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Interview mit "DB Mobil"

Jannik Schümann: "Eigentlich müssten sich alle outen"

Der offen schwule Schauspieler wünscht sich, dass endlich auch homosexuelle Fußballer das Coming-out wagen.


Jannik Schümann auf der Titelseite der Jubliläumsausgabe des Bahn-Magazins (Bild: DB Mobil)

Für den offen schwulen Schauspieler Jannik Schümann ist es wichtig, in der Öffentlichkeit Haltung zu zeigen: "Ich versuche, ein Sprachrohr zu sein für diejenigen, die in einer gerechteren, freieren Welt leben wollen. Ich sehe das als meine Verantwortung, mit der Reichweite, die ich habe", sagt er im Titelinterview der 250. Ausgabe von "DB Mobil". Er ziert auch die Titelseite des Kundenmagazins der Deutschen Bahn, das kostenlos in vielen Fernzügen, DB-Lounges sowie in den DB-Reisezentren in Bahnhöfen ausliegt. Der 28-Jährige sieht sich als Vertreter der Millennials: "Ich zähle auf unsere Generation und auf die, die jetzt kommt, und der einfachste Weg, diese Generationen zu erreichen, ist der über die sozialen Medien."

Vor knapp einem Jahr hat sich Schümann auf Instagram als schwul geoutet (queer.de berichtete). Der Schauspieler erzählt im Interview, dass er befürchtet habe, danach bestimmte Rollen nicht mehr zu bekommen: "Das war kurz vor dem Post ein Gedanke. Weil es damals keine Vorreiter*innen gab und ich nicht wusste, was passieren wird." Die einzigen öffentlich schwulen und aus seiner Branche deutschlandweit bekannten Männer seien Clemens Schick und Jochen Schropp gewesen. Es habe aber für ihn außer Frage gestanden, dass er es tue: "Ich wusste: Wenn ich deshalb nicht besetzt werde, möchte ich auch gar nicht mit den betreffenden Leuten zusammenarbeiten. Aber es ist nie passiert. Und es soll nicht arrogant klingen, doch die Leute haben ja gesehen, dass ich einen heterosexuellen Liebhaber spielen kann."


Jannik Schümann spielt in einer RTL-Serie Kaiser Franz Joseph, den Ehemann von Sisi (Dominique Devenport) – die Reihe wird am 12. Dezember auf RTL+ veröffentlicht und ist zwischen den Jahren auch im RTL-Hauptprogramm zu sehen (Bild: RTL / Story House Pictures / René Arnold)

Kurze Zeit nach Schümanns Coming-out sprach Deutschland über #actout: ein Manifest, in dem sich 185 deutsche Schauspieler*innen, die schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nichtbinär oder trans sind, im "SZ Magaizn" gezeigt haben (queer.de berichtete). Schümann war auch dabei. Die Reaktionen darauf seien nicht nur positiv gewesen: "Wir bekamen zum Beispiel auch zu hören, dass wir das nur gemacht hätten, um in die Medien zu kommen."

"Stellen Sie sich vor, es würde eine #actout-Bewegung für den Fußball geben"

Trotzdem ist Schümann glücklich über die Bewegung und wünscht sich, dass sie ein Aufbruchssignal gesendet hat: "Ich hoffe, dass andere Branchen uns folgen. Ich bin manchmal zu hart und direkt und ecke auch oft an, weil ich radikal denke." Aber es mache ihn sehr wütend, dass Fußballer nicht endlich mal den Mund aufbekämen und als Branche überhaupt nicht vertreten seien im LGBTI+-Bereich. "Da hilft es auch nicht, eine Regenbogenflagge in die Hand zu nehmen und zu sagen: 'Wir stehen dazu.' Eigentlich müssten sich alle outen. Stellen Sie sich vor, es würde eine #actout-Bewegung für den Fußball geben: 185 deutsche Spieler*innen würden sich zusammentun und öffentlich als queer bezeichnen. Das wäre mein Traum."

Der Schauspieler ist überzeugt, dass er seine Homosexualität offenbaren würde, wenn er ein Bundesligaspieler wäre, auch wenn ihm bewusst sei, dass es sich um eine andere Branche handle: "Aber trotzdem: Ja, wenn ich aktiver Spieler wäre, würde ich mich outen – oder mir einen anderen Beruf suchen. Ich würde nicht in einer Branche arbeiten wollen, in der ich nicht akzeptiert werde, wie ich bin. Zu verheimlichen, wer ich wirklich bin, wäre für mich keine Option."

Schümann ist bekannt aus Kinofilmen wie "Dem Horizont so nah", der TV-Serie "Charité" und bald auf RTL+ als Kaiser Franz Joseph I. in der Neuverfilmung "Sisi" zu sehen. Bereits vor seinem Coming-out spielte er Hauptrollen in den queeren Filmen "Mein Sohn Helen" und "Die Mitte der Welt". (ots/dk)



#1 TimonAnonym
  • 25.11.2021, 18:39h
  • "Ich versuche, ein Sprachrohr zu sein für diejenigen, die in einer gerechteren, freieren Welt leben wollen. Ich sehe das als meine Verantwortung, mit der Reichweite, die ich habe"

    Eine sehr gute Einstellung, die noch viel mehr Menschen haben sollten. Auch ohne die Reichweite eines Promis kann man viel bewirken. Aber gerade für Promis mit ihrer Reichweite ist die Verpflichtung noch größer, offen Position zu beziehen.
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#2 AtreusProfil
  • 25.11.2021, 22:43hSÜW
  • ""Ich hoffe, dass andere Branchen uns folgen." Aber es mache ihn sehr wütend, dass Fußballer nicht endlich mal den Mund aufbekämen und als Branche überhaupt nicht vertreten seien im LGBTI+-Bereich.

    Ich finde es bemerkenswert, dass man(n), wenn man(n) von Fussball spricht, immer nur von Männern ausgeht. Die Frauen sind nicht nur wesentlich erfolgreicher mit 2 Welt- und 8 Europameisterschaftstiteln plus Olympischem Gold, sondern auch ehrlicher im Umgang mit sich selbst und der Öffentlichkeit. Ein Gruppenouting wäre gar nicht mehr möglich, weil die Damen schon unlängst geoutet und in einem speziellem Fall sogar verheiratet und in derselben Mannschaft sind.

    Davon ausgehend, dass Frauen auch einen Job für ihr wirtschaftliches Überleben brauchen und sich ebenso Homofeindlichkeit ausgesetzt sehen, finde ich die Selbstverleugnung, Unehrlichkeit und fehlenden Vorbildcharakter bei den Männern umso dramatischer. Sehr schade, wenn nicht gar armselig.
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