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Preis für "besonders unterirdische Berichterstattung"

"Goldene Kartoffel" für Debatte über "Identitätspolitik"

Der Negativpreis der Neuen deutschen Medienmacher*innen geht in diesem Jahr an die bürgerlichen Medien von "taz" bis "FAZ", die "rechtsradikale Erzählungen salonfähig gemacht" hätten.


Die "Goldene Kartoffel" wird seit 2018 verliehen (Bild: Neue deutsche Medienmacher*innen)

Der Negativpreis der Neuen deutschen Medienmacher*innen, die "Goldene Kartoffel", geht in diesem Jahr an die Diskussion über "Identitätspolitik" in bürgerlichen Medien. Das teilte die Journalist*innen-Organisation am Donnerstag in Berlin mit.

"Die Debatte über 'Identitätspolitik' in deutschen Medien 2021 war überzogen, unsachlich, polarisierend und hat rechtsradikale Erzählungen salonfähig gemacht", heißt es in der Begründung der Jury. "Deshalb gebührt ihr die 'Goldene Kartoffel' und damit, herzlichen Glückwunsch, so gut wie allen Medien des bürgerlichen Spektrums, von der taz bis zur FAZ, von ARD bis ntv, von Deutschlandradio bis Radio Energy. Das war wirklich ein Gemeinschaftswerk."

Debatte wll Stimmen von Minderheiten "delegitimieren"

Obwohl das Thema "Identitätspolitik" niemand so wirklich verstehe, sei es "in den meisten Medien rauf und runter diskutiert" worden, "mit Stichworten wie 'Cancel Culture', 'bedrohte Meinungsfreiheit' und 'Rassismus gegen Weiße'", kritisierten die Neuen deutschen Medienmacher*innen. "Die Wahnvorstellung, dass Ausländer*innen die Diskurshoheit übernehmen, autoritäre Minderheiten Sprechverbote erteilen und linke Aktivist*innen an den Schaltstellen der Macht sitzen, könnte man getrost als neurechtes Geschwafel abtun. Nicht so das deutsche Feuilleton: Um die verlorene Ehre des alten weißen Mannes wiederherzustellen, fuhr es 2021 journalistisch schwere Geschütze auf."

Ausgerechnet nach den rechtsterroristischen Anschlägen von Halle und Hanau, dem Mord an Walter Lübcke und dem Einzug von Rechtsextremen in sämtliche deutsche Parlamente hätten viele Medien "ernsthaft darüber sinniert, ob 'linke Identitätspolitik' das harmonische Zusammenleben bedrohe", kritisierte die Jury. Diese Frage nach einer angeblichen Spaltung der Gesellschaft sei "alles andere als harmlos", warnt sie in ihrer Begründung. "Sie dient dazu, die Stimmen von Feminist*innen, Schwarzen Menschen, Migrant*innen, behinderten oder queeren Menschen usw. zu delegitimieren." In rechtsextremen Foren werde schon lange gegen angeblich allmächtige, "identitätspolitische" Minderheiten gehetzt. "Dass sich diese Wahrnehmungsstörung 2021 auch in bürgerlichen Medien breit gemacht hat, ist bedenklich."

Wolfgang Thierse startete die Debatte in der "FAZ"

Maßgeblich angestoßen wurde die breite Debatte über "linke Identitätspolitik" von dem SPD-Politiker Wolfgang Thierse, der im Februar den Text "Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft" in der "FAZ" veröffentlichte (queer.de berichtete). Darin beklagte er, dass "Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren" und entsprechende Debatten zu aggressiv geführt würden. Minderheiten forderte Thierse auf, "geschichtlich geprägte kulturelle Normen, Erinnerungen, Traditionen" anzuerkennen: "Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen."

Die "Goldene Kartoffel" 2021 wird am 23. Oktober in Köln verliehen. Die Negativ-Auszeichnung "für besonders unterirdische Berichterstattung" gibt es seit 2018. Zu den früheren Preisträger*innen zählt u.a. der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt. (mize)



#1 JannisAnonym
  • 22.10.2021, 09:15h
  • Ich halte es für bedenklich, wenn man allen anderen "Wahrnehmungsstörungen" bescheinigt. Wie soll ein fruchtbarer Diskurs entstehen, wenn man jede (!) andere Position tabuisiert?
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#2 KlartextAnonym
  • 22.10.2021, 10:36h
  • Antwort auf #1 von Jannis
  • Der Diskurs ist von vornherein keiner, weil der Vorwurf der "Identitätspolitik" berechtigte Anliegen bereits im Keim zu erstickten versucht.

    Der Vorwurf der "Identitätspolitik" verweigert sich einem Diskurs von vornherein, weil er hierarchisch von oben herab zu argumentieren versucht.

    Deine Formulierung mit "allen anderen" soll wohl nahelegen, dass die Thierses dieser Republik eine homogene Mehrheit bilden würden.

    Das ist falsch.

    Z. B. Thierse hat in seinem ganzen politischen Leben nichts anderes als "Identitätspolitik" betrieben: mal als Christ, mal als Ostdeutscher, mal als weißer Cis-Mann - immer getrieben von der tiefen Furcht, seine (unethischen) Privilegien zu verlieren ...
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#3 AnonymAnonym
#4 Alexander_FAnonym
  • 22.10.2021, 11:21h
  • Antwort auf #1 von Jannis
  • Tabuisiert wird hier gar nichts. Thierse hat schließlich diese Rede immerhin im Bundestag gehalten, und niemand hat ihn daran gehindert.

