich vielleicht weniger eine politische als eine persönliche. Die Briefe, die Pauli und Irene Barlow geschrieben haben, gingen mir sehr nahe. Irene war die große Liebe in Paulis Leben, die beiden führten 15 Jahre lang, bis zu Irenes Tod, eine erfüllte Beziehung. Die kleinen Details und Witze und Kosenamen in ihren Briefen zu entdecken, war etwas sehr Besonderes. Irene unterschrieb zum Beispiel manchmal mit 007, was nie erklärt wird, aber womöglich eine Anspielung darauf war, dass Geheimhaltung natürlich eine Rolle in ihrer Partnerschaft spielte. Mich hat es beindruckt, wie viel Glück und Zufriedenheit selbst damals und gegen alle Widerstände eben doch in einer solchen Beziehung möglich war.

Ihr Film ist nun eines von mehreren Anzeichen dafür, dass in den USA Pauli Murray endlich (wieder-)entdeckt wird. Warum eigentlich gerade jetzt?

West: Offensichtlich sind wir jetzt endlich bereit für Pauli. Die Biografie von Rosalind Rosenberg, die vor einigen Jahren erschien, hat einiges bewirkt. Und an der Yale University, wo Pauli unter anderem studiert hatte, war man vor fünf Jahren so schlau, ein neues College nach Pauli zu benennen. Übrigens kurz nachdem man dort Ärger hatte wegen eines Colleges, dessen Namensgeber ein Südstaaten-General war.

Wahrscheinlich ist genau das der Punkt: Amerika befindet sich gerade in einer Phase der Neurorientierung, in der die eigene Geschichte aus anderen Blickwinkeln als den bisherigen betrachtet wird. Wir erkennen den systemischen Rassismus, der unserem Land und unserer Geschichtsschreibung zu Grunde liegt und entdecken plötzlich wegweisende Menschen, denen wegen ihrer Hautfarbe und/oder ihres Geschlechts nie die berechtigte Anerkennung zukam. Höchste Zeit, würde ich sagen!

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Infos zum Film

My Name Is Pauli Murray. Dokumentarfilm. USA 2021. Regie: Betsy West, Julie Cohen. Laufzeit: 91 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Seit 1. Oktober 2021 bei Amazon Prime Video