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Interview

"Das Spannende beim Cruisen ist das Gefühl des Geheimnisvollen"

In München ist ab 16. Oktober die Fotoausstellung "Cruising – Männer*, die Sex mit Männern* haben" zu sehen. Wir sprachen mit den Machern über den besonderen Kick beim anonymen Outdoor-Sex – und zeigen erste Bilder.


Die Fotoausstellung "Cruising – Männer*, die Sex mit Männern* haben" wird am 16. Oktober im Münchner Sub eröffnet (Bild: Alex Deeg)

Über ein Jahr lang hat die Safety-Aktionsgruppe (S'AG), eine Kooperation des Schwulenzentrums Sub mit der Münchner Aidshilfe, ehrenamtlich an der Fotoausstellung "Cruising – Männer*, die Sex mit Männern" gearbeitet. Ab dem 16. Oktober werden nun die Ergebnisse zwei Wochen lang im Sub gezeigt.


Gruppenbild mit dem S'AG-Team, ganz rechts: Fotograf Alex Deeg (Bild: S'AG)

Intention sei die "Vermittlung der Präventionsbotschaften durch die künstlerische Darstellung von sexpositiven Inhalten, schwulem Selbstbewusstsein und Body Neutrality", erklärt die S'AG zu dem Projekt. Mehr über die Ausstellung verrät die Aktionsgruppe im Interview mit queer.de – und gewährt auch einen kleinen Sneak Peak in die Fotografien von Alex Deeg. Die Antworten wurden als Team formuliert, die ausgewählten Bilder gehören aus Jugendschutzgründen zu den harmloseren.


(Bild: Alex Deeg)

Wie seid ihr auf das Ausstellungsthema gekommen?

Die Safety-Aktionsgruppe macht Präventionsarbeit in der schwulen Szene – neben den klassischen Kondomverteilaktionen sind Fotoausstellungen mit dazugehörigen Rahmenprogramm schon seit einigen Jahren ein fester Bestandteil unserer Aufklärungsarbeit. Wir wollen einen unverkrampften Umgang mit dem Thema (schwule) Sexualität, und so lag es nahe, einen Aspekt zu beleuchten, der oft unter den Teppich gekehrt wird, aber gerade in der schwulen Geschichte sehr wichtig ist: das Cruisen.

Wer hat bei dem Projekt alles mitgemacht?

Das Projekt wurde komplett ehrenamtlich umgesetzt. Das Team hinter der Kamera bestand aus Mitgliedern der S'AG, vor der Kamera waren, neben Teammitgliedern, auch viele freiwillige Models, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben. So sind großartige und vielfältige Motive entstanden – verschiedene Körpertypen und Altersklassen, cis und trans, sexy aber auch verspielt – alles dank unserer Models.

Was ist das Spannende am Cruising?

Das Spannende beim Cruisen ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Das Kribbeln, wenn man einen Ast knacken hört. Eine kleine Berührung am Oberschenkel. Blicke, die ausgetauscht werden. Des Weiteren bietet Cruising etwas, das in Apps und bei Sexdates oft verloren geht – nämlich das Spontane und Anonyme. Unverkrampfte und schnelle Begegnungen, manchmal sogar komplett ohne Worte. Man(n*) gibt sich der Lust und dem Gegenüber ganz hin.


(Bild: Alex Deeg)

Aus der Community hört man immer wieder, Cruising sei doch heutzutage nicht mehr nötig, wir hätten doch legale Treffpunkte...

Wir glauben, dass es vollkommen in Ordnung ist, Cruising nicht nur als eine Praxis wahrzunehmen, die ihre Notwendigkeit aus gesellschaftlicher und rechtlicher Diskriminierung zieht. Cruising, der Vorgang an sich, ist etwas Sexuelles, etwas auf das man stehen kann und darf – auch wenn es die Möglichkeit gibt, sich jederzeit ein Date über Apps zu besorgen.

Eure Botschaft lautet "Lebt euer sexuelles Verlangen frei und lustvoll aus, habt Spaß daran und seid einfach so wie ihr seid!" Auch wenn sich andere dadurch gestört fühlen?

Der Imperativ einer freien und lustvollen Sexualität kann immer nur auf der Basis von Konsens erfolgen. Das gemeinsame Einverständnis ist grundlegende Voraussetzung: eben auch beim Cruisen – und dazu gehört die Grenzen anderer zu respektieren. Hier sollte aber zwischen abstrakten Grenzen und tatsächlichen Übergriffen unterschieden werden. Manche Menschen betrachten die Tatsache, dass es so etwas wie Cruising gibt, schon als die Erregung ihres ganz persönlichen "öffentlichen" Ärgernisses – tatsächlich aber ungewollt in eine sexualisierte Situation involviert zu sein, das hat eine andere Qualität, und da sind wir auch alle aufgefordert uns entsprechend rücksichtsvoll zu Verhalten.


(Bild: Alex Deeg)

Immer wieder gibt es Beschwerden über liegengelassene Kondome und Taschentücher. Müssen sich Cruiser verantwortungsvoller verhalten?

