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Ab Donnerstag im Kino

Das Auto ein Aphrodisiakum, der Körper ein Werkzeug

Mit "Titane" hat Julia Ducournau als erst zweite Regisseurin beim Filmfestival in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Ihre Protagonistin hat Sex mit Autos, wird zur Serienmörderin und gibt sich als Junge aus, um der Polizei zu entkommen.


Alexia (Agathe Rousselle) kann mit Menschen nicht viel anfangen (Bild: Koch Films)
  • Von Arabella Wintermayr
    5. Oktober 2021, 13:07h, noch kein Kommentar

Dass die französische Filmemacherin Julia Ducournau die erste Frau ist, die allein mit dem Hauptpreis des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet wurde – und überhaupt erst die zweite weibliche Regisseurin, die ihn erhält – ist schon eine kleine Sensation. Die wesentlich größere aber ist, dass sich die Jury für die Auszeichnung, die in der Kinowelt vielen Kritiker*innen mehr bedeutet als der Oscar, mit "Titane" auf einen Film auserwählt hat, der radikal mit Genregrenzen, Figurenzeichnungen und Erzählmustern bricht.

Nicht weniger überraschend ist, dass ein Drama mit ausgeprägten Horrorelementen, das von einer Protagonistin handelt, die im Verlauf einer knapp 110-minütigen Spielzeit mit einem Cadillac exzessiven Verkehr hat, anschließend von besagtem Auto schwanger wird, sich zur Serienmörderin entwickelt und schließlich als 17-jähriger Junge ausgibt, ausgerechnet in ästhetischer Hinsicht derart überzeugt.

Räkeln auf der Motorhaube


Poster zum Film: "Titane" startet am 7. Oktober im Kino

Ihr Talent für formvollendete Kompositionen stellt Ducournau allerdings bereits in der zweiten Szene unter Beweis: Zu schwerfälligen Gitarrenriffs von "The Kills" und in eine extravagante Bomberjacke mit brüllendem Tiger darauf gekleidet, betritt Alexia (Agathe Rousselle) eine in Neonlicht getauchte Halle, in der die Anwesenden zwei primitiven Leidenschaften gleichzeitig frönen: Stripperinnen räkeln sich auf aufwendig frisierten Protzkarren.

Fast anstößig wirkt, wie die Kamera einfängt, wie sich Frauenkörper vor johlenden, grapschenden Männergrüppchen winden. Fast enttäuscht stellt man fest, dass auch die mit ihrer androgynen Ausstrahlung herausstechende Alexia auf eine Motorhaube steigt. Doch dann verändert sich plötzlich die Choreografie: Die Protagonistin blickt zurück zu den Zuschauenden – und scheint irritierend viel Freude an ihrer Arbeit zu haben. Keine Spur von Ausbeutung oder dem "male gaze".

Lieber Maschine als Mensch

Wie groß ihre Faszination für Autos tatsächlich ist, stellt sich kurz darauf heraus, als sie, wenn alle Feiernden längst gegangen sind, in einen besonders spektakulären Cadillac steigt und mit dem Wagen Sex hat. Vorher noch wird klar, dass sie mit Menschen hingegen nicht viel anfangen kann: Als eine Kollegin sie unter der Dusche anflirtet, reagiert sie kaum. Als sich kurz darauf ihre Haare in deren Nippelpiercing verfangen, hat sie keinerlei Skrupel, sie gewaltsam herauszureißen. Und das wird noch nicht einmal die brutalste Begegnung mit besagtem Körperschmuck sein.


In der internationalen Presse wurde Hauptdarstellerin Agathe Rousselle als die Neuentdeckung des Festivals von Cannes gefeiert (Bild: Koch Films)

Woher die Faszination für kaltes, unbelebtes Metall kommt, klärt der Film nicht auf. Möglicherweise hat die titelgebende Titanplatte, die Alexia nach einem schweren Autounfall in ihrer Kindheit im Schädel trägt, etwas damit zu tun. Auf aufschlussreiche Dialoge oder Introspektion wird verzichtet – dass die Protagonistin eine antisoziale Persönlichkeitsstörung hat, wird aber allein durch ihr Handeln klar: Nachdem ihr ein Stalker zu nahekommt, scheinen alle Hemmungen gefallen, sie verfällt in einen sehr explizit dargestellten Blutrausch.

Auch im Hinblick auf Geschlecht verwischen Grenzen

Spätestens diesem Zeitpunkt könnte man "Titane" leicht vorwerfen, einfach nur provozieren zu wollen. Das wäre aber gleich aus zweierlei Hinsicht voreilig: Die größten Gewaltexzesse – nun gegen sich selbst gerichtet – sollen erst noch folgen, aber auch das Einfühlungsvermögen, mit dem Ducournau auf ihre Figuren blickt, wird in der zweiten Hälfte des Films deutlich spürbarer.

Denn als sie bemerkt, dass die Polizei bereits nach ihr fahndet, beschließt sie kurzerhand, sich als ein seit Jahren vermisster Jugendlicher auszugeben. Sie säbelt sich das Haar ab, rasiert die Augenbrauen weg, zertrümmert sich die Nase, bindet Brüste und Schwangerschaftsbauch ab: Ist das Auto in "Titane" ein Aphrodisiakum, ist der menschliche Körper bloßes Werkzeug – ein Mittel zum Zweck, das nach Belieben geformt werden kann. Auch im Hinblick auf Geschlecht verwischt der Film so Grenzen.

Der Vater des Vermissten (Vincent Lindon) scheint in ihr tatsächlich den verlorenen Sohn zu erkennen, und obgleich die Paarung viel skurriler nicht sein könnte, finden sie immer wieder zueinander, sind auf wortlos-pragmatische Art eine Stütze füreinander. Das mutige Gemenge eigentlich nicht zusammenpassender Fragmente allein macht "Titane" zu einer kleinen filmischen Besonderheit. Und weil sich die Unordnung am Ende in seiner Andersartigkeit sogar irgendwie stimmig und seltsam befriedigend anfühlt, macht aus dem Fantasy-Drama ein kleines psychologisches Mysterium.

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Infos zum Film

Titane. Fantasy-Drama. Frankreich 2021. Regie: Julia Ducournau. Darsteller*innen: Vincent Lindon, Agathe Rouselle, Garance Marillier, Lais Salameh. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Koch Films. Kinostart: 7. Oktober 2021