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Interview

Wurde vor 300 Jahren eine Lesbe hingerichtet oder ein trans Mann?

Wir sprachen mit Biografin Angela Steidele über offene Fragen im Leben von Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel, ihre persönliche Faszination für die Person und die Subjektivität von Geschichtsschreibung.


Die Autorin Angela Steidele (Bild: privat)
  • Von Erwin In het Panhuis
    7. November 2021, 06:26h, 7 Kommentare

Das, was wir von Catharina Margaretha Linck wissen, wissen wir vor allem durch die Autorin Angela Steidele, die schon 2004 ihr Buch "In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721" publizierte. Nach der Veröffentlichung sammelte sie weitere Hinweise, zum Beispiel zu Lincks Ehefrau, der damals 19-jährigen Catharina Margaretha Mühlhahn. Zum 300. Jahrestag der Hinrichtung Lincks ist im Insel-Verlag Anfang November eine erweiterte Neuausgabe erschienen. Ein guter Anlass, um Angela Steidele einige Fragen zu stellen.

Wann hast du eigentlich das erste Mal von Catharina Margaretha Linck erfahren?

Während der Recherchen zu meiner Dissertation "Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750-1850" (2003) bin ich durch eine beiläufige Fußnote in einer US-Publikation auf den Zeitschriftenaufsatz von Franz Carl Müller "Ein weiterer Fall von conträrer Sexualempfindung" (1891, S. 279-300) aufmerksam geworden, den ich mir dann über Fernleihe bestellt habe. Schon beim ersten Lesen merkte ich, wie unglaublich diese Geschichte ist. Dieser Aufsatz führte mich zur Strafjustizakte von 1721, die ich dann im Berliner Geheimen Staatsarchiv einsah. Der Archivar erkannte anhand des Knotens, mit dem der Packen zugeschnürt war, dass diese Akten seit dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr bestellt hatte. Als ich sie öffnete, lag ganz oben noch der Besucherzettel des letzten Benutzers: "Dr. Müller-München 1890/91". In diesem Moment hatte ich ein Gefühl, als wehe mich der Hauch der Geschichte an. Diese Strafjustizakte war viel umfangreicher, als es Müllers Text vermuten ließ, und mir wurde bald klar, dass ich das Thema für das nächste Buch nach meiner Dissertation gefunden hatte.

Wie kam es zu diesem Foto von einem zeitgenössischem Herrenrock auf dem Cover?

Von Catharina Margaretha Linck gibt es nur eine zeitgenössische Darstellung, das Frontispiz der Broschüre "Umständliche und wahrhaffte Beschreibung einer Land- und Leute-Betrügerin" (1720), das für das Cover der ersten Ausgabe verwendet wurde. Es ist jedoch kein echtes Porträt, sondern zeigt nur, wie sich ein damaliger Kupferstecher Catharina Linck vorstellte, die zu dieser Zeit bereits im Kerker saß. Der Justaucorps, den sie dort trägt – also die typische Oberbekleidung für Männer im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert -, sieht einem Kleidungsstück aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verblüffend ähnlich. Der Insel Verlag hat für die Neuausgabe auf ein Foto hiervon zurückgegriffen, weil zum einen die Phantasie-Darstellung Lincks von 1720 nicht authentischer gewesen wäre und zum anderen ein Foto samt moderner Schrift wie eine Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit funktioniert. Denn letztendlich schauen wir immer aus der Gegenwart in die Vergangenheit und nur für unsere Zeit erzähle ich Lincks Geschichte.

Kann man nicht sogar behaupten, dass Geschichtsbücher nur etwas über heute aussagen?

Nicht alles, das wäre ungerecht, aber die Geschichtsschreibung sagt sehr vieles über das Heute aus. Durch eine Biografie erfährt die Leser*innenschaft zwar viel Verlässliches und Interessantes über die Vergangenheit, aber aus der Sicht der Biografin bzw. des Biografen. Es sind die Fragen unserer Zeit und unserer Generation, die wir an die Vergangenheit richten, und dementsprechend sind die Antworten.