Wir müssen uns vor allem nachhaltiger verhalten – und das im besten Fall aus eigener Motivation heraus. Cruising-Gebiete können beispielsweise auch in Zukunft erhalten bleiben, wenn Kommunen keinen Handlungsbedarf sehen, der durch Hinterlassenschaften deutlich wird. Der Umweltaspekt kommt aber natürlich dazu. Weder Gummis noch Gleitgel-Packungen sind dafür gemacht, schnell abgebaut zu werden. Deswegen appellieren wir: Nimm deinen Müll wieder mit!

Sollte man Cruising-Areale – wie in den Niederlanden – mit von Behörden aufgestellten Schildern offiziell ausweisen, oder geht dann der Reiz des Verbotenen verloren?

Die Idee ist prinzipiell ganz sympathisch und würde vermutlich einen gewissen Anteil an cruisenden Männern* ansprechen. Andere, denen es tatsächlich mehr um Anonymität geht, würden sich aber vermutlich auch abseits davon ihre Plätze suchen. Als Angebot und auch im Sinne des Konsenses ist das aber bestimmt sinnvoll – und wird ähnlich ja auch bei FKK-Stränden gemacht.


(Bild: Alex Deeg)

In Bars und Saunen kann man Kondome auslegen und mit Postern und Flyern über HIV und STI aufklären. Wie funktioniert Präventionsarbeit im Cruising-Park?

Das ist echt ein guter Punkt! Wenn wir Präventionsarbeit eng sehen, im Sinne von HIV- und STI-Prävention, dann fahren wir ja eine multimediale, virtuelle und reale Strategie, um schwulen, bisexuellen und anderen Männern*, die Sex mit Männern* haben, Gummis, PrEP, Schutz durch Therapie und regelmäßiges Testen näher zu bringen. Das hat der Großteil der Cruisenden – denken wir zurück an die liegengelassenen Kondome – auch verinnerlicht. Fassen wir die Präventionsarbeit aber weiter und sehen die Akzeptanz der eigenen Sexualität, einen möglichen Substanzgebrauch etc. als Teil davon, dann ist es natürlich deutlich schwerer, Botschaften zu vermitteln. In München haben wir uns entschieden, nicht direkt in Cruising-Räume einzudringen, sondern uns quasi im "hellen" Bereich abseits von Darkrooms, Wäldern und Klappen beispielsweise mit einem Stand zu positionieren. Viel mehr versuchen wir die Weichen zu stellen, dass alle Informationen zu Risiken und Präventionsmöglichkeiten dauerhaft verfügbar sind – und das sind sie etwa auch digital.

Klappen sind weitestgehend verschwunden. Überall in Deutschland werden in Parks gezielt Hecken gestutzt, Rastplätze eingezäunt und Zugänge zu Badeseen gesperrt. Wird Cruising nicht immer schwieriger?

Wir haben uns doch noch immer neue Räume gesucht, wenn bestehende bedroht waren. Deswegen würde ich das nicht ganz so fatalistisch betrachten. Cruising als geile, aber auch kulturelle Praxis hat diverse Apps überlebt – und es wird sich in der einen oder anderen Art auch weiterentwickeln. Das bedeutet aber natürlich auch, dass sich traditionelle Orte wie U-Bahn-Klappen nicht mehr so anbieten werden wie beispielsweise Sex-Kinos, die dafür aber auch wieder eine Art Schutzraum bereitstellen.


(Bild: Alex Deeg)


Wo kann man denn in und um München noch unbeschwert cruisen?

Da müssen wir tatsächlich kurz schmunzeln. Es ist beim Cruisen ein bisschen so wie bei Zaubertricks: Wenn man alles verrät, geht ein bisschen was verloren. Es selbst herauszufinden, zum Beispiel auch über Erfahrungsberichte anderer, gehört einfach auch dazu. Und wer die Möglichkeit hat: Diese Erfahrungsberichte werden während der Ausstellung auf jeden Fall ein Thema im Café des Sub sein.



#1 WadimAnonym
  • 10.10.2021, 14:16h
  • Bin knapp 70. 100% potent. Cruise gerne, trotz der ablehnender Haltung seitens der Jüngeren, aber manchmal auch Älteren. Habe manchmal sogar Anfeindungen und Pöbeleien erlebt, obwohl ich niemanden belästige (ob es ein Grund für Beleidigungen sein könnte?), es sei denn meine Blicke, aber man kann einfach weg gehen.
    Allerdings wenn ich ne Möglichkeit hätte, mit meinem Freund oder mit einem anderen passenden Mann öfters zu treffen, hätte ich mir die Cruising gerne erspart.
    Was mich ebenfalls stört, dann Sauerei an den Orten, es werden sogar umweltschädliche Verpackungen einfach auf den Boden geschmissen. Das ist unter aller Sau. Schämt ihr euch nicht?
    Es gibt noch eine Reihe von Problemen hier. Ihr könnt gerne meine Beanstandungen ergänzen.
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