Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?40609

Interview

"Zwei Frauen, die nach der Macht über ihren eigenen Körper streben – das hat mich sehr berührt"

Daphné Patakia spielt in "Benedetta" eine lesbische Nonne im Italien der Renaissance. Wir sprachen mit ihr über das Reizvolle der Rolle, die Zusammenarbeit mit Paul Verhoeven und die Sexszenen mit Virginie Efira.


Daphné Patakia als Bartolomea in "Benedetta" (Bild: capelight pictures / Koch Films)
  • Von Arabella Wintermayr
    2. Dezember 2021, 10:01h, 2 Kommentare

Der Film war der diesjährige Aufreger bei den Filmfestspielen von Cannes. Paul Verhoeven, der sich mit Filmen wie "Basic Instinct" und "Showgirls" einen Namen als Skandalregisseur gemacht hat, erzählt von der titelgebenden Nonne Benedetta (gespielt von Virginie Efira), die scheinbar bereits als junges Mädchen göttliche Visionen zu ereilen scheinen. In einem italienischen Kloster geht sie außerdem eine Liebesbeziehung mit Schwester Bartolomea (gespielt von Daphné Patakia) ein, womit sie im 17. Jahrhundert selbstverständlich den Zorn ihres Umfelds auf sich zieht.

Benedetta Carlini (1590-1661) gab es wirklich. Die US-amerikanische Historikerin Judith Cora Brown stieß in den 1980er Jahren auf die Akten, die die katholische Kirche über sie anlegte und arbeitete ihre Geschichte in "Immodest Acts: The Life of A Lesbian Nun in Renaissance Italy" auf. Paul Verhoeven garniert die historische Vorlage mit expliziten Sexszenen, aber auch viel krudem Humor. Mit einer zum Sexspielzeug umfunktionierten Marienstatue und kitschigen Jesusdarstellungen setzt er vor allem auf Provokation (ausführliche Filmkritik von Fabian Schäfer: "Wenn die Marienfigur als Dildo dient").

Schauspielerin Daphné Patakia ("Djam") spricht im Interview über die einzigartige Zusammenarbeit mit dem Regisseur, die Herausforderungen ihrer Rolle und die Beziehung zwischen den beiden besonderen Frauenfiguren im Zentrum. Das Interview führte Arabella Wintermayr.


Poster zum Film: "Benedetta" startet am 2. Dezember 2021 bundesweit in den Kinos

Frau Patakia, Paul Verhoeven hat sich unter anderem mit "Basic Instinct" und "Showgirls" als feste Regiegröße etabliert und sich dabei einen Namen als Provokateur gemacht. Jetzt also lesbische Nonnen. Wie sind Sie auf "Benedetta" aufmerksam geworden und was hat Sie daran gereizt?

Ich habe einen ganz normalen Casting-Prozess durchlaufen. Zuvor habe ich Paul Verhoeven getroffen, der mir das Skript einen Tag vorab gegeben hat, und wir haben es zusammen durchgesprochen. Also eigentlich alles ganz normal.

Angezogen hat mich die sehr komplexe Geschichte und all die Themen, die sie streift. Paul Verhoeven hat eine sehr interessante Art, Frauen zu inszenieren. Sie werden in keinem seiner Filme objektifiziert, sie sind stets ein Leitmotiv. Seine weiblichen Figuren sind sehr vielschichtig und geben sich niemals damit zufrieden, auf die Rolle des Opfers beschränkt zu werden. Sie befreien sich aus diesem Status der Viktimisierung, kehren ihn um und machen ihn sich zu Nutze. Das ist ein Aspekt, der auch in "Benedetta" sehr präsent ist und mich direkt interessiert hat.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Gedanken, als Sie das Drehbuch gelesen haben? Gab es Szenen, die sie direkt gereizt oder vielleicht sogar eingeschüchtert haben?

