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Dokumentation

Nichtbinär an der Steilwand

Die Dokumentation "They/Them" zeigt Lor Sabourin als nichtbinäre*n Kletterer*in. Das ruhige Stück handelt von psychischen Problemen, Essstörungen und dem Kampf mit dem eigenen Körper.


Verbringt viel Zeit über dem Abgrund: Lor Sabourin (Bild: Screenshot)

Als Lor Sabourin im Februar die herausfordernde East Coast Fist Bump Route am Oak Creek Canyon hinauf geklettert ist, schaffte they es damit zu einem Artikel im Kletter-Magazin "Rock and Ice". Nicht, weil Sabourin die erste Person gewesen war, die die Steilklippe in Arizona geklettert wäre. Aber die erste nichtbinäre Person.

Aus dem Erfolg wurde eine Niederlage: Zahlreiche Kletter-Enthusiast*innen kommentierten transfeindliche Botschaften unter den Artikel, fragten nach Sabourins "echtem" Geschlecht oder betonten demonstrativ, dass es einen solchen Text erst gar nicht geben sollte.

Sichtbarkeit in der Kletter-Szene

Auf die Sichtbarkeit folgte der Rückschlag, Sabourin verkroch sich. Nun ist they wieder sichtbar: im Film "They/Them", mit dem sich der US-amerikanischen Hersteller von Outdoor-Bekleidung Patagonia für Respekt in der Kletterszene stark macht. Den 68 Minuten langen Film kann man umsonst auf der Homepage von Patagonia ansehen.

Die Parallelen zwischen dem Erklimmen steiler Felswände und dem Leben als transgeschlechtliche Person mögen nicht auf der Hand liegen, werden jedoch von Sabourin gleich zum Einstieg metaphorisch aufgebracht: "Was mich unter anderem zum Klettern gebracht hat, ist, dass ich etwas probieren möchte, das sich nicht unbedingt möglich anfühlt." Man könne sich eine Herausforderung suchen, bei der man sich verletzlich mache, sich in Stress versetze, dann bleibe man der selbe Mensch und das sei in Ordnung. Doch wenn man sich eine solche suche, die so hart sei, dass man sich dabei selber verändern muss, um sie zu meistern, könne man große Fortschritte erzielen.

Gedanken über dem Abgrund

"They/Them" lässt Sabourin und die Menschen, die them umgeben, zu Wort kommen: Es geht um das Großwerden als transgeschlechtliche Person, um Essstörungen und Sport als problematisches Mittel, Selbstkontrolle zu üben und eine Identität zu verkörpern, um Solidarität sowie das Aufeinander- und Auf-Sich-Aufpassen. Oder darum, sich den Erwartungen zu fügen, die in unserer Gesellschaft an Mädchen und Frauen gestellt werden.


(Bild: Screenshot)

Zwischen Interviewsequenzen begleitet das Filmteam Sabourin immer wieder an die Wand – mal indoor, bei their Job als Trainer*in, mal an die ganz großen Felswände in atemberaubenden Landschaften des US-amerikanischen Westens. Die Filmcrew klettert mit – und Sabourin entwickelt so manchen Gedanken vor laufender Kamera über dem Abgrund an der Steilwand oder bei einer Snack-Pause auf einem kleinen Felsvorsprung.

Essstörung als Mittel zur Kontrolle

Gesnackt wird jedoch nur kalorienarm. Denn wenn es Sabourin psychisch schlecht ergeht, dann geht nichts anderes rein. Beim Klettern jedoch muss man essen. Also werden als "gesund" verschriene Lebensmittel die Steilwand hinauf geschleppt, keine energiereichen. Wofür Sabourin manchmal Komplimente bekomme, sei jedoch etwas ganz anderes: "Essstörung". Their Körper mag inzwischen muskulös und kräftig wirken und die kühnsten Herausforderungen erklettern – das Problem mit dem Essen ist auch nach vielen Jahren mit unterwegs.

Als die Kamera tags darauf wieder bei der Essenspause dabei ist, erzählt they, wie they am Abend zuvor das erste mal, seit they acht Jahre alt gewesen sei, einen Schokoriegel gegessen habe. In jener Zeit hatte die Anorexie begonnen. Der Schokoriegel sei zwar keine wirkliche Existenzbedrohung. Über all die Jahre aber keine "unsafe foods" wie besagten Riegel zu essen, sei ein Weg gewesen, sich "mental und emotional sicher zu halten", ein Gefühl von Stabilität beim Essen zu bewahren. Also wurde aufgeteilt: in "safe foods" und "unsafe foods".


(Bild: Screenshot)

Wie kann das sein? "Wenn du ein kleines Kind bist und deine Welt fühlt sich unkontrolliert an, dann findest du einen Weg, ein Gefühl von Sicherheit zu haben", erklärt they. Das sei "ganz schön weise", wenn es um das Überleben geht. Also versuche Sabourin, sich nicht zu sehr dafür zu kritisieren. Ein Klinikaufenthalt habe them irgendwann dabei geholfen, besser mit der Störung umzugehen. Doch zunehmen heiße auch, wieder einen feminineren Körper zu kriegen, die Körper- und Geschlechtsdysphorie neu anzufachen. Ein Teufelskreis, mit dem Sabourin zu leben versucht.

Infos zum Film

They/Them. Dokumentation. USA 2021. Regie: Blake McCord, Justin Clifton. Laufzeit: 68 Minuten. Sprache: englische Originalfassung, deutsche Untertitel


#1 mind_the_gap
  • 10.10.2021, 18:20h
  • Wow. Vielen Dank, Jeja, für die wirklich konsequente Verwendung des korrekten Pronomens (und korrekt ist immer dasjenige, das die Person für sich selbst bestimmt).

    Man liest selten solche Texte - aber was nun zu beweisen war: Geht doch!

    Nochmal meinen herzlichsten Dank.
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#2 CharlieAnonym