Für Franz Carl Müller war Linck 1891 in seinem oben genannten Aufsatz ein Beispiel einer perversen Sexualempfindung. Mir sagen die Akten – 130 Jahre später – anderes. Die Deutungen und Einschätzungen ändern sich ständig, und auch ich als Biografin bin der Dynamik meiner Zeit unterworfen. Wenn in 200 Jahren noch mal jemand auf Catharina Margaretha Linck aufmerksam wird, werden die Fragestellungen und dementsprechend auch die Antworten wiederum anders ausfallen. Trotz aller meiner Recherchen bleibt für mich die Frage offen, ob Linck eine Lesbe oder ein trans Mann war. Nicht nur die Antworten, sondern auch unsere Fragen sagen mehr über uns als über unsere Vergangenheit aus.

Ab und zu sprichst du von Catharina als Mann, der eine Frau begehrt...

Im Vergleich zur ersten Ausgabe des Buches bin ich vorsichtiger geworden, die Quellen vornehmlich als Zeugnisse des lesbischen Begehrens zu deuten. Trans Menschen rezipieren das Leben von Catharina Linck anders als ich. Obwohl ich als Lesbe die Lesbe in ihr sehe, habe ich sprachlich stärker berücksichtigt, dass trans Menschen hier legitimerweise einen trans Menschen erkennen. Aus diesem Grund habe ich es im Erzählduktus der Neufassung bewusst offener gelassen, wer er/sie eigentlich war. Es war erzählerische Absicht, dass sich der Wechsel der Geschlechter auch sprachlich abbildet, und deshalb habe ich von einem Mann geschrieben, wenn Catharina Linck für andere als Mann erkennbar war. Durch Zitate kommt es trotzdem zu Ungereimtheiten, so dass zwischen "er" und "sie" das Geschlecht der Person als fluid erscheint. Diese Fluidität eröffnet mehr Raum für Interpretation und Identifikation und macht Linck zudem zu einer sehr modernen Figur.

Kannst du dich mit Catharina Margaretha Linck – diesem "durchtriebenen Luder" (S. 64) – überhaupt identifizieren?

Seit dem ersten Archivkontakt vor rund 20 Jahren bin ich in Catharina Margaretha Linck verliebt. Sie hat mich unendlich vieles gelehrt, über Frau-Sein, Mann-Sein, Dazwischen-Sein, über die Transkription historischer Handschriften wie auch über die Problematik der Biografie als Gattung. Als Biografin muss ich neben vielem anderen auch meine eigene persönliche Nähe zu meiner Heldin reflektieren. Weitläufiger habe ich darüber in meiner kleinen "Poetik der Biographie" (2019) nachgedacht.

Im Buch wendest du dich mehr oder weniger gegen den Begriff "queer".

Der Begriff "queer" funktioniert als Möglichkeit der heutigen Positionsbestimmung. Mit ihm lassen sich komplexe historische Zusammenhänge jedoch nicht darstellen. Um das Leben und die Identität von Frauen aus vorigen Jahrhunderten nachzuvollziehen – das habe ich auch bei meiner Doppelbiografie über Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens gemerkt -, ist der Begriff "queer" unbrauchbar, da er eine verquere Haltung der so Bezeichneten zur Mehrheitsgesellschaft beinhaltet, die sich so nicht in jeder Epoche findet – man denke etwa an die staatstragende Männerliebe im alten Griechenland.

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf deine Veröffentlichungen zu Linck?

Wo immer ich Catharina Linck vorstelle, löst sie Faszination aus. Halberstadt, wo die Todesstrafe gegen Linck vollstreckt wurde, ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Dort habe ich 2005 den Gleim-Literaturpreis erhalten, der vom Förderkreis des Gleimhauses in Verbindung mit der Stadt Halberstadt vergeben wird. Die Direktorin des Gleimhauses engagiert sich für eine Gedenkplakette, die allerdings wohl zum 300. Todestag nicht mehr angebracht werden wird. Die Franckeschen Stiftungen in Halle haben mich ebenfalls zu Lesungen eingeladen und sind sich bewusst, welchen Zögling sie dort hatten.

Ich habe schon oft zu hören bekommen, wie filmreif diese Geschichte ist – mal sehen, ob wir Lincks Geschichte noch auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen erleben. Es gab auch schon zwei Bühnenadaptionen, ein Hörspiel und einen Comic.

