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Interview

"Der große transphobe Teil der US-Bevölkerung ist nicht verschwunden"

Regisseurin Monika Treut über ihren neuen Film "Genderation", in dem sie die Protagonist*innen ihres Klassikers "Gendernauts" nach über zwei Jahrzehnten noch einmal besucht.


Szene aus "Genderation": Die Energie der Gendernauten ist ungebrochen (Bild: Salzgeber)

Über zwei Jahrzehnte nach "Gendernauts" (1999) kehrt Monika Treut nach Kalifornien zurück, um die Protagonist*innen ihres bahnbrechenden queeren Filmklassikers wiederzutreffen. Sandy Stone, Susan Stryker, Stafford und Max Wolf Valerio waren einst die jungen Pionier*innen der Trans-Bewegung und lebten fast alle in der damaligen Außenseitermetropole San Francisco. Heute sind sie zwischen 58 und 84 Jahre alt, und kaum eine*r kann es sich noch leisten, in der Stadt zu wohnen. Doch die Energie der Gendernauten und ihrer Unterstützer*innen Annie Sprinkle und Beth Stephens ist ungebrochen.

Wie hat sich ihr Leben verändert? Wie gehen sie als Bürgerrechts-Aktivist*innen mit der rechtskonservativen Politik um, die die lange erkämpften Rechte der Minderheiten bedroht? Treuts neuer Film "Genderation" wirft einen utopischen Blick zurück und zeigt den kreativen Widerstand der Gendernauten gegen die bedrohlichen Lebensbedingungen in den USA.

Mehr über die Doku verrät die Regisseurin und Teddy-Preisträgerin im Interview.


Regisseurin Monika Treut

Hast du über die Jahre kontinuierlich Kontakt mit den Gendernauten gehalten?

Ende der 1990er und in den 2000er Jahren nahm ich jede Gelegenheit wahr, nach San Francisco zu reisen. In der Zeit habe ich viel an Colleges und Universitäten unterrichtet, auch am Art Institute in San Francisco, und so konnte ich auch meine Freund*innen dort häufig besuchen. San Francisco war so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Sie nannten mich "the migrant bird", weil ich gerne dort im Herbst aufgeschlagen habe.

Nicht alle Gendernauten von damals sind in deinem neuen Film dabei. Wie geht es Texas Tomboy und Jordy Jones? Gewidmet ist "Genderation" Tornado…

Ja, "Genderation" ist dem Andenken an Tornado (Cindy Lee Samantha Terhune, 1956-2018) gewidmet. Tornado war in den 1980er Jahren die "Nachclub-Königin" von San Francisco. Ich lernte sie kennen als selbsternannte Mutter von Texas Tomboy und ehemalige Geliebte von Stafford. Eine sehr liebenswerte, warme Person, die ich gleich ins Herz schloss. Wir trafen uns immer, wenn ich in San Francisco war. Die Nachricht von ihrem Krebstod machte mich sehr traurig.

Ich hatte ursprünglich den Plan, alle Protagonist*innen aus "Gendernauts" in den Folgefilm zu integrieren. Aber die Dinge des Lebens haben dazu geführt, dass neben Tornado auch Jordy Jones und Texas nicht mit dabei sein konnten. Jordy hatte in der Zwischenzeit seinen Doktor in Kunstwissenschaften gemacht und an verschiedenen kalifornischen Unis als Lehrbeauftragter gearbeitet. Auf einem S/M-Wochenende hatte er seinen jetzigen Ehemann, Marty, kennengelernt. Sie zogen aufs Land, nach Laytonville, Mendocino County, wo Marty eine kleine Marihuana-Farm betrieb. Jordy träumte lange davon, nach Hawaii umzuziehen – ein Plan, den er schließlich 2019 mit Marty umsetzte. Unser Budget und unser begrenzter Zeitrahmen haben es leider schlicht nicht hergegeben, dass wir auch noch ein bis zwei Wochen nach Hawaii fliegen konnten. Mit Jordy bin ich nach wie vor freundschaftlich verbunden und wir sind über die sozialen Netzwerke in ständigem Kontakt. Ich werde Jordy und Marty hoffentlich bald privat auf Hawaii besuchen können.