    Was er als "Cancel Culture" bezeichnet ist bloß der Widerspruch, den er für diese Rede erhält. Von "Cancel Culture", wörtlich einer 'Kultur des Ausblendens' zu sprechen, ist tatsächlich aber grundsätzlich falsch: er hat seine Rede halten können, und es gab Reaktionen darauf. Bei einer tatsächlichen Ausblendkultur hätte er niemals das Wort ergreifen können und man hätte ihn einfach stillschweigend übergangen. Wie es lange Zeit mit den Stimmen von Minderheiten getan wurde.

    Er unterliegt damit genau demselben Fehlschluss wie die radikale Rechte, und er hat der politischen Kultur Deutschlands einen Bärendienst erwiesen, indem er diesen Fehlschluss selbst erlegen ist und ihn dadurch, dass er ihn in seiner Funktion als Bundestagspräsident geäußert hat, auch legitimiert hat.

    Niemand zensiert hier also irgendetwas. Es ist nur eine Frage von Aktion und Reaktion. Und die Reaktion hat sich Thierse durch die unrichtige Darstellung der Sachlage redlich verdient.
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#5 audeasAnonym
  • 22.10.2021, 11:25h
  • Verdient. Unsere Existenzen stehen nicht zur Debatte. Außerdem betreiben alte weiße Männer auch Identitätspolitik - für sich selbst.
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#6 KTM7Anonym
#7 SWATklinNZProfil
  • 22.10.2021, 12:32hAhipara
  • ""Minderheiten forderte Thierse auf, "geschichtlich geprägte kulturelle Normen, Erinnerungen, Traditionen" anzuerkennen:""

    Okay, dazu könnte man nun sagen, dass die "geschichtliche Prägung" nur so stattfinden konnte, indem diese Dinge als einstmals neze Ideen, die möglicherweise durch eine Minderheit entworfen worden waren, bis sie in die Mehrheit aufsteigen konnten.

    Vorher war es etwa kulturelle Norm, Schutz in Höhlen zu suchen, Fische samt Köpfen zu vertilgen oder beispielsweise das Bad zu unterlassen, bis eine Minderheit damit anfing.

    Thierse etwa respektiert selbst die kulturelle Norm nicht, sich die Barthaare aus dem Gesicht zu schaben. Vielleicht glaubt er tatsächlich, das machen nur Leute, die keine Hipster sein möchten.

    auch verschwinden Erinnerungen nach 3-4 Generationen, wenn sie keiner niederschreibt oder in Kultur und Kunst verarbeitet, und was tradiert wird, speist sich auch nicht aus Dingen, die schon immer so gehalten wurden - im Gegenteil, dann müsste etwa die klassische Familie aus den Nachkommen eines oder zweier Kerls mit einer Gruppe Frauen bestehen, in der einige Cousinen und Tanten, sowie von anderen Gruppen geklaute Frauen mit den Adoleszenten zusammengesetzt sein, die man zwecks Genaustausch von weiter weg eingetauscht hat.

    Der Herr Thierse würde sich ganz schön umzugucken haben, was für Traditionen seit Erreichen der Homo sapiens in Europa üblich wären. Als älterer, blasser Herr hätte er noch vor 6000 Jahren selbst zu einer Minderheit gehört, denn die "Norm" für den gewöhnlichen Teint war relativ dunkel.
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#8 DestroyaAnonym
  • 22.10.2021, 16:40h
  • Antwort auf #7 von SWATklinNZ
  • Homo Sapiens gibts schon seit über 50.000 jahren in Europa. Und vor 6000 Jahren war der Teint hier gemischt, die anatolischen Farmer trugen bereits die Allele für sowohl helle Haut und Haare, als auch die dunklen. Ebenso sieht es in Skandinavien aus, die dort indigenen Jäger und Fisscherstämme waren sowhl hell als auch Dunkelhäutig, hatten bereits auch die Anlagen für Blondes Haar.
    Das heute viele Europäer hellhäutig sind, war ein über Zeit stattfindender Prozess als Anpassung an das schlechtere Wetter und das zunehmende Leben in Gebäuden. Richtig dunkelhäutige Individuen mit brauen Augen gab es z.B. in Groß Brittanien oder an der Atlantikküste und Westeuropa im Paleolithikum und frühem Mesolithikum.

    Über die Sozialstrukturen weiß man, dass es wie schon vermutet, oft Polygynie gab.
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#9 dellbronx51069Anonym
#10 PhoebeEulenBaerAnonym
  • 22.10.2021, 22:30h
  • Antwort auf #8 von Destroya
  • "Richtig dunkelhäutige Individuen mit brauen Augen gab es z.B. in Groß Brittanien oder an der Atlantikküste und Westeuropa im Paleolithikum und frühem Mesolithikum."

    Ich habe letztens eine Doku gesehen, dass diese Ureuropäer eher dunkle Haut und blaue Augen gehabt haben sollen. Eine Kombination von Merkmalen, die es so heute ja fast gar nicht mehr gibt.
    Ist mir halt so im Gedächnis geblieben, weil es so ungewöhnlich ist.
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