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Serientipp

Ein intellektueller Schöngeist unter brutalen Machos

In seiner neuen Dramaserie "The North Water" über ungehobelte Walfänger im 19. Jahrhundert zieht es den schwulen "Looking"-Regisseur Andrew Haigh in arktische Gewässer. Jetzt auf MagentaTV!


Waljäger in der Arktis. Am Heck: Colin Farrell als Harpunier Drax (Bild: BBC Studios / See-Saw Films)
  • Von Patrick Heidmann
    16. Oktober 2021, 05:10h, noch kein Kommentar

Unter all den Filmemacher*innen, die in den letzten 15 Jahren durchstarteten, gehört Andrew Haigh ohne Frage zu den interessantesten. Nach seinem gelungenen Debüt "Greek Pete" (auf DVD in Deutschland leider vergriffen und auch nirgends zu streamen) gelang ihm vor genau zehn Jahren mit "Weekend" der Durchbruch. Dass der Film über einen One-Night-Stand, der mehr wird als bloß eine schnelle Nummer, längst ein moderner Klassiker des schwulen Kinos ist, wurde gerade erst anlässlich des Jubiläums vielerorts gewürdigt. Und dann verantwortete der britische Regisseur und Drehbuchautor natürlich auch noch die Serie "Looking", die ihren Platz in der Geschichte queerer Film- und Fernseherzählungen ebenfalls längst sicher hat.

Doch Haigh, der mit dem Autor Andy Morwood verheiratet ist, erzählt nicht zwangsläufig queere Geschichten. "45 Years" etwa war die Geschichte eines langjährigen heterosexuellen Ehepaares, wunderbar gespielt von Charlotte Rampling und Tom Courtenay, die Romanverfilmung "Lean on Pete" erzählte von einem 15-jährigen, der seine Pferdeliebe entdeckt. Und nun widmet er sich mit seiner neuen Serie "The North Water", die seit 14. Oktober bei Magenta TV zu sehen ist, dem Walfang im 19. Jahrhundert.

Flüchtende vor der Zivilisation

1859 heuert im englischen Hull der Kriegsveteran und Armee-Chirurg Patrick Sumner (Jack O'Connell) auf dem Walfänger "Volunteer" an. Wer mit diesen Schiffen in arktische Gewässer aufbricht, fliehe vor der Zivilisation, sagt Kapitän Brownlee (Stephen Graham) über seine Crew, und zumindest in dieser Hinsicht ist Sumner genau dort, wo er hingehört. Die Erbschaft, von der er sich eine goldene Zukunft versprach, hat sich zerschlagen und aus dem Indien-Einsatz hat er neben einem gehörigen Trauma auch eine Laudanum-, also Opiumsucht mitgebracht. In der Zivilisation hält den Arzt nicht mehr viel.


Der neue Schiffsarzt Patrick Sumner (Jack O'Connell) ist ein Fremdkörper an Bord (Bild: BBC Studios / See-Saw Films)

An Bord der "Volunteer" ist der Homer lesende Intellektuelle dennoch ein ziemlicher Fremdkörper, selbst wenn er sich dazu überreden lässt, bei der Robbenjagd zum Gewehr zu greifen. Der Rest der Crew besteht eher aus ungehobelt-brutalen Männern wie dem Ersten Offizier Cavendish (Sam Spruell) oder dem nicht nur gegenüber Walen gewalttätigen Harpunier Drax (Colin Farrell), deren zwischenmenschliche Expertise aus Saufen und Vögeln besteht. Vor allem letzteren hat Sumner schnell in Verdacht, als auf dem Weg Richtung Arktis ein Schiffsjunge brutal vergewaltigt und wenig später erdrosselt aufgefunden wird.

Viel Homophobie und dezente Homoerotik

Dass in Testosteron-schwangeren Männerwelten wieder dieser immer auch eine gewisse Homoerotik mitschwingt, bleibt in "The North Water" dezenter Subtext. Auch der Frage, ob Drax – der hier für das Animalische und Böse der menschlichen Natur steht – womöglich bi- oder homosexuell sein könnte, wird in den sechs Folgen (bei der BBC und dem US-Sender AMC lief die von Haigh intendierte fünfteilige Schnittfassung) nicht wirklich unter die Lupe genommen.


Die Serie wurde in der Arktis bei eisiger Kälte gedreht (Bild: BBC Studios / See-Saw Films)

In der Romanvorlage "Nordwasser" von Ian McGuire ließen sich dafür einige Anzeichen finden, auch wenn der Autor selbst gegenüber dem britischen Magazin "Gay Times" sagte: "In Kategorien wie schwul, ungeoutet oder bisexuell habe ich gar nicht gedacht. Denn ich wollte nicht, dass sich sein Verhalten irgendwie psychologisch erklären oder deuten lässt." An der damals herrschenden Homophobie lässt die Serie unterdessen keinen Zweifel aufkommen.

Farrell spielt die Rolle jedenfalls hervorragend, mit viel furchteinflößendem Grunzen und ebenso viel Charisma, aber trotzdem ohne plumpe Überzeichnung, und auch O'Connell als sein feinsinnig-gutherziger Gegenpol überzeugt. Überhaupt ist die Serie – so brutal, düster und erbarmungslos sie sein mag – unbedingt sehenswert. Das Ensemble ist stark, die Bilder eindrucksvoll (gedreht wurde unter anderem in Spitzbergen) und die Musik von Ex-DJ und Elektro-Frickler Tim Hecker fantastisch. Und Haighs unvergleichliches Gespür für zarte Sinnlichkeit und sensibles Beobachten kommen selbst in der rauen Welt des Walfangs zum Tragen.

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Infos zur Serie

The North Water. Dramaserie. Kanada, Großbritannien 2021. Regie und Drehbuch: Andrew Haigh. Darsteller*innen: Colin Farrell, Jack O'Connell, Stephen Graham, Gary Lamont, Sam Spruell. Roland Møller, Philip Hill-Pearson. Die ersten beiden Episoden können seit 14. Oktober 2021 exklusiv auf MagentaTV gestreamt werden, die weiteren vier Episoden ab 21. Oktober.