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Kinostart
Darum ist "Große Freiheit" der wichtigste deutschsprachige queere Film des Jahres
Hans Hoffmann treibt sich gerne auf Klappen rum – und muss dafür dreimal ins Gefängnis. Sebastian Meises beeindruckender Spielfilm arbeitet ein ganz besonders dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf.

Eingesperrt, weil sie schwul sind: Oskar (Thomas Prenn) und Hans (Franz Rogowski) im Innenhof des Gefängnisses (Bild: Piffl Medien)
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11. November 2021, 09:45h 4 Min.
"Echt?", fragt Viktor ernsthaft erstaunt, dann schockiert. Die haben euch echt aus dem KZ rausgeholt und dann gleich hierhergebracht? Er kann es kaum glauben. Doch der Beweis sitzt ihm in der gemeinsamen Zelle gegenüber. Hans lügt nicht. Die tätowierte Nummer 177245 auf seinem linken Unterarm lügt nicht. Hans war 14 Monate in einem Konzentrationslager, trug dort wahrscheinlich einen rosa Winkel. Die restlichen vier Monate seiner Strafe muss er jetzt noch im Gefängnis absitzen. Wegen Paragraf 175. Sex mit Männern. Alle wissen das, es steht außen auf seiner Zelle, fein säuberlich auf Papier notiert.
Da ändert sich etwas bei Viktor. Der hat davor seine Abneigung gegen den "Perversen" nicht versteckt, wollte ihn sogar aus der gemeinsamen Zelle schmeißen. Es beginnt eine vorsichtige, instabile Freundschaft zwischen den beiden Insassen. Ein falsches Wort, und der Österreicher Viktor rastet aus. Später fragt er ihn, ob er die Nummer nicht loswerden wolle. Hans antwortet erst Stunden später, mitten in der Nacht. Mit Kohle aus der Küche und einer Nadel aus der Näherei sticht Viktor seinem Zellgenossen ein neues Tattoo, lässt die körperliche Erinnerung ans KZ verschwinden.
Zwei Männer, für ihre Liebe eingesperrt, lieben sich im Gefängnis weiter

