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Interview

Harry Macqueen will "die Normalität normalisieren"

In "Supernova" spielen Colin Firth und Stanley Tucci ein schwules Paar, das sich auf eine letzte gemeinsame Reise begibt. Wir sprachen mit Regisseur Harry Macqueen über queere Sichtbarkeit, grausame Krankheiten und die Schönheit der Natur.


Sam (Colin Firth, l.) und Tusker (Stanley Tucci) sind seit 20 Jahren ein glückliches Paar. Doch seit bei Tusker eine frühzeitige Demenz diagnostiziert wurde, hat sich ihr Leben verändert (Bild: Weltkino Filmverleih)

Harry Macqueen wurde 1984 in London geboren und studierte dort Schauspiel. Nach seinem Debüt in "Ich & Orson Welles" von Richard Linklater inszenierte er nach eigenem Drehbuch "Hinterland" für eine Mini-Budget von 10.000 Pfund.

Für seinen Zweitling "Supernova", der am 14. Oktober in die deutschen Kinos kommt, konnte Macqueen Oscar-Preisträger Colin Firth und Stanley Tucci verpflichten. Beide spielen ein langjähriges schwules Liebespaar, das sich auf eine letzte Reise durch England begibt, bevor die Demenz im Endstadium alle Würde vernichtet.

Mit dem Regisseur unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.


Autor und Regisseur Harry Macqueen (Bild: Starinfotracker / wikipedia)

Wie teuer sind die Musikrechte für "Heroes" von David Bowie?

Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht genau. Ich erinnere mich daran, dass die Rechte nicht so teuer waren, wie man glauben mag. Die Verwalter des Bowie-Erbes achten sehr genau darauf, wer die Musik verwenden darf. Zum Glück hat ihnen unser Projekt gefallen, und wir bekamen "Heroes".

Sie haben ein gutes Händchen für Finanzen, Ihren ersten Film "Hinterland" haben Sie für das Mini-Budget von 10.000 Pfund gedreht…

Stimmt, das war allerdings ein sehr kleines Projekt. Insgesamt waren wir nur sechs Leute, die "Hinterland" gemacht haben. Ich konnte dabei sehr wertvolle Erfahrungen sammeln, ohne die "Supernova" sicher nicht möglich gewesen wäre.

Wie bekommt man Oscar-Preisträger Colin Firth und Stanley Tucci für die Hauptrollen, wenn man bislang erst einen einzigen Film gedreht hat?

Man ruft einfach an. (lacht) Zuerst schickten wir Stanley das Drehbuch und er war sehr begeistert. Darauf schaute er sich "Hinterland" an und wir trafen uns. Dabei haben wir uns sehr schnell sehr gut verstanden. Colin hat das Skript ebenfalls sehr gut gefallen, beide haben sich regelrecht in diese Figuren verliebt. Wer welche Rolle spielt, haben wir erst später geklärt.


Poster zum Film: "Supernova" startet am 14. Oktober 2021 bundesweit in den Kinos

Ihr Liebespaar ist schwul, aber das spielt nirgendwo eine Rolle. Ist queer das neue normal?

Ich möchte Dinge gerne vorwegnehmen, darin besteht für mich die Aufgabe von Kunst. Warum soll man die sexuelle Orientierung nicht als völlig normale Sache darstellen? Die Normalität normalisieren! Schließlich erzählen wir eine ganz universelle Geschichte über die Liebe und den Verlust im Leben.

Was halten Sie von der Forderung, wonach queere Figuren nur von queeren Schauspieler*innen verkörpert werden sollten?

Für mich ist das eine sehr wichtige Debatte, beide Seiten haben durchaus gute Argumente. Wer Filme macht, möchte die besten Schauspieler*innen für seine Geschichte. Die Qualitäten von Stanley und Colin sind mir wichtiger als ihre sexuelle Orientierung.

Dank Ihres famosen Kameramanns Dick Pope zeigen Sie die Natur in unglaublicher Schönheit. Gleichzeitig präsentiert sich eine hässliche Fratze in Form einer grausamen Krankheit. Welche Rolle spielt dieser harte Kontrast?

