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Italien

Die ästhetische Queerness des 21. Jahrhunderts ist in der Hochburg von Michelangelo & Co angekommen

In einem aufsehenerregenden Kunstevent stellt Florenz die monumentalen Körperbilder der britischen Malerin Jenny Saville den klassischen Ikonen der Renaissance gegenüber.


Rechts Vincenzo de Rossis Statue Herkules und Diomede im Palazzo Vecchio, links Jenny Savilles Ölgemälde "Propped" (Bild: Axel Krämer / Jenny Saville)

Seit der Renaissance ist Florenz das Epizentrum schwuler Ästhetik. Gleich dreimal bringt sich Michelangelos David gegenüber seinem imaginären Gegner in Stellung. Nackt, ehrfurchtgebietend, in klassischer Männlichkeitspose.

Die über fünf Meter hohe und sechs Tonnen schwere Skulptur steht im Original in der Galleria dell' Accademia. Als originalgetreue Kopie thront David jeweils auf zwei der belebtesten öffentlichen Plätze – zum einen auf der Piazza della Signoria mitten im Zentrum, zum andern auf einer Anhöhe hoch über der Stadt, dem Piazzale Michelangelo. Keine andere Figur hat im kollektiven Bildgedächtnis schwuler Männer so nachdrücklich Spuren hinterlassen. Bis heute schmückt David als Homo-Ikone die Gay-Bars der westlichen Hemisphäre – von San Francisco über Malta bis nach Hunzenschwil im Schweizer Kanton Aargau. Von keiner anderen Statue kursieren so viele Replikate in so vielen Größen, Farben und Materialien.


David-Replikate im Shop des Museo Novecento (Bild: Axel Krämer)

Das David-Phänomen hat auf seinem Triumphzug durch die Subkultur zweifellos einen erheblichen Teil zur Verherrlichung des männlichen Körpers in all seinen muskulären Details beigetragen – ein Kult, der mitunter körperfaschistische Ausprägungen zeitigte.

Symbol für die Freiheit des schwulen Begehrens

Doch für viele ist die Darstellung unverhüllter und idealisierter Männlichkeit ein Symbol für die Freiheit des schwulen Begehrens. Im öffentlichen Raum von Florenz lässt sich das feiern wie in keiner anderen Stadt.

Michelangelos David ist dafür nicht das einzige Beispiel – und war zu Beginn des 16. Jahrhunderts beileibe nicht das erste. Als Donatello bereits siebzig Jahre zuvor seinen David in Bronze goss, schuf er damit die erste Statue seit der Antike, die einen männlichen Akt in Vollansicht zeigte. Auch Cellinis nackter Perseus, der stolz das abgeschlagene Haupt der Medusa in die Luft reckt, gilt als Paradebeispiel des ikonisierten Männerkörpers. Ganz zu schweigen von diversen künstlerischen Darstellungen, in denen Herkules nackt und muskelbepackt gegen seine Feinde kämpft.


Pierino da Vinci, Olympus, 1550, ausgestellt im Museo Bargello (Bild: Axel Krämer)

Wo es eigentlich um Leben und Tod gehen sollte, ist durchaus auch denkbar, dass die Kontrahenten von einem unbewussten Verlangen übermannt werden und Sex miteinander haben. Obwohl in solchen Darstellungen das homoerotische Begehren offensichtlich durchscheint, bleibt es im Ausdruck ambivalent – es wird vor allem die heimliche Lust des jeweiligen Schöpfers sublimiert. Offen gleichgeschlechtlich zu leben, war trotz neuer künstlerischen Freiheiten in der Renaissance auch weiterhin ein Tabu.

Eine ästhetische Bombe gezündet


Jenny Saville, Model, 2020

Spätestens jetzt wäre es mal an der Zeit, eingefahrene Wahrnehmungsmuster und Sehgewohnheiten herauszufordern. Das mögen sich die Kulturverantwortlichen von Florenz gedacht haben, als sie entschieden, mit einer Retrospektive der britischen Malerin Jenny Saville eine ästhetische Bombe zu zünden – inmitten der historischen Parade perfekter Männerkörper. Saville zeigt auf großflächigen Gemälden überwiegend Frauen, die nicht nur dem gängigen Schönheitsideal entgegenstehen, sondern selbstbewusst und offensiv das Gegenteil von all dem ausstrahlen, was als hübsch und sexy gilt. Gerade darin lässt sich Anmut erkennen, sofern man sich dagegen nicht verschließt. Auch intergeschlechtliche Personen werden von ihr porträtiert – zum Teil in hyperrealistisch expliziten Aktdarstellungen.

Jenny Savilles Gemälden kann in Florenz derzeit niemand entkommen. Sie verteilen sich auf die ganze Innenstadt, auf fünf verschiedene Museen. Eine ästhetische-feministische Queerness des 21. Jahrhunderts prallt mit Wucht auf die traditionelle Hochburg des mann-männlichen Eros, wie man sie so noch nie erlebt hat. Auf einer fünf mal sechs Meter großen Leinwand etwa, im "Saal der Fünfhundert" des Palazzo Vecchio, stapelt die Künstlerin drei massige nackte Frauenleiber übereinander, deren Anblick gegenüber der benachbarten Plastik nicht provozierender sein könnte: ein Herkules, der seinen Gegner kopfüber im Griff hat, welcher ihm wiederum unverhohlen ans Gemächt greift. Jenes männliche Detail fällt, wie bei allen Skulpturen im Raum, in typisch klassischer Manier eher klein aus. Ganz anders die üppigen Brüste von Savilles voluminösen Frauen, die zu signalisieren scheinen: Es kommt vielleicht doch auf die Größe an. Ästhetische Vorstellungen aus verschiedenen Epochen treten in einen Dialog: Das mag sich nach einem Klischee aus der Kunstpädagogik anhören, doch in diesem Fall gehen die Unterschiede so unter die Haut, dass sich alle auf irgendeine Art angesprochen fühlen dürften.

