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Interview

Ist die Profiküche ein Ort für Macho-Heten, Mr Ottolenghi?

Wir sprachen mit dem schwulen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi über Parallelen zwischen Gastronomie und Militär, den aktuellen Kinofilm "Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles", Food-Trends und seine "Test Kitchen".


Yotam Ottolengh lebt mit seinem Mann und seinen beiden Kindern in London (Bild: Keiko Oikawa / wikipedia)

Kaum ein Koch dürfte in den letzten zehn Jahren unser Essverhalten mehr beeinflusst haben als Yotam Ottolenghi. Seit der aus Israel stammende Londoner nicht mehr nur in seiner Wahlheimat bekannt ist, sondern auch im Rest der Welt hunderttausende Kochbücher verkauft, sind Gewürze wie Kreuzkümmel und Kurkuma, Zutaten wie Tahini oder Granatapfelkerne und ganz allgemein vegetarische Gerichte von der WG-Küche bis zum Sternerestaurant allgegenwärtig.

Gerade ist mit "Ottolenghi Test Kitchen – Shelf Love" ein neues Kochbuch aus dem Ottolenghi-Imperium erschienen, zu dem nach wie vor auch etliche Restaurants und Delis in London gehören. Und dank des Dokumentarfilms "Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles" kann man den schwulen 52-jährigen, der 2012 seinen langjährigen Lebensgefährten Karl Allen heiratete und Vater zweier Kinder ist, nun auch erstmals auf der Kinoleinwand sehen (ausführliche Filmkritik von Peter Fuchs). Wir konnten aus diesem Anlass mit ihm telefonieren.

Herr Ottolenghi, der Film "Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles" zeigt Sie bei den Vorbereitungen zu einem Event im Metropolitan Museum of Art in New York. Das fand 2018 statt…

Kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Als sei das eine andere Welt gewesen.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, sich von einem Filmteam begleiten zu lassen?

Die Gelegenheit für ein Projekt dieser Art war einfach zu gut, um sie sich entgehen zu lassen. Da kam so vieles zusammen, was ich spannend fand: die einzigartige Kulisse des MET natürlich, aber auch das Thema Versailles und die zugehörige Ausstellung. Außerdem hatte ich ja die Idee, einige andere Konditor*innen und Patissiers mit an Bord zu holen, weil ich der Meinung war, dass möglichst verschiedene Perspektiven in diesem Kontext besonders interessant wären. Ein Film, in dem man nur mich sieht, wäre vielleicht langweilig gewesen. Aber dazu auch noch Dominique Ansel, Janice Wong, Dinara Kasko und den anderen beim Zubereiten ihrer Dessert-Kreationen zusehen zu können – das war einfach eine einmalige Chance.


Szene aus dem Film: Ottolenghi bei Recherchen in Versailles (Bild: MFA+)

Seit rund zehn Jahren sind Sie nicht nur in Großbritannien, sondern rund um die Welt ein Star und haben uns orientalische Gewürze und Gemüsegerichte nahegebracht. Haben Sie nie Angst, dass diese Trends demnächst vorüber sind und alle Hobbyköche sich andere Küchenvorbilder suchen?

Ich bin mir immer bewusst gewesen, dass es auch beim Kochen Trends gibt und man sich Mühe geben muss, wenn man relevant bleiben und nicht irgendwann Schnee von gestern sein will. Dabei hilft es mir, dass ich schon lange meine sogenannten Test Kitchen habe. Das ist ein tolles Team aus verschiedenen Köch*innen, die für mich und mit mir an Rezepten arbeiten, denn Ottolenghi ist schon lange mehr als bloß ich. Wäre ich auf mich allein gestellt, hätte ich heute nicht neun sehr verschiedene Kochbücher veröffentlicht, die voll unterschiedlicher Ideen und Geschichten stecken.

Das neueste Buch ist ganz dezidiert ein Werk meiner Test-Kitchen-Truppe, aber auch davor hatte ich bei den Büchern ja schon oft dezidierte Ko-Autor*innen, deren Namen mit auf dem Cover standen. Lange Rede, kurzer Sinn: Nicht zuletzt mit Hilfe anderer Leute entwickele ich mich immer weiter. Trotzdem mache ich mir keine Illusionen, dass Geschmäcker sich ändern und es passieren kann, dass meine Ideen niemanden mehr hinterm Ofen vorlocken.

