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Interview

"Die schwule Community besteht nicht nur aus cis Männern"

Max Appenroth ist die erste trans Person im Vorentscheid zur Wahl des Mr Gay Germany. Wir sprachen mit dem Kölner über seine Teilnahme, Anfeindungen in der Szene und seine Kampagne #ProudToBeAlive.


Max Appenroth ist trans Aktivist und Diversity-Berater (Bild: Sophia Emmerich)

Warum hast du dich als Kandidat bei Mr Gay Germany beworben?

Ich finde den Contest super, da es nicht einfach nur um das hübsche Aussehen der Kandidaten geht, sondern Community-Engagement im Vordergrund steht. Dazu möchte ich mit meiner Teilnahme zeigen, dass die schwule Community nicht nur aus cis Männern besteht. Männlichkeit ist vielfältig, trans Personen waren schon immer Teil der schwulen Community, und das sollte einfach auch mehr Sichtbarkeit bekommen.

Hat es dich überrascht, dass du es in die Vorauswahl der Top-12 geschafft hast?

Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass ich als erste trans Person beim Vorentscheid dabei sein werde. Die Zeit ist mehr als reif dafür. Aber etwas überraschend war es schon, dass ausgerechnet ich die Ehre habe, meine Community hier bei dem Contest vertreten zu dürfen.


Max Appenroth wird auf schwulen Dating-Apps von anderen Usern angefeindet (Bild: privat)

Hast du als trans Bewerber Anfeindungen erlebt?

Als trans Person erlebe ich tagtäglich Diskriminierung. Tatsächlich leider immer wieder auch aus der (cis) schwulen Community. Für manche scheint meine Identität nicht ganz greifbar zu sein. Das ist auch völlig ok, aber kein Grund mich deswegen auszugrenzen, anzufeinden oder mir mit Gewalt zu drohen. Auch wenn jemand meine Identität nicht versteht, macht das mein Empfinden darüber nicht weniger real. Ich verstehe auch nicht immer alles, akzeptiere es aber grundsätzlich, solange niemand anderes dabei zu Schaden kommt. Das wünsche ich mir auch von der Gesellschaft, denn durch mein Sein und meine Identität nehme ich schlichtweg niemandem etwas weg.

Wo erlebst du Transfeindlichkeit in der schwulen Szene? Kannst du Beispiele nennen?

Ich habe es schon erlebt, dass ich auf bestimmte Partys nicht gehen durfte und Bars mich nicht reinlassen würden, wenn sie wüssten, wer oder wie ich bin. Über schwule Dating-Apps bekomme ich regelmäßig zu hören, dass ich da nichts zu suchen hätte oder gar ekelhaft sei, und ich wurde in einer Sauna für Männer auch schon mal schlichtweg für mein Transsein lauthals ausgelacht.

Wie können schwule cis Männer ihre Solidarität mit schwulen trans Männern zeigen?

Wie schon gesagt, einfach leben und leben lassen und akzeptieren, dass wir Teil der Community sind. Ohne den unermüdlichen Aktivismus von trans Menschen – insbesondere trans Menschen of Color – hätten wir heute viele der erkämpften Freiräume für unsere Community gar nicht.

Es wäre super, wenn cis schwule Männer sich mehr mit trans Themen auseinandersetzen und sich mit uns zum Beispiel im Kampf um unsere Selbstbestimmung solidarisieren würden. Denn in Deutschland muss meine Community immer noch durch eine bürokratische Hölle namens "Transsexuellengesetz", wenn es um unsere rechtliche Anerkennung geht, und das gehört endlich abgeschafft.

Man sieht dich u.a. auf dem TikTok-Kanal des Berliner SchwuZ, und du hast auch die Jubiläums-Veranstaltung der Hirschfeld-Stiftung moderiert. Ist queerer Aktivismus dein Hauptberuf?

Ja, ich habe das große Glück, heute von meinem Aktivismus leben zu können und meiner absoluten Leidenschaft nachgehen zu können. Community-Arbeit liegt mir nicht nur aufgrund meiner Identität sehr am Herzen. Am Ende des Tages haben alle Menschen etwas davon, wenn wir in unserer Gesellschaft Vielfalt mehr Raum geben und unsere Unterschiedlichkeiten gemeinsam feiern würden, anstatt sie zur Ausgrenzung zu nutzen. Mehr Vielfalt bedeutet für mich auch einfach mehr Freiheit und weniger Einschränkung durch veraltete gesellschaftliche Normen.

