Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?40547

Jetzt im Kino

Wenn Narziss sich selbst und seinen Zwilling liebt

Gewohnt ungewohnt, erstaunlich brav und schön absurd: In seinem neuen Film "Saint-Narcisse" lässt Bruce LaBruce einen hübschen Jüngling erst seine lesbische Mutter und dann seinen Zwillingsbruder entdecken.


Der 22-jährige Dominic ist heiß auf seinen Zwillingsbruder Daniel (Bild: Cinemien)
  • Von Fabian Schäfer
    25. November 2021, 03:23h, noch kein Kommentar

Es fängt mit einer Beule an. Und was für einer! Eine enge schwarze Jeans, der Schritt lässt einiges vermuten, die Kamera ganz nah dran. Dominic sitzt im Waschsalon, wartet auf die Wäsche, die er für seine Großmutter hierhergebracht hat. Der junge, große Mann mit den dunkelblonden Locken unterhält sich mit einer anderen Wartenden. Gar nicht lang, dann fallen sie übereinander her, treiben es miteinander, bis die ersten Zuschauer von außen reinschauen. Aber Moment, nur ein feuchter Tagtraum von Dominic.

Mit der Anfangssequenz hat "Saint-Narcisse", der neue Film des queeren Kult-Regisseurs Bruce LaBruce, nicht etwa die erotische Messlatte weit nach oben gesetzt. Nein, er hat fast schon seinen Höhepunkt erreicht. Wer hofft, dass es so wild weitergeht, wird enttäuscht.

Arbeitstitel des Films: "Twincest"


Poster zum Film: "Saint-Narcisse" startet am 25. November 2021 in ausgewählten Kinos in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und Regensburg (siehe Link am Ende der Kritik)

Erst einmal muss Dominic (Felix-Antoine Duval) nach dem Tod seiner geliebten Großmutter herausfinden, dass seine Mutter gar nicht tot ist. Und dann, dass sie als lesbische Hexe in einem Waldhaus lebt. Und dass ihre Freundin, die angeblich nicht altert, ihn überhaupt nicht leiden kann. Sie beäugt den Neuen von Anfang an kritisch.

So streunt Dominic durch die Gegend, als er ein einsames Kloster entdeckt – mit erstaunlich vielen jungen, hübschen Männern. Einer hat es ihm von Weitem besonders angetan: Daniel (auch Felix-Antoine Duval), der unterm Kreuz auf männliche Unterwäschemodels wichst, und der in den Augen des Paters Andrew die Reinkarnation des Heiligen Sebastian darstellt.

Erotisch wird es erst wieder, als sich Dominic und Daniel im Wald näherkommen. Sie merken, dass sie Zwillinge sind – doppelter Narzissmus also irgendwie, dass sie sich nicht nur ins Selfie-Spiegelbild, sondern auch ins leibhaftige verlieben. Der Arbeitstitel von "Saint Narcisse" lautete "Twincest".

Gleich mehrere Tabus werden durchdekliniert

Das alles entzieht sich, wie immer beim Kanadier Bruce LaBruce, allen Genre-Zuschreibungen. Er spielt mit bekannten Horror- wie Thriller-Motiven und -Sounds, lässt das Haus und das Kloster besonders schlecht ausgeleuchtet. Gleichzeitig sind da eine erotische Liebesgeschichte, ein Selbstfindungstrip und eine brutale Befreiungsgeschichte. In seiner camphaften Dramatik am Ende hat "Saint-Narcisse" sogar etwas Opernhaftes. Nur pornografisch ist das Familiendrama erstaunlich wenig. Vielleicht rührt es daher, dass es als sein zugänglichstes Werk beschrieben wurde.

"Saint-Narcisse" ist wie ein zeitgenössisches Gemälde: Man weiß zunächst gar nicht so genau, was man gesehen hat, was man fühlen und mitnehmen soll. Ein Werk, das sich nie zu ernst nimmt, sondern zum Lachen verleitet, während es vermeintlich bekannte Stoffe neu erzählt und ins Absurde lenkt. Ein Film, der gleich mehrere Tabus nicht nur anspricht, sondern durchdekliniert – und so seinen Anspruch langsam aufbaut. Kein Werk für die Massen, und manchen Liebhaber*innen vielleicht zu brav.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Infos zum Film

Saint Narcisse. Drama. Kanada 2020. Regie: Bruce LaBruce. Darsteller*innen: Felix-Antoine Duval, Tania Kontoyanni, Alexandra Petrachuk, Andreas Apergis, Gabrielle Boulianne-Tremblay, Jillian Harris. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: englisch-französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Cinemien Deutschland. Kinostart: 25. November 2021