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Nichtbinäre Menschen sollen unsichtbar bleiben

SPD-Frauenministerin gegen Gendersternchen

Die Debatte um geschlechtergerechgte Sprache geht weiter: Jetzt spricht sich sogar die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in einem offiziellem Schreiben gegen das umstrittene Gendersternchen aus – und will ausdrücklich diverse Menschen sprachlich nicht berücksichtigen.


Christine Lambrecht führt derzeit zwei Bundesministerien – zum einen ist sie seit Juni 2019 Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, zum anderen seit Mai 2021 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Bild: Thomas Köhler / photothek)

Nach dem Willen von Bundesfrauenministerin Christine Lambrecht (SPD) sollen die obersten Bundesbehörden Gendersternchen und Co. grundsätzlich ignorieren. "Sonderzeichen als Wortbestandteile in der offiziellen Kommunikation" seien "nicht zu verwenden", so zitiert die "Neue Osnabrücker Zeitung" (Bezahlartikel) ein bislang unbekanntes Schreiben des Bundesfrauenministeriums vom 16. September an das Bundeskanzleramt, die Bundesministerien und weitere hohe Bundesbehörden.

Demnach verwies die Ministerin laut dem Bericht auf die Auffassung des Deutschen Rechtsschreibrats, wonach derartige Schreibweisen "derzeit" rechtswidrig seien und außerdem nicht sichergestellt sei, dass derartige Schreibweisen "allgemein verständlich" seien.

Trotz der Empfehlung gegen Gendersternchen, Binnendoppelpunkt oder Binnenunterstrich sprach sich Lambrecht für eine softere Form geschlechtergerechter Sprache aus: So solle das generische Maskulinum wenn möglich vermieden werden, wenn weibliche Formen existierten (etwa bei "Kunde" und "Kundin"). Bei manchen Worten kann nach Ansicht des Ministeriums aber die weibliche Form gänzlich unter den Tisch fallen, nämlich bei juristischen oder abstrakten Personen wie "Arbeitgeber". Wenn es möglich sei, sollten aber neutrale Begriffe verwendet werden ("Teilnahmeliste" statt "Teilnehmerliste").

Ministerium: Zu wenig nichtbinäre Menschen

Diverse Menschen sollen laut dem Bericht sprachlich nicht berücksichtigt werden. So sei laut der Ministerin die ausschließliche Nennung der männlichen und weiblichen Form "grundsätzlich annehmbar", weil der Anteil diverser Personen "sehr gering ist". Lediglich bei Stellenausschreibungen müsse zwingend die Abkürzung "m/w/d" verwendet werden.

Hintergrund der Empfehlung ist die seit Jahren anhaltende und hochemotional geführte Debatte um das generische Maskulinum, das Frauen oder trans und nichtbinäre Menschen ausgrenze. Ziel von geschlechtergerechten Formulierungen wie "Student*innen" oder "Studierende" ist es, diese Gruppen auch sprachlich zu integrieren.

Zuletzt hatte es offizielle Genderverbote gehagelt: So untersagten CDU-geführte Ministerien in Sachsen und Schleswig-Holstein teilweise die Nutzung von Gendersternchen und Co. an öffentlichen Schulen. Auch der Bayerische Rundfunk verbietet fast allen Redakteur*innen, die geschlechtergerechte Sprache zu verwenden (queer.de berichtete). Der voraussichtlich nächste Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), ein Parteifreund Lamrechts, hatte allerdings im Wahlkampf erklärt, ein Verbot von Gendersternchen wäre "peinlich" (queer.de berichtete).

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Lambrecht, die auch das Justizressort anführt, hatte bereits vor einem Jahr für eine Debatte gesorgt, als in einem Gesetzentwurf des Justizministeriums ausschließlich das generische Femininum verwendet wurde (statt "Geschäftsführer" und "Schuldner" wurden etwa die Begriffe "Geschäftsführerin" und "Schuldnerin" verwendet). Das CSU-geführte Innenministerium widersprach dem Entwurf und behauptete, das Gesetz könne dann so interpretiert werden, dass es "möglicherweise nur für Frauen oder Menschen weiblichen Geschlechts gilt". Daraufhin änderte das Justizministerium den Entwurf. Am Ende wurde es vom Bundestag beschlossen – und zwar mit ausschließlich männlichen Bezeichnungen. (dk)



#1 mind_the_gap
  • 06.10.2021, 10:39h
  • Wenn die Minderheit klein genug ist, darf man sie also auch gerne unterschlagen.

    Ich weiß schon, warum ich nicht SPD gewählt habe. Umso schlimmer, dass diese Partei nun das sogenannte "kleinste Übel" darstellt.

    A propos übel... so wird mir, wenn mir klipp und klar ins Gesicht gesagt wird, dass man meine Existenz gerne vernachlässigen kann. Nach meinem Verständnis von Menschenrechten müssen diese nämlich völlig unabhängig von der Zahl Betroffener gelten. Oder haben wir neuerdings sowas wie eine Fünf-Prozent-Hürde für Menschenrechte?

