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Filmtipp

Ein Leben im Geheimen oder den Tod riskieren

Die schockierende Dokumentation "Instructions for Survival" erzählt vom gefährlichen Alltag eines trans Manns und seiner Freundin in Georgien – und schließlich ihrer gemeinsamen Flucht.


Trans Mann Alexander traut sich nicht mehr in die Öffentlichkeit: Die Doku "Instructions for Survival" wird am 21. Oktober beim Hamburg International Queer Film Festival gezeigt und kann ab dann auch eine Woche lang gestreamt werden (Bild: Yana Ugrekhelidze)
  • Von Arabella Wintermayr
    18. Oktober 2021, 10:18h, noch kein Kommentar

Der Film eröffnet mit düsteren Szenen: Ein Kleinbus versucht sich vergebens durch eine rasende Menge zu schieben. Tausende Menschen scheinen ihn zu umzingeln, versuchen die Türen zu öffnen, schlagen die Frontscheibe ein, wollen ihn umwerfen. Dazu sind Rufe wie "Ihr werdet verdammt sein!" und "Ihr Sünder!" zu hören. Ein anti-queerer Mob hat sich in Tiflis versammelt, um seinem Hass auf eine vermeintlich "unpatriotische" Lebensweise mitunter auch gewaltsam Luft zu machen.

Diese Bilder erfüllen wahrlich ihren Zweck. Das Geschehen schockiert, man erlangt unmittelbar einen Eindruck von der feindseligen Umgebung, in der sich Angehörige der LGBTI-Community in Georgien bewegen müssen. Gleichsam stellen sie eine Schwäche der Dokumentation heraus, die in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte: Es wird viel gezeigt, das Gezeigte aber wenig beschrieben oder eingeordnet.

Genaue Informationen dazu, wann und wo die Bilder entstanden sind, erlangt man nur durch eine Recherche im Nachgang, nicht durch den Film selbst: Im Mai 2013 versuchte eine Gruppe von Queers am IDAHOBIT zu protestieren. Die Aktivist*innen wurden allerdings von einer wesentlich größeren Gruppe an Gegendemonstrant*innen überrannt.

Isolation aus Angst vor Übergriffen


Poster zum Film: "Instructions for Survival" wird am 21. Oktober beim Hamburg International Queer Film Festival gezeigt und kann ab dann auch eine Woche lang gestreamt werden

Regisseurin Yana Ugrekhelidze, 1984 selbst in Tiflis geboren, rückt in ihrem Debüt "Instructions for Survival" Alexander, auch Sasha genannt, und seinen kleinen Kreis an Unterstützer*innen in den Fokus. Als trans Mann lebt er in ständiger Angst davor, als solcher erkannt zu werden und isoliert sich deswegen, soweit es nur geht.

Angesichts der Erlebnisse, von denen er berichtet, ist das nachvollziehbar: Einmal habe man ihm in einem Militärkrankenhaus scheinbar absichtlich die falsche Medizin verabreicht, was einen allergischen Schock auslöste. Anschließend hätten ihn die Ärzte "seelenruhig beobachtet", anstatt tätig zu werden. Seitdem versucht er sich jeder medizinischen Behandlung zu entziehen, jede Situation, in der er Fremden ausgeliefert ist, zu umgehen. Später zeigt ihn die Kamera in den Armen seiner Tante, die sanft Alexanders Kopf in den Armen hält, während der zum ersten Mal zu einem Hausbesuch gebetene und dementsprechend leicht perplexe Zahnarzt ihm einen Backenzahn zieht.

Dass Alexanders nahezu vollständiger Rückzug ins Private keine übertriebene Reaktion darstellt, unterstreichen Videos, die er bei Kaffee und Kuchen seiner Freundin und Tante auf Youtube zeigt: Sie enthalten Reden von Politikern, die unverblümt dazu aufrufen, queeren Menschen aufzulauern und ihre Verfolgung fast schon als "patriotische Pflicht" verstanden sehen wollen. Leider verpasst es "Instructions for Survival" auch hier, die zugehörigen Namen und Jahreszahlen zu liefern.

