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Berlin
Heiter-genialer Homoaktivismus im Dreivierteltakt
Johannes Kram beschränkte sich lange auf queere Medienkritik. Jetzt schafft der Nollendorfblogger mit seiner tragikomischen "Operette für zwei schwule Tenöre" selbst überfällige Tatsachen. Ein großer Wurf!
- Von Baffolo Meus
7. Oktober 2021, 06:50h 4 Min.
Schon die Ouvertüre katapultiert die Besucher*innen dieser Weltpremiere hundert Jahre zurück, während die opulente Lichtkomposition gleichermaßen Bühne und Saal mit Spotlight flutet. Schnell wird klar: Niemand kommt hier trocken raus. Was sich das BKA-Theater da ins Haus geholt hat, hat die Welt noch nicht gesehen – buchstäblich. Denn mit der "Operette für zwei schwule Tenöre" von Johannes Kram (Text) und Florian Ludewig (Musik) wird nicht nur ein vorgestriges Genre abgestaubt, sondern erstmals mit homosexuellen Protagonisten bestückt.

Im Mittelpunkt der Operette steht das schwule (Ex-)Paar Tobi (Ricardo Frenzel Baudisch, l.) und Jan (Felix Heller), hier umgeben von Tänzern (Bild: Michael Bidner / dpa)
Wenn das nicht schon Sensation genug ist, dann spätestens die sechzehn schallernden Lieder über Einrichtungsvorlieben gesetzter Paare, über verschnarchte TV-Abende und heimliche Fetische. Sämtliche schwulen Klischees werden hier aneinandergereiht und in die strenge Form der Operette verpackt, soll heißen: übergriffige Melodien, Schenkelklopfer-Twists und rühriges Sentiment. Eben alles, was im Strobo-Licht des techno-beschallten Berlins bislang als No-Go galt. Das Ende eines 18-monatigen Theater-Lockdowns haben sich wohl wenige mit überschäumender Orchestermusik vorgestellt, aber sie haben es sich verdient. Jeder Lachkrampf, jede heiße Träne und der Blick über die Schulter, dass es andere ebenso erleben, war dringend nötig.
Selbstfindungstrip eines Großstädters auf dem Land
Kram und sein Komponist Florian Ludewig genießen es, durch die banale Welt von monogamen Zweierbeziehungen zu walzern. Ein kluger Griff war, vom politischen Minenfeld Berlins als Handlungsort abzusehen und die Romanze inmitten einer dörflichen Idylle samt Obstgärten, Schützenfesten und Elternbesuchen auf- und abblühen zu lassen. Im Zentrum der Geschichte steht der angestrengte Selbstfindungstrip eines Großstädters auf dem Land, und der wird trotz spöttelndem Ton nie abgewertet.
Im Gegenteil, Kram erzählt die Liebesbeziehung vom Ex-Berliner Tobi und seinem "only Gay in the Village" Jan parallel durch deren Wahrnehmungsfilter in "Rashomon"-Manier nach, was Empathien und Lacher für beide sichert. Dabei ist die Kulisse des ländlichen Lebens für städtische Zuschauer*innen nicht nur erfrischend, sondern wird als ebensolche Illusion demaskiert – wie das toterzählte Pendant des Dörflings, der sich in Berlin neu erfindet.

Florian Ludewig (li.) und Johannes Kram (Bild: DIrk Lang)
Während sich also die ansehnlichen Tenöre Ricardo Frenzel Baudisch und Felix Heller von Schwank zu Schunkel singen und tanzen, ist die minimale Ausstattung der Bühne in maximaler Bewegung. Zudem wechseln drei ruhelose Männer zwischen ihren Funktionen als Ballett und Chor, als Garderobiere oder pure Dekoration, zur Freude des Publikums.
Die dezenten Arten der Homophobie
Dass ganz nebenbei die dezenten Arten der Homophobie durchdekliniert werden, überrascht bei dem Schöpfer des Stückes natürlich nicht. Ob heterosexuelle Wunschfantasien oder performative Zweisamkeit, zwanghaftes Muskelpumpen oder Einsamkeit inmitten von "Normalen" – es sind diese Momente, die dem Reigen fast beifällig Gewicht verleihen und die musikalische Konfettikanone zu einem wichtigen Theaterbeitrag über queere Lebensrealitäten erhebt. Anders als in seinem Bestseller "Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber..." oder dem Nollendorfblog, erklärt Kram hier nicht mehr die perverse Situation, in der queere Menschen leben, sondern zeigt sie: So leicht und souverän, dass sie trotz der verspielten Story nicht übersehen werden kann.
Heute feierten wir die Premiere der "Operette für zwei schwule Tenöre". Es war großartig! Wir danken allen Beteiligten...
Posted by BKA-Theater on Wednesday, October 6, 2021
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Wie im Foyer des BKA getuschelt wurde, saß Kram ein halbes Jahrzehnt an diesem Lustspiel, überzeugte den erst widerwilligen Ludewig vom Genre, gewann dann mit Baudisch und Heller zwei abendfüllende Tenöre und schrieb mit dieser Premiere nun auch noch Musikgeschichte. Für die liebevolle Inszenierung sammelte er scheinbar genau das richtige Team, um seinen Traum einer Operette zu verwirklichen: Choreografie und Chorleitung, Co-Regie und das BKA-Theater halfen Kram und Ludewig, nichts weniger als einen modernen Klassiker auf die Bühne zu bringen. Welch ein Glück für Berlin!
Operette für zwei schwule Tenöre. Musik: Florian Ludewig. Buch, Liedtexte: Johannes Kram. Darsteller: Ricardo Frenzel Baudisch und Felix Heller sowie eine dreiköpfige Company (Tim Grimme, Tim Olcay, Pascal Schürken). Regie: Johannes Kram und Marco Krämer-Eis. Choreografie: Michael Heller. Chor: Lilly Sommerfeld. Kostüm: Cleo Niemeyer. Weitere Aufführungen bis 17. Oktober 2021 im Berliner BKA-Theater (Mehringdamm 34. Kreuzberg). Wiederaufnahme 2022 (19. bis 23. Januar, 26. bis 30. Januar und 2. bis 6. Februar)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück und Karten auf der BKA-Homepage
» Die "Operette für zwei schwule Tenöre" auf Facebook
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