Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?40139

Doch kein Gutachten von Christoph Raedel

"Homo-Heiler"-Professor zieht sich aus Latzel-Prozess zurück

Ein Professor, der Homosexualität für grundsätzlich "unvereinbar mit der christlichen Lehre" hält, wird nun doch nicht als Experte im Volksverhetzungs-Prozess gegen den evangelischen Pastor Olaf Latzel gehört.


Olaf Latzel (li.) wurde in erster Instanz wegen Volksverhetzung verurteilt, der evangelikale Gutachter Christoph Raedel sollte vor Gericht als Experte auftreten (Bild: Scs / FTH)

Der Gießener Theologieprofessor Christoph Raedel wird kein Gutachten für den Berufungsprozess gegen den evangelischen Pastor Olaf Latzel erstellen. Das berichtete das Radio-Bremen-Regionalmagazin "buten un binnen" am Montag. Ein Sprecher des Landgerichts Bremen habe demnach erklärt: "Er hat vor dem Hintergrund der Unruhen um seine Person, zu denen er sich ja aufgrund seiner Rolle nicht äußern könnte, darum gebeten, nicht weiter in der Sache tätig sein zu müssen."

Hintergrund ist, dass Latzel im November 2020 vom Amtsgericht der Hansestadt wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 8.100 Euro verurteilt worden war (queer.de berichtete). Der 53-Jährige hatte zuvor in einem auf Youtube veröffentlichten "Ehe-Seminar" Homosexualität als "Degenerationsform von Gesellschaft" und als "todeswürdig" bezeichnet, die LGBTI-Community als "Gender-Dreck" herabgewürdigt und CSD-Besucher*innen vorgeworfen, "Verbrecher" zu sein. Latzel ging in Berufung.

Raedel, ein Professor der evangelikalen Freien Theologischen Hochschule in Gießen, sollte im Auftrag des Landgerichts ein theologisches Gutachten erstellen, das klären sollte, inwieweit die diffamierenden Äußerungen Latzels biblisch gedeckt seien (queer.de berichtete). An der Ernennung gab es sofort Kritik, weil Raedel unter anderem für "Homo-Heilung" geworben und Homosexualität als "unvereinbar mit der christlichen Lehre" bezeichnet hatte. Schließlich stellte die Staatsanwaltschaft vergangenen Monat einen Befangenheitsantrag gegen Raedel (queer.de berichtete). Über diesen wird nun nach dem freiwilligen Rückzug des Professors nicht mehr entschieden.

Verhandlung wird wohl später beginnen

Nun müsse ein neuer Gutachter oder eine neue Gutachterin bestellt werden, so ein Gerichtssprecher. Noch sei aber keine Person gefunden, die von Staatsanwaltschaft und Verteidigung akzeptiert werde. Dadurch verschiebe sich die frühestens Anfang 2022 beginnende Verhandlung voraussichtlich weiter nach hinten.

Latzel ist Pastor in einer von 61 Kirchengemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche. Er war bereits vor der Verurteilung letztes Jahr wiederholt mit Ausbrüchen gegen queere Menschen oder Angehörige anderer Religionen aufgefallen. Die "Frankfurter Rundschau" hatte ihn deshalb als "Hetzprediger von der Weser" bezeichnet. (dk)



