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#MeToo

Modefotograf Reh kämpft für Enttabuisierung von Missbrauch

Der schwule Modefotograf Michael Reh wirkte als Juror bei "Germany's Next Topmodel" mit, lebt in Miami und hat viele Stars über Jahre begleitet. Sein Lebensthema ist kein Glamouröses: Er macht den Missbrauch als kleiner Junge öffentlich und wirbt für mehr Offenheit.

  • Von Britta Körber, dpa
    14. Oktober 2021, 08:41h, 2 Kommentare

Für Michael Reh war die Offenlegung seiner Pein eine Befreiung – für viele Menschen ist das Thema Missbrauch im Kindesalter aber nach wie vor ein mit Scham behaftetes Tabu. "Ich komme aus so einem Sumpf. Sechs Männer wurden in unserer Familie missbraucht, auch von Priestern", erzählt der gebürtige Dortmunder Modefotograf bei einer Stippvisite in Hamburg.

Der 59-Jährige, der als Juror bei der Castingshow "Germany's Next Topmodel" mitwirkte, lebt seit Jahrzehnten in Miami im Süden der USA. Sein Rückzugsort ist ein alter Apfelhof mit 40.000 Bäumen im Alten Land hinter Stade. Dort schrieb er nach seinem ersten Buch "Katharsis", in dem er seine furchtbaren Erlebnisse als Drama einer Familie in Romanform aufarbeitet, in der Corona-Zeit den Krimi "Asta". "Nachdem ich meine Geschichte öffentlich gemacht habe, bekam ich dreieinhalbtausend Mails", berichtet Reh. 90 Prozent seien von Frauen geschickt worden. Er war überwältigt von der Resonanz auf sein Coming-out.

"Ich habe es überlebt und kann mit den Folgen umgehen"

Nicht als Schwuler, dazu steht er schon lange. Die jahrelangen Übergriffe seiner Tante im Kindesalter habe er aber wegen ihrer heftigen Drohungen komplett verdrängt, sagt er. Als er sich viel später wieder erinnert habe, seien sie schon verjährt gewesen. "Für mich hat es über 25 Jahre gedauert, aber ich habe es überlebt und kann mit den Folgen umgehen." Wenn man Liebe unter Gewaltandrohung erlebt habe, sei es schwierig, in Beziehungen Vertrauen aufzubauen.

Damals habe er aufgehört zu essen und konnte sich nicht mehr anfassen lassen. Seine überforderten Eltern schickten ihn zum Aufpäppeln in ein Kinderheim. Es war eine Zeit des Schweigens. "Bis ich 40 war, hat mir niemand geglaubt." Dann habe er allerdings die Mitglieder seiner Familie zusammengeholt, die sich dem stellen wollten, und über die Vergangenheit gesprochen. Es sollte keine Anklage sein, aber solche Vorfälle beträfen einfach jeden in einer Familie, sagt der 59-Jährige.

Missbrauch an Männern ein besonders großes Tabu

"Bei Frauen ist das ein Tabu-Thema, bei Männern noch viel mehr", bestätigt Karin Steinherr, Vorsitzende des Vereins gegen Missbrauch bei Ingolstadt in Bayern. "Der Mann ist das starke Geschlecht, bis die was sagen, dauert es lange." Die Dunkelziffer bei männlichen Opfern ist ihrer Einschätzung nach höher als bei weiblichen: "Männer haben eine hohe Hemmschwelle." Als Beispiel nennt sie die Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen: "Wenige haben sich getraut etwas zu sagen."

Auch später, wenn Hilfe gesucht wird, sei es nicht leicht: "Für die Traumaverarbeitung ist es teilweise frustrierend, weil es viele Selbsthilfegruppen gibt, die nur aus Frauen bestehen", sagt Steinherr. Die vierfache Mutter ist selbst Opfer von Missbrauch geworden und gibt ihre Erfahrung nun weiter, auch an Schulen. "Ich habe immer wieder mit Schülern zu tun, denen etwas passiert ist, die belästigt worden sind." Ihr wichtigster Tipp: "Rede offen über das Thema, Reden ist die beste Therapie".

Devise "Mund aufmachen und durch den Schmerz"

Reh hat die Therapien hinter sich und engagiert sich dafür, dass das Thema enttabuisiert wird. Seine Devise: "Mund aufmachen und durch den Schmerz." Missbrauch passiere vielen Männern, darüber gesprochen werde wenig. "Es ist mein Lebensthema, ich kann aber trotzdem positiv denken", sagt Reh, der nach dem Zivildienst nur weg wollte aus der Heimat und in Hamburg Literatur studierte. Das nimmt man dem Reisenden, wie er sich selbst gern nennt, sofort ab.

Den Winter verbringt der durchtrainierte und braun gebrannte Fotograf im milden Miami, zum Arbeiten zieht es ihn oft nach New York und jedes Jahr ist er auch in Stade zuhause. Bei seiner alten Jugendfreundin saß er im Vorjahr monatelang im Lockdown fest, musste sich wegen seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft sogar um eine Aufenthaltserlaubnis kümmern. Dann kaufte er sich ein Fahrrad und schrieb den ersten Band der Kriminalreihe, die im Alten Land beheimatet ist. Es geht wieder um Familienstrukturen.



#1 snafuAnonym
  • 14.10.2021, 10:21h
  • Danke, Michael. Mein Vater ist auch betroffen und hat erst auf dem Sterbebett ausgepackt. Es war die Hölle, das mit anschauen zu müssen. Wartet nicht so lange! Wenn man dem Tätergeschlecht angehört, ist das noch mal ein ganz anderer Hammer. Leider verdonnern einen auch viel zu viele Therapeut*innen zum Schweigen!
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#2 Sven100Anonym
  • 14.10.2021, 11:14h
  • Ein Missbrauch von männlichen Jugendlichen durch andere Männer ist ein Thema, das langsam enttabuisiert wird - und das ist gut so.
    Weiterhin ein Tabu ist aber der Missbrauch von männlichen Jugendlichen durch Frauen!
    Hier ist noch viel Aufklärung erforderlich. Ich habe einmal gehört, dass es sich bei ca. 10 % der Missbrauchsfälle um Missbrauch an jungen Männern durch Frauen handelt.
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