Feministische Metapher für Macht

Längst ist Jenny Saville eine der bestbezahlten zeitgenössischen Künstlerinnen. International bekannt wurde sie 1997 durch die aufsehenerregende Gruppenausstellung "Sensations" in der Royal Academy of Arts in London, die kurz darauf auch in Berlin gezeigt wurde. Ihre Bilder von stark übergewichtigen Frauen mit eingerollten Bäuchen, Dehnungsstreifen und hängenden Brüsten sorgen schon seit Jahren für heftige Diskussionen.


Jenny Saville, Fulcrum, ausgestellt im Palazzo Vecchio (Bild: Axel Krämer)

Für Saville sind die raumgreifenden Körper ihrer Models eine feministische Metapher für Macht. Sie lässt darin nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auf den zweiten Blick auch eine sinnliche Schönheit erkennen. Aber auch körperliche Versehrtheit und Verletzlichkeit ist ein Thema, dem sie sich beherzt widmet.

Eines der berührendsten Porträts, die in Florenz gezeigt werden, ist das einer erblindeten Freundin der Künstlerin, eines der Hauptwerke im Museo Novecento. Dabei zeigt sich: Jedes Werk wirkt für sich alleine, ganz ohne die Gegenüberstellung mit den Alten Meistern. Insgesamt jedoch ist mit der Retrospektive Jenny Savilles entlang der kulturellen Brennpunkte der Stadt ein beeindruckender Parcours der Aufmerksamkeit gelungen.

Die Schau in insgesamt fünf Museen läuft noch bis zum 20. Februar 2022.



#1 no soy europeoAnonym
  • 20.11.2021, 13:13h
  • "Auch Cellinis nackter Perseus, der stolz das abgeschlagene Haupt der Medusa in die Luft reckt, gilt als Paradebeispiel des ikonisierten Männerkörpers."

    Feminist-lessons-from-medusa-and-timoclea:

    www.speakertv.com/arts/arts-culture/when-mythology-and-prese
    nt-day-collide-feminist-lessons-from-medusa-and-timoclea/


    "She was a creature of horror one that would stand in the way of men as they attempt to make their way through the world. What were beginning to understand is that Medusa isnt the villain shes portrayed to be. Mythology has taken the story of this powerful woman and twisted it into a hideous tale of jealousy and persecution that pits women against each other, over a man whose actions are reprehensible. After suffering a traumatic rape by Poseidon at Athenas temple, Medusa was condemned to a life as a beast with the ability to turn those who looked upon her face to stone by none other than Athena herself. A punishment she was bestowed for merely being the victim of a heinous act...
    ...Stories of ancient history should feel like they are in the past, but when they dont, we best pay attention. If there is anything to be learnt through the stories of Medusa and Timoclea, we must be critical of who we hero, who we vilify, which stories we tell and which characters we silence."
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#2 DasRingMaedelAnonym
#3 no soy europeoAnonym
  • 20.11.2021, 14:43h
  • Antwort auf #2 von DasRingMaedel
  • Die von Dr. Christine Blasey Ford, Julie Swetnick, Deborah Ramirez und unzähliger anderer Frauen ebenso. Seit Medusa und Timoclea hat sich der Umgang mit Frauen, die zu Opfern sexueller Gewalt durch Männer wurden, nicht geändert.

    "The collective incidents of Dr. Christine Blasey Ford, Julie Swetnick and Deborah Ramirez have emanated through the world like a siren in the wind. These three women have stood up to their assailant only to be persecuted. Standing up against those who opposed her, Dr. Ford retold the story of her assault, only to be dismissed. Her life, and the lives of all three of these women were forever changed by the actions of this man, and instead of being held responsible for what he has done, he was elected to Supreme Court. Like Poseidon, Kavanaugh has found himself free and unmarked by his actions, while his victims have suffered the wrath of others and the community at large. Like Medusa, the accusers have found themselves ostracised and unable to escape the pain of living through those traumatising events all over again."

    Geschichten aus der Mythologie sollen wie Geschichten aus der Vergangenheit wirken. Aber wenn dies nicht der Fall ist und sie an Aktualität nichts eingebüsst haben, muss man das erkennen.
    Wenn wir aus den Geschichten von Medusa und Timoklea etwas lernen wollen, müssen wir kritisch sein, wen man heroisiert, wen man verunglimpft, wessen Geschichten man erzählt und wie man Frauen immer noch zum Schweigen zwingt.
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#4 KaiJAnonym
#5 StaffelbergblickAnonym
  • 20.11.2021, 19:30h
  • Nackte Männerstatuen ... die gibt es auch reichlich in Rom. Bei meinem letzten Besuch stellte ich fest, dass fast sämliche weiblichen Statuen "bekleidet" waren oder eine Brust freilag zum Stillen einen Kindes. Aber ansonsten reichlich "nackte" Tatsachen. Teilweise auch mit einem "Mantel" aus der modischen Epoche des Römischen Reiches ausgestattet ... aber klare Frontsicht auf durchtrainierte Oberkörper und Präsentation sonstiger "Ausstattungsmerkmale".
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