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Niederlande

So queer war das International Documentary Film Festival!

In Amsterdam ging am Sonntag das größte Dokumentarfilm-Festival der Welt zu Ende – mit vielen queeren Highlights, die es hoffentlich bald nach Deutschland schaffen werden.


Szene aus dem Film "God Has Aids" über den Kampf HIV-positiver Künstler*innen und Aktivist*innen in Brasilien (Bild: IDFA)
  • Von Patrick Heidmann
    29. November 2021, 03:34h, noch kein Kommentar

Seit 1988 findet jeden Herbst in Amsterdam das International Documentary Film Festival statt (auch bekannt als IDFA), gerade ging die aktuelle Ausgabe am 28. November nach zwölf Tagen zu Ende. Bereits zum neunten Mal wurde dabei auch in diesem Jahr der so genannte "Queer Day" begangen: ein Tag mit besonderem Fokus auf queere Filme, begleitende Gesprächsrunden und vielen Regenbogenflaggen im legendären Tuschinski-Kino mitten in der Stadt. Nur auf eine ausgelassene Party musste in diesem Jahr verzichtet werden, befinden sich doch die Niederlande gerade im Quasi-Lockdown, der zwar Kulturveranstaltungen nicht ausschloss, aber ein Schließen von Clubs, Restaurants und Bars ab 20 Uhr mit sich brachte.

Ganz unabhängig von diesem einen Tag allerdings ist das IDFA – übrigens das größte Festival für Dokumentarfilme auf der ganzen Welt – allerdings queerer als die meisten anderen Filmfestivals, was sich in diesem Jahr deutlicher denn je zeigte. Allein im Internationalen Wettbewerb, der wichtigsten und meistbeachteten Programmreihe, konkurrierten (wenn auch letztlich vergeblich) zwei hochinteressante Filme mit LGBTI-Thematik um den Hauptpreis.

Ein queeres Fußballteam in Georgien

In "How the Room Felt" – der Titel entstammt einem Gedicht von Audre Lorde – begleitet die georgische Regiedebütantin Ketevan Kapanadze mit ihrer Kamera eine Gruppe weiblicher und nichtbinärer Queers rund um die Frauen-Fußballmannschaft der Stadt Kutaisi. Sie beobachtet bloß, ganz ohne zu kommentieren oder einzugreifen, und gewinnt mit diesem zurückhaltend-sanften Ansatz komplexe Einblicke in Freundschaften, Wahl-Familien und Safe Spaces.


Szene aus "How the Room Felt" (Bild: IDFA)

Hier und da hätte man sich als Zuschauer*in ein klein wenig mehr Kontext oder mehr Informationen über die Protagonist*innen und ihre Umstände durchaus gewünscht. Aber nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie Kapanadze die in der Außenwelt (und nicht selten der eigenen Familie) allzeit lauernde Bedrohung nie ins Zentrum rückt und doch dauerhaft spürbar macht, ist bemerkenswert.

Ebenfalls beobachtender Natur und vermeintlich ohne Struktur kommt "The Beach of Enchaquirados" daher, ein Film des ekuadorianischen Regisseurs Iván Mora Manzano. Dank ihm lernen wir Vicky kennen, eine trans Frau in einer kleinen Fischer*innen-Gemeinde in Ecuador. Tagsüber fährt sie aufs Meer, abends betreibt sie eine kleine Nachbarschafts-Kneipe und ist ansonsten immer ganz sie selbst, mit großer Selbstverständlichkeit und als fester Bestandteil der Dorfgemeinschaft. Ein Film ohne viele Worte, aber voller Wärme, der nicht zuletzt von seiner Protagonistin lebt.

Tara Emory und ihr Science-Fiction-Trans-Porn-Epos

Auch "The End of Wonderland", gezeigt in der Sektion Luminous, zeigt eine außergewöhnliche, spannende Protagonistin, nämlich Tara Emory, die seit über 15 Jahren als trans Aktivistin, Künstlerin und Sex-Performerin ihren ganz eigenen Weg geht. Sie selbst bezeichnet sich als "Mikro-Promi", die ihre Nische gefunden und besetzt hat, doch Regisseurin Laurence Turcotte-Fraser interessiert sich gar nicht hauptsächlich für den Porno-Aspekt dieser Lebensgeschichte.