Ich wollte die unglaubliche Schönheit unserer Welt zeigen und gleichzeitig deren enorme Brutalität. Dieses große Spannungsfeld gibt den Rahmen für meine kleine Geschichte ab – dieses Konzept hatte ich bereits bei "Hinterland" angewendet.


Sam und Tusker reisen mit dem Wohnmobil durch Großbritannien (Bild: Weltkino Filmverleih)

Hoffen Sie, dass "Supernova" die Diskussion über Sterbehilfe und das Recht auf einen würdigen Tod neu anfacht?

Ich hoffe sehr, dass die Zuschauer*innen zum Nachdenken über dieses Thema angeregt werden. Das ist eine sehr wichtige Debatte, die nicht ausreichend geführt wird. Für mich hat der Mensch das Recht, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Die Gesetzeslage, zumindest in Großbritannien, sieht das leider anders und treibt Leute in die Illegalität – wer möchte das am Ende seines Lebens?

Was halten Sie vom Vergleich mit Michael Haneke und dessen Sterbedrama "Liebe"?

Der Vergleich wäre natürlich ein großes Kompliment. Allerdings bin ich nicht so vermessen, mich mit Michael Haneke zu vergleichen. Ich bewundere ihn, er gehört zu meinen absoluten Lieblingsregisseuren und mit "Liebe" ist ihm ein grandioses Werk gelungen. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten – und hoffentlich sind die schauspielerischen Leistungen in "Supernova" ebenso eindrucksvoll. Und: Wir haben David Bowies "Heroes"! (lacht)

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Infos zum Film

Supernova. Drama. Großbritannien. 2020. Regie: Harry Macqueen. Darsteller*innen: Colin Firth, Stanley Tucci, Pippa Haywood, Peter Macqueen, Nina Marlin, Ian Drysdale, Sarah Woodward, James Dreyfus. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Weltkino. Kinostart: 14. Oktober 2021
Galerie:
Supernova
17 Bilder


#1 RuntAnonym
  • 11.10.2021, 09:49h
  • Es ist nachvollziehbar, wenn man in einem Film Homosexualität nicht problematisiert.

    Dass es "keine Rolle" spielt, ob jemand schwul ist oder hetero, ist aber etwas anderes und wäre schade. Es spielt ja eine Rolle, es gehört zur speziellen Perspektive auf das Leben dazu und die Schauspieler (egal ob sie selber schwul sind oder nicht) haben bei der Gestaltung ihrer Rollen sicher darüber nachgedacht, wie sie ihre Rollen und deren Sexualität / Erotik anlegen, ob sie eigene Erfahrungen einfließen lassen oder mehr aus der Beobachtung heraus spielen etc.

    Eigentlich ist das auch. besonders interessant bei homosexuellen Paaren und vielleicht auch ein Grund für Regisseure, etwas über homosexuelle Paare zu erzählen: Während man bei Heteropaaren viel leichter auf Stereotype zurückgreifen kann, um eine Liebesgeschichte und eine erotische Spannung (gegenwärtig oder erloschen) zu behaupten, ist man bei dieser Konstellation viel mehr gezwungen, darüber nachzudenken, was die Verbindung der beiden Menschen ausmacht, wie sie sich äußert, wo die Vertrautheit und wo die Spannung liegt.

    Einen Film über ein homosexuelles Paar, der mir nicht auch irgendetwas darüber erzählt, wie andere ihre Homosexualität empfinden, wäre für mich langweilig oder steril.
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#2 mind_the_gap
  • 11.10.2021, 11:30h
  • Antwort auf #1 von Runt
  • Auch ich bin der Ansicht, dass es durchaus eine entscheidende Rolle spielt, ob jemand cis-hetero oder queer ist. Und ich bin ausgesprochene_r Gegner_in der These, wir müssten doch allen nur zeigen, wie "normal" wir doch sind, um akzeptiert zu werden. Aber:

    "Einen Film über ein homosexuelles Paar, der mir nicht auch irgendetwas darüber erzählt, wie andere ihre Homosexualität empfinden, wäre für mich langweilig oder steril."

