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Das erste schwule Beefcake-Magazin der USA

Körperkultur als Alibi für Homoerotik

Vor genau 70 Jahren – im November 1951 – erschien zum ersten Mal die Zeitschrift "Physique Pictorial", die vor rund 30 Jahren eingestellt wurde. Ein Rückblick auf einen wichtigen Pionier.


Zwei Ausgaben von "Physique Pictorial"

Seit den Fünfzigerjahren gab es in den USA sogenannte Physique- bzw. Beefcake-Magazine. Sie widmeten sich der Körperfotografie und zeigten Fotos von gut gebauten Männern in athletischen Posen. Zunächst waren die Genitalien verhüllt, später posierten die Männer auch nackt. Bei dieser Form von Körperfotografie ging es meistens um Fitness und Sport, aber auch um FKK, antike Posen und menschliche Anatomie.

All das war Alibi, denn der unausgesprochene Hauptzweck dieser Fotos war es, den Wunsch nach homoerotischen Bildern für schwule Männer zu bedienen – in einer Zeit der gesellschaftlichen Ächtung und staatlichen Zensur. In diesem Sinne war es eine gesetzlich erzwungene Form der künstlerischen Sublimierung. Physique- bzw. Beefcake-Magazine hatten ihren Höhepunkt vom Anfang der Fünfziger- bis zum Ende der Sechzigerjahre. Der Wissenschaftler Thomas Waugh beschrieb die Physique-Magazine dieser Epoche zu Recht als die "richest documentation of gay culture of the period".

Das führende Beefcake-Magazin war "Physique Pictorial" (1951-1990), das sich als erstes Physique-Magazin deutlich an schwule Männer richtete und mit erstaunlich wenig äußerer Legitimation auskam. Die Zeitschrift bot nicht nur erotische Bilder, sondern entwickelte sich auch schnell zu einem Versandkatalog für Fotos, Dias, Kalender und erotische Kleidung. Bis heute ist das Interesse an diesem Magazin geblieben, denn der vollständige Reprint aller Hefte bzw. "The Complete Reprint of Physique Pictorial" (Amazon-Affiliate-Link ) (1997) wird 24 Jahre später nicht etwa verramscht, sondern aktuell für über 150 Euro gehandelt.

Die frühen Jahre von "Physique Pictorial"


Bob Mizer in jungen Jahren

Der Mann hinter dem Magazin war der Fotograf Bob Mizer (1922-1992), der auch als Filmproduzent und Unternehmer tätig war. 1945 hatte er die Model-Agentur "Athletic Model Guild" (AMG) gegründet, seitdem junge Männer fotografiert und die Fotos seit 1947 im Bodybuilding-Magazin "Strength & Health" beworben. Weil die US-Post jedoch Druck auf die Redaktion von "Strength & Health" ausübte, solche Werbung nicht mehr zuzulassen, brachte dies Mizer auf die Idee, sein eigenes Magazin unter dem Dach von AMG zu gründen. Sein erstes Heft erschien im Mai 1951 unter dem Titel "Physique Photo News".

Im November 1951 erschien dann die erste Ausgabe von "Physique Pictorial". Mizer fand diesen Titel passender, weil sein Magazin neben Fotos auch Abbildungen von Kunstwerken enthalten sollte. Das Magazin erschien quartalsweise; wobei der anfängliche Preis mit 15 Cent nicht gerade billig war und sogar schnell erhöht wurde. Mit dem zunehmenden Erfolg machte Bob Mizer aus "Physique Pictorial" eine Art Familienunternehmen: Sein Bruder übernahm die Buchhaltung und die Mutter vertrieb über die Zeitschrift Unterwäsche, Slips und Tangas.

Obwohl in den ersten Jahren die Hintern und die Genitalien der Männer bedeckt blieben, bekam Bob Mizer schnell Gegenwind zu spüren. Wer sich heute die Doku "Perversion for Profit" (1965, hier online) ansieht, findet sie wohl vor allem unfreiwillig komisch, weil sie alles "Unsittliche" der Zeit mit dem Teufel gleichsetzt (30:45 Min). Die Art, wie der Film gegen Homo­sexuellenzeitschriften wie "Physique Pictorial" zu Felde zog und in ihnen eine Verführung der Jugend sah (9:05-11:25 Min.), entsprach aber wohl der ablehnenden Meinung der meisten US-Bürger*­innen. Bob Mizer wurde mehrfach zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Die Künstler

Auf dem ersten Cover von "Physique Pictorial" war ein Ölgemälde des schwulen Künstlers George Quaintance zu sehen (s. o), von dem später weitere Kunstwerke abgedruckt wurden (Oktober 1952, August 1953 und Herbst 1957). Das war ein kluger Schachzug, denn vermutlich wird Mizer bewusst gewesen sein, dass die Zensur bei Zeichnungen und Gemälden weniger scharf ausfiel.