Eingeschüchtert hat mich nichts. Paul Verhoeven zeigt stets sehr viel Sex und Gewalt in seinen Filmen – ich konnte mir aber sicher sein, dass er diese Themen auf interessante Art beleuchtet. Sex findet bei ihm nie nur für die Sinnlichkeit statt, er dient in der ein oder anderen Form immer der Handlung.

Gereizt hat mich wiederum die Story zweier Nonnen, die sich ineinander verlieben. Gerade weil solche Geschichten in der Vergangenheit immer wieder vertuscht wurden, hat sie mich berührt. Ich habe zur Vorbereitung das Buch von Judith Brown "Immodest Acts: The Life of A Lesbian Nun in Renaissance Italy" gelesen. Darin werden unter anderem die verschiedenen Werkzeuge beschrieben, die Institutionen wie die Kirche nutzten, um abweichendes Verhalten zu bestrafen. Lesben sind als Ziel darin gar nicht vorgesehen, weil sie sich nicht einmal vorstellen konnten, dass sich zwei Frauen ineinander verlieben können. Das war nicht mal eine Möglichkeit, nicht mal eine Option!

Sie selbst spielen Bartolomea, die mit der titelgebenden Hauptfigur eine Liebesbeziehung eingeht. Was ist das für eine Frau und was mögen Sie persönlich an ihr?

Bartolomea ist eine Frau, die sich von ihrem missbräuchlichen Vater befreien möchte und dafür ins Kloster geht. Das ist ebenfalls ein interessanter Aspekt des erwähnten Buches: Es zeigt, dass es damals ein sehr viel freierer Ort für junge Frauen war als die Gesellschaft als Ganzes. Innerhalb der Mauern hatten sie mehr Macht, sie konnten Lesen und Schreiben lernen, waren finanziell unabhängiger und trugen selbst die Verantwortung für ihr eigenes Leben. Manchmal führten sie sogar Beziehungen, manchmal eben nicht. Und sie hatten wahrscheinlich mehr Spaß! (lacht)

Was zieht Benedetta und Bartolomea denn letztlich zueinander hin? Ist es mehr als die körperliche Komponente?

Ich glaube, für mich gibt es einfach diese Chemie zwischen ihnen, die sich nicht erklären lässt. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, sie verstehen sich, sind sich nahe. Aber Bartolomea hilft Benedetta auf jeden Fall dabei, sich selbst zu befreien und ihr eigenes Verlangen anzunehmen. Sie ist sehr bodenständig, sie ist sehr mit ihrem eigenen Körper verbunden. Und das ist sehr wichtig: Zu Beginn des Filmes heißt es im Kloster sinngemäß, dass dein Körper dein ärgster Feind sei. Der Körper wird entfremdet, zu etwas, das nicht zu dir gehört. Bartolomeas Ankunft führt dazu, dass Benedetta zu sich selbst finden kann.


Bartolema (Daphné Patakia) und Benedetta (Virginie Efira) kommen sich immer näher (Bild: capelight pictures / Koch Films)

Und wie haben Sie sich auf diese vielschichtige Rolle vorbereitet?

Paul Verhoeven spricht nicht gerne über Psychologie. Als ich ihn beim Casting gefragt habe, ob wir vorab proben werden, hat er auch direkt verneint: Ich wüsste ja, was ich tue. Und ich dachte nur: "Ach ja, tu ich das?" (lacht) Die einzige Anweisung, die er mir gab, war, dass er nicht möchte, dass der Film – nur, weil es sich um ein Historiendrama handelt – schwer und überbordend wird. Er hat also eine gewisse Leichtigkeit von mir erwartet.

Für mich war die Buchvorlage sehr wichtig, um einen Eindruck von der damaligen Atmosphäre zu bekommen. Als ich das Drehbuch las, dachte ich noch, was für eine große Vorstellungskraft Verhoeven hat – nur um dann festzustellen, dass bereits alles in dieser Vorlage steckte. Die Handlung des Films ist sehr nah an dem, was wirklich passiert ist.