Mit welchem Community-Projekt gehst du in den Mr.-Gay-Germany-Vorentscheid vom 26. bis 28. November in Köln?

Mit meiner Kampagne #ProudToBeAlive möchte ich auf die enorm hohen Suizidraten unter lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans, queeren, inter und asexuellen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufmerksam machen. Es macht mich fürchterlich traurig zu sehen, wie viele LSBTQIA+ Kids keinen anderen Ausweg zu sehen scheinen als den Tod. Wie einige Studien bereits belegt haben, ist Suizidalität besonders bei 13-17-jährigen LSBTQIA+ extrem hoch, und trans Personen sind davon noch einmal stärker betroffen.

Da ich sowieso gerade ein trans-empowerndes Kinderbuch publiziere, möchte ich auf der einen Seite mehr Sichtbarkeit von queeren Lebensweisen in Kinder- und Jugendbüchern erreichen, damit sich queere Kinder und Jugendliche dort wiederfinden und einfach sehen, dass sie nicht alleine sind. Auf der anderen Seite möchte ich durch die Schaffung einer professionellen und kontinuierlichen Krisen-Hotline für LSBTQIA+ Jugendliche und junge Erwachsene aktive Suizidpräventionsarbeit leisten, um damit den kommenden Generationen unserer Community Unterstützung, Kraft und Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu geben.



#1 mind_the_gapEhemaliges Profil
  • 14.11.2021, 06:28h
  • Diese strahlenden Augen in den Queer Cuisine Videos... da geht ja die Sonne auf. Was für eine faszinierende, herzerwärmende Person. Wow!!!
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#2 Ith_Anonym
  • 14.11.2021, 10:10h
  • Glückwunsch zu der Kandidatur und meinen Respekt fürs Durchhalten. Ich werd es mir nicht mehr antun. Allerdings hab ich auch keine Mastek (werde wegen meiner Haltung zu Zwangs-Psychotherapie auch nie eine bezahlt bekommen) und ein ziemlich beschissenes Passing, spätestens bei weniger als 2 Schichten an Klamotten. Wenn ich mich oben ohne ablichten lassen würde, gäb es einfach niemandem, der*die irgendwem das Gelächter übelnehmen würde.

    Danke für das ehrliche Interview und den Verzicht auf die schönredenden Lügen, die man vermutlich sehr viel lieber gelesen hätte.
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#3 LordWilliamByronAnonym
  • 14.11.2021, 10:32h
  • Ja die schwule Community ist leider so . Wir sind weder homogen noch wirklich tolerant. Nicht nur Max , sondern viele erleben das jeden Tag . Dabei ist Max auch noch ein sehr schöner Kerl und wenn er schon solche Diskriminierungen erlebt , wie ergeht es dann den vielen anderen die nicht den Großstadtklischees entsprechen ( zu dick, zu klein, zu groß, zu häßlich, zu bäuerlich etc. )

    Ich wünsche Max einen großen Erfolg.
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#4 Ith_Anonym
  • 14.11.2021, 10:48h
  • Ahso, um das vielleicht noch kurz klarzustellen, wo ich gerade etwas in trans-intern-Talkmodus verfallen bin:
    Mastek = Mastektomie. Die weiblich betrachtete Brust entfernen lassen, um u.a. nicht die reflexartige Reaktion "igitt, da ist eine FRAU im Darkroom/in der Sauna!" auszulösen.

    Da das eine OP ist, sind die Bedingungen dafür anders als für das im Interview erwähnte Problemfeld, mit der rechtlichen Lage. Die Voraussetzungen fürs TSG kommen vom Gesetzgeber: 2 Gutachten, je 500-2000, selbst zu bezahlen, plus Gerichtskosten; Demütigungen seitens mindestens einer begutachtenden Person und bei Pech auch seitens Richter*in inklusive; Ausgang, besonders wenn man nicht binär genug ist, ungewiss; evtl. darf man umsonst bezahlen und es nochmal versuchen oder gleich lassen.