1957 wurde in "Physique Pictorial" erstmals eine Zeichnung von Tom of Finland veröffentlicht

Kurz vor Quaintances Tod, im Frühling 1957, erschien im "Physique Pictorial" zum ersten Mal die Zeichnung eines anderen Künstlers, der später international berühmt werden sollte: Tom of Finland, der den Ruhm von George Quaintance quasi erbte. Es ist vor allem den Veröffentlichungen im "Physique Pictorial" zuzuschreiben, dass sich seit Anfang der Siebzigerjahre Museen und Galerien weltweit für Tom of Finlands Arbeiten interessierten und er auch außerhalb der Schwulenszene bekannt wurde.

Die Models

Es ist erstaunlich, dass sogar die eher zurückhaltenden Filmstudios ihren Stars erlaubten, die Seiten der Physique-Magazine zu füllen, und so wurden auch Filmfotos von Marlon Brando (Winter 1954) und Tony Curtis (Herbst 1954) im "Physique Pictorial" abgedruckt. Das Model Bruce Mars startete richtig durch und hatte später mehrere Auftritte in Spielfilmen und Serien wie "Star Trek" und "Bonanza". Zu den bekanntesten Fotomodellen im "Physique Pictorial" gehörte Joe Dallesandro. Die Nacktfotos des damals 19-Jährigen, der schon vorher als Protagonist des Andy-Warhol-Films "Flesh" (1968) bekannt geworden war, erschienen in der Januar-Nummer 1969 des "Physique Pictorial".


Das deutsche Fotomodell Gunter Jimmy Horn ("Physique Pictorial", März 1977)

Diese Namen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten der Models aus prekären sozialen Verhältnissen kamen und den Job machten, weil sie auf das Honorar angewiesen waren. Viele von ihnen hatten Straftaten begangen und/oder waren drogenabhängig. Bob Mizer berichtete, dass er von zwei Fotomodellen ausgeraubt wurde und dass andere ihren Vorschuss für Crack ausgaben. Die AMG hatte ihren Sitz in Los Angeles. Vielleicht trug auch dies zu ihrem Erfolg bei, denn schließlich waren nach dem Krieg viele junge Männer "mit der Hoffnung auf eine Schauspielerkarriere in Hollywood gestrandet" (David Leddick: "The Male Nude", 1998, S. 263).

Zu den wenigen deutschen Models, die im "Physique Pictorial" abgelichtet wurden, gehörte Gunter Jimmy Horn, der 1947 in Augsburg geboren wurde. In der Ausgabe vom März 1977 ist er mit einem Affen zu sehen. Weil Bob Mizer Tiere liebte, entwickelte sich das Anwesen von AMG, wo die meisten der Fotos entstanden, mit der Zeit zu einem kleinen Tierpark, wo nicht nur Hunde, sondern auch Hühner, Gänse, Schlangen und Affen ihr Zuhause fanden.

Sex, Gewalt und Mutters Kristallglas


Schöne Effekte durch Muttis Kristallglas ("Physique Pictorial", Winter 1954)

Vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten war die Zeitschrift nicht nur erotisch, sondern auch kreativ und ungemein unterhaltsam. Sie zeigte Schwarzweißfotos von jungen Männern, die als Sportler, Biker oder antike Zentauren posierten und sich manchmal auch einfach ohne Grund auszogen. Um besondere optische Effekte zu erhalten, experimentierte Mizer auch mit der Kristallglas-Sammlung seiner Mutter.

Um auch die körperliche Nähe zwischen zwei Männern zu zeigen, gab es eine Möglichkeit, die sehr gut die damalige Doppelmoral aufzeigt: Die Zensur erlaubte es, ringende und kämpfende Männer zu zeigen, während es rechtliche Konsequenzen nach sich gezogen hätte, wenn sich die Männer zärtlich umarmt hätten. Diese Form der Doppelmoral ist bis heute geblieben, nach wie vor werden Darstellungen von Sexualität vielfach als problematischer angesehen als solche von Gewalt.