Poster zum Film: "Große Freiheit" startet am 18. November regulär im Kino, ab dem Wochenende gibt es Previews (siehe Infokasten unten)
45, 57, 68: Nein, nicht das Sportfreunde-Stiller-Lied über die deutschen Fußball-Weltmeisterschaften, sondern die Jahre, in denen Hans Hoffmann ins Gefängnis kommt. Zwölf Jahre später ist er zurück, Viktor ist noch da. Musste Hans 1945 noch Hakenkreuze von Mänteln reißen, streicht er jetzt das Gefängnis neu. Die Fassade hat eine frische Farbe, doch vieles ist gleich: Als "175er" wird er von den anderen im besten Fall nicht beachtet, im schlimmsten geächtet. Wenn der impulsive Hans sich wehrt, stecken ihn die Wärter immer noch ins Loch: Bis auf die Unterhose nackt in eine leere Zelle ohne Fenster.
Im selben Knast, einen Stock höher, sitzt auch Oskar. Er und Hans waren – oder sind? – ein Paar. Er ist nicht der einzige Mann, mit dem Hans auch im Gefängnis noch Wege findet, Sex zu haben, ein bisschen Nähe zu spüren. Wer bei der abendlichen Nachtwache nicht in seiner Zelle aufsteht, muss die Nacht draußen verbringen. Eine Strafe, die sie für sich zu nutzen wissen. Wie Hans 1968 mit dem jungen Lehrer Leo in eisiger Kälte sein erstes Date hat, zeugt von großer Romantik genau wie von immenser Verzweiflung. Später haben sie den vielleicht traurigsten schwulen Sex der jüngeren Kinogeschichte: Zwei Männer, für ihre Liebe eingesperrt, lieben sich im Gefängnis weiter.
Die Geschichten der Opfer sind unerzählt
Doch "Große Freiheit" des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise ist nicht nur ein trauriger Spielfilm. Das Drama behandelt die wachsende Zellenfreundschaft zwischen Hans und Viktor, der seine Vorurteile erst überwinden muss, genau wie die große Hoffnung, die Hans nie verliert. Das Drama erzählt nicht chronologisch, sondern verwebt die verschiedenen Zeitebenen grandios miteinander.
Franz Rogowski ist ein großartiger Hans Hoffmann. Ein Mann, auf den ersten Blick so normal wie sein Name, aber eigentlich doch viel komplexer. Von seiner Lust angetrieben, ein stiller, genügsamer, herzensguter Mensch. Fast naiv, wie er über seine Zukunft mit Oskar nachdenkt. Mutig, wie er sich für Leo aufopfert. Nur über sein Leben zwischen den Gefängnisaufenthalten erfahren wir wenig.
Für wie viele Schicksale Hans Hoffmann wohl steht? In beiden deutschen Staaten gab es rund 69.000 Verurteilungen wegen Homosexualität. Ihre Geschichten sind größtenteils unerzählt, genau wie die teils perfiden Methoden der Polizei, die regelrecht Jagd auf Klappen betrieb. Der bereits mehrfach ausgezeichnete Film arbeitet ein dunkles Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte auf – authentisch, erschreckend, beeindruckend. "Große Freiheit" ist der wichtigste deutschsprachige queere Film des Jahres.
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Große Freiheit. Drama. Österreich, Deutschland 2021. Regie: Sebastian Meise. Darsteller: Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 18. November 2021
Premierentour
So, 14.11. in Anwesenheit von Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider, Produzent Benny Drechsel (roh film): Halle Puschkino, 17.00 Uhr (2G-Veranstaltung) & Leipzig Passage, 20 Uhr (3G-Veranstaltung)
Mo, 15.11. in Anwesenheit von Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider: Frankfurt Cinema 20.15 Uhr (3G-Veranstaltung)
Di, 16.11. in Anwesenheit von Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider: Köln: Odeon 19.30 Uhr (3G-Veranstaltung)
Mi, 17.11. in Anwesenheit von Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider, Darsteller Thomas Prenn: Berlin, Kino International, 20 Uhr (2G-Veranstaltung)
Do, 18.11. in Anwesenheit von Sebastian Meise, Drehbuchautor Thomas Reider: München, City Kinos, 20.30 Uhr (3G-Veranstaltung)
Links zum Thema:
» Homepage zum Film mit allen Kinoterminen
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Anwälte der Toten – Die schlimmsten Serienkiller der Welt
Folge 100: Gary Ray Bowles – Der 32-jährige hatte einen unbändigen Hass auf Homosexuelle und tötete sechs Männer.
Doku, D 2020- 4 weitere TV-Tipps »
















Die jüngeren Gays und Queers von heute tummeln sich gerne im Internet, auf Dating-Apps, queeren Events und bei anderen Angeboten der modernen Unterhaltungsindustrie. Die aktuell genossenen Freiheitsmöglichkeiten werden vielfach als selbstverständlich hingenommen. Die große Unfreiheit von damals interessiert viele nicht oder nicht mehr. Das ganze Verfolgungsthema von früher ist den meisten heute zu unbequem und eher lästig; es stört nur den heutigen queeren Lifestyle & Fun, den Lebensgenuß und die Konsumspiele aller Art.
Bleibt zu hoffen, daß so böse Nachkriegs-Zeiten nicht wieder auftauchen. Garantiert ist das keineswegs. Ohne entsprechendes politisches Engagement dürfte das auch kaum funktionieren. Nur eine flache Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität würde nicht ausreichen. Das Leben ist letztlich nämlich kein süßes Harfenspiel, auch wenn man das in jungen Jahren noch illusionär und naiv glauben möchte.
Der Film "Große Freiheit" sollte Anregung und Hinweis sein, daß die 'große Freiheit' von heute alles andere als sicher ist. Viele Länder zeugen auch davon. Das damalige Kapitel ist nicht wirklich vorbei. Die Schutzdecke der Zivilisation ist sehr dünn und manchmal trügerisch. Trügerisch = auf einer (möglicherweise verhängnisvollen) Fehleinschätzung der Lage beruhend.