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Interview

"Queerness hatte für The Velvet Underground enorme Bedeutung"

In seinem Dokumentarfilm-Debüt "The Velvet Undergrund" beschäftigt sich Regisseur Todd Haynes ("Carol") mit der New Yorker Avantgarde-Band, die in den 1960er Jahren nicht nur für musikalischen Tabubruch stand.


Die experimentelle Rockband The Velvet Underground wurde 1964 in New York City gegründet (Bild: AppleTV+)
  • Von Patrick Heidmann
    14. Oktober 2021, 08:18h, noch kein Kommentar

Mit dem mit Barbie-Puppen gedrehten Kurzfilm "Superstar – The Karen Carpenter Story" und seiner Jean-Genet-Adaption "Poison" begann Todd Haynes in den Neunzigern seine Karriere und wurde schnell zur Speerspitze sowohl des amerikanischen Independent-Kinos als auch des New Queer Cinemas.

Mit "Velvet Goldmine" setzte er zum Sprung Richtung Mainstream an, später wurden seine nicht visuell eindrucksvollen Filme wie das Melodrama "Dem Himmel so fern" mit Julianne Moore, das ungewöhnliche Bob-Dylan-Biopic "I'm Not There" mit Cate Blanchett in einer Hosenrolle oder die lesbische Liebesgeschichte "Carol" für mehrere Oscars nominiert.

Nachdem sein Film "Vergiftete Wahrheit" vergangenes Jahr eher wenig Beachtung bekam, meldet sich Haynes nun mit seinem ersten Dokumentarfilm "The Velvet Underground" (ab 15. Oktober 2021 zu sehen bei AppleTV+) zurück. Wir trafen den 60-jährigen Regisseur vergangenen Monat beim Filmfestival in Zürich, um mit ihm über den Film und die Band in seinem Zentrum zu sprechen.


Regisseur Todd Haynes

Mr. Haynes, die Idee eines Dokumentarfilms über die Band The Velvet Underground stammte ursprünglich nicht von Ihnen. Was reizte Sie daran?

Stimmt, das Projekt wurde mir angetragen und nahm eigentlich seinen Anfang, als Lou Reeds Witwe Laurie Anderson sein Archiv der New York City Public Library vermachte. Damals gab es einige Leute, die sie fragten, ob es nicht an der Zeit sei, sich der Geschichte der Band filmisch anzunehmen, auch weil sie in Kontakt mit der Firma stand, die im Besitz der Masterbänder der alten Alben war. Sie brachte dann wohl mich als einen potentiell geeigneten Regisseur ins Spiel. Und als großer Fan dieser Band, die der Musikgeschichte so sehr ihren Stempel aufgedrückt hat, habe ich nicht lange gezögert. Auch wenn ich zuvor noch nie einen Dokumentarfilm gedreht hatte.

Viele der Künstler, die von The Velvet Underground beeinflusst wurden, waren kommerziell deutlich erfolgreicher als die Band selbst, man denke nur an David Bowie oder Roxy Music. Ab wann wurde Ihrer Meinung nach The Velvet Underground die verdiente Anerkennung zuteil?

Ich bin mir nicht sicher, ob es da diesen einen Zeitpunkt gab. Aber egal ob Glam Rock, Punk oder New Wave – so vieles, was nach ihnen kam, lässt sich im Grunde auf The Velvet Underground zurückführen. Und spätestens als in den Neunzigerjahren Indierock so richtig erfolgreich wurde und Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder Yo La Tengo durchstarteten, war eigentlich nicht zu übersehen, wie viel sie alle The Velvet Underground verdankten. Die waren damals in den Sechzigerjahren ihrer Zeit einfach voraus – und die ersten, die musikalisch düsterer waren, verstörende Sounds zuließen und von Schmerz bis hin zu Variationen sexueller Identität die unterschiedlichsten, sehr persönlichen Themen verhandelten.

War es schwierig, die verschiedenen Gesprächspartner*innen für den Film vor die Kamera zu bekommen?