Der Grad der Nacktheit im Magazin entsprach immer dem, was rechtlich zulässig war. Die ersten 17 Jahre blieben die Geschlechtsteile keusch verdeckt. Nachdem 1968 die Gesetze über Nacktheit geändert worden waren, wurden im "Physique Pictorial" ab Januar 1969 auch Männer in frontaler Nacktheit gezeigt. (Als erste US-Zeitschrift hatte sich dies ab Ende 1965 die Zeitschrift "Butch" getraut.) Ab den Achtzigerjahren sind im "Physique Pictorial" auch Männer mit Erektion zu sehen.

Die Geheimsymbole in "Physique Pictorial"


Ein plumper Umgang mit Geheimsymbolen ("Physique Pictorial", Oktober 1965)

Ab Februar 1963 verwendete Bob Mizer in Verbindung mit seinen Fotomodellen mysteriös wirkende Symbole, die immer zahlreicher wurden. Zuerst war Mizers Erklärung, es handle sich dabei nur um eine "subjective character analysis". Es stand jedoch immer auch die Vermutung im Raum, dass es sich um Hinweise auf angebotene Sexpraktiken der Models handle, die auch als Sexarbeiter tätig waren.

Aufgrund der rechtlichen Situation war es naiv, dass Mizer solch auffällige Symbole verwendete. Dian Hanson bietet in ihrem Buch "Bob's World" (2009, S. 11-13) rund 70 Dechiffrierungen an und betont, dass die Symbole auf so unterschiedliche Aspekte wie "sexuelle Präferenzen, Drogenmissbrauch, emotionale Instabilität, religiösen Eifer und Gewaltbereitschaft" verwiesen. Vor mehreren Jahren habe ich dem Kryptologen Klaus Schmeh von diesen Chiffrierungen erzählt, der auf meinen Informationen aufbauend einen lesenswerten Artikel schrieb (hier online).


Bob Mizers angebliche "subjective character analysis" (aus Dian Hanson: "Bob's World", 2009, S. 11)

Mehrfachverwertungen und ein schwuler Roboter

Über seine Agentur "Athletic Model Guild" (AMG) vertrieb Bob Mizer neben "Physique Pictorial" auch Fotos und kurze homo­erotische Filme. Die Machart und die Zielgruppe der schwulen Männer waren identisch; dementsprechend konnten die Aufnahmen aus den Film- bzw. Fotoshootings mehrfach verwendet werden und mit den Fotos in der Zeitschrift konnten so auch die Filme beworben werden – eine frühe Form von Cross-Promo.

Ein witziges Beispiel dafür ist ein Foto von einem fast nackten Androiden "Century Robot" ("Physique Pictorial", Oktober 1965), der den Kurzfilm "Rambunctious Robot" (= "Wilder Roboter") bewarb. Mit Jim Paris, dem Darsteller des Roboters, arbeitete Bob Mizer oft zusammen. Die Codes zu Jim Paris neben dem Foto verweisen darauf, dass dieser ambitioniert und sehr umgänglich war; der Pfeil nach unten bedeutet "can be fucked". Bob Mizer vermittelte über seine Zeitschrift für Interessierte auch Kontakte zu seinen Fotomodellen, die sich ihren Lebensunterhalt daneben auch durch Prostitution verdienten.


Ein schwuler Androide als Wunschvorstellung der Sechzigerjahre ("Physique Pictorial", Oktober 1965)

Von der heute noch bestehenden AMG wurden in den Jahren 2005 bis 2010 viele der früheren Kurzfilme neu zusammengeschnitten und in Form von mehr als 20 Langfilmen vertrieben. Einer dieser Filme trägt den Titel "The Complete Jim Paris" (2009) und enthält einen Zusammenschnitt von Kurzfilmen mit diesem Darsteller. Am Anfang des online verfügbaren Trailers ist Jim Paris in seiner Rolle als "Century Robot" zu sehen.

Andere Beefcake-Magazine

Vor Stonewall gab es allein im englischen Sprachraum wohl mehr als hundert Physique-Magazine, die sich an schwule Männer richteten. Dass im englischen Wikipedia-Artikel zu den Physique-Magazinen früher nur 30 Zeitschriftentitel exemplarisch genannt wurden, heute sogar nur noch 19 Titel, liegt wohl vor allem daran, dass viele dieser Magazine wie "Young Adonis" nur ein einziges Mal erschienen, sich aufgrund der wenigen Infos im Heft kaum bibliographieren und dementsprechend auch die Urheberrechte kaum noch klären lassen.