    Wer hat uns verraten? Na? Na?
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#2 BobAachenProfil
  • 06.10.2021, 10:42hAachen
  • Korrekt wäre ja auch Redakteur*innen und Redakteure", da sonst andererseits die Männer nicht mehr vorkommen.
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#3 AtreusProfil
  • 06.10.2021, 10:45hSÜW
  • Die Wahl ist ja auch vorbei! Da werden die Regenbogenbanner wieder eingemottet, bis zur nächsten Pride-Week oder dem nächsten Anschlag auf queeres Leben in Deutschland. Ich wette einen 10er, dass wir morgen oder übermorgen die 117. Neuauflage der Entschuldigung seitens der queerSPD lesen werden. Weiterführend wette ich siegesgewiss alles was ich besitze, dass es queere Menschen gibt, die die SPD gewählt haben, weil sie tatsächlich glaubten, sie hätten irgendeine Relevanz für die Partei, die über die Stimmabgabe zur politischen Machtgewinnung hinausginge.
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#4 mind_the_gap
#5 SakanaAnonym
  • 06.10.2021, 10:56h
  • Das Schreiben ist vom 16.09, die gesamte aktuelle Bundesregierung ist nur noch geschäftsführend im Amt seit 27.09. und es steht jede:rm Nachfolger:in im Amt (GRÜNE, FDP, SPD) frei, den Erlass auch wieder aufzuheben oder abzuändern. Verstehe das Gewese nicht um einen Erlass einer geschäftsführenden Ministerin.
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#6 Konnie DudenAnonym
#7 mind_the_gap
  • 06.10.2021, 11:23h
  • Antwort auf #5 von Sakana
  • "Verstehe das Gewese nicht"? Ernsthaft?

    Selbst wenn der Erlass "auch wieder aufgehoben oder abgeändert" werden könnte, muss das erst einmal jemand wollen und dann auch durchsetzen.

    Da vsl. die SPD die stärkste Kraft in der neuen Regierung sein wird, sehe ich da keine allzu großen Chancen. Weil: "es gibt ja Wichtigeres als diese paar Nichtbinären."

    BTW, warum weiß die SPD denn nur von so wenigen Nichtbinären? Weil die bisherigen Regierungen es den meisten Nichtbinären unmöglich gemacht hat und noch macht, überhaupt rechtlich zu Tage zu treten. Wir können also davon ausgehen, dass es ein Vielfaches mehr Nichtbinäre gibt als die SPD glaubt.

    ***

    Ich möchte in diesem Zusammenhang noch Jeja Klein zitieren. Die Person twitterte heute:

    "Leute finden "Gendern" nicht schlimm, weil Frauen genannt werden. Frauen finden die schon ganz okay. Was die Leute auf die Palme bringt, ist, dass sie mit dem Sternchen anerkennen sollen, dass es (nichtbinäre) transgeschlechtliche und intergeschlechtliche Personen überhaupt geben kann und eben nicht nur "Männer" und "Frauen" in ihrem Sinn. Nur dadurch lässt sich der abgefahren hohe gesellschaftliche Mobilisierungsgrad erklären, der derzeit zu beobachten ist: "Gender" ist "Transgender", eine Chiffre für die Behauptung, dass es etwas anderes gibt als zwei biologisch festgelegte Geschlechter."

    Ich denke, das trifft es genau auf den Punkt. Momentan wird mit allen Mitteln und massivst versucht, uns AKTIV zu unterdrücken und totzuschweigen. Ich werde mir das jedenfalls nicht gefallen lassen und jedes Mal wieder "Gewese" darum machen.
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#8 SakanaAnonym
  • 06.10.2021, 11:36h
  • Antwort auf #7 von mind_the_gap
  • Warum ich das "Gewese" für unnötig halte? Erstens ist die Regierung nur noch geschäftsführend im Amt, dh dass sie nur das Tagesgeschäft absolviert und keine Pflöcke für die Zukunft mehr einschlägt. Das gehört sich so nicht in der Regierungssukzession. Zweitens sind FDP und GRÜNE zusammen stärker als SPD in einer kommenden Regierung (vorausgesetzt, die Ampelsondierungen scheitern nicht) und haben wahrscheinlich auch das Erstzugriffsrecht auf bestimmte Ministerien.

    Wenn also die GRÜNEn oder die FDP das Ministerium als "Preis" bekommen, können sie jederzeit den Erlass modifizieren oder ganz aufheben und durch einen inklusiveren ersetzen. Ich würde an deiner Stelle eher Druck auf deinen neu oder wiedergewählte:n Bundestagsabgeordnete:n von SPD, FDP oder GRÜNEn machen, damit dein Thema bei den Verhandlungen nicht unter den Tisch fällt.

    Extrem sauer wäre ich übrigens nur gewesen, wenn der Erlass zu Beginn der neuen Regierungsperiode gekommen wäre. So ist er allenfalls übergangsweise.
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#9 mind_the_gap
  • 06.10.2021, 11:50h
  • Antwort auf #8 von Sakana
  • Dass Du auf Deine SPD nichts, aber auch gar nichts kommen lässt, ist ja nun hinlänglich bekannt. Interessant finde ich aber nun wirklich, dass jetzt ICH aktiv werden soll, damit "mein Thema" nicht doch noch unter den Tisch fällt?

    Wie zynisch ist DAS denn, bitte?
    Wenn also Deine SPD das verbockt, soll ich das jetzt persönlich ausbügeln? Warum soll das überhaupt nur "mein" Thema sein? Muss man sich hier ernsthaft sagen lassen, eine Minderheit soll gefälligst selbst für das Menschenrecht sorgen, das ihr zusteht?
    Und wenn das eben nur "mein" Thema ist, dann bin ich gefälligst jetzt auch allein dafür zuständig? Das ist das diametrale Gegenteil von Solidarität.

    Aber Hauptsache, Deine SPD bekommt keine weiteren Kratzer.
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#10 MarinaAnonym
  • 06.10.2021, 11:50h
  • Nein, es geht nicht darum, dass nichtbinäre Menschen unsichtbar sein sollen. Sondern es geht darum, dass nichtbinäre Menschen sich nicht zu einem Sternchen degradieren lassen, wenn es auch eine Form gibt, die auch sie mit einschließt und die erst deshalb zur rein männlichen Form wird, indem man ein "*innen" anhängt.
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