Mit Texas Tomboy hat es eine andere, sehr traurige Bewandtnis: Auch mit ihm war ich in Kontakt, er besuchte mich sogar in Hamburg. Nach unserer intensiven Erfahrung mit "Gendernauts" war ich zu seiner Vertrauten geworden, und Texas fragte mich, wohin er denn auswandern könnte, er wolle eine Zeit außerhalb der Vereinigten Staaten leben. Da er ein großer Naturfreund war und außer seiner Muttersprache keine anderen Sprachen beherrschte, schlug ich ihm vor, nach Neuseeland zu gehen. Dort fühlte er sich zunächst sehr wohl. Bis zu jener Nacht, in der er zusammen mit einer befreundeten trans Frau von einer Party kam und die beiden auf einer Straße von einer Gruppe betrunkener junger Männer brutal zusammengeschlagen wurden. Texas landete mit einem Gehirntrauma im Krankenhaus. Er zog wieder zurück nach San Francisco, arbeitete unter anderem als Fahrer und war den extremen Mietsteigerungen in der Stadt ausgeliefert.

Texas hatte zunächst große Lust, in "Genderation" dabei zu sein. Aber dann gab es Probleme, er war hin- und hergerissen und schwankend zwischen großer Nähe und Abgrenzung, zwischen Vertrauen und Misstrauen. An einem Tag war ich seine beste Freundin, am nächsten Tag erschien er nicht zu unserem Treffen. Aus seinem Freundeskreis erreichten mich Warnungen: Texas sei unberechenbar, aggressiv und unzuverlässig geworden. Zunehmend verlor ich den Zugang zu ihm, und als er irgendwann mehrere Tage nicht mehr erreichbar war, sah ich keine Möglichkeit mehr, dass er Teil des Films sein konnte. Ich hoffe, dass er nun bessere medizinische und psychologische Hilfe bekommt und sich wieder berappeln kann. Texas Geschichte erinnert uns auch daran, dass viele trans Menschen nach wie vor transphobischen Verbrechen zum Opfer fallen.


Poster zum Film: "Genderation" startet am 21. Oktober 2021 im Kino

Donald Trump ist seit Januar nicht mehr im Amt. Eine der ersten Amtshandlung seines Nachfolgers Joe Biden war es, Trumps Trans-Verbot im US-Militär zu kippen. Wie groß ist die Hoffnung bei dir und (soweit du es weißt) bei den Gendernauten, dass sich die Rechte von trans Menschen in den USA nun wieder verbessern?

Zunächst ist auch bei mir und "meinen Gendernauten" eine große Erleichterung eingetreten, dass nun eine vernünftigere und liberalere Regierung ins Amt gewählt wurde, die auch transphobe Gesetze, die unter Trump erlassen wurden, peu à peu zurücknehmen wird. Dennoch ist der große transphobe Teil der amerikanischen Bevölkerung natürlich nicht verschwunden. Sorgen bereitet uns allen der wachsende politische Einfluss der evangelikalen Gruppen, die auch weltweit gut vernetzt sind. Mike Pence, der ehemalige Vize-Präsident, ist ein rechtskonservativer Evangelikaler, der weiterhin eine führende Rolle in der republikanischen Partei spielen wird. Und was in den nächsten vier Jahren aus der Richtung kommend alles passieren wird, steht in den Sternen.

Mit Serien wie "Transparent" oder "Pose" und Filmen wie "The Danish Girl", "Tangerine L.A." oder "Port Authority" hat Transgeschlechtlichkeit in den vergangenen Jahren in der US-amerikanischen Populärkultur mehr Sichtbarkeit erfahren. Wie siehst du diese Entwicklung?