Arnold Schwarzenegger (*1947) war Bodybuilder, Schauspieler und (homophober) republikanischer Gouverneur von Kalifornien. Ob er den Charakter dieser Zeitschrift wohl kannte? ("Tomorrow's Man", Juni 1967)

Zu den langlebigsten und einflussreichsten Magazinen gehörte Irv Johnsons "Tomorrow's Man" (1952-1971), das ab 1957 die höchste Auflage aller Physique-Magazine in den USA hatte. Sein Erfolg lag wohl vor allem daran, dass es als eines der "konservativsten" Magazine galt, das nie versucht habe, die Grenze des Darstellbaren zu überschreiten. Auch wenn "Tomorrow's Man" nie offen schwul auftrat, kann es gemeinsam mit "Physique Pictorial" zu den ersten Schwulenzeitschriften der USA gezählt werden. Es war das erste Physique-Magazin, das die Zeichnungen des offen schwulen Dom Orejudos (unter dem Pseudonym Etienne) publizierte.

Andere Herausgeber und Fotografen

Es gibt bekannte Herausgeber und Fotografen, bei denen es mich wundert, dass über sie noch keine eigenen Publikationen erschienen sind. Herman Lynn Womack (1923-1985) fand sich 1946 mit seiner Homosexualität ab und trennte sich daraufhin von seiner zweiten Ehefrau. In den USA gab er die Zeitschriften "Vim" (ab 1955), "Grecian Guild Pictorial" (ab 1955), "Fizeek" (ab 1957), "MANual" (ab 1959), "Trim" (ab 1959) und "Manorama" (ab 1961) heraus.


Womacks Zeitschrift "Trim" (November 1959)

John S. Barrington (1920-1992) hatte schon seit Beginn seiner Karriere als Fotograf sexuelle Beziehungen mit Männern, lehnte aber zeitlebens die Vorstellung ab, homo­sexuell zu sein. Er war verheiratet und hatte Kinder. In England gab er die Zeitschriften "Male Model" (ab 1954), "MAN-ifique" (ab 1957), "FORMosus" (o. J.), "Youth in the Sun" (ab 1963) und "JR." (ab 1963) heraus.

Der heterosexuelle kanadische Bodybuilder und Unternehmer Joe Weider veröffentlichte ab 1940 das Bodybuilding-Magazin "Your Physique". Später stellte er den schwulen Hal Warner ein und veröffentlichte über ihn in den Fünfziger- und Sechzigerjahren die Physique-Magazine "Adonis", "Body Beautiful" und "The Young Physique" für eine schwule Zielgruppe. "Body Beautiful" und "Adonis" waren die ersten beiden Physique-Magazine in Farbe.

Bruce Bellas (1909-1974) gab unter seinem Pseudonym "Bruce of Los Angeles" das Magazin "The Male Figure" (1956-1966) und homo­erotische 8-mm-Filme heraus. Die Werke von Robert Mapplethorpe, Herb Ritts und Bruce Weber gelten als von ihm beeinflusst. Bellas lebte in einer langjährigen Beziehung mit seinem Lieblingsmodel Scotty Cunningham, dem er auch sein Anwesen vermachte.

Abgrenzung zu Magazinen mit heterosexueller Zielgruppe

Aufgrund der eingangs wiedergegebenen Definition von Beefcake-Magazinen gehören all die Zeitschriften nicht dazu, die sich seit dem frühen 20. Jahrhundert ohne schwule Hintergedanken dem Bodybuilding und der Körperkultur-Bewegung widmeten. Neben "Superman" (Anfang der Dreißigerjahre) gehörte dazu die Zeitschrift "Strength & Health" (ab 1932). Noch bevor es die ersten Physique-Magazine für schwule Männer gab, schalteten schwule Fotografen wie Mizer in "Strength & Health" Werbung für Nacktfotos von Sportlern, die zum Teil auf Widerstand stießen. So veröffentlichte "Strength & Health" später eine Warnung vor "trashigen Zeitschriften" und "homo­sexuellen Elementen", die die Bodybuilding-Magazine "infiltriert" hätten.