Größtenteils eigentlich nicht. Ganz entscheidend war für mich natürlich John Cale, der ja quasi das Herzstück des Films ist. Er hat längst seinen Frieden mit der Band und seinen Konflikten mit Lou Reed damals gemacht, deswegen war er zum Glück überaus gesprächsbereit. Auch die Schlagzeugerin Moe Tucker wollte ich unbedingt für den Film sprechen. Das gestaltete sich etwas schwieriger, allerdings nur weil sie im tiefsten Georgia auf dem Land lebt und wir ewig keinen wirklichen Kontakt zu ihr herstellen konnten.

Aber es gab auch ein paar Leute, die ich beim besten Willen nicht von einer Mitarbeit überzeugen konnte. Doug Yule zum Beispiel, der damals Cale ersetzte, ist heute Umweltaktivist und hatte in der Trump-Ära alle Hände voll zu tun, der hatte einfach keine Lust. Auch Andy Warhols Wegbegleiter Gerard Malanga hat sich standhaft geweigert. Der meidet die Kamera, glaube ich, vor allem, weil ihm das Altern schwerfällt.

Lou Reed konnte nicht mehr selbst zu Wort kommen und ist trotzdem sehr präsent im Film. Stellte diese Balance eine große Herausforderung für Sie dar?

Das kann man wohl sagen. Und ich bin froh, dass Sie finden, Lou sei im Film präsent, denn das scheint nicht jeder so zu sehen. Mir war das sehr wichtig, deswegen haben wir wirklich alle Interview- und Gesprächsaufnahmen herangezogen, die wir finden konnten. Oder auch Fotos, denn Lou war ja jemand, dessen bloßer Anblick schon Energie versprühte. Im Verlauf der Arbeit habe ich dann die Leerstelle, die Lou Reed im Film in gewisser Weise darstellte, sogar als eine Stärke zu schätzen gelernt. Denn dadurch, dass er über weite Strecken natürlich nie so greifbar wird wie etwa Cale, werden Momente wie das Interview mit Andy Warhol gegen Ende des Films umso kraftvoller.


Poster zum Film: "The Velvet Underground" ist ab 15. Oktober 2021 auf AppleTV+ zu sehen

Mit all dem Archivmaterial zu arbeiten und dem Film auch visuell ein Profil zu geben, dürfte auch keine kleine Aufgabe gewesen sein. Warum zum Beispiel haben Sie sich dafür entschieden, mit dem so genannten Split-Screen-Verfahren zu arbeiten, also zwei und manchmal auch mehr Bilder gleichzeitig zu zeigen?

Das ist nicht zuletzt eine Hommage an Warhols Film "The Chelsea Girls", für den The Velvet Underground die Musik machten. Damals arbeitete er ganz viel mit Dual-Projektionen, auch in seinen Ausstellungen oder bei den Liveshows der Band. Er hat das als ästhetisches Konzept nicht erfunden, aber sicherlich populär gemacht. Später tauchte es ja auch in Spielfilmen auf wie "Der Frauenmörder von Boston" oder "Thomas Crown ist nicht zu fassen". Und natürlich auch im Dokumentarfilm über Woodstock. Ich fand es toll, meinem Film damit einen ganz klaren Sechzigerjahre-Anstrich zu geben. Und bin dann richtig in die Vollen gegangen, mit dem quadratischen Bildformat. Mir war es einfach wichtig, dass wir auch in der Bildsprache etwas Besonderes bieten, schließlich waren The Velvet Underground immer ganz eng mit der Kunstszene New Yorks verwoben.

Apropos, gab es jemals eine Zeit und einen Ort, wo in Sachen Kunst und Kultur so viel passierte wie im New York der Sechzigerjahre?