    Die medizinsiche Geschichte, die fürs Passing (körperliche Wahrnehmung als das tatsächliche Geschlecht) häufig nötig ist, hängt dagegen ab von den Krankenkassen. Für Hormone braucht es theoretisch bloß ein Schreiben eines*r Psychotherapeut*in (das die Person dir theoretisch schon nach dem Erstgespräch ausstellen darf, aber in der Praxis tun das Wenige). Für OPs außerdem eine Mindestzeit in Behandlung. Das waren früher 18 Monate, die man mindestens nachgewiesen in Therapie sein musste, ehe eine Indikation ausgestellt werden durfte. Inzwischen habe ich gelesen, dass angeblich 6 Monate reichen, ich kenne aber persönlich keine Trans-Person, die da weniger als 12 Monate hinlaufen musste.
    Die tatsächliche Zeit ist natürlich länger: Therapiesuche (kann dauern, Wartelisten über Monate, evtl. je nach Region auch mehr als ein Jahr), dann die 6 - 18 Monate ständig bei Therapeut*in aufschlagen, inklusive Weg/Anfahrtszeit. Dann die Ungewissheit, ob du bei DIESER Person überhaupt eine Indikation bekommst (einige versprechen das am Anfang, tun es dann aber nie), meistens so wenigstens 1-3 Monate "Bedenkzeit" seitens Therapeut*in, wenn du tatsächlich eine OP-Indikation willst, dann noch paar Wochen Wartezeit, bis die Person diese Indikation dann auch geschrieben hat.
    Anschließend reichst du das bei der KK ein und darfst nochmal abwarten, ob denen das reicht und du deine "Kostenzusage" in der Hand hast - diese alles entscheidende Urkunde, für die du dir das als nicht-reicher Mensch alles antun musstest.

    Wenn die Kommunikation RICHTIG gut lief, hast du zu dem Zeitpunkt bereits eine Klinik und einen OP-Termin, ansonsten startet an dem Punkt die nächste Runde mit Suchen und Abwarten. Und die komplett freie Wahl hast du natürlich nicht, also ob du z.B. zum Top-Chirurg mit den besten Ergebnissen im Nachbarland darfst, ist dann auch noch etwas, das nicht du zu entscheiden hast (sondern die KK).
    Was dazu noch kommt, gerade wenn du durch die KK oder die Länge der Wartelisten zu einem weniger guten oder erfahrenen OP-Team musst, evtl. aber auch, wenn das Team gut ist, die Ausgangslage aber schlecht: Allein die Mastek ist häufig schon mehr als eine OP. Da hast du dann evtl. die erste, bei der erstmal der Großteil weg kommt (bei einigen OP-Verfahren: Gefühl in Brustwarzen für 6 Monate ade, mit Pech auch für immer). Dann Wundheilung und Abwarten, und in vielen Fällen wenigstens noch eine Korrektur, damit du damit oben ohne irgendwann auch wieder rumlaufen kannst, weil oft genug doch irgendwas schief ist oder Dellen entstehen o.ä..
    Wie sich die Lage hinsichtlich OPs durch Corona verändert hat, kann ich jetzt schlecht einschätzen, aber ich würde mal tippen, dass diese Art Eingriff von den wenigsten Mediziner*innen als lebensrettend und notwendig betrachtet wird, obwohl er das durchaus sein kann. Aber hey, im Vergleich zu Leuten, die keine Luft mehr bekommen, ist es ja "bloß" Psyche.

    Bei alldem habe ich die Ahnung, dass selbst Menschen, die nicht nebenbei noch Diskriminierung, Misgendering und evtl. erheblichen familiären und Beziehungs-Druck erleben, das oben geschilderte Prozedere EVENTUELL belastend und stressig finden könnten. Aber nuja, du hast dir ausgesucht, trans* zu sein, ähm, als trans* unbedingt auch leben zu wollen/müssen, ergo kannst/musst du damit dann halt auch leben. Gewusst hast du es schließlich alles vorher (lol. Also. Nein, viel zu oft leider nicht.).
    Vieles davon lässt sich schon besser ertragen, wenn man so knapp nach dem ersten Outing auch ein paar erste Erfolgserlebnisse hat und die Welt total rosa und nach Puderzucker aussieht. Gerade am Anfang werden dich die vielen Leute beeindrucken, die dir dazu gratulieren, dass du "deinen Weg gehst", und dir erzählen, wie mutig du bist und dass sie das total respektieren, und das gibt dann schonmal Auftrieb.