They preach to the converted. Diese Filme und Serien sprechen zum liberalen Teil der amerikanischen Bevölkerung und werden auch nur von diesem konsumiert. Große Teile der Bevölkerung nehmen diese Werke nicht zur Kenntnis und kommen so auch nicht zu einem Verständnis von alternativen und vielfältigeren Lebensformen. Die US-Gesellschaft ist und bleibt wohl erstmal zweigeteilt und könnte sogar demnächst wieder eine, wenn auch knappe, rechtskonservative Mehrheit stellen.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Infos zum Film

Genderation. Dokumentarfilm. Deutschland 2021. Regie: Monika Treut. Mitwirkende: Annie Sprinkle, Beth Stephens, Stafford, Sandy Stone, Susan Stryker, Max Wolf Valerio. Laufzeit: 88 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 0. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 21. Oktober 2021


#1 Ana NymAnonym
  • 21.10.2021, 12:21h
  • Das stimmt auch für europäische Verhältnisse.
    Die "Überzeugten" schauen sich so "einen Unsinn" nicht an. Es besteht dann auch kein Interesse mehr, sondern wird einfach abgetan.
    Sei es, dass es sich für jene anfühlt, dass sie "von Oben"/"von Links"/"..." umerzogen werden sollen oder dass es als "bloße Mode" daher kommt oder dass es ein "Angriff auf ihre Religion" und "ihre Werte" empfunden bzw. gesehen werden will.
    Sie vergessen oder übersehen dabei oft einen, gerade in der Religion tief verankerte Überzeugung, nämlich dass jene höhere Macht (Gott) den Menschen erschaffen hat und damit auch seine Vielfalt, analog zur Vielfalt der Tiere und Pflanzen in der Welt.
    Wird dieser Grundsatz angenommen, kann es gar nicht der Wille der Höheren Macht gewesen sein, nicht einen Teil der Menschheit queer "geplant" und "gemacht" zu haben.
    Auch dagegen spricht, dass z.B. bereits Kinder merken, dass ihr Körper irgendwie nicht passend zum empfundenen Geschlecht ist.
    Das ist eine Tatsache, davon "betroffene" Kinder für sich feststellen, ganz unabhängig davon, ob sie das irgendwo aus den Medien gehört haben oder nicht.
    Ich kann das für mich verbürgen, denn wir hatten zu der Zeit noch kein Fernsehen, auch gab es in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin keine "Beispiele", noch wurde über dergleichen geredet, noch war es irgendwo sonst ein Thema ... und trotzdem wusste ich, dass etwas falsch (anders) ist: Z.B. habe ich mich immer angegriffen gefühlt, wenn es gegen (uns) Mädchen ging.

    Mir bleibt nur obiges Beispiel immer mal wieder zu benennen, in der Hoffnung, dass es einfach als gegeben erkannt wird. Es ist nun mal so. Es ist keine Ideologie, es hat nichts mit einer politischen Ausrichtung zu tun. Umgekehrt ist es, dass manche politischen Einstellungen eher bereit sind, das unbestreitbare zu akzeptieren. Es ist einfach so!

    Versucht jemand, auch das kann ich für mich verbürgen, entgegen dem (Vorgegebenen) zu leben, also den Plan der Höheren Macht zu ignorieren, sammeln sich im Laufe des Lebens immer mehr Probleme deswegen an und schließlich wird der Mensch sogar messbar krank. Wie lange kann jemand sich schon einer Höheren Macht widersetzen?

    Ein Vogel in Gefangenschaft wird an seiner Bestimmung fliegen zu können genauso gehindert wie etwa ein Gepard in einem Käfig an seiner Freiheit. Warum sollte das bei uns denn plötzlich anders sein?
    Habt ihr mal Kühe oder Pferde gesehen, wie die sich überschwänglich freuen (anders kann das nicht benannt werden, es ist Freude), wenn sie nach einem langen Winter im Stall endlich wieder auf die Wiese dürfen?
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