#1 KaiJAnonym
  • 04.10.2021, 16:40h
  • Auf Volksverhetzung nach weltlichem Gesetz wird und ist entschieden worden. Eine über dem stehende geistliche Gerichtsbarkeit via Bibelgutachten gibt es nicht. Richter und Staatsanwaltschaft sollten den Prozess nicht weiter zur reinen Farce werden lassen.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 KaiJAnonym
  • 04.10.2021, 16:59h
  • Antwort auf #1 von KaiJ
  • Mich interessiert inzwischen schon, wer ausser der Staatsanwaltschaft rechtlich noch dazu berufen ist, einen Befangenheitsantrag gegenüber dem Richter zu stellen oder das kommende Urteil anzufechten.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 thorium222Profil
  • 04.10.2021, 18:15hMr
  • Sollte vollkommen egal sein, ob Latzels widerliche Aussagen von der Bibel gedeckt sind oder nicht! Ist das hier ein säkularer Staat oder doch eine Theokratie? Im ersteren Fall darf die eigene Fantasiewelt nur in den Grenzen ausgelebt werden, die niemand anderen schädigt, und deshalb ist Volksverhetzung in Deutschland aus sehr gutem Grund verboten! Wir haben doch alle gesehen, welche Schäden solche Hetze in Deutschland schon einmal angerichtet hat!
  • Antworten » | Direktlink »
#4 LegatProfil
  • 04.10.2021, 18:47hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #3 von thorium222
  • Die christlichen Kirchen haben eine über 2000 Jahre zurückreichende faschistische Tradition. Heutige religiös motivierte Faschisten wissen das sehr gut, für solche Fanatiker braucht es nicht mal die Naziherrschaft, um sich darauf zu berufen. Wer aus Jahrtausenden religiöser Unterdrückung nichts lernen will, wird auch nichts aus dem 3. Reich lernen.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 kuesschen11Profil
  • 04.10.2021, 20:23hFrankfurt
  • Antwort auf #4 von Legat
  • Danke, deiner Auslegung kann ich voll zustimmen.

    Der religiös motivierte Faschismus zeigte schon vor der Naziherrschaft seine Auswirkungen. Die geschichtlich bekannte "Rattenlinie" oder "Klosterlinie" ist ein Beispiel dafür, wie der Vatikan mit dem damaligen Regime kollaborierte.

    Es fehlten bei den Nürnberger Prozessen christliche Mitläufer auf der Anklagebank, die an den Verbrechen passiv und aktiv mitbeteiligt waren. Die wurden durch "Persil-Scheine" ins Ausland geschleust.

    Ich finde, das wurde rechtlich und ethisch nie richtig aufgearbeitet.

    Es ist bis heute noch, wie sich durch Unterdrückung und Ausgrenzung zeigt, eine Form von Faschismus (Volksverhetzung) in der Religion enthalten.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 KaiJAnonym
  • 04.10.2021, 20:50h
  • Antwort auf #1 von KaiJ
  • Die Farce hat jedoch auch ihre Vorteile. Und es kann ja auch nur eine werden. Ein Gutachter ist schon abgesprungen. Richter, Staatsanwaltschaft und Latzel suchen verzweifelt nach einer neuen Gutachter*in. Was Lauteres gibt sich für sowas nicht her. Sie geraten also immer wieder an sowas wie den ersten Gutachter. Das Gespött ist dem Prozess sicher. Die wohl einzige Verteidigungsstrategie Latzels bricht in sich zusammen und es bleibt, wie es sein muss, bei einer bestätigten Volksverhetzung mit leider viel zu geringem Strafmass.
  • Antworten » | Direktlink »
#7 FinnAnonym
  • 04.10.2021, 21:09h
  • " [...] sollte im Auftrag des Landgerichts ein theologisches Gutachten erstellen, das klären sollte, inwieweit die diffamierenden Äußerungen Latzels biblisch gedeckt seien"

    Und ich Dummerchen dachte, wir leben in einem Rechtsstaat, wo nicht die Bibel, sondern nur demokratisch legitimierte Gesetze entscheiden, was erlaubt ist und was nicht...
  • Antworten » | Direktlink »
#8 AtreusProfil
  • 05.10.2021, 09:10hSÜW
  • Antwort auf #7 von Finn
  • Du lebst in einem Land, indem ein Bundesminister die katholische Kirche, also den Täter, an den Tisch holt, um mit ihr über die Abschaffung von Konversionstherapien zu debattieren und siehe da: erstmals in der Bundesrepublik sind Konversionstherapien ausdrücklich und gesetzlich für erwachsene Menschen erlaubt...
  • Antworten » | Direktlink »