    Sollte man mitnehmen und ausnutzen, diese Phase, und dann hoffentlich in den ein bis drei Jahre, die der Glanz noch bleibt, das oben beschriebene belastende Zeug abarbeiten, solange es dauert. Wenn du erstmal an dem Punkt bist, erleben zu müssen, dass die Person, die dir am Anfang gratuliert hat, dich auch nach 5 Jahren noch misgendert, und von der rosa Sonnenbrille irgendwann nicht mehr viel übrig ist, macht es das alles nicht mehr besser.
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#5 seheichauchsoAnonym
  • 14.11.2021, 14:14h
  • Antwort auf #4 von Ith_
  • @ Ith_ Ich gehe zwar den anderen Weg (MTF). Aber ja, manchmal müssen wir wirklich um unsere Menschenwürde betteln.
    Ist so! Das Problem ist, dass wir in Deutschland einfach den Anschluss verloren haben. So viele Länder haben uns überholt und sind was Trans* Rechte angeht soviel weiter als wir. Aber hey, wir ja auch immer noch Psychos (ICD10 F.64.0) *Geschlechtsidentitätsstörung* und somit pathologisch, anstelle von *Geschlechtsinkongruenz* (ICD11 HA60). Kann aber nur besser werden. Momentan muss ich mich auch gerade mit der Krankenkasse rumärgern oder besser gesagt mit dem MDK.
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#6 AlexAnonym
#7 queergayProfil
  • 14.11.2021, 17:21hNürnberg
  • Die größten Anfeindungen bzw. Diskriminierungen dürften wohl gegenüber einem alten, schwarzen, jüdischen, homosexuellen und körperlich behinderten Transmann ablaufen.
    Es tut richtig weh, sich das vorzustellen.
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#8 WarumAnonym
  • 14.11.2021, 17:23h
  • Was soll das mit diesen ständigen Anfeindungen? Ich verstehe es wirklich nicht. Ausgrenzung und Lookismus kenne ich als feminine lesbische cis-Frau mit einer ebenfalls femininen Ehefrau aber auch. Auf einer Party beim Einlass wurden wir auch schon gefragt, ob wir gkauben, hier richtig zu sein und nein, es war eine "normale" Frauen- und nicht Butch-only-party...
    Das man bei der Partnerwahl Vorlieben und da natürlich Ausschlusskriterien hat ist klar, aber Menschen auszulachen oder anzufeinden, weil sie den eigenen Idealvorstellungen nicht entsprechen, ist mir absolut unbegreiflich - wirkich! Es tut mir unendlich Leid für die Menschen, die das erleben und ich frage mich, wie eine Community, die es doch besser wissen müsste, so derart intolerant, selbstverliebt und egozentrisch sein kann. Es ist doch so egal, wie jemand sein Leben lebt, solange er niemanden schadet. Meine Güte, Menschen leben doch nicht, um die Erwartungen oder Phantasien anderer zu befriedigen sondern um ihrer selbst Willen. Ich finde es wirklich verrückt. Mir ist es so wurscht, ob jemand cis, trans oder non-binär ist - es kommt doch auf den Menschen an! Und meine sexuellen Präferenzen sollten doch da nicht das Kriterium sein, Menschen einfach abzulehnen. Man, müsste ich da viele Menschen anfeinden xD....
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#9 LotiAnonym
#10 asbavariaAnonym
  • 15.11.2021, 06:56h
  • Ich kann mir die Anfeindungen gerade in Städten wie Köln lebhaft vorstellen, wo schon der normale Homosexuelle ausgegrenzt wird, der nicht Modelmaßen -und Aussehen entspricht sowie vielleicht sogar eine Brille trägt! Wie kann der nur!
    Auf diese Art von Community und widerlichen Menschen kann man getrost verzichten.
    Ich wünsche Ihm viel Durchhaltevermögen auf seinem Weg!
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