Ich vermute, dass Catharina Linck zukünftig noch stärker rezipiert werden wird. Meine Lektorin meinte, dass die mit Linck verbundenen Themen heute besser in die Zeit passen als bei der ersten Ausgabe 2004. Denn nach der Homosexualität bekommt nun auch das Trans-Thema in der Öffentlichkeit eine größere Aufmerksamkeit. Es ist spannend zu beobachten, wie anknüpfungsfähig sich Linck in Bezug auf aktuelle Fragestellungen von Geschlecht, sexueller Orientierung und Identität erweist.

Kannst du dir vorstellen, dass durch Digitalisierungen neue Quellen zu Linck gefunden werden?

Es wäre schön, wenn ja, aber ich glaube nicht, dass noch essenziell neue Quellen auftauchen werden. Über Jahre war ich eine Art Sammelstelle für neue Funde zu Linck. Mehrere Personen haben mich mit weiteren Informationen und Dokumenten unterstützt, etwa zu Lincks Ehefrau, die in der Neuausgabe berücksichtigt wurden. Zu den noch offenen Fragen gehört Lincks Rolle in der radikal-pietistischen Sekte ab 1714 in Halle. Aber vielleicht stößt jemand anderes mit anderen Fragestellungen auf neue Funde – nur zu!

Hintergrundbericht: Europas letzte Hinrichtung für "Unzucht mit einer anderen Frau"

Termine

Bundesweit: Montag, 8. November 2021, 9.45-10 Uhr im WDR 5 und 17.45-18 Uhr im WDR 3
Am 300. Hinrichtungstag, dem 8. November, widmet der WDR sein "Zeitzeichen" Catharina Margaretha Linck. Der Beitrag wird auch als Podcast verfügbar sein.

Halberstadt: Montag, 8. November 2021, 19.30 Uhr
Buchpräsentation anlässlich des 300. Hinrichtungstages von Catharina Linck/Anastasius Rosenstengel in Halberstadt. Gleimhaus. Museum der deutschen Aufklärung, Domplatz 31, 38820 Halberstadt.

Hamburg: Dienstag, 9. November 2021, 19.30 Uhr
Buchpräsentation "Der Fall Linck – Queer im 18. Jahrhundert". Mit Karin Hanczewski ("Tatort"), Stephanie Weber (Drag King) und Julia Westlake (Moderation). Im Rahmen von "Der Norden liest" (NDR). Kampnagel, Jarrestraße 20, 22303 Hamburg. Die Veranstaltung wird live gestreamt auf: ndr.de/dernordenliest.

Köln: Mittwoch, 17. November 2021, 17 Uhr
Justizgebäude am Appellhofplatz. Sitz des Verwaltungs- und des Finanzgerichts Köln. Lichthof, Eingang von der Burgmauer, 50667 Köln. Der Eintritt ist frei. (Der Anmeldeschluss war bereits am 3. November 2021. Bitte unter 75-jahre-justiz@vg-koeln.nrw.de erkundigen, ob noch Plätze zur Verfügung stehen.)

Münster: Montag, 29. November 2021, 20 Uhr
Buchpräsentation in der Aula der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde, Frauenstraße 3-6, 48143 Münster. In Kooperation mit der Queergemeinde Münster.


#1 HexeAnonym
#2 RuntAnonym
  • 07.11.2021, 12:45h
  • Eine tolle, verdienstvolle Arbeit! Ich finde es auch gut, dass die Autorin zugibt, sich in diese historische Figur "verliebt" zu haben - und vielleicht deshalb doch auch anfangs blind für die Möglichkeit war, dass Lincke nach unserer heutigen Sichtweise ein "Trans Mann" gewesen sein könnte?

    Liegt es daran, dass ich ein Mann bin?
    Bei Lincken / Rosenstengel spricht m.E. doch vieles für das Bestreben, einer Person, eine männliche Identität zu leben. (allerdings in einer Form von Männlichkeit, wie sie das 18. Jahrhundert erlaubte und die auch Männern heute fremd wäre) Ich kann nicht so recht erkennen, dass es Lincken / Rosenstengel darum ging, mit Hilfe von Männerkleidung ein freieres nicht-normatives Leben als Frauen begehrende Frau zu führen, bin aber gespannt, wie das im Buch diskutiert wird.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass auch eine ganze Reihe anderer historischer Persönlichkeiten in den nächsten Jahren mehr als Trans Männer bzw. Frauen gelesen bzw. auch erkannt werden.