Schwule können auch dann eine Zeitschrift kaufen, wenn sie als Zielgruppe nicht erwünscht sind ("Strength & Health", November 1944)

Auf den ersten Blick ist meistens nicht zu erkennen, ob eine Bodybuilding-Zeitschrift eine homo- oder eine heterosexuelle Zielgruppe hatte. Auf den zweiten Blick ist manchmal erkennbar, dass es in den Zeitschriften für Hetero-Männer keine doppeldeutigen Posen gibt und nur Frauen die gutaussehenden Männer anschmachten. Eine genaue Abgrenzung zu "Tomorrow's Man" (s.o.) ist aber nicht nur schwierig, sondern auch künstlich.

Abgrenzung zu offen schwulen Magazinen

Auch in den Fünfzigerjahren gab es US-Zeitschriften von Homo­sexuellenorganisationen, wie die "Mattachine Review" (1955-1966) von der "Mattachine Society" und die "One" (1953-1969) von der "One Incorporated". Visuell und textlich gaben sich diese Zeitschriften vorsichtig bis ängstlich und sie erreichten nur ihre Mitglieder.

Ab den Sechzigerjahren waren in den USA Schwulenzeitschriften verfügbar, die sich zwar nicht unbedingt in der Cover-Gestaltung, aber auf jeden Fall durch ihren Inhalt und ihre deutlichen Untertitel von den zweideutig angelegten Beefcake-Magazinen unterschieden – wie das US-Magazin "Drum. Sex in Perspective" (1964-1969), das kanadische Magazin "TWO. The Homosexual Viewpoint in Canada" (1964-1966) und das US-Magazin "QQ. Magazine for Gay Guys" (ab 1968). Auch wenn man offen schwulen Magazinen großen Respekt zollen kann, muss man eingestehen, dass sie nur einen sehr kleinen Bruchteil der Auflage der Beefcake-Magazine erreichten. Bei den Schwulenzeitschriften geht man von einigen Tausend aus. "Physique Pictorial" soll eine Auflage bis zu 40.000 Exemplaren pro Ausgabe erreicht haben. Die jährliche Gesamtauflage aller Physique-Magazine in den USA wird sogar auf eine bis neun Millionen Exemplare geschätzt. Als Grund für die geringe Verbreitung der offen schwulen Zeitschriften bis Ende der Sechzigerjahre ist die fehlende Akzeptanz zu sehen, sowohl die der Gesellschaft als auch die der Schwulen sich selbst gegenüber.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland der Fünfzigerjahre gab es Schwulenzeitschriften, die sich jedoch kaum mit den Beefcake-Magazinen der USA vergleichen lassen. Die vor allem in Hamburg erschienenen Zeitschriften zeigten keine Erotik oder nackte Haut, sondern wollten als Zeitschriften über Männerfreundschaften wahrgenommen werden, die vereinzelt auch den § 175 thematisierten. Diese andere Form eines Feigenblattes hatte man aus der Weimarer Republik übernommen, als Homo­sexuellenzeitschriften wie "Freundschaft und Freiheit" (1921) erschienen.

Das "Physique Pictorial" kann übrigens nur deshalb nicht als erste Schwulenzeitschrift der USA bezeichnet werden, weil es in den USA zuvor bereits die kurzlebige Zeitschrift "Friendship and Freedom" (1924-1925) gab, wobei sich der deutsch-amerikanische Herausgeber beim Titel an der deutschen "Freundschaft und Freiheit" orientierte. Auch "Friendship and Freedom" hatte vermutlich nur eine unbedeutende Auflage.

Sekundärliteratur und der Doku-Spielfilm "Beefcake" (1998)

Die Quellenlage rund um Bob Mizer und sein "Physique Pictorial" ist heute sehr gut. Das liegt aber nicht etwa an einem US-Verlag, sondern am Kölner Taschen-Verlag, der im Gegensatz zu US-Verlagen keine Probleme damit hatte, auch die Fotos zu publizieren, auf denen man Männer mit Erektionen sieht. Mit "The Complete Reprint of Physique Pictorial" (1997) hat der Taschen-Verlag alle Ausgaben als leicht verfügbaren Reprint in drei Bänden publiziert. Im selben Verlag erschienen auch zwei weitere Bücher zu diesem Thema von Dian Hanson: "Bob's World: The Life and Boys of AMG's Bob Mizer" (2009) und "Bob Mizer's AMG: 1000 Model Directory" (2016), die beide das Leben von Bob Mizer kenntnisreich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Das erste Buch aus dem Taschen-Verlag, das ausführlich Mizers "Physique Pictorial" behandelte, war jedoch F. Valentine Hoovens "Beefcake: The Muscle Magazines of America, 1950-1970" (1995). Dieses Buch war insofern einflussreich, weil es zur Vorlage für das Doku-Drama "Beefcake" (1998) wurde (auf Youtube mit Altersbestätigung verfügbar), das Bob Mizers Leben nachzeichnet und sich auch als Hommage für die Physique-Magazine der Fünfziger- bis Siebzigerjahre versteht.