Sie haben nie ein Geheimnis aus Ihrer Homosexualität gemacht. Die Welt der Spitzenküche ist allerdings gemeinhin eine ziemlich heterosexuelle, nicht wahr?

Ja, Profiküchen sind einfach, zumindest bis vor ein paar Jahren, eine echte Macho-Umgebung gewesen. Von der männlichen Kameraderie bis zum Gebrüll und dem Druck gab es da traditionell immer etliche Parallelen zum Militär. In welchem Job sonst spricht man seinen Boss nicht beim Namen an, sondern nennt ihn oder sie "Chef"? Die längste Zeit war das jedenfalls ein hartes Pflaster, in dem sich Schwule und Lesben nicht unbedingt wohl fühlten oder versteckten. Das ändert sich langsam, und ich hoffe, dass ich nicht zuletzt mit meinen eigenen Küchen dazu beitrage, dass Toleranz großgeschrieben wird und jede Person sie selbst sein kann. Aber nicht zuletzt der oft raue Tonfall macht Küchen bis heute zu einem Ort, der echt hart auszuhalten ist.


Die Patisserie gilt als queerfreundlicher: Torte mit Schwan aus dem Dokumentarfilm (Bild: MFA+

Eigentlich ist es ja paradox: Wenn Jungs sich fürs Kochen interessieren, werden sie in der Kindheit für schwul gehalten, aber im Berufsleben ist die Küche dann ein Ort für Macho-Heten!

Zumindest die Hauptküche. In der Patisserie ist die Lage ja wieder eine andere, die gilt gemeinhin als besser geeignet für Schwule und Frauen. Aber das sind natürlich alles uralte Klischees, die eigentlich mit der Realität nichts zu tun haben. Was sich nach und nach ja auch als Erkenntnis durchsetzt. Nach und nach verändern sich die Küchen genau wie es unsere Gesellschaft auch tut. Viele Vorstellungen von früher haben sich überholt. Zum Beispiel auch; dass Hetero-Männer nichts übrig haben für vegetarische oder vegane Gerichte.

Tragen eigentlich auch Fernsehshows wie "Masterchef" oder "Great British Bake Off" zu solchen Veränderungen bei?

Klar, gerade was Sichtbarkeit angeht. Die ist ja das wichtigste überhaupt, wenn sich etwas verändern soll. Wenn solche Sendungen zeigen, dass tolle Köche nicht nur weiß, männlich und heterosexuell sind, ist das Gold wert. Die werden ja von einem riesigen Publikum geguckt, darunter richtig viele junge Leute.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zur Doku "Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles"
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Infos zum Film

Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles. Dokumentarfilm. USA 2020. Regie: Laura Gabbert. Mitwirkende: Yotam Ottolenghi, Dominique Ansel, Ghaya Oliveira, Janice Wong, Dinara Kasko, Sam Bompas. Laufzeit: 75 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 0. Verleih: MFA+. Kinostart: 21. Oktober 2021


#1 StaffelbergblickAnonym
  • 24.10.2021, 12:40h
  • OMG ... wie konnte ich nur so alt werden?? "Kaum ein Koch dürfte in den letzten zehn Jahren unser Essverhalten mehr beeinflusst haben als Yotam Ottolenghi." Was habe ich falsch gemacht? Warum liegt mein Lachs rosafarben so ganz banal auf grünem Spinat? Nur marginal gewürzt, so ganz ohne Exotik. Vielleicht bin ich auch nicht dekadent genug???
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#2 LegatProfil
  • 24.10.2021, 15:16hFrankfurt am Main
  • Antwort auf #1 von Staffelbergblick
  • Also ich muss zugeben, dass ich von Herrn Ottolenghi noch nie etwas gehört habe. Auch geht es mir wie dir hinsichtlich meiner - offensichtlich sehr veralteten - Kochkünste. Damit gehören wir nun (kochtechnisch) endgültig zu alten Eisen. Egal, meinem Mann, unseren Freunden und mir gefällt es immer noch, wie ich koche. Hauptsache es schmeckt und man schaut ein wenig auf Gesundheit und Nachhaltigkeit. Damit fahren wir wirklich gut, sogar ganz ohne Starkoch-Hilfe.
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#3 Micha XXXAnonym
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