    Ich hoffe nur, dass die wissenschaftliche Debatte und Korrektur darum mit Achtsamkeit und Respekt geführt wird.

    Ein ist nämlich sicher: Mann / Frau sein bedeutete früher in jedem Fall etwas anderes, als heute, weil die Menschen ja in jedem Fall sich bei aller queerness nur in Begrifflichkeiten, Konventionen und Zeichen ihrer jeweiligen Zeit und Kultur ausdrücken konnten und uns Modernen dadurch auch immer ein Stück "fremd" bleiben.
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#3 KaiJAnonym
  • 07.11.2021, 18:29h
  • "Queer" kommt anscheinend vom deutschsprachigen "quer", also dem zur Norm. Daher ist der Begriff an sich eben ein relevanter und politischer. Er zeigt, wie queeres Leben möglich war und ist.
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#4 Ith_Anonym
  • 07.11.2021, 20:16h
  • "Der Begriff "queer" funktioniert als Möglichkeit der heutigen Positionsbestimmung. Mit ihm lassen sich komplexe historische Zusammenhänge jedoch nicht darstellen."

    Komplexe _moderne_ Zusammenhänge lassen sich damit ebenso wenig darstellen, weil der Begriff nunmal anti-komplex und über-simplifierend ist.

    Ich kenne haufenweise Leute, die sich "queer" in ihre Online-Biographien schreiben. In den aller-allermeisten Fällen bedeutet das nunmal nicht, dass die Person einerseits im jugendlichen Teenager-Alter misogyn-sexistische Erfahrungen machen musste, andererseits aber auch persönliches Erfahrungswissen darüber besitzt, wie sich das anfühlt, seit Jahren bei 9/10 Briefen misgendered und mit dem falschen Namen angeschrieben zu werden, von direkten Behördenkontakten ganz abgesehen. Ebenso wenig kann ich "von den Eltern angeschrien werden wegen Outing", "Diskriminierung am Arbeitsplatz" oder "Doppeldiskriminierung als trans und schwul" voraussetzen, wenn da "queer" steht. Steht da stattdessen "trans männlich, schwul", ist die Chance schon größer, dass es hinsichtlich Lebensrealitäten gewisse Gemeinsamkeiten gibt.
    Und dann hast du am anderen Ende des Spektrums des Queer-Begriffs ggf. eine cis-Person, die sich bloß von einer von fünfzig gegengeschlechtlichen Personen angezogen fühlt und sich daraus resultierend als asexuell definiert - ggf. auch in einer Beziehung, schon auch mit Sex, aber man steht ja nicht auf so viele Leute und ist daher nicht allosexuell - und da taugt der Begriff dann zum Finden gemeinsamer Lebensrealitäten, geschweige denn Diskriminierungen, überhaupt gar nichts mehr.
    Je größer der eigene Minderheitenfaktor und je intersektionaler die eigene Marginalisierung, desto geringer wird dann auch die Chance, bei dem Begriff mit tatsächlichen Gemeinsamkeiten rechnen zu können.

    Ich will es damit Leuten nicht absprechen, wenn sie "queer" als Selbstbezeichnung verwenden. Aber da das so ziemlich jede*r tun kann (und zwar durchaus berechtigt, im Sinne des Begriffs), sagt es halt einfach mal nichts darüber aus, wie einsam ich mit meinen RL-Marginalisierungserfahrungen gerade bin, ergo ist es einfach nicht hilfreich.
    Unglaublich hilfreich ist so etwas in der Hauptsache, wenn man z.B. ein bisschen Pinkwashing betreiben möchte, und sich mit Leuten schmücken, die offiziell "queer" sind und ergo "die queere Community repräsentieren", aber dabei möglichst unkaputt, möglichst bequem und mit möglichst wenig Gewalterfahrungen, ergo auch wenig Emanzipationsbedarf. Da ist es dann auch wunderbar, wenn man den Typ, der halt irgendwann mal auf einer Party Lippenstift getragen hat, ins Team packen kann. Mit einem Schwups bist du auf dem Blatt ein diverses Team, hast queere "Repräsentation", und da wir ja mit dem Label "queer" auf dem Papier einfach mal unter dieselbe Art von Minderheit fallen, bedeutet die Anwesenheit dieser Person, dass 1. der Platz für die queere Repräsentation besetzt ist, ergo gibt es so einen Platz für mich mit meinen Themen dann nicht mehr, 2. ich habe mich über z.B. Transfeindlichkeit nicht zu beschweren, wenn ich die erleben sollte, denn man hat doch jemanden da, der sich mit Queerfeindlichkeit auskennt, und wenn der jetzt erkärt, dass irgendetwas nicht transfeindlich war, wird er das schon beurteilen können, so als queere Person.