Das Doku-Drama "Beefcake" (1998) hat das Leben Bob Mizers freizügig in Szene gesetzt (Bild: Pro-Fun Media)

Außerhalb des Taschen-Verlages gibt es nur wenig nennenswerte Literatur. Zu nennen ist hier u.a. das Buch von David K. Johnson "Buying Gay. How Physique Entrepreneurs Sparked a Movement" (2019), das eine eher wirtschaftshistorische Perspektive einnimmt.

Die beiden letzten Jahrzehnte des "Physique Pictorial"

Schon in den Sechzigerjahren veränderte sich die rechtliche und gesellschaftliche Situation deutlich und nachhaltig. Als erster US-Bundesstaat legalisierte Illinois Homosexualität (1962), viele weitere folgten in den nächsten Jahren. Es gab nicht nur eine offene Diskussion über Homosexualität, sondern auch liberalere Gesetze über die Darstellung von Nacktheit.

1969 brachte Stonewall eine neue Generation von selbstbewussten Schwulen hervor, die kein künstlerisches Feigenblatt mehr brauchten, offen schwule Zeitschriften bevorzugten und auch an Hardcore-Pornografie immer leichter herankamen (Legalisierung in Dänemark 1969, in den USA 1972 und in der BRD 1975). Die meisten Physique-Magazine wurden Opfer ihres eigenen Erfolges und verschwanden Ende der Sechzigerjahre weitgehend aus den Regalen. Mizer versuchte erfolglos, sein Farbmagazin "Physique Pictorial Natural" zu etablieren, dass er ab Januar 1969 bunt und mit frontaler Nacktheit herausgab. Die meisten Macher der Physique-Magazine mussten aber nicht nur erleben, dass die Zeitschriften keiner mehr haben wollte, sondern auch, dass die frühe queere Forschung den Beefcake-Magazinen lediglich eine marginale Bedeutung für die politische Bewegung beimaß. Die Revolution fraß ihre Kinder.


Ein Prostitutionskatalog mit kleinformatigen Billig-Fotos ("Physique Pictorial", September 1990)

Mir ist schleierhaft, warum das "Physique Pictorial" trotzdem noch bis 1990 erschien. Das Magazin war plump und pornografisch geworden; der größte Teil der Zeitschrift war nichts anderes mehr als ein Prostitutionskatalog mit kleinformatigen Billig-Fotos. Von dem früheren Glanz und dem fotografischen Reiz der früheren Jahre war nur noch der Name der Zeitschrift geblieben. Bis zur letzten Ausgabe erschien "Physique Pictorial" in Schwarzweiß. Als "Physique Pictorial" 1990 das letzte Mal erschien, hatte es sich eigentlich schon seit 20 Jahren überlebt. Bob Mizer starb im Mai 1992. Sein Lebenspartner verkaufte die AMG im Jahre 2004.

Was bleibt

Was bleibt, sind einige offene Fragen. Trotz des Respektes vor Bob Mizers künstlerischer und indirekt politischer Arbeit sollte auch der Vorwurf der Zuhälterei nicht unerwähnt bleiben. Bob Mizer hatte – wie auch andere Fotografen – Sex mit den Männern, die als Fotomodelle und Sexworker arbeiteten. Ein Zeitzeuge formuliert das so: "Bob betrieb keine Zuhälterei im eigentlichen Sinne des Wortes[, sondern es war an gemeinsamen Porno-Abenden eher] eine Art Freizeitkuppelei" (Dian Hanson: "Bob's World", 2009, S. 244). Es bleibt unklar, wie verantwortungsvoll sich Bob Mizer bei diesen Kontakten verhielt. Dies bezieht sich auch auf seine jüngeren Fotomodelle, die manchmal erst 14 Jahre alt waren, wie etwa Arnie Payne (s. "Physique Pictorial", Winter 1954) und Everett Lee Jackson. Joe Dallesandro hat sich der AMG mit 15/16 Jahren als Aktmodell zur Verfügung gestellt.