Abseits davon hatte ich das Gefühl, dass meine Figur etwas sehr Instinktives an sich hat. Mir war es also wichtig, in mich zu gehen und am Set mit all meinen Sinnen ganz da zu sein. Normalerweise arbeite ich anders, aber das war, glaube ich, etwas, das die Rolle erforderte. Es ging in erster Linie darum, offen zu sein und viel mit Paul und Virignie [Anm: Virginie Efira, die Benedetta spielt] zu kommunizieren.

Im Fokus steht eine lesbische Beziehung, es ist ein Film von Paul Verhoeven – es gibt also natürlich mehrere explizite Sexszenen. Wie wurde sichergestellt, dass sich alle Beteiligten am Set wohlfühlen?

Ich habe mich die ganze Zeit über sehr wohlgefühlt. Beim Casting wurden mir die Storyboards gezeigt, mit allen Einstellungen und Perspektiven. Ich wusste also sehr genau, was die Kamera aufnehmen und was gedreht werden wird. Es gab von Anfang an keine Unklarheiten. Außerdem habe ich mich bei Verhoeven sehr sicher gefühlt, sodass ich auch hätte kommunizieren können, wenn ich mit etwas nicht einverstanden gewesen wäre oder lieber anders gemacht hätte. Und so hat es am Ende wirklich, wirklich Spaß gemacht, diese Szenen zu drehen. (grinst)

Das klingt großartig. Ich frage vor allem deshalb, weil Intimacy Coordinators in Zeiten von #MeToo eine immer größere Rolle spielen und Paul Verhoeven als ein Regisseur bekannt ist, der sie kategorisch ablehnt.

Es hängt immer vom jeweiligen Film ab, ob sie notwendig sind. Grundsätzlich finde ich es gut, dass es sie gibt, aber in diesem Fall hat es keine gebraucht. Wir waren unsere eigenen Intimacy Coordinators, Teil des kreativen Prozesses. Und weil alles so klar kommuniziert wurde, gab es auch keine Grauzonen.

Wie Sie selbst bereits angesprochen haben, deckt "Benedetta" eine Vielzahl an Themen ab: Religion, Macht, Verlangen. Aber gibt es für Sie persönlich eine Art Hauptgedanken dahinter?

Was an Paul Verhoevens Filmen so großartig ist, ist, dass sie von so vielem gleichzeitig handeln. In einem Moment denkt man, es sei ein Drama über Nonnen, dann plötzlich ist es eine Komödie. Es gibt Ironie, sogar einen Kitsch-Aspekt. Man bekommt den Film also nie so richtig zu fassen. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau und sensibel gegenüber solchen Dingen bin, aber für mich persönlich ist es tatsächlich die Geschichte zwischen den beiden Frauen, die nach der Macht über ihren eigenen Körper, ihr eigenes Verlangen und Leben streben – das hat mich sehr berührt.

Infos zum Film

Benedetta. Drama. Frankreich 2021. Regie: Paul Verhoeven. Darsteller*innen: Charlotte Rampling, Lambert Wilson, Virginie Efira, Olivier Rabourdin. Laufzeit: 131 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Capelight Pictures. Kinostart: 2. Dezember 2021
Galerie:
Benedetta
12 Bilder


#1 DreddAnonym
  • 02.12.2021, 10:58h
  • Tz, da haut er mit RoboCop, Total Recall und Starship Troopers drei der größten Actionreißer raus und ihr kramt das dröge, nicht mal ironisch anschaubare Showgirls raus....

    Paul Verhoeven ist egtl immer Hit or Miss, Film wird auf jeden Fall mal angeschaut sobald zum stream verfügbar, schönes Interview!!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Male GazeAnonym
  • 03.12.2021, 07:55h
  • Frauen, die nach der Macht über ihren Körper streben, wie so häufig aus der Perspektive eines männlichen Regisseurs.
  • Antworten » | Direktlink »