"Ich wüsste dich lieber tot im Sarg als lebendig"

Neben Alexander selbst, lässt Ugrekhelidze – die ihre Ausbildung unter anderem an der Kunsthochschule für Medien in Köln absolvierte – unter anderem besagte Tante zu Wort kommen. Sie ist ihrem Neffen sichtlich zum Mutterersatz geworden, zeigte nach einem ersten Schock schnell Verständnis für ihn. Seine leibliche Mutter hingegen hat ihn nach seinem Coming-out verstoßen. "Ich sähe dich lieber im Knast, als frei herumlaufen; ich wüsste dich lieber tot im Sarg als lebendig", habe sie ihm einmal gesagt, erzählt Sasha später aus dem Off.

Darüber hinaus wird Freundin Mari näher beleuchtet, die aufgrund ihrer Beziehung zu Alexander ebenfalls sehr zurückgezogen leben muss. Als er sich vor ihr outete, war sie gerade 16 und hatte zuvor noch nicht einmal gehört, dass es Transgeschlechtlichkeit überhaupt gibt.

Flucht als einziger Ausweg

Der ständigen Angst vor Übergriffen wollen Mari und Alexander endlich entkommen, durch eine Flucht nach Europa. Bislang reichten jedoch die finanziellen Mittel nicht aus, da keiner der beiden einer legalen Arbeit nachgehen kann. Dann ist Mari zur Hälfte der rund 70-minütigen Spielzeit plötzlich mit Schwangerschaftsbauch zu sehen – sie hat sich für eine Leihmutterschaft entschieden, um das nötige Geld zusammenzubekommen.


Um die Flucht finanzieren zu können, bietet sich Mari als Leihmutter an (Bild: Yana Ugrekhelidze)

Es ist die wohl schmerzvollste Episode des an bestürzenden, tristen Momenten nicht armen Dokumentarfilms: Mari erzählt von der Bindung, die sie zum Kind in ihrem Bauch empfindet – und auch wenn Alexander sie vor den entstehenden Gefühlen warnt, spricht sie davon, das Baby nach der Geburt sehen zu wollen. Die Eltern würden es ihr sicher gestatten, nach dem großen Geschenk, dass sie ihnen mache. Dieser Wunsch soll ihr nach einem über 27-stündigen Geburtsprozess nicht erfüllt werden.

Frustrierende Ankunft in Brüssel

Doch das Geld für die Flucht ist damit beisammen. Im letzten Drittel verfolgt "Instructions for Survival" das Paar bei seiner Ankunft in Brüssel, dem stundenlangen Schlangestehen vor der Asylbehörde, den zermürbenden Terminen und dem Gefühl, hier fremd und nicht erwünscht zu sein.

Dann endet die Doku abrupt, über das Schicksal der beiden wird nicht weiter informiert. Und so ist das größte Verdienst des Films am Ende, den nur sporadisch nach Deutschland dringenden Geschichten von den groben Missständen, denen die LGBTI-Community in Georgien ausgesetzt ist, ein Gesicht zu geben. Und das auf eine durchgängig persönliche, mitreißende Art, die aber leider ergänzende Fakten und eine Verortung der individuellen Geschichte im allgemeinen politischen Kontext Georgiens vermissen lässt.

Infos zum Film

Instructions for Survival. Dokumentarfilm. Deutschland 2021. Regie: Yana Ugrekhelidze. Laufzeit: 72 Minuten. FSK 16. Sprache: englisch-georgisch-russische Originalfassung mit deutschen/englischen Untertiteln. Der Film wird am Donnerstag, den 21. Oktober 2021 beim Hamburg International Queer Film Festival gezeigt und kann ab dann über die Homepage auch eine Woche lang gestreamt werden.