    Dieser Satz gibt mir doch zu denken. Man möge ihn sich mal umgekehrt vorstellen:
    "Ein Film über ein heterosexuelles Paar, der mir nicht auch irgendetwas darüber erzählt, wie andere ihre Heterosexualität empfinden, wäre für mich..."

    Wir haben nämlich tatsächlich erst dann volle Akzeptanz erreicht, wenn wir selbstbewusst genug sind, unsere Eigenbewertung nicht davon abhängig zu machen, wie Andere unsere Sexualität empfinden. Und wenn man den Satz umdreht, so wie ich es oben getan habe, merkt man auch, wie absurd die umgekehrte Variante klingt. Denn niemand käme auf die Idee, einen Cis-Hetero-Film unter der Perspektive zu drehen oder auch zu sehen, wie queere Menschen die Sexualität der Hauptdarsteller_innen wohl empfinden oder bewerten würden.

    Wenn die Aussage für mich einen Sinn machen sollte, müsste sie eher so lauten, dass daraus hervorgeht, welchen Stigmatisierungen und Diskriminierungen queere Menschen heute immer noch unterliegen. Also eine Sichtweise von den Betroffenen aus und nicht aus der Sicht derjenigen, die unsere Sexualität wie auch immer von außen oder in Draufsicht "empfinden".

    Ich möchte noch dazu sagen, dass ich damit jetzt keine weitschweifige Diskussion anleiern bzw. mich nicht daran beteiligen möchte. Ich wollte das hier nur mal als Statement hinterlassen.
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#3 SWATklinNZProfil
  • 11.10.2021, 14:00hAhipara
  • Vielleicht wäre bei der Draufsicht die Orientierung weniger bedeutend, wenn man den Film mit dem Fokus auf Liebe als tragende Verbindung sieht, und dann fällt auch das bei queeren Filmen fast aufs Auge zementierte Momentum von Sexualität etwas zur Seite. Ich weiß nicht, inwieweit das in diesem Film eine Rolle spielt. Vom Trailer her scheint es mehr um die Liebe zwischen den Beiden, um die Entwicklung der Krankheit und die dadurch entstehenden Strapazen zwischen den Personen zu gehen, die ihre Liebe auf Zerreißprobe stellt.

    Auch jede Liebe ist als Gesamtgeschehen einzigartig. Man müsste aus dieser Achse heran analog fragen, ob überhaupt ein Schauspieler jemals die Liebe einer anderen Person spielen kann. Nur wenn man den Unterschied von queer dann Hetero überhaupt gegenüberstellt, entsteht die Frage von Normalität/en. Normal ist aber, dass Menschen einzigartig und anders sind. Hetero oder queer, schwul in dem Fall, ist eine Facette vom Normalen.

    Vorgedanken.
    Nachgedanken werden sich zeigen.
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#4 RuntAnonym
  • 11.10.2021, 16:16h
  • Antwort auf #2 von mind_the_gap
  • Nur eine kurze Klarstellung meinerseits:

    "Ein Film über ein heterosexuelles Paar, der mir nicht auch irgendetwas darüber erzählt, wie andere ihre Heterosexualität empfinden, wäre"

    ... für mich ebenfalls uninteressant, bzw. unglaubwürdig, papieren. Es gibt ja solche Filme oder Theaterstücke, wo die Schauspieler das nicht hinkriegen, eine emotionale und erotische hetero-Beziehung glaubhaft zu spielen und wo das Publikum das nur deshalb schluckt, weil es annimmt , dass zwischen einem Mann und einer Frau ja eine Spannung sein "muss".
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#5 RuntAnonym
  • 11.10.2021, 16:32h
  • Antwort auf #3 von SWATklinNZ
  • "Man müsste aus dieser Achse heran analog fragen, ob überhaupt ein Schauspieler jemals die Liebe einer anderen Person spielen kann."

    100 % vielleicht nicht, aber genügend genau, dass es in der reduzierten Welt des Films glaubhaft wirkt. Einer von vielen Tricks ist es, dass man Übertragungen macht, indem man eine Handlung spielt und zeitgleich an etwas anderes denkt. Das gehört zum Handwerk der Schauspieler (und nebenbei auch zu dem von Menschen, die andere manipulieren wollen oder sollen).
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