Es gab schon auch noch andere Momente, wo ganz viele unterschiedliche Ausnahmekünstler*innen aus verschiedenen Kulturen und Milieus an einem Ort zusammenkamen und kunsthistorisch gesehen Bemerkenswertes geschah. New Orleans um 1900, Paris in den 1910er Jahren, Harlem in den Zwanzigern, Kansas City in den Dreißigern… Das meiste, was mir gerade einfällt, hat mit Musik zu tun, wobei es in Paris genau wie dann später in New York natürlich auch um Film, Bildende Kunst und anderes ging. Nur heute sind vergleichbare Situationen sicher nicht mehr denkbar. Die Welt ist viel zu sehr zusammengewachsen, wir sind zu beweglich und die Technik zu digital. Früher musste man gemeinsam vor Ort sein, um gemeinsam Kunst zu machen, heute schickt man seine Arbeit im Zweifelsfall innerhalb von Sekunden ans andere Ende der Welt und kann dort mit jemandem kollaborieren.

Sie sprachen bereits sexuelle Identität als Thema von The Velvet Underground an, und auch im Film kommt Lou Reeds Queerness dezidiert zur Sprache, bis hin zu Gedichten über schwulen Sex, die er verfasste. Wie hoch hängen Sie diesen Aspekt der Bandgeschichte?

Ich würde sagen, dass Queerness für The Velvet Underground von enormer Bedeutung war, ganz unabhängig davon, wer in der Band Sex mit dem gleichen Geschlecht hatte. Es geht da eher um eine Einstellung, um eine Perspektive, die – in Ermangelung eines besseren Ausdrucks – homosexuell war. Oder jedenfalls nicht heterosexuell. Diese künstlerische und intellektuelle Haltung, aus der auch Pop Art und Camp hervorgingen, teilten alle in der Band und in Warhols Factory, egal ob sie aus den Vororten Long Islands oder aus Europa kamen, aus den Elite-Unis oder von der Straße. Das war weniger Gay Culture, wie wir sie heute kennen, sondern damals – vor Stonewall und der Schwulenbewegung – eher eine Geisteshaltung, die für Aufbruch, Veränderung und Gegenkultur stand. Aber wie gesagt: Die tatsächliche sexuelle Orientierung war dabei zweitrangig, wie ein Blick auf die schwulen Künstler jener Zeit zeigt.

Wie meinen Sie das?

Denken Sie an Jasper Johns oder Robert Rauschenberg. Beide Maler waren selbst schwul, wollten mit Warhol aber nichts zu tun haben, als der in der Szene auftauchte. Er war ihnen zu effeminiert, zu wenig normal, zu schwul eben. Warhol war mit großer Selbstverständlichkeit anders – und in der Factory war genau das dann die neue Normalität.

Letzte Frage noch mit Blick auf "The Velvet Underground", der ja bei AppleTV+ zu sehen ist. Stört es Sie nicht, dass viele Zuschauer*innen Ihren Film auf einem Tablet oder sogar Telefon streamen werden?

Darüber denke ich nicht nach. Ich drehe immer fürs Kino. Selbst als ich die Miniserie "Mildred Piece" gedreht habe, tat ich das mit den Gedanken an die Leinwand und habe ignoriert, dass sie von HBO ausgestrahlt wird. Als wir damals die Rechte an "The Velvet Underground" verkauft haben, war die Bedingung auch immer ein Kinostart, den der Film in den USA und teilweise auch Großbritannien nun auch bekommen hat. Natürlich hätte ich mir das auch für andere Länder gewünscht, aber die Corona-Pandemie machte die Situation nicht leichter. Und ich habe mir nie Illusionen darüber gemacht, dass Kinos für Apple keine Priorität haben. Aber bei der Weltpremiere in Cannes habe ich zumindest sehen können, wie mein Film auf einer riesigen Leinwand wirken kann. Und ich empfehle jedem, der ihn zuhause guckt, einen möglichst großen Bildschirm zu wählen, den Ton ordentlich laut zu stellen und nicht ständig in der Küche Snacks zu holen. Dann erlebt man ihn einfach noch intensiver.

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Infos zum Film

The Velvet Underground. Dokumentarfilm. USA 2021. Regie: Todd Haynes. Mitwirkende: Lou Reed, John Cale, Maureen Tucker, Sterling Morrison, Nico. Laufzeit: 120 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Ab 15. Oktober 2021 bei AppleTV+