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Der Schwule, der sich für seine Mutter schämte
Ein Leben, geprägt und zerstört von Männern: Édouard Louis schafft mit "Die Freiheit einer Frau" ein intimes Bild seiner Mutter und eine treffsichere Analyse der Gesellschaft zugleich.

Der französische Schriftsteller Édouard Louis 2017 auf der Frankfurter Buchmesse (Bild: Heike Huslage-Koch / wikipedia)
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9. November 2021, 06:12h 3 Min.
Jetzt also seine Mutter. Wer zynisch sein möchte, könnte sich fragen, ob Édouard Louis nach dem Roman über seine Kindheit und Jugend, seine Vergewaltigung, zuletzt seinen Vater und nun seine Mutter bereits an einem Text über seine Geschwister arbeitet.
Vielleicht dient die Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Familie dem 29-jährigen Franzosen tatsächlich zum Selbstzweck. Wie er in armen, schwierigen Verhältnissen im Norden Frankreichs aufwuchs, formte stets sein Schaffen, stand immer im Mittelpunkt. Seinem Schreiben ist anzumerken, dass es für ihn heilsam wirkt: "Ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu erklären und zu verstehen." Zum Glück lässt er alle anderen daran teilhaben.
Ungemein ehrlich – auch gegenüber sich selbst

"Die Freiheit einer Frau" erscheint am 10. November 2021 im S. Fischer Verlag
Wie immer ist Louis auch in "Die Freiheit einer Frau" (Amazon-Affiliate-Link ) ungemein ehrlich. Er schildert, dass 20 Lebensjahre seiner Mutter, von 25 bis 45, zerstört wurden. Nicht von ihr selbst, sondern von außen, von der Gesellschaft, seinem Vater und der ganzen Männerwelt. Ihre Pläne wurden zerstört von ihren Partnern, die das wenige Geld versoffen haben, von ungewollten Schwangerschaften, "ihr Leben zur Ereignislosigkeit verurteilt".
Auch in seiner neuesten Erzählung hält Louis sich nicht zurück mit schonungsloser Kritik an seinem Verhalten, das er erst in der Nachschau begreift: Er schämte sich für sie, wollte nicht ihr Sohn sein, hat alles getan, um so viel wie möglich vor ihr zu verheimlichen – auch, dass er schwul ist. Später, als er sich befreite von seinem Umfeld, zu studieren begann und in eine andere Klasse aufstieg, ließ er sie diesen Unterschied spüren. Verbesserte sie, sprach anders mit ihr. Er wollte sich rächen – obwohl sie keine Schuld traf.
Zum ersten Mal kontrolliert sie ihr Leben selbst
Denn so persönlich, intim und bewegend er über seine Mutter schreibt, so treffsicher analysiert er zugleich eine ganze Gesellschaft. Stellvertretend steht sie für die vielen Frauen, die es nicht herausschaffen aus einem verzwickten System aus Gewalt, Macht und Unterdrückung. Ihre Partner schränkten sie ein, ließen sie sich weder entwickeln noch verwirklichen, waren gewalttätig und demütigten sie. Die Kinder forderten jede Sekunde. Über all dem stets das knappe Geld, nicht nur im Hinterkopf, sondern dauerpräsent, wenn der junge Édouard wieder mit seiner Mutter zur Essenausgabe musste.
Genau wie ihr Sohn schaffte auch die Mutter den Ausweg. Sie durchlebte eine Metamorphose, beschreibt Louis den Wandel einer Frau, die immer darum kämpfte, eine Frau sein zu können. Sie hatte die Kraft, den verhassten Mann und den tristen Wohnort zu verlassen. Sie traf einen neuen Partner, zog nach Paris, änderte ihr Leben. Natürlich ist nicht alles perfekt, ihre Erfahrungen lassen sich nicht abstreifen, doch zum ersten Mal scheint sie ihr Leben zu kontrollieren und zu genießen. Genau das macht ihren Sohn glücklich.
Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau. Übersetzung aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. 96 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2021. Gebundene Ausgabe: 17 € (ISBN 978-3-10-000064-4). E-Book: 14,99 €
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