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Kommentar

Die Hirschfeld-Stiftung muss diverser werden!

Heute vor zehn Jahren – am 27. Oktober 2011 – wurde die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld errichtet. Sie ist queerer als geplant, aber von einer gleichberechtigten Teilhabe aller Teile der Community noch weit entfernt.


Roll-Ups im Berliner Büro der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (Bild: BMH)

Als das Bundesjustizministerium am 4. Oktober den künftigen Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) bekanntgab, kamen einige aus dem Staunen nicht mehr heraus. Obwohl die erstmalige öffentliche Ausschreibung der Stelle auch mit dem Wunsch nach mehr Diversität begründet worden war, folgt auf Jörg Litwinschuh-Barthel mit Gero Bauer erneut ein weißer schwuler Mann an der Spitze der queeren Institution – obwohl es auch zwei hochqualifizierte (und bekanntere) lesbische Frauen in die Endauswahl geschafft hatten. "Das 100% biodeutsche Kuratorium der BMH hat einen weißen deutschen Akademiker (m) zum neuen Geschäftsführer gewählt. Deutschland 2021", kritisierte prompt der Journalist und Aktivist Dirk Ludigs auf Facebook.

Nun hat der scheidende Vorstand gezeigt, dass auch ein weißer schwuler cis Mann die Interessen von nicht-weißen lesbischen, pansexuellen, trans, inter und nichtbinären Menschen durchaus hervorragend vertreten kann. Obwohl die Satzung der Stiftung bis heute eigentlich nur einen Einsatz für "homosexuelle Männer und Frauen in Deutschland" erlaubt, kämpfte Litwinschuh-Barthel in den vergangenen zehn Jahren glaubwürdig für die Rechte aller sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten. Er machte das Projekt "Refugees & Queers" zu einem Schwerpunkt, und von den knapp 600.000 Euro an bis 2020 ausgeschütteten Fördermitteln profitierten ganz selbstverständlich auch trans und inter Projekte. Die Hirschfeld-Stiftung ist heute deutlich queerer als es die schwarz-gelbe Bundesregierung 2011 geplant hatte.

Mangelnde Vielfalt ist die größte Schwäche der Stiftung

Gero Bauer hat deshalb eine faire Chance verdient. Allerdings wird er sich nach seiner fünfjährigen Amtszeit daran messen lassen müssen, ob er beim Ziel einer gleichberechtigten Teilhabe aller Teile der queeren Community deutlich vorangekommen ist. Die Hirschfeld-Stiftung hat unbestritten viel erreicht, doch die mangelnde Vielfalt, die sie vor allem in ihren Organen repräsentiert, ist ihre größte und unübersehbare Schwäche.

Gerade eine queere Bundesstiftung, benannt nach dem Erfinder der "sexuellen Zwischenstufen", steht unter der besonderen Verpflichtung, Diversität sichtbar zu machen. Sie muss, auch intern, Mehrfachdiskriminierungen thematisieren und bekämpfen, männlich und weiß dominierte Machtstrukturen aufbrechen und die strukturellen Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe schaffen. Um Diskriminierung glaubwürdig "entgegenwirken" zu können, wie es als Stiftungsziel in der Satzung heißt, muss sie sowohl beim Personal als auch in den eigenen Gremien mit gutem Beispiel vorangehen. Dass der Bundesverband Trans* im März endlich einen Sitz im Kuratorium erhalten hat, war ein erster Schritt. Bis heute hat jedoch keine einzige queere Migrant*innen-Organisation Sitz und Stimme in diesem wichtigsten Gremium, keine Vertretung intergeschlechtlicher Menschen, keine Queers mit Behinderung, kein Senior*innenverband aus der LGBTI-Community.

Die queere Community bleibt in einer Staatsstiftung am Katzentisch

Die Staatsnähe der Hirschfeld-Stiftung hat in den vergangenen Jahren viele neue Türen geöffnet, ist jedoch der Repräsentation queerer Vielfalt nicht wirklich förderlich. Während die Vertreter*innen von Regierung und Parlament im Kuratorium die Mehrheit bilden, bleibt die Community zwangsläufig am Katzentisch. Für jede kleine Satzungsänderung ist nicht nur eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich, die Bundesregierung hat als Stifterin sogar ein Vetorecht.

Hier Veränderungen zu erreichen, kann sich als Sisyphusarbeit herausstellen. Doch ob der von den Ampel-Parteien versprochene "queerpolitische Aufbruch" gelingt, muss sich auch bei der Hirschfeld-Stiftung zeigen. Und dazu gehören nicht nur eine Aufstockung der institutionellen Förderung und die inhaltlich sinnvolle, von Litwinschuh-Barthel geforderte Neu-Anbindung an das Bundesministerium für Forschung und Bildung, sondern eben auch eine zeitgemäße Überarbeitung der Stiftungsziele, zu denen die aktive Förderung queerer Vielfalt gehören muss, die Berufung neuer Mitglieder in Kuratorium und Fachbeirat sowie insgesamt mehr Einfluss für die Community.

Offenlegung: Dieser Beitrag ist Teil einer zwölfteiligen Serie zum Stiftungsjubiläum. Konzeption und redaktionelle Umsetzung werden von der BMH gefördert. Die Beiträge werden unabhängig und eigenverantwortlich von queer.de erstellt.



#1 FiBuAnonym
  • 27.10.2021, 15:17h
  • Mhh, also eine Stiftung die schon über den Stiftungszielen (siehe Satzung) hinaus hervorragende Arbeit bei Queeren Themen leistet ist nun in der Kritik, weil sie nicht irgendjemandes Wunschkandidat an die Spitze des Vorstandes gewählt hat? Bzw. weil der gewählte schwul und weiß ist?
    Auch ein heterosexueller weißer kann einen ganz hervorragenden Stiftungsvorstand geben. Es zählt nur was am Ende herauskommt. Posten nach Identitätssichtweise zu vergeben ist meiner Meinung nach immer eine Benachteiligung und sollte grundsätlich nicht von Belang sein.
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#2 Sven-LeonAnonym
  • 28.10.2021, 07:03h
  • Antwort auf #1 von FiBu
  • Ein unverständlicher Kommentar. Wenn Dr. Bauer der am besten qualifizierteste Kandidat war - und da war sich das Kuratorium ja wohl recht sicher - dann gebührt ihm und nur ihm das Amt. Ein Mindestmaß an Meritokratie wird man ja wohl erwarten dürfen, sonst macht man sich inner- wie außerhalb der Community zur Lachnummer.
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#3 FibUAnonym