Was bleibt, ist aber vor allem ein großartiges künstlerisches Gesamtwerk von Bob Mizer. Besonders für seine wegweisende Arbeit in den ersten beiden Jahrzehnten ist er zu würdigen. Für viele Schwule wird seine Zeitschrift bestimmt eine große Hilfe gewesen sein, um die eigene Homosexualität zu akzeptieren und sich als Teil einer zumindest "imaginierten Community" zu fühlen. Dem Pionier Mizer folgten viele Magazine, die ebenfalls zu wichtigen Verstärkern der später erwachenden Homo­sexuellenbewegung wurden. Es verwundert nicht, dass Bob Mizer auch mit Andy Warhol, Gore Vidal und David Hockney in Kontakt kam. In den Fünfzigerjahren waren die Physique-Magazine nicht ein Teil der schwulen Kultur, sondern machten (fast) die gesamte Schwulenkultur dieser Zeit aus.

Zu erwähnen ist auch, dass von den Machern der Physique-Magazine die Gerichtsprozesse geführt wurden, die die damaligen Zensurgesetze zu Fall brachten – auch wenn dabei außer Frage steht, dass diese Verleger ausschließlich private kommerzielle Interessen verfolgten und sich nie als politisch verstanden. Sie erkämpften, dass auch vollständig nackte Männer gezeigt werden durften. Dadurch, dass damit auch Homosexualität enttabuisiert wurde, schlugen sie eine Bresche für die offen schwulen Zeitschriften, was zu einer anderen Epoche der schwulen Männer in den USA gehört.

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-w-

#1 Meine JugendAnonym
  • 01.11.2021, 10:28h
  • Also mir ist als pubertierender Teenager in den 1980er-Jahren auch mal ein ähnliches Magazin in die Hände gefallen. Dort waren athletische Männer (nicht unbedingt Bodybuilder) teilweise mit knappen Unterhosen oder durchsichtigen Netzunterhosen, teilweise aber auch ganz nackt mit sichtbarem Penis zu sehen (also nichts schamhaft versteckt oder so, sondern "full frontal nudity").

    Die Aufnahmen waren (wenn ich das richtig erinnere) fast alle draußen in der Natur. Ich glaube, einige waren vor einer Baumaschine, Bagger oder sowas. Auf manchen Aufnahmen waren mehrere Männer (die sich aber nicht gegenseitig anschmachteten), auf vielen aber auch nur ein Mann.

    Da es ein Farbmagazin war, könnte es höchstens der Nachfolger "Physique Pictorial Natural" gewesen sein. Aber diese für das Magazin beschrieben "Sexanzeigen" gab es darin nicht und das waren auch keine kleinformatigen Billigfotos, sondern durchaus hochwertige, seitenfüllende Farbfotos. Und einen der Typen, der auf den meisten Fotos drauf war und auch auf einem diesen durchsichtigen Netz-Slip trug fand ich besonders scharf.

    Weiß jemand, welches Magazin das gewesen sein könnte? Irgendwann war das weg, aber aus nostalgischen Gründen würde ich das gerne nochmal wiederfinden. Das war schließlich in Zeiten, wo es noch kein Internet gab meine erste Wichsvorlage als pubertierender Teenager... :)
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#2 FennekAnonym
  • 01.11.2021, 10:48h
  • Wie immer bei Erwin in het Panhuis ein gut recherchierter, ausführlich beschriebener und reich bebilderter Artikel zur LGBTI-Geschichte.

    Danke für alle diese tollen und interessanten Artikel.

    Diese Essays sollte man vielleicht auch mal in Buchform herausgeben. Mit noch zusätzlichen Bildern, Infos, Quellen, etc.
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#3 stromboli
  • 01.11.2021, 11:42hberlin
  • Antwort auf #2 von Fennek
  • "Diese Essays sollte man vielleicht auch mal in Buchform herausgeben. Mit noch zusätzlichen Bildern, Infos, Quellen, etc."

    auf jeden fall!
    Auch meinerseits dank an Erwin In het Panhuis.
    Es macht immer wieder spass ihm auf seinen streifzügen durch schwule history zu folgen.
    Mehr davon!
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