    Würde über mich irgendwann berichtet (trans-männlich), ich würde als Frau geführt, wie das seitens Behörden getan wird, einschließlich der Polizei, wie z.B. nachdem ich überfallen wurde. Die Polizei übt dann gemeinsam mit dem Gericht die Deutungshoheit gegenüber der Presse aus, und damit hat sich für mich die Chance auf einen Eintrag beim TDoR oder z.B. auch in einem Geschichtsbuch.

    Also, ich kann nun nicht beurteilen, was für ein Geschlecht die Person hat, um die es da geht. Schlicht und ergreifend, weil das niemand sagen kann als eine Person selbst. Ehe ich zu der Erkenntnis gelangt bin, damit in der Welt nicht gänzlich allein zu sein, bin ich für meinen Teil mit meinem Trans-männlich-sein nun auch in einer Weise umgegangen, die es schwer gemacht hätte, das nachzuweisen, selbst wenn man mein Tagebuch von damals nachlesen würde (in meiner Fantasy und SciFi war ich dagegen schon immer sehr viel ehrlicher).
    Was die Erfahrungsebene angeht, hätte die Person mit mir als trans Mann möglicherweise einige Gemeinsamkeiten, die sie mit einer cis-weiblichen Lesbe nicht hätte.

    Ich muss ehrlich dazu sagen, was die persönliche Ebene betrifft, hält sich mein Bedürfnis, die Person als Identifikationsfigur zu reklamieren, in Grenzen, denn ich würde mich von selbst einfach nicht in jemanden hineinversetzen wollen, der*die (hauptsächlich) auf Frauen steht. Bloß gibt es dann halt auch diese Leute, die erzählen, dass es trans*-Sein und/oder aufs gleiche Geschlecht zu stehen erst... ja, seit wann eigentlich gibt? Nicht lange jedenfalls. Ergo werden Bedürfnisse konstruiert, historische Existenzen zu belegen, wie man sie bei mir mit Sicherheit nicht finden würde, wenn ich für die Entdeckung damit rechnen müsste, dass man mir den Kopf abschlägt. Alles nicht so einfach, bei dem Thema.
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#5 dazwischenAnonym
  • 07.11.2021, 20:25h
  • Interessante Interpretation. Nur leider wurde außeracht gelassen das sie/er/they? auch nicht binär gewesen sein kann. Es gab mehr als eine Figur der Geschichte die nach jetzigen Maßstäben so gesehen werden könnte.
    Nichts desto trotz sicherlich ein reinlesen wert.
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#6 RuntAnonym
  • 07.11.2021, 21:21h
  • Antwort auf #5 von dazwischen
  • Ja, das hat es früher vielfach gegeben.

    Aus den Untersuchungsakten (die man natürlich mit Vorsicht lesen muss), wird es aber eher ausgeschlossen, dass Lincke jemals was mit Männern hatte. Er/sie spricht selber in den Akten meines Wissens nur von dem starken Begehren nach Frauen, und was das betrifft, sind auch die Eigenaussagen sehr eindeutig und klar.
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#7 RuntAnonym
  • 08.11.2021, 14:23h
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • "... dass es trans*-Sein und/oder aufs gleiche Geschlecht zu stehen erst... ja, seit wann eigentlich gibt? Nicht lange jedenfalls."

    Die Anfänge schwulen Bewusstseins und die Idee einer stabilen sexuellen Orientierung gibt es erst seit ca. 1869, unabhängig ob in der Form cis oder trans.

    Und unter Cis-Heteros war z.B. Homoerotik und Liebe und Zärtlichkeit viel weniger abgegrenzt von Freundschaft.

    Insofern kann sich eigentlich niemand 1:1 in historischen Figuren wiederfinden. Man* kann sich höchstens aus den vielen Facetten ein Bild zusammensetzen, wie man* selbst in bestimmten Situationen oder Gesellschaften damals gelebt , bzw. überlebt hätte.
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