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Interview

"Fluidität ist fester Bestandteil meiner Weltsicht"

Regisseurin Julia Ducournau über ihren preisgekrönten Film "Titane", in dem die Protagonistin Alexia mit Autos Sex hat, zur Serienmörderin wird und sich schließlich als Junge ausgibt, um der Polizei zu entkommen.


Szene aus "Titane": Alexia erobert sich ihren Körper und ihr Begehren zurück (Bild: Koch Films)
  • Von Patrick Heidmann
    10. Oktober 2021, 16:42h, noch kein Kommentar

Frau Ducournau, ein Bild, ein Thema, eine Figur – womit nimmt ein Film wie "Titane" für Sie eigentlich seinen Anfang?

In diesem Fall liegt der Ursprung ganz klar in einem Traum, den ich jahrelang immer wieder hatte. Darin war ich schwanger und brachte Teile eines Automotors auf die Welt. Diese Bilder brannten sich mir ein, und ich fand sie gleichermaßen so unheimlich wie spannend, dass ich daraus unbedingt etwas machen wollte. Gleichzeitig gab es in diesem Fall – was für mich ungewöhnlich ist – auch einen thematischen Ansatz, den ich von Anfang an verfolgte. Denn je länger ich über meinen Debütfilm "Raw" nachdachte, desto frustrierter war ich, dass dort entgegen meiner Absichten das Thema der bedingungslosen Liebe nicht so wirklich im Fokus stand. Deswegen wollte ich mich bei "Titane" ganz bewusst der Herausforderung stellen, endlich einen Film zu drehen, der von der Liebe handelt.


Regisseurin Julia Ducournau

Fiel Ihnen das schwer?

Oh ja, ich finde nichts schwieriger als von der Liebe zu erzählen. Nicht weil sie mir fremd wäre oder so. Sondern weil es mir kaum gelingt, für die Bedingungslosigkeit der Gefühle, die für mich wahre Liebe bedeutet, tatsächlich Worte zu finden. Ganz gleich, ob man von einem Liebespaar erzählt, von einer Mutter und ihrem Kind oder von einer Freundschaft.

Beim Schreiben von "Titane" merkte ich jedenfalls, dass mir das Sprechen über die Liebe auch dieses Mal nicht wirklich gelingen würde und meine Worte das Thema eher abwerten. Aber weil ich als Filmemacherin ohnehin jemand bin, die vor allem auf die Bilder und das Licht vertraut, habe ich einfach so wenig Dialoge wie möglich geschrieben. Ich habe versucht, aus jeder Szene visuell das meiste herauszuholen, bevor ich überhaupt Worte mit ins Spiel brachte.

In diesen Bildern ist Ihre Liebe zum Genrekino nicht zu übersehen. Wie ist die eigentlich entstanden?

Ich finde es immer sehr schwer zu erklären, warum etwas toll oder inspirierend findet. Schließlich basiert das nicht auf durchdachten Überlegungen, sondern eher auf instinktiven Empfindungen. Aber angefangen hat alles sicherlich mit Edgar Allen Poe, dessen Literatur mich schon als Jugendliche begeisterte. Oder halt, vielleicht doch noch früher. Denn eigentlich sind Genre-Filme für mich heute das, was früher Cartoons im Fernsehen waren. Womit ich nicht sagen will, dass Horror, Science-Fiction und Co. kindisch, unernst oder ähnliches sind, schließlich verhandeln sie ja nicht selten sehr ernsthafte, wichtige Dinge.

Aber dieses sehr befreiende Gefühl, dass jederzeit wirklich alles passieren kann, ist ein ganz ähnliches. Wenn der Road Runner und Wile E. Coyote spektakulär von einer Klippe stürzen und dann platt wie ein Blatt Papier am Boden liegen, dann ist das aufregend, aber nicht traumatisierend. Genau den gleichen Effekt hat auf mich ein Horrorfilm, selbst wenn er mich gruselt. Ganz abgesehen davon, dass sich meiner Meinung im Genrekino durch diese gewisse Distanz zur Realität oft Dinge aussprechen und erkunden lassen, die in unserer Gesellschaft sonst eigentlich tabu sind.


Poster zum Film: "Titane" läuft seit 7. Oktober 2021 im Kino

Dafür, dass Sie "Titane" als Film über die Liebe beschreiben, ist Ihre Protagonistin Alexia erstaunlich wenig liebenswert im herkömmlichen Sinne...

Keine Frage, sie ist eine Psychopathin, handelt moralisch abstoßend und ist auf den ersten Blick für das Publikum wirklich quasi nicht zugänglich. Aber umso wirkungsvoller ist es eben, wenn es mir gelingt, trotzdem zu vermitteln, was sie fühlt. Alexias Schmerz oder eben auch ihre Liebe für alle Zuschauer*innen spürbar zu machen, war die Aufgabe, die ich unbedingt meistern wollte. Denn ich wusste, dass damit eine Verbindung zwischen der Figur und dem Publikum entstehen würde, die nie so stark gewesen wäre, wenn ich eine konventionellere Protagonistin hätte.

Hatten Sie sich dabei von Anfang vorgenommen, auch Genderfluidität zum Thema zu machen?

Tatsächlich nicht bewusst, auch weil der Film diesbezüglich keine Botschaft hat oder als gesellschaftspolitisches Statement zu verstehen ist. Dass das Thema trotzdem sehr präsent ist in "Titane", liegt einfach daran, dass diese Fluidität fester Bestandteil meiner Weltsicht ist. Ich hatte noch nie viel übrig für Schubladendenken, und das gilt definitiv auch für Genderfragen. Deswegen zucke ich auch immer zusammen, wenn ich als "female director" oder ähnliches beschrieben werde. Ich mache Filme, weil ich ich bin, nicht weil ich eine Frau bin. Meine Genderidentität und mein Beruf haben nichts miteinander zu tun.

Wobei man dagegen argumentieren könnte, dass das, was Ihre Arbeit von anderen Filmen abhebt, nicht zuletzt Ihr Blick ist, der nun einmal ein weiblicher ist!

Gut, da haben Sie Recht. Und diesen Blick setze ich in "Titane" ja auch tatsächlich gezielt ein. Nicht nur, um am Beispiel von Alexia zu zeigen, dass Weiblichkeit nichts Einseitiges oder Statisches ist. Sondern auch in dem ich ihn ganz gezielt mit dem "male gaze" konterkariere. In der Plansequenz zu Beginn des Films fährt die Kamera durch diese Autoshow, und es ist ganz klar, dass die Objektifizierung des männlichen Blicks keinen Unterschied macht zwischen den leicht bekleideten Frauen und den Fahrzeugen. Doch dann kommen wir zu Alexia, die sich in ihrer Choreografie den Blick auf ihren Körper genauso zurückerobert wie das Begehren. Damit verschiebt sich ganze Perspektive – und der Film beginnt.

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Infos zum Film

Titane. Fantasy-Drama. Frankreich 2021. Regie: Julia Ducournau. Darsteller*innen: Vincent Lindon, Agathe Rouselle, Garance Marillier, Lais Salameh. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Koch Films. Kinostart: 7. Oktober 2021