Szene aus "The End of Wonderland" (Bild: IDFA)

Viel mehr geht es ihr um den Menschen Tara Emory, den sie über Jahre begleitet hatte, um ihre Sammel-Leidenschaft und Hoarding-Tendenzen, um ihren Humor, ihre Kunst und nicht zuletzt den lange gehegten Traum vom eigenen Science-Fiction-Trans-Porn-Epos mit dem Titel "Up Uranus". Ganz nah kommt die kanadische Filmemacherin dabei ihrem Sujet – und das ohne je sensationslüstern zu sein.

Mein Lover, der BDSM-Master

Nähe ist Motto und Thema gleichermaßen in Gianluca Matarreses "La dernière séance – The Last Chapter", nach einer Weltpremiere im September in Venedig nun ebenfalls zu sehen in der Reihe Luminous. Der in Paris lebende italienische Regisseur filmt darin seinen Gelegenheits-Lover und BDSM-Master Bernard, und das nicht nur beim Sex.


Szene aus "The Last Chapter"(Bild: IDFA)

Sein jüngerer Liebhaber begleitet den frisch verrenteten Franzosen nicht nur beim Umzug und Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt mit der Kamera, sondern auch auf Erinnerungspfaden in die Vergangenheit. So entsteht das intime Porträt eines ganz und gar nicht ungewöhnlichen, aber trotzdem sehr besonderen schwulen Lebens, verankert in der Trauer um an den Folgen von Aids verstorbenen Ex-Partnern genauso wie in der Sorge um die vorübergehend verschwundene Katze.

Queere Highlights aus Südamerika

Die Liste der queeren Film-Höhepunkte, die sich im diesjährigen IDFA-Programm finden ließen, ist noch um einiges länger und umfasst beispielsweise auch "Travesti Odyssey", in dem der chilenische Regisseur Nicolás Videla collagenartig nicht nur dem 2019 in Santiago geschlossenen Cabaret Travesía Travesti ein Denkmal setzt, sondern auch allen in Lateinamerika ermordeten trans Frauen und Dragqueens.

Oder die Dokumentation "God Has Aids" von Gustavo Vinagre und Fábio Leal, die eindrucksvoll ein Bild vom Alltag und Kampf zahlreicher HIV-positiver Künstler*innen und Aktivist*innen in Brasilien zeichnet. Ebenfalls aus Brasilien und auf schlichte Weise anrührend: der Halbstünder "Close to You" in dem trans Regisseur Cássio Kelm einen Eindruck des eigenen Alltags gibt, nachdem er – mitten in der Transition begriffen – im Angesicht der Corona-Pandemie wieder bei seinem verwitweten Vater eingezogen ist.

Ein schwuler Afghane in Europa

Man kann nur hoffen, dass wenn schon nicht alle, dann doch viele dieser Filme ihren Weg auch irgendwann nach Deutschland finden werden, sei es ins Kino, zu Arte oder bei dem einen oder anderen Streamingdienst. Die besten Chancen dafür hat unter den queeren IDFA-Filmen ohne Frage "Flee", der schon im Januar in Sundance Weltpremiere gefeiert hatte und hier nun in der Reihe "Best of Fests" zu sehen war. Der dänische Regisseur Jonas Poher Rasmussen erzählt darin auf packende und emotionale Weise die Geschichte seines Jugendfreunds Amin, einem schwulen Afghanen, der in den 1980er Jahren nach Europa flüchten musste.


Szene aus "Flee"(Bild: IDFA)

Bei den Oscars hat "Flee" nicht nur Chancen als Bester Dokumentarfilm, sondern geht auch als Dänemarks Beitrag für die Kategorie Bester internationaler Film ins Rennen. Und weil Rasmussen das Ganze in Zeichnungen umgesetzt hat, ist sogar eine Nominierung als Bester Animationsfilm möglich.